Marx im Heiligenschrein: Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Anmerkungen zu einem Artikel von Martin Suchanek

Hanns Graaf

Anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx wurde in seiner Heimatstadt Trier, reichlich verspätet, eine Statue für einen der bedeutendsten und wirkungsträchtigsten Denker der Menschheit aufgestellt. Auch sonst ist das Marx-Jubiläum Anlass, Marx auf einen Sockel zu heben. Wir wollen hier einen Blick auf die Marx-Rezeption der marxistischen Linken werfen. Deren Vielfalt macht es notwendig, dies – pars pro toto – anhand eines Beispiels zu tun. Dazu nehmen wir einen Text von Martin Suchanek, der am 5. Mai von der Gruppe Arbeitermacht (GAM) veröffentlicht  wurde (Quelle). Anhand dieses Artikels möchten wir zeigen, dass die Marx-Rezeption der Linken – bei allen Unterschieden – grundsätzliche Mängel aufweist und in vieler Hinsicht mehr mit der Pflege eines Dogmas zu tun hat als mit einer historisch-kritischen Verarbeitung des Werkes von Marx.

Der Autor Suchanek beginnt mit einigen Bemerkungen zur Marx-“Ehrung“ durch die Bürgerlichen:  Auch wenn die offizielle Gedenkkultur eher der Leichenschändung als einer Würdigung gleichkommt, so liegt selbst in der bürgerlichen Vereinnahmung und Entstellung von Marx etwas unfreiwillig Entlarvendes. Kaum ein Theoretiker, kaum ein wissenschaftliches Werk wurde so oft für „tot“, „überholt“ und „widerlegt“ erklärt. Daran ist zweifellos etwas Wahres. Sicher hat kein bürgerlicher Autor oder Verlag ein Interesse, die revolutionäre Brisanz der Marxschen Ideen auch für die Gegenwart zu betonen. Allerdings rechtfertigt das noch lange nicht die im Grunde ausschließlich negative Gesamtwertung der bürgerlichen Marx-Rezeption durch Suchanek. Auf fast keinen der diversen Marx-Beiträge, etwa in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern, treffen die Suchanekschen Attribute wirklich zu. Da ist auch sehr viel Objektives, ja Positives zu vernehmen. Oft sind dort Aussagen wie Marx ist aktueller denn je oder der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichtezu hören. Natürlich bleibt all das im Ungefähren und damit fast folgenlos – doch wer wollte von bürgerlichen Medien mehr erwarten als das? Immerhin wäre auch eine ganz andere, weniger intensive und wesentlich negativere Rezeption möglich.

Dabei haben manche bürgerliche Marx-Interpretationen den Vorteil vor vielen aus der linken Ecke, dass sie wenigstens in Ansätzen die entscheidende Frage aufwerfen, was von den Ansichten des alten Marx 150 Jahre nach dem „Kommunistischen Manifest“ und dem ersten Band des „Kapital“ noch haltbar ist. Wenn Suchanek die große Fülle bürgerlicher Marx-Beiträge konstatiert, stellt sich doch sofort die Frage, wo denn substanzielle Beiträge der „marxistischen Linken“ dazu sind? Und da sieht es eher mau aus. Wie schon beim 100jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution 2017 zeigt sich die „radikale Linke“ weitgehend unfähig, irgendeinen relevanten Beitrag abzuliefern außer Heldenverehrung und der Wiederholung der immer gleichen Thesen ihre jeweiligen -ismen. Von einer Kooperation der Linken in puncto Öffentlichkeitsarbeit oder gar wissenschaftlicher Aufarbeitung, etwa einer bundesweiten oder internationalen Konferenz, kann nicht die Rede sein. Doch dazu, warum das so ist, und wie man dieses Dilemma überwinden kann, findet man in Suchaneks Artikel so wenig wie in anderen linken Beiträgen. So gerät die Kritik an der bürgerlichen Marx-Ehrung eher zum Feigenblatt der eigenen Unzulänglichkeit.

Stöbert man in linken Publikationen oder im Internet, findet sich im Ehrungs- und Bestätigungswust  kaum etwas Neues, Originelles oder Substantielles. Da macht auch die GAM keine Ausnahme, obwohl sie ansonsten immer betont, wie wichtig ihr Theorie und Propaganda wären. In den Anfängen ihrer internationalen Tendenz, der „Bewegung für eine revolutionär-kommunistische Internationale“ (BRKI) und mit der Gründung der „Liga für eine revolutionär-kommunistische Internationale“ (LRKI) im Sommer 1989 war noch etwas von einem Aufbruch zu spüren. Heute ist davon in der Liga, die sich seit 2003 „Liga für die Fünfte Internationale“ (LFI) nennt, kaum noch etwas zu merken: aus engagierten Erneuerern revolutionärer Theorie sind bloße Verwalter geworden. Diese Einschätzung trifft umso mehr auf die gesamte „radikale“ bzw. „marxistische“ Linke zu. Immer wieder wird – und durchaus zu recht – betont, dass Marx auch für heute noch aktuell ist. Doch was heißt das genau, welche seiner Prognosen haben sich bestätigt, wo hat er sich geirrt? Die linken Marx-Interpretationen offenbaren v.a. das Fehlen eines historisch-kritischen Herangehens, also genau jener Methode, für die Marx stand.

Kritische Kritik

Suchanek beleuchtet die Hintergründe der Thesen einiger bürgerlicher und linker Marx-Exegeten. Er schreibt: Die Marx-„Kritik“ nach dem Zweiten Weltkrieg, wie z. B. in Karl Poppers Elend des Historizismus dargelegt, war sicherlich nicht viel dümmer oder klüger als die heutigen „Widerlegungen“. Aber vor dem Hintergrund der ökonomischen Expansion der 1950er und 1960er Jahre konnte sie auf eine ständige Verbesserung der Lebensbedingungen aller verweisen, wie es auf der gesellschaftlichen Oberfläche erschien. Die Krisentheorie und die bei Marx entwickelte relative Verelendungstheorie schienen widerlegt, das Proletariat „verschwunden“, integriert und zur „Mittelklasse“ aufgestiegen.

Außerdem war die revolutionäre Theorie unter Stalin und Mao zum „Marxismus-Leninismus“ kanonisiert worden und zur Legitimationsideologie einer herrschenden Kaste verkommen, die Theorie, Programm und Politik von Marx und Lenin in ihr Gegenteil verkehrte. Im Westen wiederum brachen die Frankfurter Schule und andere Spielarten des „Neo-Marxismus“ mit dem revolutionären Kern der Theorie. Der „organisierte Kapitalismus“ wäre fähig zur erfolgreichen staatlichen Krisenabfederung, das Proletariat unfähig, sich als revolutionäres Subjekt zu konstituieren.

Schauen wir einige seiner Punkte an. Die ständige Verbesserung der Lebensbedingungen betraf und betrifft keineswegs, wie Suchanek meint, nur die 1950er und 60er Jahre. Bis heute etwa nimmt die Zahl der Armen in der Welt relativ und sogar absolut ab. Und diese Entwicklung war keineswegs  nur eine auf der gesellschaftlichen Oberfläche“, wie Suchanek formuliert. Sie ist ein Fakt. Die gesamte Entwicklung des Kapitalismus seit Marx zeigt diesen Trend. Auch die Tendenz der relativen Verarmung, die Marx postuliert, zeigt sich so in der Realität nicht grundlegend. Wie z.B. Thomas Pickety in seinem „Kapital“-Buch darstellt, wechselte der Trend der Reichtumsverteilung immer wieder. Sicher erfolgt gegenwärtig und schon seit zwei, drei Jahrzehnten eine deutliche Umverteilung von unten nach oben, doch ob dieser Trend sich immer so fortsetzt, ist damit nicht bewiesen.

Zur Frage der Verelendung argumentiert Suchanek: Heute leben wir in einer Periode, wo auch immer größere Teile der Klasse mit sinkenden Einkommen zu kämpfen haben, wo selbst in den tradierten imperialistischen Zentren wie Deutschland Millionen zu prekär Beschäftigten wurden, zu einem Heer von „working poor“ samt Kindern und RentnerInnen in Armut. In Ländern wie China und Indien, wo sich die industrielle Produktion fieberhaft ausdehnt, wächst auch die Zahl der überausgebeuteten Armen.

Diese Beschreibung hat nur partiell mit der Realität zu tun. Was heißt überhaupt, dass immer größere Teile der Klasse mit sinkenden Einkommen zu kämpfen haben? Was ist mit dem Gros der Klasse? Allein in jenen „Tiger-Staaten“, wo eine verspätete Entwicklung des Kapitalismus stattfand, also etwa in China, Indien, Brasilien, Türkei, Südkorea usw. ist nicht nur die Arbeiterklasse um hunderte Millionen gewachsen, auch ihr Lebensstandard ist gestiegen (nicht nur im Vergleich zur ländlichen Armut vorher, aus der sie kam). Auch die Lohnentwicklung etwa in China oder Indien zeigt das ganz eindeutig, nicht zuletzt auch bedingt durch den Kampf der ArbeiterInnen dort.

Suchanek beschreibt eine Situation, wo selbst in den tradierten imperialistischen Zentren wie Deutschland Millionen zu prekär Beschäftigten wurden, zu einem Heer von „working poor“ samt Kindern und RentnerInnen in Armut.Natürlich gibt es diese Tendenzen. Es gibt aber auch andere. Es geht nicht primär darum (und ist als Methode auch völlig ungeeignet), bestimmte Tendenzen aufzuzeigen; es geht vielmehr darum, die Situation der Gesamtklasse, also letztlich des globalen  Proletariats, im Auge zu haben, also nicht den Wald vor lauter Bäumen aus dem Blick zu verlieren. Die historische Tendenz des Lebensstandards des Proletariats ist klar: sie zeigt nach oben, nicht nach unten. Das heißt natürlich nicht unbedingt, dass es immer so weiter gehen wird. Doch eine realistische Analyse muss zuerst von der Empirie, also dem historischen Trend, ausgehen und nicht von Marginalien.

Marx ging auch durchaus nicht nur von einer zunehmenden relativen Verarmung aus, sondern auch von Tendenzen zur Zunahme der absoluten Verarmung. Auch Marx` Postulat der tendenziell fallenden Profitrate inkludiert durchaus das Anwachsen der industriellen Reservearmee. Doch auch diese Tendenz gibt es im historischen Maßstab nicht. Wir könnten nun aus diesem Nichteintreten einer Folge die berechtigte Frage stellen, ob das nicht auch darauf verweist, dass die Ursache selbst – also der tendenzielle Fall der Profitrate – nicht zutrifft. Und tatsächlich: 150 Jahre Kapitalismus nachdem Marx das Gros seines „Kapitals“ geschrieben hat, zeigen diese Tendenz nicht, geschweige denn, dass er seine Dynamik verloren hätte oder gar kollabiert wäre. Die bei Marx – und in dieser oder jener Form oder Betonung auch bei anderen MarxistInnen – sichtbare Untergangs- oder Zusammenbruchstendenz hat sich historisch nicht nur nicht bestätigt, sie hat auch immer wieder zu groben Fehlern in Programmatik und Praxis der kommunistischen Bewegung geführt, z.B. in Gestalt der Politik der „Dritten Periode“. Der Hang, von einem „Zusammenbruch“ des Kapitalismus auszugehen, hatte und hat auch die fatale Konsequenz für die marxistische (aus anderen Gründen aber auch für die reformistische) Arbeiterbewegung, dass diese dem Genossenschafts- und Selbstverwaltungsstreben der Klasse meist skeptisch bis ablehnend gegenüber stand und diesen wichtigen Teil des allgemeinen antikapitalistischen und Klassenkampfes vernachlässigt hat.

Die These vom tendenziellen Fall der Profitrate könnte durchaus als eine Quintessenz der Theorie von Marx angesehen werden. Doch sie hat ihre Haken. Erstens verfügte Marx noch nicht einmal annähernd über empirische Daten als Beweise für seine These. Zweitens war der für ihn bewertbare historische Zeitraum, in dem sich die Tendenz hätte entfalten können, viel zu kurz. Drittens war der „Industrie“-Kapitalismus bis Ende des 19. Jahrhunderts erst in einigen Ländern wirklich durchgesetzt. Der Kapitalismus zu Marx´ Zeiten war qualitativ und quantitativ in vielerlei Hinsicht noch ein Frühkapitalismus. Das bedeutet nichts weniger, als dass Marx´ These vom tendenziellen Fall der Profitrate nichts anderes war und sein konnte als eine Hypothese, der (noch) jeder Beweis fehlte. Dass die Hypothese richtig ist, konnte nicht Marx selbst, sondern können nur seine Nachfolger bzw. die reale Entwicklung selbst beweisen. Doch: Wo ist dieser Beweis?!

Bezüglich der Krisentheorie können wir feststellen, dass a) Marx keine Gesamt-Krisen-Theorie erarbeitet hat, dass b) seine Kern-Auffassungen zur Krise sich aber durchaus bestätigt haben, dass sich c) allerdings seine Annahme, dass die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zunehmen würde, nicht eingetroffen ist. Nach Marx´ Tod gab es ganze zwei Krisen, die das System stark erschütterten: 1929 und 2008. Und gerade die letzte von 2008 zeigt, dass die Bourgeoisie durchaus besser als 1929 in der Lage ist, dagegen zu steuern. Die von vielen Linken (auch der GAM) behauptete langfristige negative oder depressive Wirtschaftstendenz hat sich insgesamt nicht eingestellt, wie v.a. die Entwicklung der größten Wirtschaftsmächte USA und China, aber auch anderer wie Deutschland oder Indien beweist. Die Krise in Südeuropa ist insofern durchaus nicht typisch und resultiert zudem v.a. aus der Fehlkonstruktion von EU und Euro.

Hinsichtlich der Krisentheorie zeigt sich: Krisen gehören weiter zum Kapitalismus, alle Versuche, sie zu eliminieren, sind gescheitert. Doch dass das System von seinen Krisen quasi in einen Abwärtstaumel getrieben würde und einem Zusammenbruch immer näher käme, ist durch die Realität keinesfalls gedeckt. Es war auch Marx klar, dass Krisen für den Kapitalismus nicht nur ein Problem, sondern auch ein „Jungbrunnen“ sind, eine Quelle von Innovationen und Dynamik. Dass diese „Vorzüge“ in einer kommunistischen Gesellschaft noch ganz andere Dimensionen annehmen können, ist eine andere Sache.

Klassenstruktur

Wenn Suchanek konstatiert, dass die Kritik an Marx – „das Proletariat (sei) „verschwunden“, integriert und zur „Mittelklasse“ aufgestiegen“ – nicht zutrifft, hat er grundsätzlich recht. Doch allzu schnell ist die Frage für ihn damit abgehandelt. Denn natürlich hat sich die Klassenstruktur des Kapitalismus geändert, v.a. hinsichtlich der Mitte. Während, wie Marx vorausgesagt hat, immer mehr „traditionelles“ Kleinbürgertum deklassiert wurde, haben sich zugleich neue Schichten gebildet. Die Mittelschichten, die quasi einen Block zwischen den Hauptklassen Bourgeoisie und Proletariat darstellen, sind keinesfalls verschwunden oder wenigstens minimiert worden, wie Marx  annahm und auch deshalb von einer tendenziellen Verschärfung des Klassenkonflikts ausging. Im Gegenteil: die – lohnabhängigen! – Mittelschichten spielen eine weit größere Rolle als zu Marx´ Zeit. Ganze Berufsgruppen, die im 19. Jahrhundert und noch Anfang des 20. Jahrhunderts quantitativ wie qualitativ nur eine marginale Rolle spielten, sind enorm angewachsen und besetzen heute die sozialen Knotenpunkte: Wissenschaft, Forschung, Bildung, Medien, Kultur, Sozialbereich, Verwaltung usw. Diese Entwicklung wurde so von Marx nicht vorausgesehen.

Auch seine These vom tendenziellen Fall der Profitrate zeigt das. Würde nämlich – was auf betrieblicher Ebene durchaus zutrifft – immer mehr lebendige Arbeit (v-Kapital) durch Maschinerie (c-Kapital) verdrängt, müsste es immer mehr Arbeitslosigkeit geben (nicht zuletzt auch durch die Proletarisierung des Kleinbürgertums). Das ist jedoch historisch gesehen nicht der Fall. Stattdessen hat sich die lebendige Arbeit in andere Bereiche verlagert (Bildung, Wissenschaft usw.), d.h. die gesellschaftliche Gesamtrelation zwischen c und v hat sich nicht in dem Maße verschoben, wie Marx annahm.

Natürlich ist das Proletariat weder verschwunden noch hat es seinen Charakter als objektiv einzig konsequent revolutionärer Klasse eingebüßt. Doch im Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat hat sich insofern etwas geändert, als mit den ungeheuer angewachsenen lohnabhängigen Mittelschichten gleichsam ein Puffer zwischen den Klassen liegt, der den Klassenkampf sehr stark prägt. Spätestens seit 1968 zeigt sich das in jeder größeren sozialen Bewegung. Diese Veränderung in der Klassenstruktur müssen für die politischen Konzepte und für den Klassenkampf  berücksichtigt werden. Das ist der antikapitalistischen Linken bisher nicht gelungen, was auch daran liegt, dass sie Marx nicht auf den historischen Prüfstand stellt, sondern ihn auf einen Sockel hebt.

Auch in Suchaneks Argumentation spürt man das. Nicht die reale Entwicklung wird herangezogen, um Marx´ Thesen zu beweisen bzw. zu prüfen, sondern umgekehrt. Diese Methode ist zweifellos eine idealistische, keine materialistische. Suchanek zitiert Marx: „Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der Akkumulation, und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, ob hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß.“ Suchanek folgert: „Es wächst also auch in der Periode der kapitalistischen Expansion die ökonomische Abhängigkeit der ArbeiterInnenklasse, die Dominanz des Kapitals.“ Suchaneks „also“ ist verräterisch. Ob Marx richtig lag, kann nur die Analyse der historischen Entwicklung des Kapitalismus seit Marx zeigen. Suchanek jedoch geht gerade andersherum, quasi a priori, davon aus, dass die Realität nur so aussehen kann, wie Marx  postulierte, weil Marx recht hatte. Ein typischer Zirkelschluss, den man so auch in jedem katholischen Seminar hören könnte.

Hier bekommen wir vorgeführt, wie „MarxistInnen“ Positionen und Schlussfolgerungen ihres Altmeisters einfach übernehmen, jedoch seine kritisch-materialistische Methode ignorieren. Da ist es zum Dogmatismus nicht weit.

Entstehung des Marx’schen Werkes

Im so betitelten Abschnitt seines Textes skizziert Suchanek u.a. den Frühsozialismus als eine Quelle des Marxismus und äußert sich zu anderen nichtmarxistischen Strömungen wie dem Anarchismus.

Suchanek schreibt: „Der Frühsozialismus griff die universellen Freiheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft auf, wandte sie als Maßstab gegen die zur Macht gekommene Bourgeoisie. Die herrschende Klasse erfüllte die eigenen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechten nicht. Damit verwies der Frühsozialismus zwar auf den antagonistischen Charakter der Gesellschaft, doch seine Vorstellung einer besseren, sozialistischen war selbst noch im bürgerlichen Rechtshorizont befangen, daher wesentlich moralisch. Eine wissenschaftliche Fundierung fehlte. Den bestehenden, kapitalistischen Verhältnissen wurden einfach „bessere“, herrschaftsfreie entgegengestellt – teils in genialen, inspirierenden Betrachtungen, teils indem der verallgemeinerten Warenproduktion wie z. B. im Proudhonismus eine vermeintlich gerechtere Form ebendieser entgegengestellt wurde.“

Das Bild, das Suchanek hier zeichnet, zeigt ein Missverstehen der Sache. Die Frühsozialisten (die nicht zufällig schon von Marx und Engels pejorativ oft als „utopische Sozialisten“ bezeichnet wurden) waren keineswegs nur „moralisch“ unterwegs und immer nur im „bürgerlichen Rechtshorizont“ befangen. Es stimmt zwar, das weitgehend eine wissenschaftliche Fundierung fehlte, doch dafür hatte er oft mehr praktische Relevanz und verkörperte mehr konkreten Anti-Kapitalismus als alle Schriften von Marx zusammen. Wenn der Autor sagt, den „bestehenden, kapitalistischen Verhältnissen wurden einfach „bessere“, herrschaftsfreie entgegengestellt“, so ist das nicht nur abwertend, sondern einfach falsch. Die diversen und sehr verschiedenen Projekte genossenschaftlicher Selbstorganisation haben nicht nur oft gut funktioniert und positiv eine konkrete Alternative zu den kapitalistischen Verhältnissen aufgezeigt, selbst ihre Probleme und ihr  oftmaliges Scheitern sind Lehrstücke des Klassenkampfes – vorausgesetzt, es gibt lernwillige Schüler. Gerade an denen aber mangelt es unter den „Marxisten“. Die II. Internationale und die Bolschewiki haben auf ihre Art gezeigt, wohin es führt, die Genossenschaftsfrage und die Selbstorganisation des Proletariats zu unterschätzen und nur auf den Staat (und sei es ein „proletarischer“) zu setzen.

Man mag den Frühsozialisten vorwerfen, dass sie zu wenig theoretisiert haben, doch man kann genauso berechtigt Marx vorwerfen, dass er vielen entscheidenden Fragen des Klassenkampfes und der nach-kapitalistischen Gesellschaft wenig oder fast keine Aufmerksamkeit schenkte und sich stattdessen viel zu viel mit irgendwelchen, oft marginalen Verästelungen der ökonomischen Theorie des Kapitalismus abgab.

Noch deutlicher wird die „marxistische“ Borniertheit am Verhältnis zum Anarchismus. Suchanek konstatiert, dass sich „der Marxismus schon zu Lebzeiten von Marx und Engels gegen ideologisch kleinbürgerliche Strömungen wie den Proudhonismus und Anarchismus im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hatte“. Doch mit keinem Wort erwähnt der Autor, dass es der Marxismus – und auch Marx und Engels selbst – nicht vermochten, dessen positive Elemente wie Betonung der sozialen Aktion, der Schaffung von Strukturen proletarischer Selbstorganisation bis hin zu Elementen einer Staatstheorie, die wesentliche Elemente der Position von Marx, die er aber erst nach 1871 „entdeckte“, bereits prononcierter und früher entwickelt hatte, einzuarbeiten. Wenn Suchanek schreibt „Der Marxismus entstand im Bruch mit diesen Ideen“, dann stimmt das  insofern, als es eben keine Synthese gab (nicht zu verwechseln mit einem „Mischmasch“). Selbst die Kritiken von Anarchisten u.a. Linken am „Staatssozialismus“ (der in Wahrheit ein Staatskapitalismus war) nach dessen erbärmlichem Scheitern werden vom „Marxismus“ weitgehend ignoriert – zugunsten der These, dass Lenin der Erbe und Fortsetzer von Marx wäre. Insofern hatte dieser „Sieg“ auch etwas von einem Pyrrhussieg an sich. Die Mischung an Unkenntnis, Ignoranz und Verleumdung, die Marx etwa in der IAA gegenüber Bakunin und den Anarchisten praktizierte, wird bis heute im Marxismus gern „übersehen“ oder gar als Erfolg hingestellt. Diese unglaubliche Ignoranz (vermischt mit Unkenntnis) der MarxistInnen gegenüber dem Anarchismus äußert sich auch darin, dass die unbestreitbaren Erfolge dieser Strömung völlig unterbelichtet bleiben. Diese Haltung wird auch nicht dadurch besser oder gar entschuldigt, dass diese Vorwürfe im großen und ganzen auch auf das Verhältnis der AnarchistInnen zum Marxismus zutreffen.

Marx und die IAA

Suchanek behauptet: „Marx entdeckte daher nicht nur die historische Bedeutung der Kommune – seine Einschätzung stand auch im krassen politischen Gegensatz zur Einschätzung der AnarchistInnen. Er solidarisierte sich nicht nur mit den RevolutionärInnen der Kommune, er unterzog auch deren Schwächen und Halbheiten einer scharfen Kritik.“

Hier wird verschwiegen, dass Marx und der Generalrat der IAA recht lange – und für RevolutionärInnen sträflich lange – brauchten, um überhaupt auf die Kommune zu reagieren. Selbst eine simple Grußadresse ließ lange auf sich warten. Marx und die IAA – obwohl einige ihrer Mitglieder aktiv in der Kommune mitwirkten – reagierten eigentlich nur im Nachhinein, sie kritisierten – zu recht – einige Fehler der KommunardInnen. Doch wo waren ihre Vorschläge während der Wochen der Kommune?

Woher Suchanek seine Behauptung nimmt, Marx´ „Einschätzung (der Kommune, d.A.) stand auch im krassen politischen Gegensatz zur Einschätzung der AnarchistInnen“, bleibt sein Geheimnis. Natürlich gab es wichtige Differenzen zwischen Marx und Bakunin. Doch es gab auch wichtige Übereinstimmungen. Die Anarchisten hatten bereits vor Marx´ Analyse der Kommune ein klareres Verständnis davon, dass der bürgerliche Staat zerschlagen und durch Selbstverwaltungsorgane ersetzt werden muss. Es ist fast ein geflügeltes Wort unter „MarxistInnen“, dass „die AnarchistInnen“ – es gibt keinen einheitlichen Anarchismus – gegen jede Staatlichkeit, auch eine proletarische, Räte-artige seien. Das ist jedoch völliger Mumpitz. Ob in der Pariser Kommune, in der Russischen Revolution 1917, während der „Machnowiade“ oder in der Spanischen Revolution – immer haben AnarchistInnen mit der Waffe in der Hand die Revolution verteidigt und Räte-artige Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen geschaffen, die – im Unterschied zum bolschewistischen Modell – auch recht gut funktioniert haben. Allerdings bevorzugten sie eine föderalistische anstatt einer über-zentralistische Struktur.

Die (durchaus auch von Marx selbst in der IAA oft in demagogischer Weise forcierten) Vorwürfe gegen den Anarchismus sind in vielen Punkten trotzdem richtig. Es ist keine Frage, dass der Anarchismus insgesamt keine Strategie ist, die dem Proletariat den Sieg ermöglicht: etwa ihre Ablehnung jeder Partei, tw. politischer Forderungen und der Ausnutzung des Parlamentarismus. Doch Kritik ist etwas anderes als Verleumdung und Geschichtsklitterung – zudem nach dem furchtbaren Scheitern der revolutionären Bewegungen nach 1917 und der kompletten Marginalität des „Marxismus“ heute. Diese, auch hier von Suchanek zur Schau getragene, Selbstgewissheit der „Marxisten“ ist angesichts dessen wahrlich absurd und einfach nur abstoßend.

Hinsichtlich des Endes der IAA meint Suchanak: „Dem Auseinanderbrechen der Ersten Internationale lagen also grundlegende politische Differenzen zugrunde. Der Bruch war nicht nur unvermeidlich, sondern auch ein historischer Fortschritt zur Klärung proletarischer Strategie und Taktik.“ Ob es insgesamt wirklich ein Fortschritt war, sei dahingestellt. Insofern, als durch Marx – nicht durch Bakunin – die sachliche Diskussion zerstört und auch in der Zukunft verunmöglicht wurde, sicher nicht. Es ist kein Zufall, dass das Marxsche Intrigenspiel in der IAA letztlich auch fast alle seine eigenen Unterstützer entnervt vertrieben hat. So war das Ende der IAA eher ein Desaster als ein Erfolg. Suchaneks Einschätzung zum Ende der IAA, dass der „Bruch (…) nicht nur unvermeidlich, sondern auch ein historischer Fortschritt zur Klärung proletarischer Strategie und Taktik“ war, trifft insofern nur zum Teil zu. Selbst die Klärung und „Bewahrung“ der Prinzipien durch Marx erwies sich späterhin als durchaus nicht so großartig, wie von Suchanek und den „MarxistInnen“ stets behauptet. Wenn wir etwa die Kritiken von Marx bzw. Engels an den Programmen der Sozialdemokratie – dem Gothaer und dem Erfurter Programm – anschauen, stellen wir fest, dass gerade die wesentlichen Fehler und Fehlstellen dieser „Programme“ (soweit man sie angesichts der peinlichen Kürze dieser Texte überhaupt Programm nennen kann) nicht erwähnt werden: v.a. das Fehlen von Aussagen darüber, wie der Klassenkampf konkret geführt werden soll, Ausführungen zur Staatsfrage, v.a. bezüglich der Rätedemokratie usw. usf.

In diesem Sinn erweist sich der „Marxismus“ oft auch als unfähig, sachlich auf andere Linke einzugehen, die immerhin versuchen, Schlussfolgerungen aus dem Scheitern des „Realsozialismus“ und aller Revolutionen bzw. revolutionären Versuche seit 1917 zu ziehen. Auch wie Suchanek z.B. auf Bini Adamczak eingeht, zeigt das sehr deutlich. Er zitiert sie: „Der Umsturz erhielt ein großes Gewicht gegenüber der Umwälzung, die Insurrektion gegenüber der Transformation.“ Dazu merkt Suchanek an: „Statt dessen will sie die Entwicklung des Widerspruchs von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen „in dem Sinne von Produktions- und Verkehrsverhältnissen“ verstanden wissen, „die sich parallel zu den dominanten entwickeln.“ (S. 131) Vorwärts also zum Frühsozialismus!“

So einfach ist das! Natürlich trifft Adamczaks Einschätzung zu. Allein die theoretisch-programmatische und umso mehr die praktische Unterschätzung des Genossenschaftswesens und der Räte-Demokratie, die in der Tendenz schon bei Marx angelegt ist, aber erst in der II. Internationale, bei Lenin und Stalin praktisch zum Tragen kam, zeigt das. Man schaue sich heute (soweit überhaupt vorhanden) die Programmatik und Praxis der Linken an, dort taucht kaum der Begriff „Genossenschaften“ auf – auch nicht bei der GAM.

Die Überhöhung der Russischen Revolution zum allgemeinen Modell der Revolution ist ein anderer Ausdruck dieser Einseitigkeit, denn 1917 hatte neben durchaus modellhaften Zügen auch viele Merkmale, die v.a: eine welthistorische Ausnahme darstellten und eben keine Regel – davon ganz abgesehen, dass das Bild der Entwicklung nach 1917 in allen linken Strömungen, also auch im marxistisch-trotzkistischen Milieu, zu dem Suchanek und die GAM gehören, tw. mit der historischen Realität wenig zu tun. Die weitgehend inhaltsleere und dogmatische Beschäftigung mit 1917 anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Revolution durch die Linke zeigt das augenfällig.

Natürlich – hier hat Suchanek recht – bieten Adamczak und das gesamte Milieu der Linkspartei auch keine Lösungen, geschweige denn eine engagierte Praxis an, doch mit der Wiederholung dogmatischer Allgemeinplätze, wie das Suchanek macht, ist dem nicht zu begegnen. Etwas vergröbert könnten wir sagen, dass die Linke a la Adamczak und Linkspartei für Reformen anstatt der Revolution plädiert (freilich, ohne selbst für Reformen wirklich zu kämpfen), Suchanek und die „Marxisten“ plädieren für ein dogmatisches Modell von Revolution, das sie im Bolschewismus erblicken, und sehen Reformen – genauer: nur bestimmte Reformen – eher als “Nebenkriegsschauplatz“ an und übersehen zum Teil, dass Reform (nicht als reformistische verstanden) und Revolution nur zwei Seiten einer Medaille sind.

Basics

Im Abschnitt „Historische Rolle des Proletariats“ arbeitet Suchanek treffend einige wesentliche Merkmale des Werkes von Marx heraus, die wir hier nicht wiederholen wollen. Zurecht schreibt er, dass für Marx und Engels im Zentrum stand, die historische Rolle des Proletariats als der einzigen konsequent revolutionären Klasse herauszuarbeiten.

Der Autor führt aus: „Für Marx stellt die ArbeiterInnenklasse keine bloß sozial-statistische Kategorie dar, die sich beispielsweise durch geringes Einkommen, eingeschränkten Zugang zu kulturellen Ressourcen, strukturelle Benachteiligung usw. auszeichnet. Vielmehr kann die ArbeiterInnenklasse nur im Verhältnis zum Kapital, ja zur Gesamtheit der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Totalität verstanden werden. Das Proletariat ist keine Ansammlung von Individuen mit gleichen Eigenschaften – es muss vielmehr im Verhältnis zur KapitalistInnenklasse verstanden werden, im Rahmen eines Widerspruchsverhältnisses.

Daher muss die ArbeiterInnenklasse selbst auch immer in ihrem Werden, ihrer Veränderung verstanden werden – nicht nur in dem Sinne, dass sich ihre Zusammensetzung, ihre Struktur usw. infolge der Kapitalzusammensetzung ständig ändern, umwälzen, sondern vor allem auch darin, dass das Proletariat nur im Kampf, in seiner Organisierung, und indem diese mit der marxistischen Theorie verbunden wird, zu einer Klasse für sich werden kann. Gewerkschaften stellen dabei elementare Organisationsformen dar. Entscheidend ist aber für Marx die Konstituierung der Klasse zur politischen Partei, zu einem Zusammenschluss der bewusstesten Teile der Klasse, ihrer Avantgarde auf Grundlage eines gemeinsamen Programms zum Sturz des Kapitalismus.“

Das alles ist richtig. Doch es fehlt – wie oben gezeigt – eine Konkretisierung dieser marxistischen „Basics“ durch programmatischen Elemente, die aus der Analyse von 150 Jahren Kapitalismus, die seit der Entstehung der zentralen Thesen von Marx vergangen sind, gezogen werden müssen. Dazu zählen u.a.:

  • die Veränderung des Klassenverhältnisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat durch das „Dazwischentreten“ eines riesigen Blocks an lohnabhängigen Mittelschichten, was entsprechende politische Taktiken erfordert;
  • die Erkenntnis, dass die Entwicklung der Übergangsgesellschaft Richtung Kommunismus nicht  wesentlich einem Staat – egal, welche Form dieser annimmt – überlassen werden kann, wie es die II. Internationale, der Bolschewismus und der Stalinismus postulierten bzw. praktizierten; das „Absterben des Staates“ (Engels) ist nicht nur Ergebnis der Entwicklung zur Kommunismus, sondern zugleich auch deren Voraussetzung;
  • die Erkenntnis der zentralen Bedeutung proletarischer Selbstverwaltung, des Genossenschaftswesens sowie der Rätedemokratie im Klassenkampf sowie für die Struktur der  nachkapitalistischen Gesellschaft;
  • die Einsicht, dass die revolutionäre Partei nicht durch eine Politik des Substitutionalismus der Klasse (Massen) den Kommunismus erreichen kann;
  • die Erkenntnis, dass der Marxismus neben der Analyse des Kapitalismus auch die revolutionäre  Umgestaltung und die Entwicklung der Übergangsgesellschaft – so weit wie möglich – konzeptionell erfassen muss, um ein „try and error“, wie bei den Bolschewiki zu vermindern;
  • die Einsicht, dass sich die bei Marx betonte Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus (bisher) historisch nicht bestätigt hat;
  • die revolutionäre Politik wieder auf einer materialistischen Methode beruhen muss, anstatt nur auf  ideologischen Prämissen.

Gerade die letzte Frage erweist sich in vielfacher Hinsicht als Stolperstein für die Linke und mindert ihre politische Wirksamkeit oft entscheidend. Wenn MarxistInnen sagen, dass es innerhalb des Kapitalismus nicht möglich ist, eine sozialistische Wirtschaftsweise zu etablieren, wie es etwa die Bourgeoisie bereits vor der bürgerlichen Revolution vermochte, dann ist das korrekt; wenn sie daraus aber folgert, dass deshalb der Kampf um selbstverwaltete, genossenschaftliche Strukturen aussichtslos oder nebensächlich wäre, dann ist das ein katastrophaler Kurzschluss.

Ein anderes Beispiel dafür, wie ideologische Prämissen materialistische Analysen ersetzen und zu fatalen politischen Fehlern führen, ist der Bereich der Klima- und Energiepolitik, wo kritiklos unwissenschaftliche „links“-bürgerliche Konzepte übernommen werden, anstatt diese zu bekämpfen und absurde reaktionäre Entwicklungen (Energiewende, Klimaschutz) unterstützt werden. Diese Linken und „MarxistInnen“ sollten sich einmal jene Abschnitte des „Kommunistischen Manifests“ anschauen, wo Marx und Engels diverse „sozialistische“ Strömungen kritisieren.

Leider offenbart auch der Artikel von Suchanek die im „Marxismus“ übliche Methode, eine historisch-kritische Analyse durch Zitiererei zu ersetzen, um so letztlich folgern zu können, dass  man selbst Politik getreu den Marxschen Prämissen mache. So zitiert Suchanek z.B. Marx: „Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums hat geschlagen. Die Expropriateure werden expropriiert.“ (Das Kapital, Band 1, S. 791)

Wenn hier von „Vergesellschaftung“ die Rede ist, müssen wir doch sofort stutzen, weil diese „Vergesellschaftung“ sich v.a. dadurch auszeichnet, dass die Gesellschaft, d.h. die Masse der ProduzentInnen und KonsumentInnen, eben gerade keine Verfügung über die Produktionsmittel hat, ja sie ist tw. sogar geringer als in vor-kapitalistischen Epochen. Was Marx hier meint und durchaus unglücklich mit dem Begriff „Vergesellschaftung“ versieht, ist, dass das Privateigentum und im weiteren Sinn die kapitalistische Produktionsweise die Entwicklung der Produktivkräfte hemmt und diese daher gestürzt werden kann und muss. Genauer müssten wir sagen, dass eben das Ausbleiben  einer wirklichen Vergesellschaftung das Problem ist. Es gibt etliche Passagen bei Marx, wo er darauf hinweist, dass die „Vergesellschaftung“ im Kapitalismus eine spezifisch bürgerliche Form hat und eben keineswegs „proletarisch“ ist. Doch u.a. solche Formulierungen waren es, die dann Theoretiker der II. Internationale wie Hilferding und in seinem „Schatten“ Lenin Glauben machten, dass eine noch stärkere Zentralisierung des Kapitals durch den Staat (ob als modifizierter bürgerlicher oder als Rätestaat verstanden) zum Sozialismus führen würde. Die UdSSR unter Stalin hat diese Leninsche Konzeption dann (in diesem Punkt ziemlich bruchlos) umgesetzt: das Ergebnis war eine stark industrialisierte, aber keine sozialistische Gesellschaft, die sich letztlich als dem Kapitalismus unterlegen erwies.

Staat und Revolution

Ein anderes Beispiel für die Suchaneksche Marx-Exegese. Er zitiert Marx: „So wie die Staatsmaschine und der Parlamentarismus nicht das wirkliche Leben der herrschenden Klassen, sondern nur die organisierten allgemeinen Organe ihrer Herrschaft, die politischen Garantien, Formen und Ausdrucksweisen der alten Ordnung der Dinge sind, so ist die Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiterklasse und folglich nicht die Bewegung einer allgemeinen Erneuerung der Menschheit, sondern ihr organisiertes Mittel der Aktion.“

Hier bemerkt Marx – wirklich genial und weitblickend – dass die Kommune, d.h. der Rätestaat eine Struktur zur politischen „Machtausübung“ ist, jedoch eben kein „Universal-Organ“, das alle gesellschaftlichen Prozesse „von oben“ steuert. Genau das war aber das Staats-Verständnis von Lenin. Wer dessen „Staat und Revolution“ genau liest, wird das bestätigt finden. Aus diesem Irrtum Lenins u.a. MarxistInnen in der Staatstheorie resultierte die komplette Unterordnung und notwendige Unterdrückung der Arbeiterklasse und der gesamten Gesellschaft durch einen monströsen Partei-Staat, der nicht erst von Stalin installiert, sondern von ihm nur perfektioniert wurde. Natürlich wäre es ganz falsch, Lenin mit Stalin gleichzusetzen. Es gab sehr wohl grundsätzliche politische Brüche, aber es gab eben auch eine konzeptionelle Kontinuität. Lenin selbst dämmerte es ja in seinen letzten Schriften, dass die von ihm installierte Gesellschaft so grundsätzliche Fehler aufwies, dass er sogar meinte, er hätte sich gegenüber den russischen ArbeiterInnen „schuldig“ gemacht.

Ein Problem bei Marx ist, dass er kein abgeschlossenes Gedankengebäude hinterließ – wie auch?! – sondern einen Rohbau. In diesem Sinn meinte er auch einmal, dass er kein Marxist sei. Doch anstatt das Marxsche Gedankengebäude weiterzubauen, wurde entweder nichts getan oder aber durch diverse Abrissbirnen, Übertapezierungen und bauliche Veränderungen ein fast nicht benutzbares, abstoßendes Gebäude gemacht. Suchanek hat recht, wenn er sagt, Marx ist nicht tot, doch die, die sich auf ihn berufen, befinden sich in Agonie.

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