150 Jahre „Das Kapital“ von Marx

Hanns Graaf

Als am 14. September 1867 der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx erschien, waren wohl nur der Autor selbst und sein Freund Engels davon überzeugt, ein epochales Werk in die Welt gesetzt zu haben, das diese nicht nur interpretiert, sondern auch grundlegend verändert. Heute, 150 Jahre später, wird wohl niemand bezweifeln, dass die Ideen von Marx die Entwicklung der Welt tatsächlich stark beeinflusst haben – auch wenn der Kommunismus noch immer nicht realisiert ist, wie Marx und Engels gehofft haben, oder der revolutionäre Prozess die Welt diesem zumindest näher gebracht hat.

Wir wollen das Jubiläum hier nicht zum Anlass nehmen, Marx´ Hauptwerk zu würdigen, sondern uns allgemein einige Gedanken über 150 Jahre „Marxismus“ zu machen.

Marx´ Ideen sollten nicht nur für, sondern auch durch die Arbeiterklasse umgesetzt werden. Das  Proletariat, das er zu recht als einzig konsequent revolutionäres Subjekt ansah, hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur gewaltig vergrößert; es ist zu hunderten Millionen in Gewerkschaften und Parteien organisiert und wehrt sich immer wieder gegen die herrschenden Verhältnisse und deren Folgen. Auch wenn diese Organisationen fast immer und überall reformistisch und keineswegs revolutionär eingestellt waren und sind, üben sie im positiven wie im negativen Sinn einen enormen Einfluss auf das politische Geschehen und die soziale Entwicklung aus.

Nicht zuletzt dem Wirken der Arbeiterbewegung ist es geschuldet, dass zumindest in den hochentwickelten Ländern der Welt heute höhere soziale und demokratische Standards existieren als zu Marx´ Zeiten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt aber auch, dass an den entscheidenden Wegmarken der Geschichte, in Kriegen, Krisen und in revolutionären Situationen, die reformistische Arbeiterbewegung nicht nur versagt hat, sondern mitunter selbst zur entscheidenden Kraft der Konterrevolution wurde, etwa in Deutschland 1918 und in den Jahren der Weimarer Republik. Hier – und parallel im Sowjet-Russland Stalins – wurden die Weichen der Weltgeschichte in dieser Zeit in die falsche Richtung gestellt. Und nicht nur das: als Leo Trotzki in den 1930ern zu recht davon sprach, dass die Krise der Menschheit sich auf die Führungskrise des Proletariats fokussiert, d.h. dass eine revolutionäre Führung fehlt, ahnte er sicher nicht, dass dieses Problem auch ein knappes Jahrhundert später noch ungelöst ist, ja noch nicht einmal ein Lösungsansatz zu sehen ist.

Die Russische Revolution von 1917 hat zu einem bedeutenden Aufschwung der Arbeiterbewegung geführt. Es konstituierte sich ein eigenständiger, wirklich anti-kapitalistischer und revolutionärer Flügel der Arbeiterbewegung in Gestalt kommunistischer Parteien und der III. Internationale. Doch ihr Bruch mit dem Reformismus der II. Internationale war inkonsequent. Das ungeheure Erbe von Marx war von der II. Internationale zum großen Teil links liegen gelassen worden, eine fundierte Weiterarbeit erfolgte kaum, zentrale Elemente der Marx´schen Konzeption wurden „vergessen“ oder verballhornt, u.a. in der Staatsfrage. Doch auch Lenin, die Bolschewiki und die Komintern waren außerstande, in der ihnen gegebenen sehr kurzen Zeitspanne bis zur Degeneration der kommunistischen Bewegung durch den Stalinismus schon ab Mitte der 1920er, diese Aufgabe auch nur ansatzweise zu bewältigen. Was seitdem als „Marxismus“, als „revolutionär“ oder „kommunistisch“ firmierte, waren nur Varianten einer zum Dogma erstarrten Lehre. Auch die produktiven Ansätze etwa des Trotzkismus oder der Räte-KommunistInnen vermochten nicht, die doppelte Dominanz von sozialdemokratischem und stalinistischem Reformismus aufzubrechen und die „weißen Flecken“ in Marx´ Konzeption mit Inhalt zu füllen.

Bis heute gibt es im „marxistischen“ Milieu, v.a. wenn dieses in organisierter Form auftritt, nur wenige wirklich produktive Ansätze, die Marx´sche Theorie historisch-kritisch aufzuarbeiten und weiter zu entwickeln. Die diversen subjektiv marxistischen bzw. revolutionären Gruppierungen verwalten nur das, was sie für „Marxismus“ halten. Ihr Sektierertum, ihre Zuordnung zu dieser oder jener „Strömung“ und „Internationale“ und einem -ismus verhindert nahezu jede produktive Weiterarbeit. Der heutige „Marxismus“ ist tot und unfruchtbar, er lebt nur noch von der Genialität ihrer beiden Altmeister, die zu Götzen gemacht wurden. Die heutigen „MarxistInnen“ kritisieren – zu recht – den Kapitalismus, aber sie analysieren und verstehen den Kapitalismus bzw. das, was er 150 Jahre nach Marx geworden ist, nicht ausreichend. Auch deshalb kann sich die revolutionäre Linke nicht aus ihrer extremen Marginalisierung herausarbeiten.

Dieses konzeptionelle Dilemma ist allerdings fast schon genauso alt wie das „Kapital“. Doch es handelt sich hierbei nicht nur darum, dass die SchülerInnen des alten Meisters versagt haben. Es ist nicht nur so, dass die meisten Köpfe II. Internationale den revolutionären Impetus von Marx nicht verstehen wollten, weil ihnen der Rock der Sozialreform näher war als das Hemd des Revolutionärs und sie das Proletariat eher als Objekt „sozialistischer“ Politik denn als deren Subjekt gesehen haben. Es ist auch so, dass Marx´ SchülerInnen von ihrem Lehrmeister tw. wenig zur praktischen Handhabung seiner Lehre erfahren haben.

Wenn wir das Schaffen von Marx im Überblick betrachten, fällt auf, dass er philosophischen, historischen und besonders ökonomischen Themen sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet hat. Das ist am Beginn der Erarbeitung einer Weltanschauung normal. Die wesentlichen Pfeiler ihrer Weltanschauung hatten Marx und Engels bereits Ende der 1850er Jahre ausgearbeitet. Danach widmete sich v.a. Marx hauptsächlich der politischen Ökonomie. Notgedrungen kamen dadurch andere Fragen zu kurz. Es ist sicher unzweifelhaft, dass Marx dabei tief in die Materie eingedrungen ist, es ist aber genauso unzweifelhaft, dass Marx´ spätere Erkenntnisse für den Aufbau der revolutionären Arbeiterbewegung, für den Klassenkampf, für die Revolution und den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zum großen Teil irrelevant sind. Die in seinem Werk dafür wirklich wichtigen Erkenntnisse hatte Marx bereits viel früher formuliert.

Wenn Marx z.B. eine Krisentheorie entwickelt hätte, die es der Arbeiterbewegung ermöglicht hätte, Krisen in ihrer Spezifik voraus zusehen, so wäre das von großem Vorteil im Klassenkampf. Doch dem ist nicht so. Eine genaue Krisenvoraussage ist schon deshalb unmöglich, weil Krisen von  verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, die in keiner Prognose exakt erfasst werden können. M.a.W: Die penible Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Ökonomie hätte Marx besser anderen Gebieten gewidmet, die für die Arbeiterbewegung und den Klassenkampf relevanter sind. Doch dieser „Nachteil“ des Marx´schen Marxismus wurde erst deshalb zum Problem, weil seine Nachfolger, die deutsche Sozialdemokratie und die II. Internationale, sich wenig bemüht haben, v.a.  programmatische und taktische Fragen, die Marx oft nur gestreift hat, ernsthaft zu bearbeiten. Über den Massen- bzw. Generalstreik etwa wurde erst um die Jahrhundertwende diskutiert – ohne dass das aber programmatische und praktische Auswirkungen gehabt hätte -, obwohl der erste, sogar erfolgreiche Generalstreik bereits 1859 in Spanien stattfand. Ein halbes Jahrhundert wurde verschlafen. Oder: dass Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ zu einem Bestseller in der deutschen Arbeiterbewegung wurde, obwohl es inhaltlich hinter Marx und Engels zurückfällt und besonders zur Frauenfrage sehr oberflächlich und unkonkret ist, sagt viel über die geringe politische Substanz der II. Internationale aus.

Das Ungleichgewicht zwischen allgemein-theoretischen und politisch-praktischen Fragen in der Arbeit war bei Marx und Engels sehr groß. Solchen fundamentalen Fragen wie dem Aufbau einer revolutionären Partei, der Taktik im Klassenkampf, der Frage, wie eine Revolution aussehen könnte und was den Charakter und die Probleme der aus ihr hervorgehenden Übergangsgesellschaft anbelangt – all das beschäftigte Marx verhältnismäßig wenig. Es ist kein Zufall, dass die Kritiken von Marx und Engels an den Programmen der deutschen Arbeiterbewegung (Eisenacher, Gothaer und Erfurter Programm) zwar originelle, aber inhaltlich eher schwachbrüstige und lustlose „Randglossen“ waren, die trotz wesentlicher und richtiger Kritik die wirklich wichtigen Fragen, z.B. wie der Klassenkampf geführt werden soll, gar nicht berührten.

Wesentlich unterbelichtet war bei Marx wie bei der II. Internationale und ist bis heute die Frage der sozialen Aktivität und der sozialen Strukturen. Marx´ Sicht auf den Klassenkampf war stark „politisch“. Es ging fast nur um den Aufbau von politischen Strukturen – Gewerkschaften und Parteien -, es ging um Wahlen und den Kampf für Demokratie. Doch es ging kaum darum, welche sozialen Strukturen, d.h. Strukturen, in denen man „anders“ lebt und arbeitet, etwa Selbstverwaltungs- und Genossenschaftsstrukturen das Proletariat schaffen kann und auf welche Weise. Dieser Ansatz ist historisch aber in der Arbeiterbewegung (und insbesondere auch im Anarchismus) immer lebendig gewesen. Die Fokussierung nur auf das „Politische“ und die „Verteufelung“ des Anarchismus durch den Marxismus (schon bei Marx) – aber auch umgekehrt des Marxismus durch den Anarchismus – hat den Kampf für proletarische soziale Strukturen aber missachtet oder ihn den Reformisten überlassen.

Auch insofern ließen Marx und Engels ihre Jünger tatsächlich in vielerlei Hinsicht schlecht bewaffnet im Regen des Klassenkampfes stehen. Ausdruck dieser konzeptionellen Schwäche war dann auch die Theoriebildung und Programmatik der II. Internationale und der aus ihr „hervorgegangenen“ Revolutionäre Lenin und Trotzki. Kautsky war nicht zufällig der führende theoretische Kopf der II., wenn auch nicht deren Führer, denn die Führer waren schon bald die Gewerkschaftsbürokraten und deren politische Partner in der Partei. Kautskys Verständnis von Klassenkampf, Revolution und Übergangsgesellschaft war stark von einem historischen Objektivismus „hegelscher Art“ geprägt und pendelte zwischen revolutionären und reformistischen Elementen. Damit war Kautsky für alle Lager – die Reformisten wie die RevolutionärInnen – einigermaßen „akzeptabel“. Es ist durchaus bezeichnend, dass Lenin – mindestens bis 1915 treuer „Kautskyaner“ – 1903 die SdAPR eben anhand nicht programmatischer und eher untergeordneter Fragen spaltete. Mit den „Aprilthesen“ und „Staat und Revolution“ ging er erst im Frühjahr /Sommer 1917, quasi 5 Minuten vor dem Höhepunkt der Revolution, einen – jedoch nicht jeden – programmatischen Schritt vorwärts und beschimpfte seitdem den früher verehrten Kautsky umso heftiger als „Renegaten“. Stets folgte Lenin weitgehend auch den ökonomischen Auffassungen Hilferdings, obwohl dessen Positionen zur Ökonomie der nach-kapitalistischen Gesellschaft stark von denen von Marx abwichen.

Die Fehlentwicklung der Arbeiterbewegung in Gestalt der II. Internationale wurde durch das „mangelnde Engagement“ von Marx und Engels in Fragen des Parteiaufbaus und der  Programmatik sicher erleichtert – verursacht wurde sie dadurch jedoch nicht. Der von Beginn an – also schon vor dem Gothaer Vereinigungsparteitag der SPD 1875 – zu beobachtende reformistische Drall in den Gewerkschaften und linken Organisationen (bei den Lasalleanern wie bei den Eisenachern) wurzelte in der Realität der Entwicklung des Kapitalismus selbst. Die Lage der Arbeiterklasse besserte sich, „sozialstaatliche“ Elemente wurden eingeführt. Parallel dazu entwickelten sich Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie als soziale Träger des Reformismus. Diese Tendenzen Ende des 19. prägten dann umso mehr die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und für diese konkrete Entwicklung gab es eben in Marx´ Konzeption teilweise keine, tw. auch falsche Antworten.

Hier sind wir nun an dem Punkt zu fragen, welche Voraussagen und Prämissen von Marx sich historisch als richtig oder als falsch erwiesen haben.

Über anderthalb Jahrhunderte kapitalistischer Entwicklung seit dem „Kapital“ und der Veröffentlichung der grundlegenden Thesen des Marxismus bieten genug Empirie, um Marx historisch bewerten und einordnen zu können. Und auf der Haben-Seite steht sehr viel. Marx´ Analyse des Kapitalismus als einer ungerechten, zu Krisen, Kriegen, Not, Umweltzerstörung und Entfremdung führenden Gesellschaft bestätigt sich täglich neu. Seine Voraussage, dass der Kapitalismus seine produktive Basis immer wieder umwälzt und weiter entwickelt, hat sich ebenfalls als richtig erwiesen. Genauso bestätigt hat sich, dass diese Tendenz immer nur soweit zur Geltung kommt, insofern die Verhältnisse dafür „weit genug“ sind. Völlig unstrittig dürfte auch sein, dass die Auffassung, eine rein evolutionäre Veränderung der Verhältnisse könne zum Sozialismus führen, falsch ist.

Doch es gibt auch andere Auffassungen von Marx, die sich historisch eben nicht bestätigt haben. So vertrat er die Ansicht, dass im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus Kleinbürgertum und  Mittelschichten tendenziell zwischen den Hauptklassen Bourgeoisie und Proletariat „zerrieben“ werden und sich allein schon dadurch der Klassenkampf immer mehr polarisiert. Die Entwicklung hat diese Prognose nur zum Teil bestätigt. Sicher ist der Anteil des bäuerlichen Kleinbürgertums an der Bevölkerung, v.a. in den imperialistischen Zentren, stark geschrumpft. Andere Bereiche des Kleinbürgertums aber gibt es nach wie vor. Deutlich vergrößert haben sich hingegen die verschiedenen lohnabhängigen Mittelschichten, die an allen Knotenpunkten des gesellschaftlichen Lebens sitzen und immensen Einfluss auf alle sozialen und politischen Vorgänge haben. Sie bilden die massenhafte soziale, staatlich-institutionelle Basis der Macht des Kapitals. Diese Schichten bilden einen mächtigen, aber auch schwankenden, inkonsistenten sozialen Block zwischen den beiden Hauptklassen.

Eine weitere grundlegende These von Marx war die Annahme, dass die absolute und/oder relative Verelendung der Arbeiterklasse zunimmt. Obwohl es diese Tendenzen natürlich gibt und – wie z.B. Piketty in seinem „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“ zeigt – sie in verschiedenen Perioden  unterschiedlich stark zur Geltung kamen, kann von einer größeren absoluten Verelendung des Proletariats im Verlauf von über 150 Kapitalismus seit Marx keine Rede sein. Marx nahm an, dass die Verelendungstendenz das Proletariat immer mehr zum Klassenkampf zwingt und das revolutionäre Bewusstsein der Arbeiterklasse steigen würde. Das ist ganz offensichtlich – als historische Tendenz – falsch. Im Gegenteil: der steigende Lebensstandard der Massen hat wesentlich dafür gesorgt, dass die Massen reformistisch orientiert sind. Sie haben eben nicht nur ihre Ketten zu verlieren – ihre Kettenglieder heißen auch Eigentumswohnung, Kredit, Auto, Urlaub usw. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass diese Entwicklung immer so weitergeht oder keine alternative Entwicklung möglich wäre.

Eine andere zentrale ökonomische These von Marx war die Annahme, dass die Profitrate tendenziell fällt. Marx folgerte das aus der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals infolge der zunehmenden Ersetzung lebendiger Arbeit durch „tote“ Arbeit, also Maschinerie. Der Kapitalismus würde also – vereinfachend gesagt – immer mehr stagnieren und einem Zusammenbruch entgegen gehen. Auch die Zunahme von Arbeitslosigkeit in großem Maße wäre eine Folge davon. Diese Annahmen von Marx können wir 150 nach dem Erscheinen seines „Kapitals“ insgesamt nicht bestätigen.

Klar ist in jedem Fall, dass diese Irrtümer von Marx bedeuten, dass der Klassenkampf und dessen  objektive Bedingungen sich anders entwickelt haben, als er annahm. Diese summarisch am ehesten als „Zusammenbruchs-Tendenzen“ zu beschreibenden Postulate von Marx haben aber einen großen Einfluss auf das Denken und Handeln von MarxistInnen gehabt. Zum einen beförderten sie eine objektivistische Betrachtungsweise des historischen Prozesses. Ausdruck davon waren einerseits der sozialdemokratische Reformismus und andererseits die, tw. bei Lenin und v.a. im Stalinismus ausgeprägte, Annahme, dass „die Partei“ in Symbiose mit dem Staat die historische Wahrheit verkörpere und daher Arbeiterklasse und Gesellschaft dirigieren könne und müsse.

Die „Zusammenbruchs-Tendenz“ führte den revolutionär orientierten Flügel der Arbeiterbewegung zu der Annahme, dass das Proletariat auf den großen „Sprung“, die Revolution, vorbereitet werden müsse, wie er dann in Russland auch stattfand. Doch der russische Oktober war eher die Ausnahme und eben kein Modell für die Welt. Zwar erwies sich der Oktober-Aufstand zur Machtergreifung des Proletariats als notwendig und möglich, doch die Bedingungen der Revolution in Russland waren v.a. für entwickelte Länder durchaus untypisch. D.h. der Klassenkampf zur Vorbereitung der Revolution findet wenigstens in den imperialistischen Zentren unter sehr anderen Verhältnissen statt, als im Russland von 1917.

Diese Fokussierung auf den revolutionären Umsturz „aus dem Stand“ führte dazu, dass die Anforderungen des alltäglichen Klassenkampfes zur Formierung des revolutionären Subjekts unterschätzt wurden. So gerieten (wie schon oben dargelegt) das Genossenschaftswesen u.a. Ansätze der Selbstorganisation an den Rand der politischen Konzepte oder fielen der rein reformistischen Handwerkelei anheim. Dieses Manko lähmt bis heute bedeutend die Wirksamkeit revolutionärer Politik.

Wenn es bei Marx ein Credo gibt, dann wird dieses vielleicht durch zwei Sätze gut umrissen: „An allem ist zu zweifeln!“ und „es gilt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Doch das letztere Ziel bedeutet eben, die Verhältnisse, unter denen dieser Kampf stattfindet, und die Konzepte dafür, beständig dem historisch-kritischen Zweifel zu unterziehen und weiter zu entwickeln. Solange der „Marxismus“ sich diesen Aufgaben nicht ernsthaft und systematisch wieder – oder erstmals – widmet, verdient er seinen Namen nicht, wird er nicht Geschichte schreiben, sondern nur „Randglossen“ dazu.

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