ABC des Marxismus XI: Was ist die Guerillastrategie?

Das Wort „Guerilla“ ist die Verkleinerungsform des spanischen Wortes „Guerra“, der Krieg, und bedeutet so viel wie Kleinkrieg. Heute bezeichnet man damit meist den militärischen Kampf von nichtregulären, aufständischen Einheiten gegen eine Besatzungsmacht oder gegen die Regierung.

Der Guerilla- bzw. Partisanenkampf hat eine lange Geschichte. So kämpften z.B. im 16. und 17. Jahrhundert die Geusen in den Niederlanden gegen die spanischen Besatzer. In Spanien kämpften  von 1809-12 Partisanen gegen die Armee Napoleons. Auch im 2. Weltkrieg führten Partisanen in vielen Ländern einen Untergrundkrieg gegen die faschistischen deutschen Besatzer, so in der Sowjetunion, in Polen, in Jugoslawien oder in Frankreich. In neuerer Zeit war v.a. die „Bewegung des 26. Juli“ von Fidel Castro und Che Guevara in Kuba ein Beispiel für erfolgreichen Guerillakampf.

Wesentliche Merkmale des Guerillakampfes sind hohe Beweglichkeit und der Überraschungseffekt, um dem potentiell überlegenen Gegner erfolgreich Paroli bieten zu können. Deshalb hat die Partisanentaktik in „unübersichtlichen“ Gegenden, in Gebirgen oder im Dschungel, die besten Erfolgsaussichten.

Die Guerilla ist sehr stark auf die Unterstützung durch die (ländliche) Bevölkerung angewiesen, die sie mit Nahrung und Informationen versorgt. Da die Guerillabewegung meist progressive Ziele verfolgt und gegen die Unterdrückung und die Not der unteren Bevölkerungsschichten kämpft, wird sie meist von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Mao Tsetung, der Führer der chinesischen „roten“ Partisanenarmee, sagte dazu: „Der Revolutionär schwimmt im Volk wie ein Fisch im Wasser“. Ist diese Unterstützung nicht gegeben, hat die Guerilla keint Chance. Das war z.B. 1966/67 in Bolivien der Fall, wo die indigene Bevölkerung den Partisanen Che Guevaras nicht half, so dass diese vernichtet wurden. Viele Guerillaarmeen erhielten aber auch Unterstützung von Staaten. Das war etwa in Vietnam der Fall, wo die „Nationale Front für die Befreiung Südvietnams“ (oft als „Vietcong“ bezeichnet) Hilfe durch Nordvietnam und die UdSSR erhielt.

Es gab aber auch reaktionäre Guerillabewegungen, etwa die von den USA unterstützten „Contras“ in den 1980ern gegen die links-bürgerliche Ortega-Regierung in Nicaragua. Einige Guerillebewegungen in Südamerika kämpfen tw. auch im Interesse von Drogenkartellen gegen die Regierung und üben Gewalt gegen die ansässige Bevölkerung aus. Auch die „islamistischen“ Terrormilizen IS oder Boco Haram wenden tw. Guerillamethoden an. Doch sie stützen sich höchstens auf jene Bevölkerungsteile, die ihre Glaubensdogmen teilen. Sie haben ausschließlich reaktionäre Ziele, wenden terroristische Mittel an und werden von reaktionären Staaten (z.B. Saudi-Arabien) unterstützt.

MarxistInnen nutzen verschiedene Taktiken im Klassenkampf. Der Guerillakampf ist eine davon. Die marxistische Strategie zielt auf die Ergreifung der politischen Macht durch eine Revolution. Diese beruht auf Massenaktionen v.a. der Arbeiterklasse und ermöglicht die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln sowie die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats und dessen Ersetzung durch eine Räte-Demokratie. In diesem Zusammenhang kann es Bedingungen und Entwicklungen geben, v.a. in der „Dritten Welt“, wo der Guerillakampf eine wichtige Rolle spielt, z.B. im Bürgerkrieg, im Kampf gegen Besatzungsregime oder als Selbstverteidigungsmaßnahme.

Als Strategie zur Eroberung der politischen Macht ist der Guerillakrieg jedoch ungeeignet. Selbst dort, wo er (scheinbar aus eigener Kraft) erfolgreich war – so z.B. in Kuba Castros „Bewegung des 26. Juli“ -, beruhte er auf der Unterstützung durch das städtische Proletariat. Dabei spielten die innere Schwäche der Regime und deren mangelnde Unterstützung seitens des Imperialismus eine große Rolle. Aufgrund der bürgerlich-demokratisch-antiimperialistischen Ausrichtung dieser Guerillabewegungen genossen sie tw. sogar die Unterstützung von Teilen der nationalen Bourgeoisie.

Indem sich die Guerilla v.a. auf die bäuerlichen Massen – also auf das untere Klein(st)bürgertum – stützt, kann sie auch aus eigener Kraft nicht zu einer Arbeiter-Räte-Demokratie führen, ihr fehlen auch die Fähigkeiten, eine moderne Industriegesellschaft zu errichten. Dazu ist objektiv nur das Proletariat in der Lage. Wo eine ländliche Guerilla ohne die Beteiligung oder nur mit Unterstützung der Arbeiterklasse als „Hilfstruppen“ die Macht errang, wie in Kuba oder China, entstand auch kein „gesunder“ Arbeiterstaat, sondern ein degenerierter und daraus später eine besondere Art von Staatskapitalismus.

Der Guerillakampf ist also – soweit er als Strategie verstanden wird – mit der proletarischen sozialistischen Revolution unverträglich oder ist in ihr nur ein untergeordneter Faktor, weil in dieser die Arbeitermassen der entscheidende Faktor sind und sie mittels ihrer eigenen demokratischen Organisationen, Räten, Kontrollorganen, Milizen und der revolutionären Partei die Revolution durchführen und deren Ergebnisse und Weiterentwicklung bestimmen. Die Guerillastrategie hingegen ist meist sehr elitär und drängt v.a. die städtische Arbeiterklasse in eine reine Unterstützungsrolle. Auch Che Guevara ging immer davon aus, dass die kubanische Revolution für das Volk, nicht aber vom Volk selbst gemacht wird. Die Guerilla-Führungen werden meist weder gewählt, noch sind sie kontrollier- oder abwählbar – was unter Kriegsbedingungen auch schwer möglich ist. In diesem Umstand sind die späteren bürokratischen Herrschaftsformen des Stalinismus oder Maoismus schon angelegt.

Die genaueste Verarbeitung und Systematisierung der Erfahrungen des Guerillakampfes stammt von Mao, dem Führer der chinesischen „Roten Armee“, die 25 Jahre lang (1924-49) bis zum Sieg kämpfte und die Volksrepublik China begründete. Sein Erfolg erklärt sich auch daraus, dass – auch aufgrund der falschen Politik auf Betreiben Stalins – das chinesische Proletariat und die KP 1927 eine schwere Niederlage erlitten hatten. So blieb nur der Kampf und der Rückzug in die riesigen ländlichen Gebiete. Der Umschwung erfolgte dann v.a., weil zum sozialen Kampf zur Befreiung der verarmten  und unterdrückten Bauernmassen ab 1937 der nationale Befreiungskampf gegen die japanischen Invasoren hinzu kam, welcher von Mao am konsequentesten geführt wurde. Sein Widerpart im Lande, die bürgerliche Kuomintang-Bewegung unter Tschiang Kai Schek, wollte erst die „Rote Armee“ und danach die Japaner schlagen. Das führte dazu, dass sich die Mehrheit der Chinesen Mao zuwandte.

Eine wichtige Rolle und beispielhaft für viele Guerilla-Bewegungen wurde auch die „Fokus-Theorie“ Che Guevaras. Diese Konzeption sieht kleine, sehr mobile, auf dem Land operierende Partisanentrupps als Kern – den „Fokus“ – der Strategie. Andere Kämpfe, insbesodere jene der städtischen Arbeiterklase, sind ihm untergeordnet. Aktionen der Massen sollen vom „Fokus“ initiiert und geführt werden.

Die „Fokus-Theorie“ wurde auch beispielhaft für die Stadtguerilla oder die „Rote Armee-Fraktion“ (RAF). Letztere glaubte, dass eine entschlossene „revolutionäre“ Minderheit die Massen zur Revolution „mitreißen“ könnte. Diese Auffassung ignoriert die entscheidende Rolle der Arbeiterklasse und die Notwendigkeit der Analyse der objektiven Klassenkampfsituation. Statt auf  den systematischen Kampf um die Herzen und Hirne der Arbeiterklasse und deren Organisierung setzte man auf geheime Einzelaktionen. Letztlich führte diese Strategie in die Sackgasse des individuellen Terrorismus.

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