ABC des Marxismus XII: Was ist Kommunismus?

Der Begriff „Kommunismus“ kommt vom lateinischen „communis“ (gemeinsam) und bezeichnet einerseits jene Bewegungen und Kräfte, die für den Kommunismus eintreten, zum anderen ist damit die kommunistische Gesellschaftsformation gemeint.

Marx und Engels haben keine geschlossene Theorie der kommunistischen Gesellschaft ausgearbeitet. Für sie war der Kommunismus das Ergebnis eines sozial-historischen Entwicklungsprozesses, dessen Faktoren und Umstände sich stets wandeln. Daher kann deren Ergebnis, die kommunistische Gesellschaft, auch nicht im Voraus exakt definiert werden. Der Kommunismus ist insofern keine Utopie und kein Paradies, sondern wie sie in „Die deutsche Ideologie“ schreiben: „Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

Marx und Engels haben aber sehr wohl einige Grundmerkmale des Kommunismus benannt. Sie konnten das, weil wesentliche Grundlagen und Entwicklungstendenzen für diese zukünftige Gesellschaft bereits im Kapitalismus angelegt sind. Dazu gehören die Entwicklung von Wissenschaft und Technik sowie der Industrie, die es objektiv ermöglichen, dass die Menschheit ihre Bedürfnisse befriedigen und „in Wohlstand“ leben kann. Eine weitere Grundlage ist die Arbeiterklasse, die das revolutionäre Subjekt darstellt, welches nicht nur in der Lage ist, den Kapitalismus zu stürzen, weil es zahlenmäßig sehr groß und nicht durch bornierte Eigentumsinteressen an den Kapitalismus gebunden ist. Sie ist eng mit der modernen Produktion verbunden und somit auch in der Lage, die auf einer hochentwickelten Ökonomie fußende kommunistische Gesellschaft zu gestalten.

Für Marx kann der Kommunismus nur Ergebnis von Klassenkämpfen sein. Diese werden vom Kapitalismus selbst immer wieder neu hervorgerufen, weil er Krisen und Kriege erzeugt, weil er auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht und das Proletariat immer wieder zwingt, den Klassenkampf zur Sicherung seiner Existenz zu führen. In diesem Kampf formieren sich die Lohnabhängigen, organisieren sich und erlangen ein (Selbst)bewußtsein ihrer Möglichkeiten.

Doch der revolutionäre Sturz des Kapitalismus führt nicht direkt zu einer kommunistischen Gesellschaft, sondern zu einer Übergangsgesellschaft, auch Arbeiterstaat, Diktatur des Proletariats oder Arbeiter-Räte-Republik genannt. Die Notwendigkeit einer solchen historischen Zwischenstufe ergibt sich v.a. daraus, dass das Proletariat im Kapitalismus nicht oder nur in Ansätzen die ihm eigene, auf einer Rätedemokratie beruhende genossenschaftliche und geplante Produktionsweise verwirklichen kann. Die Bourgeoisie hingegen konnte schon im Feudalismus Sektoren mit kapitalistischer Wirtschaftsweise etablieren. Sie musste sich „nur“ noch die politische Macht erkämpfen. Die Arbeiterklasse hingegen muss erst die politische Macht erobern, bevor sie die ökonomischen und sozialen Verhältnisse umwälzen kann. Dazu gehört u.a. die Enteignung der Bourgeoisie und die Ersetzung der Marktkonkurrenz durch eine demokratische Planung.

Die Übergangsgesellschaft ist also in allen Bereichen noch von widerstreitenden bürgerlichen (oder sogar vorbürgerlichen) und proletarischen Elementen geprägt. Nur die immer weitere Verstärkung der proletarisch-kommunistischen Elemente – auch international – sichert den Übergang zum Kommunismus. Die niedere, erste Phase des Kommunismus nach der Übergangsgesellschaft, der Sozialismus, ist nach Marx durch das Prinzip Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung charakterisiert. In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, fährt Marx fort, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!

Unter dem Einfluß der II. Internationale (und später noch stärker im sozialdemokratischen Reformismus und im Stalinismus) degenerierte die Marxsche Kommunismus-Vorstellung immer mehr zu einem „idealen“ Sozialstaat, bei dem die Macht der Bourgeoisie durch den vom Proletariat – genauer: durch deren Partei – dominierten Staat abgelöst werden sollte. Marx und Engels jedoch haben klar ausgesprochen, dass der Kommunismus als Gesellschaft ohne Klassen und ohne  Ausbeutung und Unterdrückung auch keinen Staat mehr kennt, dieser sei dann „abgestorben“. Engels schrieb dazu: „Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt“.

Das Abrücken von Marx´ Positionen zum Kommunismus, v.a. in der Staatsfrage, führte auch dazu, dass die Bolschewiki um Lenin nach dem Sieg der Russischen Revolution gravierende Fehler begingen, die den Aufstieg des Stalinismus begünstigten. Sie etablierten neben den und gegen die Sowjets (Räte) einen mächtigen bürokratischen Staatsapparat, der das Proletariat enteignete und beherrschte und die Entfaltung seiner sozialen Kraft behinderte.

Marx´ Kommunismus-Konzeption skizziert eine qualitativ völlig neue Gesellschaft, in der alle gesellschaftlichen Beziehungen gänzlich anders als in der bürgerlichen Gesellschaft aussehen. Die überkommene Arbeitsteilung, v.a. die Teilung in befehlende und ausführende Tätigkeiten, ist aufgehoben. Marx schreibt dazu in „Die deutsche Ideologie“: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Dazu ist es nach Marx notwendig, „alle  Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Das beudeutet auch, all jene sozialen Bedingungen zu überwinden, die den Menschen zum Untertanen macht, seine Psyche beschädigt und seine Freiheitsfähigkeit untergräbt.

Die UdSSR u.a. Ostblock-Staaten werden oft als „kommunistisch“ charakterisiert, ihr Kollaps 1989/90 wurde von den Bürgerlichen als Zusammenbruch des „Kommunismus“ gefeiert. Als „Markenzeichen“ des Kommunismus sehen sie dabei die Macht der Partei, das Staatseigentum und die bürokratische Planung von „Oben“ an. Doch das alles hat mit Kommunismus wenig bis nichts zu tun. Die von uns dargestellten Merkmale des Marxschen Kommunismus´ waren hingegen nicht oder nur in bescheidensten Ansätzen vorhanden.

Insofern gab es bisher nirgends eine Gesellschaft, die das Prädikat „kommunistisch“ auch nur annähernd verdient hätte. Die großartige humanistische Ziel des Kommunismus muss erst durch die Kämpfe des Prolatariats wieder zu einer „wirklichen Bewegung“ werden, Dafür ist es notwendig, die kommunistische und Arbeiterbewegung von ihren Entstellungen und Verkrustungen zu befreien.

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