ABC des Marxismus XXI: Was bedeutet „Permanente Revolution“?

Die Frage, was das Wesen der Revolution des Proletariats zum Sturz der kapitalistischen Ordnung ist, hat MarxistInnen schon immer beschäftigt. Marx und Engels haben keine Theorie der proletarischen Revolution ausgearbeitet, jedoch haben sie durchaus wesentliche Eckpunkte einer solchen formuliert. Insbesondere haben sie die Erfahrungen der Revolutionen von 1848/49 und der Pariser Kommune von 1871 verarbeitet.

Der Begriff der „Revolution in Permanenz“ taucht bei Marx zum ersten Mal 1850 in der Analyse der Revolution von 1848 in Deutschland auf. Er schrieb, es gelte, „die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, dass die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und dass wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind“.

Marx drückt hier sehr klar aus, dass die proletarische Revolution nicht bei der Erreichung bestimmter demokratischer, nationaler oder sozialer Teilziele stehen bleiben kann, sondern bis zum Sturz des Kapitalismus als System weitergeführt werden muss und dieser Prozess nicht nur für ein Land gilt, sondern im Weltmaßstab.

Marx und Engels gingen davon aus, dass die Revolution in den führenden kapitalistischen Ländern beginnen würde. Ab den 1880er Jahren hielten sie es aber – u.a. mit Blick auf Russland – auch für möglich, dass die Revolution zuerst an der Peripherie der kapitalistischen Weltordnung ausbrechen könnte. An der Wende zum 20. Jahrhundert betonte dann v.a. Lenin diesen Gedanken, indem er von der „Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit“ der Entwicklung der kapitalistischen Welt ausging. Damit meinte er einerseits, dass die Entwicklung einzelner Länder vom Trend des gesamten kapitalistischen Systems beeinflusst wird. Andererseits können sich die Widersprüche in unterentwickelten Ländern besonders zuspitzen und die subjektiven Bedingungen der Revolution dort besonders ausgeprägt sein, obwohl die objektiven Faktoren (Wirtschaftsentwicklung, Größe des Proletariats) noch nicht so weit entwickelt sind. Die beiden Revolutionen in Russland von 1905 und 1917 bestätigten Lenins Einschätzung – obwohl er daraus noch nicht in vollem Umfang die programmatischen Konsequenzen ableitete.

Dieser Aufgabe wurde zuerst Leo Trotzki gerecht. Nach der Revolution von 1905, an der er an prominenter Stelle teilnahm, zog er 1906 in „Ergebnisse und Perspektiven“ Bilanz. An konzeptionelle Überlegungen des Marxisten Parvus und an Marx anknüpfend, postulierte er, dass in der kommenden Revolution in Russland nicht das liberale Bürgertum, sondern das Proletariat die Führung inne hätte, die Revolution über den Rahmen einer bürgerlich-demokratischen hinausgehen und das Proletariat die Macht ergreifen und mit dem Aufbau des Sozialismus beginnen könnte. Auch Lenin wies der Arbeiterklasse die führende Rolle zu, doch er ließ den Charakter der Revolution – ob sozialistisch oder bürgerlich-demokratisch – noch offen. Demgegenüber betonte Trotzki klar den sozialistischen Charakter der Revolution. Lenin wie Trotzki sahen eine sozialistische Perspektive Russlands aber nur im Rahmen des Fortschritts der internationalen Revolution als realistisch an. Die von Stalin ab 1924 verkündete Losung vom „Sozialismus in einem Land“ war somit eine offene Absage an die internationale Perspektive der Revolution, wie sie Marx, Lenin, Trotzki u.a. MarxistInnen immer vertreten hatten, und zugleich Ausdruck der Utopie, in einem (zudem relativ rückständigen) Land) eine sozialistische Gesellschaftsqualität zu schaffen zu können.

Im Lauf der Jahre entwickelte Trotzki die „Theorie der Permanenten Revolution“ weiter. Ausgehend von den Erfahrungen von 1917 formulierte er eine internationale revolutionäre Strategie. Bezüglich der „Entwicklungsländer“ der halbkolonialen Welt betonte er, dass auch die bürgerlich-demokratischen Aufgaben der Revolution (demokratische Forderungen, nationale Frage, Landreform usw.) nur erfüllt werden können, wenn das Proletariat die Führung übernimmt und den Kapitalismus stürzt.

Trotzki formulierte damit eine Konzeption, die jener Stalins diametral entgegengesetzt war. Unter anderem in China in den 1920ern und in Spanien in den 1930ern wurde auf dramatische Weise deutlich, dass Stalins Konzepte, darunter v.a. die „Volksfront“, völlig untauglich waren, um den Kapitalismus zu überwinden – im Gegenteil: die Massen erlitten blutige und unnötige Niederlagen.

In China ordnete sich die Kommunistische Partei auf Weisung Moskaus der bürgerlich-nationalistischen Kuomintang-Bewegung unter, was letztlich dazu führte, dass 1927 KommunistInnen und revolutionär gesinnte ArbeiterInnen massenhaft von der Kuomintang liquidiert werden konnten.

In der Spanischen Revolution, die in mancher Hinsicht der Russischen von 1917 glich, trat die Stalin-hörige Kommunistische Partei in eine bürgerliche Regierung ein und verhinderte, dass die wesentlichen Aufgaben der Revolution (Enteignung der Bourgeoisie, Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates, Bodenreform usw.) durchgeführt wurden. Sie unterminierte so den Kampf gegen die reaktionären Kräfte um General Franco und nutzte nicht das revolutionäre Potential des Proletariats und der Bauernschaft. Zudem ging man mit Gewalt gegen andere linke bzw. revolutionäre Kräfte (AnarchistInnen, POUM) vor.

Dieses Blockieren der revolutionären Dynamik folgte der Logik der stalinschen Etappentheorie, nach der nicht die sozialistische Revolution und die Errichtung einer Räteordnung auf der Tagesordnung stünden, sondern nur die bürgerlich-demokratische Republik. Diese Konzeption diente den bornierten außenpolitischen Interessen der herrschenden Bürokratie in Moskau, welche ihre westlichen „Verbündeten“, v.a. England und Frankreich, nicht durch eine sozialistische Revolution „verprellen“ wollte. Die blutige Rechnung für diese utopische und konterrevolutionäre Strategie Stalins bezahlten die Massen: zuerst in Spanien, dann in ganz Europa durch Faschismus und Krieg.

Nach der Niederlage des Faschismus orientierte Stalin auf den Aufbau einer antifaschistischen, aber bürgerlichen Nachkriegsordnung. In Ländern, wo die Arbeiterbewegung und die KPn stark und tw. bewaffnet waren (z.B. Frankreich, Italien, Griechenland), sollten sie gemäß Stalins Konzept nicht die eigene Bourgeoisie enteignen, sondern in bürgerliche Koalitionsregierungen eintreten. Als sich der Kapitalismus so wieder festigen konnte, entließ die Bourgeoisie ihre stalinistischen Helfer oder Stalin selbst opferte sie wie in Griechenland sogar der Reaktion, um den Status quo mit dem Westen nicht zu gefährden.

In den 1950ern und 1960ern erkämpften viele Kolonien die Unabhängigkeit vom Imperialismus. Auch hier ordneten sich die Moskau-treuen Kräfte den bürgerlich-nationalistischen Bewegungen und dem Nationalstaat unter und verzichteten auf eine eigenständige revolutionär-kommunistische Orientierung – mit fatalen Konsequenzen für die Linke und die Arbeiterbewegung und die Perspektiven dieser Länder.

Heute verläuft nicht nur ein tiefer Graben zwischen den imperialistischen Zentren und der halbkolonialen „3.Welt“, die „alten“ Konflikte und Probleme – Kriege, Unterentwicklung, Abhängigkeit, Rassismus, Umweltzerstörung usw. – bestehen weiter. Immer wieder gibt es dagegen Widerstand. Zugleich ist die globalisierte Welt immer enger vernetzt. Diese Umstände verweisen darauf, dass es nicht nur illusorisch ist, Klassenkämpfe oder gar den Sozialismus in ein nationales Korsett zu zwingen. Sie zeigen auch, dass die Unterordnung des Klassenkampfes unter bürgerliche Konzeptionen und künstliche „Etappen“ nur zu Niederlagen führt. Sie verweisen darauf, dass es heute umso mehr möglich und notwendig ist, Widerstand, Klassenkämpfe und letztlich die Revolution zu vernetzen und „permanent“ zu machen.

Ein lehrreiches Beispiel ist auch die Volksfrontregierung in Chile unter Allende. Gestützt auf die Arbeiterklasse und einen Wahlerfolg etablierte Allende eine Koalitions-Regierung, zu der die KP und mehrere bürgerliche Parteien gehörten. Sie begann, verschiedene Reformen umzusetzen und war „anti-imperialistisch“ orientiert, was sich u.a. in der Verstaatlichung der Kupferminen zeigte. Doch weder wurde die Bourgeoisie enteignet noch der bürgerliche Staatsapparat zerschlagen und durch ein Rätesystem ersetzt. Letztlich wurde Allendes Regierung vom einheimischen Kapital unter Mithilfe des Militärs und der CIA bekämpft und 1973 durch einen Putsch gestürzt. Dem folgte die blutige Diktatur Pinochets. Wieder einmal war damit ein Versuch, die „Permanenz“ der sozialistische Revolution auf eine bürgerlich-demokratische Etappe zu begrenzen, gescheitert.

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