Die Internationale

Hannes Hohn

„Die Internationale“ ist wohl immer noch das bekannteste Lied der Welt, obwohl es natürlich in Hitparaden und auch in den meisten Liederbüchern nicht auftaucht. Trotzdem ist das „rote“ Lied ein echter Evergreen, der inzwischen schon fast anderthalb Jahrhunderte alt ist.Die „Internationale“ ist ein lebendiges Lied, das mehr gesungen als gehört wird. Es ist ein schon lange „globalisiertes“ Lied. Wahrscheinlich gibt es kein Land, wo es nicht gesungen wird oder wenigstens seine Bedeutung bekannt ist. Kaum ein Lied – vielleicht gar keins – wurde in so viele Sprachen übersetzt. Die Benutzung, die Aneignung dieses Liedes steht auch in deutlichem Kontrast zu den kulturellen Trends der Gegenwart. Es wird nicht nur, wie die meisten Hits, gehört – es wird gesungen. Und das Singen erfolgt wohl auch eher selten oder nie allein, die „Internationale“ ist ein kollektives Lied. Nicht nur in Titel und Text, auch sein Gebrauch ist meist verbunden mit „Kollektivität“. Es wird bei Treffen von Linken und von Arbeiter-Organisationen gesungen, es wird auf Demonstrationen intoniert und bei Streiks, es erklingt in Gefängnissen, unter der Folter oder vor der Erschießung. Es ist ein Kampflied, ein Lied des Widerstands. Es ist ein Lied für die Praxis, ein Lied der Zuversicht.

Hier die deutsche Textfassung, die 1910 von Emil Luckhardt besorgt wurde. Luckardt war Sozialdemokrat und fiel 1914 im Ersten Weltkrieg:

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.:|

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

Gewölbe, stark und fest bewehret,
die bergen, was man dir entzog,
dort liegt das Gut, das dir gehöret
und um das man dich betrog!
Ausgebeutet bist du worden,
ausgesogen stets dein Mark!
Auf Erden rings, in Süd und Norden
das Recht ist schwach, die Willkür stark.

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass!

Ursprünglich hatte der deutsche Text also vier Strophen, die dritte ist jedoch kaum bekannt. Der Originaltext hatte sogar sechs Strophen. Daran, dass Luckhardt die fünfte Strophe nicht übernommen hat, wird auch eine gewisse Tendenz der politischen „Entschärfung“ deutlich. Im Original lautet die 5. Strophe:

Le rois nous soulaient de fumees
Paix entre nous, guerre aux tyrans!
Appliquons la greve aux armees,
Crosse en l’air et rompons les rangs!
S’il s’obstinent, ces cannibales,
A faire de nous bientot que nos balles
Sont pour nos propres generaux.

Doch weder vom Krieg gegen die Tyrannen „guerre aux tyrans!“, noch vom bewaffneten Streik „greve aux armees“ oder von den Kugeln gegen die Generäle „A faire de nous bientot que nos balles / Sont pour nos propres generaux.“ ist da bei Luckardt die Rede. Äußert sich in der Textfassung des deutschen Sozialdemokraten Luckhardt mit der Auslassung gerade der militantesten Teile etwa schon die politische Tendenz zum Reformismus, die spätestens ab dem Kriegsbeginn 1914 zum offenen Wechsel der SPD ins Lager des Klassenfeinds führte? Wir können das ebenso wenig behaupten wie ganz von der Hand weisen.

Kühnheit, Optimismus und der strikte Internationalismus des Ursprungstextes verblüffen angesichts der Entstehungsumstände. Schließlich wurde der Text im Juni 1871, unmittelbar nach der Niederlage der Pariser Kommune verfasst. Der Texter, Eugene Poittier, war Transportarbeiter und Kommunist und aktiver Teilnehmer der Kommune. Den Text schrieb er während bzw. nach der Flucht vor den Schergen der Konterrevolution. Es gelang ihm, zu entkommen und in die USA zu emigrieren. Später wurde er begnadigt und kehrte nach Frankreich zurück. Er starb 1887 und wurde auf dem Friedhof Per Lachaise in Paris begraben.

Der Titel „Die Internationale“ bezog sich bewusst auf die Erste Internationale, die 1864 gegründet worden war. Etliche ihrer Mitglieder nahmen an den Kämpfen der Kommune in Paris teil, nicht wenige wurden Opfer der blutigen Rache der Konterrevolution. Vertont wurde der Text jedoch erst 1888 vom Arbeiterkomponisten und Dirigenten des Liller Arbeitergesangsvereins Pierre C. Degeyter. Zuerst war der Text der „Internationale“ nur rezitiert oder auf die Melodie der „Marseillaise“ gesungen worden.

Obwohl die „Internationale“ zurecht als Hymne der Kommunisten gilt, weist ihr Text viele Elemente auf, die eher anarchistisch klingen. Das verwundert nicht, da doch die AnarchistInnen in der I. Internationale und in Frankreich bedeutenden Einfluss hatten. Der ideologische Graben zwischen Marxismus und Anarchismus war damals noch nicht so tief wie später. Der Einfluss des Anarchismus auch in der I. Internationale war deutlich höher, als das in der „marxistischen“ Geschichtsschreibung dargestellt wird. Auch in der Kommune spielten die Anarchisten eine wichtige Rolle.

Ein streng „marxistischer“ Text – insoweit ein künstlerischer Text überhaupt „marxistisch“ sein kann – würde wahrscheinlich nicht mehrfach vom „Recht“ sprechen, das nun zum „Durchbruch drängt“ oder „schwach ist“. Denn das Recht, meinte Marx, könne nie höher stehen, als die materiellen Verhältnisse, auf denen es sich erhebt. Es ginge wohl zuerst und v.a. um die Umwälzung der realen Verhältnisse. Auch die Ablehnung des „Tribuns“ ist nicht gerade kommunistisch, denn es dürfte kaum möglich sein, dass die „Ideen zur materiellen Gewalt werden, indem sie die Massen ergreifen“ (Marx), ohne dass diese von „Tribunen“, wir könnten auch sagen: der Partei, den Massen vermittelt werden. Bekanntlich lehnt der Anarchismus ja die Notwendigkeit einer Partei als notwendiges Verbindungsglied zwischen der wissenschaftlichen Theorie und den Massen und deren Ideologie und Praxis ab. Die anarchistischen „Einsprengsel“ ändern natürlich nichts daran, dass das Proletariat bis heute kein bedeutenderes revolutionäres Lied hat als die „Internationale“.

Doch die Wirksamkeit und weltweite Verbreitung der „Internationale“ ist durchaus kein nur rein rationaler Akt, der nur auf dem Text beruht. Wie bei jedem guten Lied erklärt sich der Erfolg der „Internationale“ auch durch die originelle und stimmige musikalische Gestaltung. Und diese war weit entfernt von jenem musikalischen Primitivismus, wie er uns heute so oft die Ohren überflutet, und jede billige Schlager- und Popularmusik nur mit einem neuen, linken Text versieht – und schon ist die politische Avantgarde-Musik fertig. Freilich hatte sich Degeyter auf die damals noch lebendige Tradition der Musik der französischen Revolution stützen können, die schon Beethoven angeregt und sehr deutliche Spuren in dessen Schaffen hinterlassen hat. Vom musikalischen Duktus ist die „Internationale“ der „Marseillaise“ ähnlich.

Im 20. Jahrhundert gelang es dann Hanns Eisler – nicht nur, aber natürlich v.a. in seinen Kampfliedern -, revolutionäre Musiktradition mit Errungenschaften „modernen“ Komponierens zu verbinden und Kampflieder zu schaffen, die nicht nur im Text „fortschrittlich“ war, sondern auch in der Struktur der Musik. Bei Eisler flossen auch in instrumentale Werke Elemente der Kampflied-Musik ein – neben der Zwölftonmusik (Dodekaphonie) und Elementen des (damals sehr populären) Jazz.

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