Das böse Fleisch

Vegetarismus / Veganismus

Hanns Graaf

Alternative und Weltretter aller Art haben einen Feind ausgemacht – nein, nicht das Bürgertum, sondern den Burger. Schnitzel und Leberwurst, Milch und Käse, Eier und Butter sind zu Menetekeln der Weltbedrohung geworden. Tierische Methan-Furze killen das Klima. Rinder  verbrauchen zu viele Ressourcen. Erst kommt zwar das Fressen, doch dicht dahinter schleichen die vereinigten Moralapostel aller Länder einher – d.h. eigentlich nur jener Länder, wo es genug zu Essen gibt und mancher Mensch auch zu viel in sich hineinstopfen kann.

Auch für viele „Grüne“ und „Linke“ sind Vegetarismus oder Veganismus sehr wichtig. Dabei geht es meist weniger um Geschmacksfragen. Vielmehr haben diese Ernährungsweisen den Status einer  Lebensphilosophie und werden als praktische Maßnahmen zur Verbesserung oder gar Rettung der Welt angesehen.

Während früher der Hunger in der Welt noch ein wichtiges Thema war, ist das heute etwas anders – nicht in dem Sinn, dass es keinen Hunger mehr gäbe, sondern in der Art, wie er als Thema behandelt wird. Nach der Finanzkrise 2007/08 gab es in über 40 Ländern Hungerrevolten, weil es nicht genug Nahrungsmittel gab oder aber die Nahrungsmittelpreise explodiert waren. In immer mehr Ländern, wo aufgrund von Krise oder Krieg die sozialen und staatlichen Strukturen kollabieren, gibt es Hunger. Millionen könnten ohne Hilfslieferungen nicht überleben. Doch dieser ganz offensichtliche Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Hunger führt nun nicht etwa immer zu der Überzeugung, dass karitative Nothilfe nicht ausreicht. Oft genug werden nur die Auswirkungen, nicht aber die Grundlagen des Systems kritisiert. Vielmehr wird oft die Ernährungsweise und damit das individuelle Verhalten thematisiert, v.a. in hochentwickelten Ländern.

An sich kann ja jeder Mensch essen, was er will – solange er sich genug Essen leisten kann. Doch so einfach ist es natürlich auch wieder nicht. Nahezu alle „reicheren“ Länder haben Probleme mit der Ernährung: Übergewichtigkeit, Massentierhaltung, Skandale um „Gammelfleisch“ oder der Trend zum Fastfood, also der Degeneration von Essens-Kultur.

Sehr verbreitet ist die Behauptung, dass der Verzehr von Fleisch ungesund wäre, dass die Tierhaltung schädlich für das Klima sei und landwirtschaftliche Ressourcen (Fläche, Wasser) über Gebühr verbrauchen würde, was zu Lasten der Herstellung anderer Nahrungsmittel ginge. Der Verzicht auf Fleisch würde nun diese Probleme mindern oder gar lösen und so zur Verbesserung der Welt beitragen. Schauen wir uns einige dieser Argumente näher an.

Tierhaltung als Klimakiller?

Ein – v.a. auch von den Klima-Alarmisten – verbreiteter Glaube besagt, dass das von Tieren erzeugte Methan (wie auch das CO2) schädlich für das Klima sei. Einen wissenschaftlichen Nachweis gibt es dafür freilich nicht, allenfalls Indizien. Vor allem aber zeigen sowohl die langfristigen „historischen“, aber auch die kurzfristigen aktuellen Klimaänderungen, dass diese keinesfalls oder auch nur in erheblichem Maße von Spurengasen wie CO2 oder Methan hervorgerufen werden. Jedes Lebewesen erzeugt CO2 und Methan, auch der Mensch. Pro Jahr emittiert jeder Mensch etwa eine halbe Tonne CO2 durch das Ausatmen. Die Menschheit erzeugt insgesamt mehr CO2 beim Atmen als der Autoverkehr.

Zu den tierischen Emissionen schreibt der Tierzüchter und Biologe Dr. sc. agr. Albrecht Glatzle:

„Spätestens mit der Veröffentlichung des FAO-Berichts “Livestocks Long Shadow“ (2006) ist die Viehzucht (…) unter massiven medialen Beschuss geraten. Mit fraglichen Argumenten wird dem Konsumenten vorgerechnet, wie sehr er zum Klimawandel etwa durch Rindfleischverzehr beitrage. Von den 14,5% bis 18% der anthropogenen Treibhausgasemissionen, die der Tierhaltung weltweit angelastet werden, sollen fast 75% auf das Konto der großen Wiederkäuer (Rinder und Büffel) gehen (Fleisch- und Milchproduktion).“ (Glatzle: Beeinflusst die globale Viehwirtschaft das Klima?, EIKE)

Glatzle weist auch darauf hin, dass allein schon die quantitative Erfassung der Emissionen fehlerhaft ist:

„Aber auch natürliche Ökosysteme geben manchmal sogar erhebliche Mengen an Methan und Lachgas ab. Deshalb muss selbstverständlich die jährliche Gesamtemission aus einem bewirtschafteten Ökosystem um den Betrag nach unten korrigiert werden, der von dem zuvor an diesem Standort vorhandenen natürlichen Ökosystem (also ohne menschlichen Einfluss, d.h. vor der Inkulturnahme) jedes Jahr abgegeben wurde, um auf den anthropogenen Anteil der berechneten Gesamtemission zu kommen. Diese Korrektur ist in der IPCC-Anleitung nicht vorgesehen und wurde infolgedessen weder von der FAO noch in irgendeiner der mir bekannten einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema vorgenommen. Eine systematische und erhebliche Überschätzung der als anthropogen deklarierten Emissionen von Nicht-CO2-Treibhausgasen aus Agro-Ökosystemen ist die logische Konsequenz, da Baseline-Emissions-Szenarien über Raum und Zeit keine Berücksichtigung finden.“ (ebenda)

Zudem zeigt Glatzle, dass die empirischen Fakten die Behauptung einer Zunahme der Emissionen bzw. ihrer Anreicherung in der Atmosphäre nicht decken:

„Weder bei der von Satelliten gemessenen geographischen Verteilung der Methankonzentration in der Atmosphäre noch bei ihrer historischen Entwicklung ist ein Haustiersignal erkennbar. Zum Beispiel hat zwischen 1990 und 2007 der Weltbestand an Rindern um über 115 Millionen Kopf zugenommen, während der Anstieg der Methankonzentration in der Atmosphäre auf Null abfiel. Diese empirischen Beobachtungen vertragen sich schlecht mit der Behauptung der FAO, die Rinderhaltung trage mit 35 bis 40% zu den Methanemissionen anthropogenen Ursprungs bei.“ (ebenda)

Ein Anstieg von tierischen Emissionen wäre zudem auch nur dann möglich, wenn die Gesamtzahl von (großen) Tieren zunehmen würde. Stattdessen war aber der Gesamtbestand an Tieren in Zeiten, als die Menschheit noch zahlenmäßig klein oder noch gar nicht vorhanden war, eher höher als heute. Denken wir nur an die Riesenherden von Bisons, die über die nordamerikanische Prärie zogen, bevor sie von den Weißen fast ausgerottet wurden. Man schätzt, dass es bis 200 Millionen (!) Bisons gab. Und ein Bison stößt doppelt so viel CO2 und Methan aus wie ein Nutz-Rind. Oder denken wir an Europa, das vor den großen Rodungen im Mittelalter viel stärker bewaldet war. In diesen Wäldern lebten allerlei Tiere, auch Nutztiere weideten dort.

Anders sieht es allerdings mit dem Problem aus, dass für die Gewinnung von immer mehr Weidefläche massive Rodungen von Regenwald erfolgen. Das ist in der Tat in vielfacher Hinsicht schlecht, u.a. weil es wichtige Biotope nachhaltig zerstört und tatsächlich zu klimatischen Änderungen in bestimmten Regionen führen kann. Jedoch gibt es keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Zahl von Nutztieren und der Weidefläche mit der Abholzung von Tropenwäldern. Vielmehr sind diese Rodungen letztlich den ökonomischen und sozialen Strukturen der imperialistischen Weltordnung geschuldet. Selbst eine weitere Vergrößerung der Nutztierbestände muss keineswegs zur Abholzung von Urwäldern führen. Zudem führen viele Abholzungen nicht zur Gewinnung von Weideland, sondern zur Anlage von Ackerland oder Plantagen. Besonders perfide ist dabei, dass viel Rodungen dazu dienen, Flächen für den Biosprit-Anbau zu gewinnen. Diese, auch von „grünen“ NGOs wie dem WWF massiv geförderte reaktionäre Maßnahme, hat oft dramatische ökologische und soziale Negativfolgen. Die Rodungen und die Zweckentfremdung von Ackerland für den Biosprit-Anbau verschärfen objektiv den Hunger in der Welt.

Die „Emissionsintensität“ (CO2-Äquivalent für die Erzeugung eines Kilos Rindfleisch) wird von der FAO nicht wissenschaftlich seriös berechnet. Während in Europa die historischen Emissionen aus der Rodung zur Grünlanderzeugung unterschlagen werden, weil sie schon vor Jahrhunderten erfolgten, werden die CO2-Emissionen in Südamerika, wo noch heute durch Rodungen Weideland gewonnen wird, in dem Jahr, in dem sie anfallen, in voller Höhe auf die in Südamerika erzeugte Fleischmenge verrechnet. Zur Berechnung der „Emissionsintensität“ muss jedoch das bei der Rodung einmalig freigesetzte CO2 auf die Gesamtmenge des auf der neu angelegten Weidefläche während ihrer Gesamt-Nutzungszeit erzeugten Fleischs verteilt werden. Diese Nutzungszeit kann sich leicht über Jahrhunderte erstrecken. Je länger die Nutzungszeit, desto geringer wird der Emissionsanteil aus der Rodung, der auf ein Kilo erzeugtes Fleisch entfällt – er tendiert somit gegen Null.

Wir sehen also, dass es den behaupteten Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimaschädigung so nicht gibt.

Die Massentierhaltung

Ein wichtiges Argument der Vegetarier und Veganer ist der Verweis auf die oft unakzeptablen, artfremden Haltungsbedingungen der Tiere. Diese Kritik ist grundsätzlich durchaus berechtigt. Doch muss auch hier auf die kapitalistische Produktionsweise als Ursache der massenhaften industriellen Tierquälerei hingewiesen werden. Und genau das machen viele Tierschützer eben nicht. Die schlechte Haltung resultiert letztlich aus dem Zwang, Kosten zu reduzieren, um im Konkurrenzkampf mithalten zu können. Niedrige Lebensmittelpreise wiederum senken die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft und dienen somit durchaus dem Gesamtkapital, das die Löhne niedrig halten kann.

Ein zweiter wichtiger (und oft übersehener) Aspekt der Massentierhaltung ist, dass sie damit verbunden ist, die dezentrale Tierhaltung von bäuerlichen Kleinproduzenten einzuschränken oder gar abzuschaffen – zugunsten von zentralen, kapitalistischen Groß-Agrarbetrieben. Während die Bauern früher alle ein paar Schweine, Kühe, Hühner usw. hielten, finden wir heute hierzulande viele Dörfer fast ohne Tierhaltung, während einige Kilometer weiter riesige Ställe mit tausenden Tieren stehen. Es handelt sich hier also nicht einfach um eine Ausweitung, sondern v.a. um eine Zentralisierung der Tierhaltung. Der Umstand, dass z.B. die Rinderhaltung sich stark auf bestimmte Länder wie Argentinien oder Brasilien fokussiert, hängt u.a. damit zusammen, dass diese Länder dünner besiedelt und weniger erschlossen waren als andere, wodurch auch die Bodenpreise niedriger waren und mehr Fläche zur Verfügung stand, als etwa in Europa.

Die kleinteilige, vorkapitalistische Landwirtschaft beruhte auf einem überwiegend geschlossenen biologischen Kreislauf, bei dem Tierhaltung, Pflanzenproduktion und Hauswirtschaft zusammenhingen und sich ergänzten. Die Nutzung von Pflanzen als Futter und von tierischen Ausscheidungen als Dünger sowie der Wechsel von Feldanbau und Brache (Weide) waren normal und gestatteten, weitgehend in Einklang mit den Bedingungen und Ressourcen der Natur zu wirtschaften und eine übermäßige Ausbeutung oder Belastung der Umwelt zu verhindern. Natürlich gab es immer auch schon eine Übernutzung und negative Beeinflussung der Natur. Im Mittelalter etwa war die Verschmutzung und Überfischung der Binnengewässer schon so groß, dass es kaum noch Fische gab. So berichteten die spanischen Konquistadoren begeistert, dass es in den Flüssen und Seen des neuen Kontinents Fische gab.

Die Kapitalisierung der Landwirtschaft hat diese traditionellen agrarischen Strukturen oft zerschlagen. So war es für einen kleinen Bauern kein Problem, die Ausscheidungen seiner Tiere zu entsorgen, während es für eine Schweinemastanlage mit tausenden Tieren auf engstem Raum durchaus ein Problem ist, weil die anfallende Menge die Aufnahmefähigkeit der umliegenden Natur oft weit übersteigt.

Wir sehen also, dass nicht die massenhafte Tierhaltung an sich unbedingt das Problem darstellt, sondern die kapitalistischen Produktions- und Marktbedingungen. Wie so oft ist nicht die Technik, die Maschine – in dem Fall das Tier als „lebende Maschine“ – das Problem, sondern das soziale Gefüge und damit die Frage, welche Klasse herrscht, welche Produktionsweise dominiert.

Natürlich ist es richtig, dass für die Tierhaltung – relativ gesehen -, bestimmte Ressourcen wie Wasser mehr gebraucht werden als bei der Pflanzenproduktion. Doch die immer wieder präsentierten „Ressourcen-Rechnungen“ sind meist sehr einseitig, weil sie verschiedene Dinge übersehen. So gibt es Gebiete, wo Feldwirtschaft kaum und nur Tierhaltung möglich ist, es gibt auch Gegenden, wo nur Futterpflanzen effektiv angebaut werden können, während z.B. Weizen u.a. anspruchsvollere Sorten schlecht gedeihen. Zudem wird meist von den Vorteilen der Kopplung von Tier- und Pflanzenproduktion abstrahiert. Insgesamt erscheint also die These, dass die Tierhaltung, insbesondere die Rinderhaltung, eingeschränkt werden müsse, nicht besonders schlüssig – was nicht heißen soll, dass eine andere Ernährungsweise mit weniger Fleischanteil nicht durchaus sinnvoll sein kann.

Gesunde Ernährung?

Zu viel tierisches Fett ist ungesund – wie jedes Zuviel von einer Sache ungesund ist. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, überhaupt auf Fleisch oder gar auf alle tierischen Produkte zu verzichten, wie es uns eifrige Vegetarier, Veganer, Rohköstler oder Nur-Fallobst-Esser (die gibt es wirklich!) einreden wollen, ist abwegig. In den hochentwickelten Ländern wird von einem Großteil der Bevölkerung zu viel Fleisch verzehrt – genauso wie Zucker. Weniger wäre da zweifellos gesünder, überhaupt auf Fleisch zu verzichten, ist aber weder nötig noch sinnvoll. Medizin und Lebensmittelchemie haben inzwischen hunderte von Studien vorgelegt, die viele Behauptungen von Propagandisten des Vegetarismus und Veganismus als wissenschaftlich falsch entlarvt haben. Selbst die Behauptungen, dass „Öko“-Produkte generell gesünder wären oder besser schmecken würden als „normale“, wurde in vielen Untersuchungen widerlegt.

Doch den in den Medien omnipräsenten Ernährungs-Gurus und ihren für Welt und Mensch allgemein „guten Empfehlungen“ geht es nicht nur um bessere Ernährung. Liefen die Statements der selbsternannten „Ernährungsspezialisten“ (die oft keine fachwissenschaftliche Ausbildung haben) nur darauf hinaus, für eine gesunde, d.h. bewusste und ausgewogene Ernährung zu plädieren, wäre ja alles in Ordnung. Doch sie schießen weit übers Ziel hinaus, indem sie oft behaupten, dass Fleischkonsum generell ungesund und Pflanzenkost gesünder wäre oder gar fordern, überhaupt auf Fleisch- oder Tierprodukte zu verzichten. Und hier liegt der Hase, im Pfeffer. Denn es zeigt sich hier sehr klar, worum es wirklich geht – darum, die Ernährung und somit das Kaufverhalten zu verändern. Kaufe kein Fleisch, sondern Tofu, verzichte auf Wurst, verwende Hartweizen, trink keine Milch, sondern den besonders gesunden Mittelstrahl-Urin! Kaufe nicht irgendein Kochbuch und lade keine Rezepte kostenlos aus dem Internet herunter, kaufe ein – genauer mein! – vegetarisches oder veganes Kochbuch. Das ist nichts anderes als der Diät-Wahn, der wenig hilft oder sogar schadet, aber immerhin den Absatz überteuerter Bio- und Diät-Produkte ankurbelt.

Es geht also den vegetarischen oder veganen Propagandisten nicht (nur) um gesunde Ernährung, sondern auch darum, Marktanteile zu erobern. Da der Mensch aber nicht endlos mehr essen kann, ist mehr Marktanteil nur möglich, indem man das Kaufverhalten umlenkt und eine Sorte von Lebensmitteln durch andere ersetzt. Dazu werden dann auch gern Marken, Logos und Wertvorstellungen kreiert, mit denen das Kaufverhalten beeinflusst, aber auch ein bestimmtes Konsumenten-Gefühl erzeugt wird, das etwas  „Wohliges“ hat. Es geht also weniger um den Magen als um die Margen.

Auffällig ist bei der „Obst- und Gemüse-Fraktion“ auch, dass sie den Stellenwert der Ernährung für Gesundheit und Wohlbefinden sehr hoch ansetzen, wohingegen sie andere, mindestens genauso wichtige Lebensumstände oft ausklammern. Doch ohne Frage sind Befriedigung (in sexueller wie in allgemeiner Hinsicht), Spaß und Erfolg im privaten wie im beruflichen Leben ebenfalls von großer, ja meist noch größerer Bedeutung. Begriffe wie „Frustfressen“ und „Frustsaufen“ sagt wohl genug darüber aus. Und so treffen wir auch hier wieder auf eine typisch kleinbürgerliche Sichtweise: fehlendes Zusammenhangsdenken, Unterschätzung der Bedeutung der sozialen Großstrukturen und Überbetonung des Individuellen. Gesellschaftliche Dimensionen schrumpfen zu individuellen „Lebensweisen“.

Einseitige Ernährung (ob vegetarisch oder vegan) oder eine plötzlich radikal umgestellte Ernährungsweise können zu physischen und psychischen Problemen führen. So berichten Ärzte, dass es immer mehr Erkrankungen durch Diäten oder Veganismus gibt. Das hängt u.a. damit zusammen, dass bestimmte Nährstoffe in fleischloser Nahrung nicht oder zu wenig enthalten sind. Zwar kann diesem Mangel entgegen gewirkt werden, indem bewusst bestimmte Ergänzungsstoffe gebraucht werden, doch das setzt schon relativ gute ernährungswissenschaftliche Kenntnisse voraus, über welche die meisten Menschen nicht verfügen. Kurioserweise ahmt veganes Essen immer öfter Fleischprodukte nach. Dazu werden alle möglichen künstlichen Stoffe eingesetzt, d.h. veganes Essen ist oft viel künstlicher, chemischer und genveränderter als „normales“ Essen.

Fazit

Ein Problem der „alternativen“ Esskultur a la Vegetarismus oder Veganismus ist, dass eine Einseitigkeit, z.B. der exzessive Fleischgenuss, durch eine andere Einseitigkeit, den kompletten Verzicht auf Fleisch bzw. Tierprodukte, ersetzt wird.

Ein anderes Problem ist, dass die Einsicht in die notwendige Umgestaltung der Welt durch die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen durch eine Orientierung auf die Umstellung des individuellen Konsum- und Ernährungsverhaltens ersetzt oder verdrängt wird. Die Umstellung des Essens gerät zur Quasi-Religion. Die Änderung eines einzelnen Aspekts der Lebensweise wird als „neues Lebensgefühl“ ausgegeben. Ganz in der Manier der unseligen  Motivations-Trainer wird uns suggeriert, dass das Leben viel angenehmer wäre, wenn sich vor allem (!) meine innere Einstellung ändern würde. Objektive und allgemeine Probleme der gesellschaftlichen Lebens rücken da in den Hintergrund. Die allgegenwärtige Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft, die strukturelle Machtlosigkeit des Einzelnen (wie der Lohnabhängigen als Klasse) werden ausgeblendet. Eine aktive, die Gesellschaft verändern wollende Einstellung  wird durch eine „neue Innerlichkeit“ verdrängt.

Dass diese und ähnliche Denk- und Verhaltensmuster einen so relativ großen Einfluss haben (allerdings v.a. in den imperialistischen Ländern), hat auch damit zu tun, dass es oft keine aktive soziale Kraft gibt, die sich eine wirkliche, tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben hätte. Mit „tiefgreifend“ ist hier nicht nur revolutionär gemeint, selbst von einem kämpferischen Reformismus ist oftmals nichts zu sehen. Eine solche Kraft kann natürlich objektiv nur das Proletariat sein, doch infolge des Scheiterns des „Sozialismus“ und seiner politisch-strukturellen Knebelung durch den Reformismus (ob in Gestalt der Sozialdemokratie, des Stalinismus oder des Syndikalismus) tritt die Arbeiterklasse als „historisches Subjekt“ kaum in Erscheinung. Eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt dabei, dass die Linke (ganz allgemein, nicht nur die „radikale“ Linke) viele ideologischen Positionen der Mittelschichten – und der Veganismus oder der Klimakatastrophismus gehören dazu – übernehmen, anstatt sie politisch richtig einzuordnen bzw. zu bekämpfen.

Letztlich wird keine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten eines der zentralen Probleme der Menschheit, dass viele Millionen hungern oder sich nicht gut ernähren können, lösen. Und: Was würde denn passieren, wenn wir kein Fleisch mehr essen würden? Die kleinen Bauern wie das große Agrarkapital müssten auf andere agrarische Produktionen umsteigen. Statt Weiden mit Rindern gibt es dann eben Biosprit-Anbau, Plantagen oder Monokultur. Etwas wird anders, besser wird nichts.

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