Triumph oder Tragödie?

Zu einem Beitrag der Berliner Zeitung über die Energiewende

Hannes Hohn

In der Berliner Zeitung vom 28.12.2016 erschien ein Artikel zur aktuellen Situation auf dem Strommarkt. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass die hiesigen Medien überhaupt kein Verständnis für die Situation in der deutschen Stromwirtschaft haben und die Dimension der durch die Energiewende hervorgerufenen gravierenden Veränderungen nicht zu erfassen vermögen.

Schon die Überschrift ist bemerkenswert: Sturm führt zu Überangebot an Strom, meint Autor Frank-Thomas Wenzel. Zwar stimmt es, dass über Weihnachten durch stürmisches Wetter viel Windstrom erzeugt wurde (bei gleichzeitig geringem Verbrauch), doch dass es ein Überangebot an Strom gab, lag durchaus nicht am Wind, sondern daran, dass mit der Energiewende immer mehr Windräder und Solaranlagen installiert wurden und werden, deren Produktion nicht mehr wie früher von den Bedürfnissen der Verbraucher, sondern von den Launen der Natur bestimmt ist. Den traditionellen Kraftwerken war es egal, ob Wind wehte und die Sonne schien oder es dunkel und windstill war – sie lieferten absolut zuverlässig immer exakt so viel Strom, wie gebraucht wurde. D.h. nicht die Schwankungen der Natur, sondern nur die Implantierung von Wind- und Solartechnik in das Stromsystem führt zu einem Überangebot an Strom.

„Die Situation über Weihnachten kann man als einen Triumph der Energiewende werten, meint Wenzel, weil fast 85 Prozent des hiesigen Strombedarfs (…) am zweiten Weihnachtsfeiertag vor allem mit Windenergie gedeckt wurde. Gemäß dieser Logik, nach der offenbar nicht die bedarfsgerechte Versorgung, sondern das Erreichen bestimmter Prozentzahlen entscheidend ist, wären dann allerdings all jene Tage, an denen Wind und Sonne wenig bis nichts liefern, Tragödien. Und solcher Tage der Tragik gibt es ziemlich viele – und wesentlich mehr als Tage des Triumphs. Doch das ficht unseren windseeligen Autor natürlich nicht an.

Die Konsequenz aus dem Überangebot an Windstrom ist die Drosselung der Stromerzeugung der traditionellen Kraftwerke. Wenzel schreibt dazu: Öko-Strom hat bei der Einspeisung Vorrang (…) Die Energie aus Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken kommt ergänzend hinzu. So ist es. Nur suggeriert hier das Wort ergänzend, dass die Kraftwerke nur noch eine Nebenrolle spielen würden. Doch genau anders herum liefern diese immer noch ca. 70% des Stroms – trotz der riesigen Milliardeninvestitionen in die „Erneuerbaren“ seit nunmehr über zwei Jahrzehnten. Aufgrund der ständigen Schwankungen der Stromerzeugung durch Wind- und Solaranlagen – nicht selten bis nahe Null – sind die traditionellen Erzeuger unverzichtbar, nicht nur aktuell, sondern auch zukünftig – zumindest so lange, bis Techniken zur Stromspeicherung in den erforderlichen gigantischen Dimensionen zur Verfügung stehen. Das jedoch ist aktuell nicht gegeben und wird auch in nächster Zeit nicht möglich sein, wie der Stand der Technik belegt.

Dieses Dilemma führt notwendig dazu, dass statt wie bisher ein (die Kraftwerke) nun zwei Stromerzeugungssysteme (die Kraftwerke und die „Erneuerbaren“) notwendig sind. Die Energiewende ist somit v.a. ein katastrophaler Rückschritt hinsichtlich der Arbeitsproduktivität und der Schonung von Ressourcen – von allen anderen ökonomischen, finanziellen, sozialen und ökologischen Negativfolgen abgesehen.

Probleme

Unser Autor Wenzel meint hinsichtlich des Stromnetzes, dass dieses das Riesenangbot an Windstrom problemlos verkraften konnte. Da soll sich der Leser keine Sorgen machen. Muss er aber! Die Bundesnetzagentur stellt z.B. fest, dass die Zahl der Maßnahmen zur Netzstabilisierung –  sog. „Redispatch“-Maßnahmen, um den Zusammenbruch des Netzes durch die Einspeiseschwankungen der „Erneuerbaren“ zu verhindern – massiv zugenommen haben. Waren 2010 nur 1.588 solcher Eingriffe nötig, waren es 2015 bereits 15.811 – eine Verzehnfachung in nur fünf Jahren! Doch davon beim „Fachautor“ Wenzel, der häufig in der Berliner Zeitung Beiträge zu Klima- und Energiefragen schreibt, kein Wort. Wie auch, da solche Leute immer nur Fakten (oder was sie dafür halten) berücksichtigen, die (vermeintlich) in ihr ideologisches Raster passen.

Wenzel geht in seinem Artikel auch auf die Folgen der Energiewende für die Kraftwerke ein: Viele Betreiber haben in neue Technik investiert, um die Kraftwerke flexibler steuern zu können. Anstatt also in Technik zu investieren, die den Wirkungsgrad der Kraftwerke erhöhen und deren Emissionen senken, muss in Steuertechnik investiert werden, um den Kraftwerksbetrieb „auf Sparflamme“ zu ermöglichen. Dieser Stand by-Modus der Kraftwerke, also die Funktion des „Lückenbüßers“ für die „Erneuerbaren“, ist aber eine Betriebsweise, die deutlich unrationeller ist, relativ (pro erzeugter Megawattstunde) mehr Kohle verbraucht, unsauberer verbrennt und mehr Verschleiß der Anlagen bedeutet. Es geht also nicht etwa um technische Verbesserungen des Kraftwerksbetriebs, sondern darum, die Mängel einer grundsätzlich schlechteren Betriebweise etwas zu minimieren. Auch hier vermittelt uns Wenzel einen falschen Eindruck der Sache, indem er entscheidende Aspekte einfach verschweigt. Dass solche, den Fakten widersprechende, Beiträge immer wieder von den Redaktionen abgenickt werden, wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Qulität unserer „Lückenmedien“.

Würde es bei der Energiewende wirklich darum gehen, den CO2-Ausstoß zu mindern, hätte man zuerst alle Kohlekraftwerke technisch auf den höchsten Stand bringen können, um Emissionen und Ressourcenverbrauch jeder Art zu senken. Gerade das aber erfolg nicht! Und warum? Weil die Energiewende v.a. dazu da ist, riesige Neuinvestionen (in die „Erneuerbaren“) vorzunehmen, die an sich gar nicht nötig wären. So wurde ein massives Konjunkturpogramm auf den Weg gebracht, an dem hunderttausende kleine und große Investoren und der Staat per EEG sehr gut verdienen – zum Schaden und auf Kosten der Gesellschaft, insbesondere der ärmeren Schichten und der Arbeiterklasse.

Aber darauf, dass bei der Energiewende Profit- und Klasseninteressen eine Rolle spielen könnten,  kommen solche windbewegten Gutmenschen wie Wenzel natürlich nicht.

Kohleausstieg?

Einen Tag nach dem Wenzel-Artikel berichteten die Medien, dass der BDI-Chef, garantiert werden, dass die Stromversorgung langfristig sicher bleibt. „Keinem ist gedient, dem Industriestandort Deutschland den Stecker zu ziehen“, meinte Grillo. Und weiter: „Selbst 2050 wird es nach allem, was wir heute wissen, mangels Speicherlösungen noch fossile Kraftwerke in unserem Land geben müssen.“

Wer nun annimmt, dass diese konträren Positionen zur Energiewende – hier immer weiterer Ausbau  der „Erneuerbaren“ quasi um jeden Preis, dort der Verweis auf die dafür fehlenden technischen Voraussetzungen (Speichertechnik) – Gegenstand von medialen Beiträgen und Diskussionen wären, der wird enttäuscht. Die Medien tönen unisono fast ausnahmslos pro Energiewende und pro Klimarettung. Nahezu jede sachliche Kontroverse wird eliminiert. Stattdessen wird eine Diskussion um „Fake-News“ initiiert. Diese ist wohl berechtigt, nur wird sie so geführt, dass die Hauptquellen von falschen oder einseitigen Nachrichten – die großen bürgerlichen Medien, die bürgerliche Politik und die mit ihr verbandelten „Experten“ aussen vor bleiben – und natürlich auch das Kapital, das letztlich hinter diesen Kräften steht.

Doch zurück zu Herrn Wenzel und der Berliner Zeitung. Wie kritiklos und ahnungslos der Autor zur Energiewende und der damit verbundenen Idiotie steht, wird an folgender Passage deutlich. Dass der überschüssige Strom häufig einen „negativen Preis“ hat und verschleudert wird, weil niemand ihn braucht, erscheint bei Wenzel nicht als Abstrusität, sondern als vernünftig: „Mögliche Minuspreise sind als Instrument der Disziplinierung der konventionellen Erzeuger wichtig. Denn so wird ein finanzieller Anreiz geschaffen, die Überproduktion zu begrenzen. Leider begrenzt niemand die Überproduktion von Unsinn durch den Autor Wenzel.

Seine These ist komplett unhaltbar, denn erstens erzeugen die „Erneuerbaren“ die Überschüsse, nicht die „Konventionellen“. Die Überschüsse entstehen nämlich nicht dadurch, dass es zuviel von diesen oder von jenen Erzeugern gibt, sondern dadurch, dass die „Erneuerbaren“ so unstet produzieren, manchmal zu wenig, manchmal zu viel, manchmal gar nichts. Würden sie kontinuierlich liefern, könnten die „Konventionellen“ nach und nach ausser Betrieb gehen: es gäbe gar keinen Überschuss-Strom. Leider gehört es aber zum Wesen von Wind- und Solaranlagen, dass sie gerade das eben nicht bewirken können.

Zweitens sind negative Preise auch kein Druckmittel, denn die Überproduktion bzw. die Relation zwischen „erneuerbaren“ u.a. Erzeugern ist v.a. technisch bedingt und könnte somit nicht einfach durch finanziellen Druck minimiert werden – es sei denn man riskiert Stromausfälle.

Drittens: Selbst wenn es gelänge, die Zahl bzw. die Auslastung der konventionellen Erzeuger zu senken, so würden auch dadurch fast keine CO2-Emissionen eingespart, weil die dann nicht gebrauchten CO2-Zertifikate verkauft werden und mit ihnen andere Erzeuger (z.B. Kohlekraftwerke in Polen oder Tschechien) umso mehr CO2 ausstoßen dürften.

Wie wir es auch betrachten: Wenzels „Disziplinierung“ haut nicht hin.

Sein Fazit lautet so: „Gleichwohl ist die aktuelle Lage der deutschen Stromproduktion aus Sicht von Umwelt- und Klimaschützern nicht gerade optimal. Grund ist die (…) konstant hohe Überproduktion von Kohlestrom, weshalb permanent elektrische Energie ins Ausland verkauft wird. Viele Kohlekraftwerke laufen vor allem deshalb noch, weil die Betreiber auf Subventionen von der neuen Bundesregierung hoffen.“

Es fragt sich, wie lange noch unnützer Strom in die Nachbarländer geleitet werden kann. Denn die brauchen diesen Strom an sich gar nicht. Ihre eigenen Stromerzeuger, z.B. die „klimafreundlichen“  Wasserkraftwerke in der Schweiz oder in Österreich, bleiben auf ihrem Strom sitzen. Zudem wird die Netzstabilität der Nachbarländer Deutschlands destabilisiert. Daher bauen z.B. Polen und Holland Sperrregler, um die Überflutung ihres Netzes durch deutschen „Öko-Strom“ verhindern zu können. Was erfährt man davon bei Wenzel? Nichts!

Könnte es vielleicht auch sein, dass Kohlestrom immer noch gebraucht wird, weil ca. 50% des Stroms immer noch aus Kohle gewonnen wird? Würde es ohne Kohlestrom nicht an vielen sonnen- und windarmen Tagen fast gar keinen und an den meisten Tagen viel zu wenig Strom geben? Und: Warum werden die über 40 Anträge der Betreiber auf Stilllegung von Kraftwerken, die wegen der zu gringen Auslastung im Stand by-Modus keinen Gewinn erwirtschaften, immer vom Staat mit dem Hinweis abgelehnt, dass diese „systemrelevant“ seien – was ja auch stimmt?!

Wie alle Energiewende-Befürworter unterschätzt auch von Frank-Thomas Wenzel völlig, dass das Energie- bzw. das Stromsystem eben ein technisches System ist, das Naturgesetzen gehorcht und bestimmte technische Anforderungen erfüllen muss. Ein solches System kann man nicht einfach – aus welchen ideologischen Gründen auch immer – ummodeln, wie man will. Die Implantierung der „Erneuerbaren“ unterminiert, verkompliziert und verteuert das Stromsystem.

Dank solcher „Journalisten“ wie Wenzel wird der Bevölkerung ein vollig falsches Bild von der Energiewende, ihrem Wesen und ihren fatalen Konsequenzen vermittelt. Genau dieselben Leute sind es dann aber, die im Fall von Netzzusammenbrüchen (denen wir uns objektiv immer mehr nähern) die großen Schlagzeilen formulieren und – nach dem Motto: Haltet den Dieb! – nach Ursachen und Schuldigen suchen. Mit ihren Triumphmeldungen führen sie uns geradewegs in die Tragödie.

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