Der junge Marx

Eine Filmkritik

Hannes Hohn

Für MarxistInnen ist ein Film über Marx ein Muss. Dabei ensteht die Spannung schon, bevor man den Film sieht, denn man fragt sich natürlich, welche Sicht auf Marx dort präsentiert wird. Gerade als Ostdeutscher hat man noch die diversen DDR-Filme über die Großen der Arbeiterbewegung vor Augen, die meist mehr oder weniger unfreiwillig komisch wirkten und die Geschichte und ihre Akteure immer so darstellten, dass sie ins ideologische Raster des Stalinismus passten. In schlechter Erinnerung ist mir z.B. noch das Epos „Thälmann – Sohn seiner Eltern“ – Pardon: „ … seiner Klasse“. Doch um es gleich vorweg zu sagen: „Der junge Marx“ von Regisseur Raoul Peck hat mich nicht enttäuscht – im Gegenteil.

Der aus Haiti stammende Raoul Peck hat Erfahrung mit politischen Stoffen, z.B. mit den Streifen  „Lumumba“ oder „Mord in Haiti“. Auf der Biennale 2017 stellte er die Dokumentation „Im not your Negro“ vor.

Pecks Marx-Film führt uns in die Jahre 1843-48. Er stellt den Beginn der Freundschaft von Marx und Engels überzeugend dar und zeichnet den Werdegang der beiden ersten „Marxisten“ in dieser Zeit episodenhaft nach. Dabei macht er gut deutlich, welche Sprünge sich in der Entwicklung ihres Denkens vollzogen, welche Rolle dabei Leute wie Bakunin oder Proudhon spielten und wie ihre Beziehungen zum Proletariat, zur Arbeiterbewegung und zur Linken aussahen. Eine Stärke von Peck ist dabei, dass er diese Fragen nicht nur auf der „hohen Ebene“ der Wissenschaft abhandelt, sondern auch die privaten Seiten und den Alltag im Blick hat, etwa die Beziehung von Engels zu Mary Burns.

In manchen Szenen hätte ich mir noch mehr Dramatik gewünscht, z.B. als Engels in der irischen Spelunke war oder bei der Konfrontation zwischen den Arbeiterinnen und Engels´ Vater in dessen Fabrik. Hier wäre mehr Drama und weniger Chronik gut gewesen.

Die Filmhandlung endet mit der Entstehung des „Kommunistischen Manifests“ und der Gründung des „Bundes der Kommunisten“. Während erstere Episode – die Texterstellung zwischen chaotischer Zettelwirtschaft und grandiosem Denken – sehr gelungen ist, wirkt letztere etwas plakativ. Es ist freilich nicht ganz einfach, einen Film zu machen, der versucht, eine ganze Phase der Entwicklung der revolutionären Arbeiterbewegung nachzuzeichnen, ohne eine Dokumentation daraus zu machen. Peck balanciert zwischen beiden Formen. Er stürzt dabei nicht ab, aber ein Balanceakt sieht eben auch nicht immer sehr elegant aus.

Angesichts des großen Entwurfs des „Manifests“ und des heroischen Beginns der Arbeiterbewegung stellt man sich beim Betrachten des Films unwillkürlich die Frage, wie es Peck wohl gelingt, den Schluß zu gestalten, da wir doch nicht nur noch immer keinen Kommunismus in der Welt haben, dafür aber zuhauf Enttäuschungen und Niederlagen dessen, was sich „Sozialismus“ nannte oder „Kommunismus“ genannt wurde. Peck weicht der Frage nicht aus, indem er am Schluß des Films dokumentarische Schnipsel von historischen Ereignissen und Personen aneinander reiht. Damit verlängert er die Handlung in die Gegenwart und macht Geschichte zur aktuellen Herausforderung. Um diese anzunehmen und auszutragen, ist ein Kino allerdings zu eng. Gerade bei diesem Marx-Film wär es wünschenswert, wenn es anschließend noch eine Diskussion im Publikum geben würde. Es gab aber nur Popcorn …

Die Kritiken an Pecks Marx-Film fallen eher negativ aus. Spiegel-Online etwa bemerkte: Das Radikale in seinem Leben waren seine Gedanken und Schriften, und um das filmisch zu erschließen, bräuchte es einen ganz anderen Erzählansatz als die unbeholfene Verdichtung in vermeintlichen Schlüsselszenen. Das kann man so sehen, doch wenn der Spiegel schreibt, der Film habe den Charme eines bebilderten Wikipedia-Eintrags, so ist das deutlich übertrieben.

Auch aufgrund solcher Bürger-Postillen wie dem Spiegel gibt es ja das Problem, dass Marx´ Gedankenwelt, dass die Dimension seiner Kritik am Kapitalismus dem Publikum kaum oder gar nicht vertraut ist. Dem Regisseur eines Marx-Films stellt sich damit das Problem, nicht nur den Menschen Marx darstellen zu können, weil man dessen Schaffen als Theoretiker kennt; man muss auch den Hintergrund darstellen, weil Marx sonst nur eine „große Persönlichkeit“ wäre, ohne zu wissen, worin diese „Größe“ überhaupt besteht. Zudem wirkt Marx ja bis heute nach, er ist darum weniger eine historische Figur als eine aktuelle. Ein Film über Luther oder Beethoven hätte dieses Problem weit weniger.

Von den Hauptdarstellern überzeugt v.a. August Diehl, der die verschiedenen Seiten von Marx – den  sinnlichen, heiteren, harten, sarkastischen, konsequenten, intelligenten – prägnant gestaltet. Weniger überzeugt hat mich die Figur des Engels (Stefan Konarske). Einerseits sehr glaubhaft dessen Resistenz gegen seinen herrischen Unternehmer-Vater, andererseits eher hölzern, fast verschämt in den Begegnungen mit dem „Bund der Gerechten“. Vicky Krieps und Hannah Steele überzeugen als Jenny Marx und als Engels´ Frau Mary Burns, die nicht als weibliche Anhängsel ihrer Männer, sondern als Persönlicheiten gezeigt werden.

„Der junge Marx“ läuft in denselben großen Kinos wie „Ice-Age 1 bis 28“, was schon ein Erfolg ist. V.a. aber sollte er in den Schulen gezeigt werden, was noch wichtiger wäre. Mit Diskussion statt Popcorn (ist auch besser für die Linie).

Ein Gedanke zu „Der junge Marx“

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