Nazis gegen Nazis

1934: Der Röhm-Putsch

Hannes Hohn

Reichlich ein Jahr nach der Machtergreifung der deutschen Faschisten, am 30. Juni 1934, sorgte ein Ereignis für Schlagzeilen: der „Röhm-Putsch“. Es handelte sich dabei aber nicht um einen Putsch von SA-Führer Ernst Röhm gegen Hitler, sondern um einen Schlag, eine Säuberung Hitlers gegen Röhm und die SA-Führung.

Der „Röhm-Putsch“ war nicht nur eine wichtige Zäsur bei der Festigung der Macht des Faschismus in Deutschland; er verrät auch sehr viel darüber, was das Besondere am Faschismus ist, wie und warum er zur Macht kommen konnte – und wie er bekämpft werden muss.

Ernst Röhm war ein Nazi der ersten Stunde. Unter ihm wurde die SA zu einer straff organisierten Kampforganisation der NSDAP. 1933 hatte die SA etwa 250.000 Mitglieder und war damit deutlich zahlreicher als die Reichswehr. Sie organisierte v.a. viele durch die Krise frustrierte Kleinbürger, die in ihrer kostenlos gestellten braunen Uniform und mit ihren knallenden Nagelstiefeln in einer marschierenden Kolonne wieder „etwas darstellten“. Die SA war eine Terror-Truppe, die Linke, Gewerkschafter, Juden, Homosexuelle und Demokraten überfiel und ermordete. Sogar die „auf dem rechten Auge blinde“ Weimarer Justiz sah sich zeitweise gezwungen, die SA zu verbieten.

Was war die SA?

Die „Sturmabteilung“, wie die SA richtig hieß, verbreitete Angst und „Respekt“; sie beeindruckte durch ihre Entschlossenheit und Organisiertheit – sie repräsentierte reale Macht. Die paramilitärische SA war nicht der einzige, aber ein wesentlicher Faktor, der es den Nazis ermöglichte, zu einer Massenbewegung zu werden, die Macht zu ergreifen und sie zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der Demokratie zu nutzen.

Die SA war eine straff organisierte reaktionäre aktivistische Bewegung mit einer scheinbar systemkritischen, antikapitalistischen Demagogie, die notwendig war, um das Kleinbürgertum zu gewinnen. Slogans wie „Gegen das raffende Kapital“ waren geeignet, die Unzufriedenheit der mit dem sozialen Absturz konfrontierten Kleinbürger anzusprechen und ihre Wut statt gegen das Kapital als Klasse in dumpfen Rassismus gegen die jüdische „Rasse“, das vermeintlich jüdische „raffende Wucherkapital“ umzuleiten. Die SA repräsentierte den weitaus größten Teil des „sozialrevolutionären“ Flügel des Faschismus, den es aber – die Strasserianer – auch in der NSDAP gab.

Allein schon die Existenz dieses starken Flügels belegt, dass die stalinistische Faschismus-Definition Georgi Dimitroffs, nach welcher der Faschismus ausschließlich Ausdruck der reaktionärsten Teile des Finanzkapitals sei, viel zu kurz greift und die Besonderheit des Faschismus als militante Bewegung des radikalisierten Kleinbürgertums nicht versteht. Gerade wegen der kleinbürgerlichen militanten Massenbasis war es notwendig, dass die Arbeiterbewegung – also KPD, SPD und Gewerkschaften – eine antifaschistische Aktionseinheit herstellten, um als geeint handelnde Kraft für die Mittelschichten anziehend und überzeugend sein und den Faschismus  schlagen zu können.

Ein falscher Antifaschismus

Doch die links-sektiererische KPD-Politik des „Sozialfaschismus“ und der „Einheitsfront von unten“ boykottierte den koordinierten Kampf der Klasse. Die SPD und in ihrem Windschatten die Gewerkschaften zogen ihrerseits ein Bündnis mit den „demokratischen“ Kapitalisten eine Einheitsfront mit der KPD vor und boykottierte sie. Das Fatale an der „Sozialfaschismustheorie“ und der „Einheitsfront von unten“ bestand darin, dass sie objektiv die sozialdemokratischen ArbeiterInnen abstieß und es deren Führern erleichterte, die Einheit mit den Kommunisten abzulehnen. Dass die Arbeiterklasse ihre soziale Macht gegen den Faschismus also nicht in die Waagschale warf, gespalten blieb und letztlich kampflos kapitulierte, war das Resultat der untauglichen Führungen und Konzepte aller großen Arbeiterorganisationen.

Die historische Erfahrung zeigt, dass die „demokratischen Kräfte“, dass die bürgerliche „Mitte“ bzw. ein Bündnis mit ihr und Zugeständnisse an sie, wie es zuerst die Sozialdemokratie und ab 1935, mit der Etablierung der Volksfrontpolitik, auch der Stalinismus versuchte, keine geeigneten Partner sind, um die Nazis zu stoppen. Das heißt natürlich nicht, dass nicht ein begrenztes Zusammenwirken mit bestimmten bürgerlichen Kräften gegen die Nazis möglich und sinnvoll ist. Es geht dabei allerdings darum, dass keine politischen oder gar programmatischen Zugeständnisse von der Arbeiterklasse an diese Kräfte gemacht werden.

Die Volksfront-Politik ist bis heute ein zentraler Bestandteil der Politik aller stalinistischen und im Prinzip auch der sozialdemokratischen Parteien. Gegen eine „Volksfront“ – also ein strategisches Bündnis mit Teilen der Bourgeoisie – sprechen jedoch gewichtige Gründe:

Erstens war es gerade die „Mitte“, waren es die bürgerlichen Parteien und die SPD, die in den letzten Jahren vor 1933 in der Krise keinen Ausweg für die Massen anbieten konnten. Sie erwarteten Geduld und versuchten Kompromisse – als die soziale Misere so groß war, dass in den Augen der Massen weder Geduld noch Kompromisse realistisch erschienen. Die Massen waren in einer derart prekären sozialen Situation, wo sie nach grundsätzlichen und schnellen Lösungen suchten.

Zweitens ergab sich die besondere Gefahr des Faschismus nicht einfach aus dessen Politik. Im Unterschied zu anderen bürgerlichen Parteien ist der Faschismus eine aggressive Bewegung, deren Stärke und Attraktivität zum erheblichen Teil darin besteht, dass er Massen mobilisiert, dass er die Straße beherrscht und notfalls auch ungeachtet demokratischer Spielregeln die Macht gewaltsam an sich reißen kann. Dieser Dynamik hatte die bürgerliche Demokratie wenig entgegen zu setzen. Die junge Weimarer Demokratie litt von Anfang an unter Schwindsucht – unter dem Druck von Krisen, politischer Polarisierung und Radikalisierung brach sie letztlich zusammen.

Die Volksfront zielt letztlich auf ein Regierungsbündnis ab. Die Regierung kann eine derart tiefe Krise wie nach 1929 aber nur lösen oder deutlich mildern, wenn sie einschneidende Maßnahmen durchführt. Was aber bedeutete damals „einschneidend“? Für die Arbeiterklasse hieß das: Abschaffung oder wenigstens Beschneidung von Kapital und Reichtum; für die Bourgeoisie hieß es: Angriffe auf die Lohnabhängigen, um die Gewinne zu steigern und Investivkapital anzuziehen. Für wichtige Teile des Kapitals bestand die Krisenlösung aber auch darin, die Auflagen des Versailler Friedens zu beenden und sich die Vorherrschaft in Europa zu sichern – das aber hieß: Krieg.

Da alle diese bürgerlichen Lösungen jedoch den Widerstand der Arbeiterklasse provozieren mussten – inkl. der Möglichkeit des revolutionären Sturzes des Kapitalismus -, musste zuerst die Arbeiterklasse ge- und die Arbeiterbewegung zerschlagen werden. Diese Aufgabe eines „Rammbocks gegen die Arbeiterklasse“ (Trotzki) konnte nur der Faschismus erfüllen. Da er sich aber zugleich gegen das „System“ der versagenden Demokratie richtete und mit anti-kapitalistischen Phrasen operierte, war er gerade für Kleinbürgertum und Mittelschichten sowie deklassierte Teile des Proletariats attraktiv. Vor diesem Hintergrund erklären sich  auch das „Völkische“ und der Antisemitismus als Ablenkung von der System- und Klassenfrage.

Die Volksfront konnte unmöglich die widerstreitenden Klasseninteressen kombinieren oder ausbalancieren, schon gar nicht unter dem immensen Druck der sozialen Probleme. Vielen klassenbewussten ArbeiterInnen – so wie auch zentralen Teilen des Kapitals – war das klar. Seit 1918 stand die Frage des Gesellschaftssystems – Kapitalismus oder Sozialismus – in Deutschland auf der historischen Tagesordnung: die Novemberrevolution, ihre Niederschlagung, die (tw. bewaffneten) Klassenkämpfe zwischen 1918 und 1923, die Inflationsjahre und die tiefe Krise nach dem „Schwarzen Freitag“ 1929 sind markante Phasen dieser krisenhaften Periode. Da die Arbeiterklasse die Systemfrage nicht auf ihre Weise zu lösen in der Lage war, gelang es schließlich Hitler, sie auf reaktionäre Art zu lösen.

Differenzen

Nach der Machtergreifung, nachdem die Arbeiterbewegung zerschlagen war, ging Hitler daran, sein Programm der Weltherrschaft des deutschen Imperialismus in die Tat umzusetzen. Dazu musste abgesichert werden, dass auch die alten Führungseliten des bürgerlichen Staates und besonders der Armee Hitlers Projekt unterstützten. Und er brauchte die volle Rückendeckung der deutschen Bourgeoisie, von der vor 1933 durchaus nicht alle Teile auf Hitler gesetzt hatten – was freilich nicht hieß, dass der Rest gegen ihn gekämpft hätte. Nicht zuletzt musste klar sein, dass die eigene Bewegung – die NSDAP und ihre Unterorganisationen – vorbehaltlos und zuverlässig Hitlers Strategie mittrugen.

Standen Röhm und die SA dem im Wege? Meinungsverschiedenheiten zwischen Röhm und Hitler gab es von Anfang an, was zeitweise zum Bruch führte. 1925 verließ Röhm sogar die Partei und ging ins Ausland. Doch für Hitler war Röhm als Führer der SA unverzichtbar – er holte ihn zurück.

Röhm hing der Vorstellung einer „permanenten faschistischen Revolution“ an, welche die Gesellschaft ständig „umkrempeln“ sollte – ohne jedoch die privatkapitalistischen Eigentumsverhältnisse insgesamt in Frage zu stellen. Strukturell sah er die SA als eine wesentliche Säule des künftigen Regimes an. Sie sollte quasi der militärische Arm des Staates sein, dem auch die Reichswehr und ihre Führung untergeordnet sein sollte.

Diese Konzepte waren mit Hitlers Absichten und mit der Strategie des deutschen Imperialismus jedoch inkompatibel. Einerseits war das Kapital selbst von den vagen „antikapitalistischen“ Schrullen der gestiefelten Kleinbürger beunruhigt. Um die Rüstungsproduktion anzukurbeln und den Krieg vorzubereiten, brauchte man eine Konzentration von Kapital und riesige Investitionen in die militärisch relevante Großindustrie und keine störenden Wünsche von frustrierten Gemüsehändlern.

Obwohl die Nazis ihren Kadern eine Unmenge an Posten und Privilegien – oft auf Kosten der Juden – verschafften, blieb bei Teilen der Basis doch ein Rest an Enttäuschung über die ihrer Meinung nach unvollendete „nationalsozialistische Revolution“. Von vielen SA-Leuten wurde die herzliche Freundschaft zwischen den Honoratioren des alten „Systems“ und den führenden Nazis mit Argwohn betrachtet.

Am krassesten kollidierten Röhms Vorstellungen hinsichtlich der Militärstrukturen mit den Vorstellungen Hitlers. Große Teile des Offizierskorps lehnten es strikt ab, unter dem Befehl der SA zu dienen; weniger aus politischen, denn aus Karriere- und militärfachlichen Gründen. Doch der Um- und Ausbau der Reichswehr zur kriegsfähigen Aggressionsarmee war ohne die erfahrenen Weltkriegsoffiziere und Spezialisten unmöglich.

Nicht zuletzt war Röhm innerhalb der SA sehr beliebt und dort zeitweilig populärer als Hitler. Doch Hitler konnte und wollte sich nach der Machtübernahme keine innerparteilichen Gegenspieler mehr leisten. Für die aggressiven und riskanten Weltmachtambitionen mussten der gesamte staatliche Mechanismus und die faschistische Bewegung zu einem Gesamtorganismus zusammengeschweißt werden. Das war nur unter einem Führer möglich, einem Führer, der keine auch nur potentiellen Nebenbuhler dulden durfte.

Zudem war nach der Festigung der faschistischen Macht der Straßenterror der SA nun weniger wichtig als der staatlich organisierte Terrorapparat der „Spezialisten“ der Gestapo und der politisch „auf Linie“ gebrachten Polizei und Justiz. Für die Neuordnung Deutschlands sollte im Inneren Ruhe sein, eine latent aktionsbereite SA störte da eher.

Auch für „Sonderaufgaben“ wie die Massenvernichtung der Juden war die NS-Eliteformation SS besser geeignet als die „Massenorganisation“ SA. Große Teile der Gestapo rekrutierten sich aus dem alten Polizeiapparat, die alte politische Polizei und der Kriminalapparat wurden fast komplett übernommen. Von einer Zerschlagung des alten bürgerlichen Staatsapparates kann also keine Rede sein!

Bonapartismus

Die Umbildung des Staatsapparates und die Einbeziehung der alten Machteliten erfolgte unter Führung Hitlers, der nun als Bonaparte regierte. Insofern waren seine unumstrittene Führerrolle und der Führerkult wesentliche Teile dieses Herrschaftsmechanismus und keineswegs nur ein reaktionärer Spleen.

Leo Trotzki schrieb 1933: „Der deutsche und der italienische Faschismus stiegen zur Macht über den Rücken des Kleinbürgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und gegen die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums. (…) die Mittelklassen sind nicht fähig zu selbständiger Politik.“ (Porträt des Nationalsozialismus).

Nachdem Konkurrenten Röhms v.a. aus den Reihen der SS Gerüchte über einen angeblichen Putschversuch Röhms lanciert hatten, musste Hitler handeln. Am 30. Juni 1934 wurden Röhm und  weitere „unbotmäßige“ SA- und NSDAP-Funktionäre verhaftet und zum größten Teil umgebracht.

Bezeichnend ist dabei auch die Ermordung Gregor Strassers, des schon Monate vorher kaltgestellten Führers des „national-revolutionären“ Flügels der NSDAP. Wie meist wurde die Gelegenheit auch zum Anlass genommen, wirkliche politische Gegner auszumerzen. Man geht von etwa 400 Opfern der Säuberungsaktion aus.

Nach dem „Röhm-Putsch“ spielte die SA nur noch eine deutlich untergeordnete Rolle im faschistischen Machtgefüge. Viele SA-Leute wurden in die Polizei integriert. Himmlers SS (Schutzstaffel), die bis dahin der SA unterstand, war von nun an eine selbstständige Organisation, die immer bedeutender und zu einem Staat im Staate wurde. Sie unterstand Hitler direkt und war in jeder Hinsicht und für jedes Verbrechen ein absolut zuverlässiges Instrument. Die SS stellte nicht nur den Kern des Terrorregimes, sie wurde auch militärisch in Gestalt der Waffen-SS immer mächtiger. Die auf der Arbeit von KZ-Häftlingen beruhenden SS-Wirtschaftsunternehmen waren ein wichtiger Teil der deutschen Kriegswirtschaft.

Bedeutung des Röhm-Putsches

Der Röhm-Putsch war also mehr als nur eine innerparteiliche Säuberung oder eine Rivalität zwischen faschistischen Führern. Er markiert den Punkt, an dem die letzten Hürden und Risiken auf dem Weg des deutschen Kapitals zur Weltmacht ausgeräumt worden sind. Die SA war unverzichtbar, um die Macht zu erobern und die Arbeiterbewegung zu zerschlagen; sie wurde „zur Räson gebracht“, als man die Macht hatte. War die SA schon immer nur dem Anschein nach antikapitalistisch, war nach 1933 selbst schon dieser Anschein Hitler und den Eliten suspekt und ohne Funktion.

Die Ausschaltung Röhms und die Zurückstutzung der SA zum einem untergeordneten Glied der faschistischen staatlichen Hierarchie verdeutlicht, dass der Kleinbürger im Braunhemd seine Schuldigkeit getan hatte – als nützlicher Idiot in Diensten des deutschen Kapitals.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.