Hambacher Forst: Fakten vs. Fakes

Paul Pfund

Die GegnerInnen der Rodung des Hambacher Forstes vermitteln 1. den Eindruck, als wäre der Rodungsstopp ein Beitrag zum Kohleausstieg und 2. könnte der Strom der beiden Kraftwerke, welche die Kohle aus dem Hambacher Tagebau nutzen, durch „Erneuerbare“ ersetzt werden. Diese Positionen werden von der „grünen“ und linken Szene fast ausnahmslos geteilt. Bezeichnend dabei ist jedoch, dass wir bei ihnen nirgends auf Fakten beruhende Sachargumente finden, welche diese Behauptungen stützen. Diese Sachargumente wollen wir darum hier darstellen.

Der Tagebau

Der Hambacher Braunkohlentagebau wird lt. RWE einmal eine maximale Tiefe von 400 Metern haben. Er ist de facto eine Wanderbaustelle, die sich Richtung des noch stehenden Restes des Hambacher Forstes bewegt. In eine andere Richtung kann er sich nicht ausbreiten, weil sich dort Ortschaften befinden. Die Kohle liegt ziemlich tief, daher besteht die Hauptarbeit darin, die Deckschichten über der Kohle (Abraum) abzubaggern, um an die Kohle zu gelangen. Pro Tonne Kohle fallen ca. 6 Tonnen Abraum an. Dieser wird im bereits ausgekohlten Teil des Tagebaus wieder abgelagert. Lt. RWE waren bis Ende 2015 von den rund 5.940 ha des Tagebaubereichs bereits rund 1.560 ha rekultiviert. Nach Ende des Abbaus wird auch die gesamte Restfläche rekultiviert werden.

Auch wenn ein Tagebau natürlich einen massiven Eingriff in die Natur darstellt, ist es doch völlig falsch, wenn die „grüne Szene“ immer nur von Naturzerstörung redet. Durch die Renaturierung entstehen zwar andere Landschaften (oft Seen), doch es bleibt keine Mondkraterlandschaft zurück. Allerdings dauert die Renaturierung lange und ist tw. mit Problemen, etwa der Änderung der (Grund)Wassersituation, verbunden. Nach vielen Jahrzehnten gibt es inzwischen aber große Erfahrungen bei der Renaturierung, oft ist diese mit speziellen Schutzmaßnahmen für bedrohte Arten verbunden, die nur dort möglich sind. Auch für die Rodung des Hambacher Forstes gelten strengste Auflagen, z.B. hinsichtlich des Artenschutzes. So muss etwa vor der Fällung jedes einzelnen Baumes geprüft werden, ob darin Vögel oder Fledermäuse nisten.

Aufgrund der Tiefe des Tagebaus ist es nötig, dass dessen Ränder eine bestimmte Neigung haben, um Bergabbrüche zu vermeiden. Dafür muss der Hambacher Forst gerodet werden. Erfolgt dies nicht, kann der Tagebau nicht weiter genutzt werden bzw. der Abbau muss drastisch reduziert werden. Das würde aber bedeuten, dass die beiden Kohlekraftwerke von RWE, die aus Hambach ihre Kohle erhalten, abgeschaltet oder auf geringere Leistung umgestellt werden müssten. Natürlich könnte die Kohle auch von woanders kommen, doch dann wäre das Abbauproblem nicht gelöst, sondern nur woandershin verlagert – frei nach dem Sankt Florians-Prinzip „Hauptsache nicht bei mir“. Auf jeden Fall wäre diese Variante deutlich teurer – und auch schädlicher, weil allein schon der Transport der Kohle über größere Entfernungen mehr Energie und Arbeit verbraucht.

Die Kraftwerke

Die beiden Hambacher RWE-Kraftwerke Neurath (zweitgrößtes Kohlekraftwerk Europas) und Niederaußem erzeugen zusammen über 8.000 Megawattstunden (Mwh) Strom. Sie dienen der Absicherung der Grundlastversorgung, d.h. sie laufen immer mit voller Leistung. Damit sichern sie 15% der Stromversorgung von NRW ab.

Wollte man – wie die „grüne“ Szene beabsichtigt – diese Kraftwerke stilllegen, müsste deren Leistung durch andere Erzeuger oder durch Stromimporte ersetzt werden. Die Hambach-Gegner behaupten, dass das möglich wäre. Schauen wir uns die Optionen an.

Für den Stromimport käme nur französischer oder belgischer Atomstrom infrage, eine Option, die erstens in den benötigten Mengen unmöglich und zudem von den Grünen kaum beabsichtigt ist.

Für die Herleitung aus anderen Regionen Deutschlands würde der Strom aber entweder auch Strom aus Kohlekraftwerken oder aus AKW sein – solange es noch welche gibt, der letzte dt. Mailer wird bereits 2022 abgeschaltet. Auch Windstrom aus dem Norden käme evtl. in Frage, nur fehlt es an den Stromleitungen, welche die Energiewende-“Experten“ leider „vergessen“ haben zu bauen bzw. deren Bau durch hunderte „grüne“ Bürgerinitiativen permanent verhindert wird. Außerdem: Welcher Strom würde durch die Leitungen fließen, wenn im Norden kein oder zu wenig Wind weht?!

Alternative Wind?

Die Option der Ersetzung der Kohle durch die „Erneuerbaren“, v.a. durch die dabei zentrale Windkraft, erweist sich als praktisch unmöglich. Was würde die Ersetzung nur von Neurath und Niederaußem mit ihren 8.000 Mwh durch Windkraftanlagen (WKA) bedeuten? Eine moderne WKA hat eine Erzeugungsleistung von ca. 2 Mwh. Wohlgemerkt: das ist die Nennleistung, die bei optimalen Bedingungen möglich ist. Doch die reale Leistungsabgabe von WKA liegt nur bei 17%, der Nennleistung, wie langjährige Statistiken zeigen. Das liegt daran, dass es oft Windflauten gibt und der Wind fast immer schwächer weht, als es optimal wäre. Die Durchschnittswindstärke liegt in Deutschland bei 3-4, optimal wäre aber 6-7. Aufgrund der technischen Charakteristik – WKA sind Generatoren – ist deren Leistungsabgabe potentiell, nicht linear. D.h. dass bei halber Windstärke die Leistung nicht um 50% sinkt, wie der „Alltagsverstand“ vermuten würde, sondern auf nur 1/8. Wir wollen aber kulant sein und gehen sogar von 20% Wirkungsgrad aus. Das bedeutet pro WKA im Durchschnitt eine Erzeugungsleistung von 400 Kilowattstunden, was etwa der Dauerleistung von 3 PKW-Mittel- oder Oberklassemotoren entspricht. Um 8.000 Mwh durch Windkraft zu ersetzen, wären also tatsächlich 20.000 (!) WKA (20.000 x 0,4 Mwh = 8.000 Mwh) nötig. Derzeit stehen in Deutschland ca. 30.000 WKA. Wo sollen die 20.000 zusätzlichen herkommen, liebe Grüne – und wie schnell?!

Von einem sofortigen oder auch nur schnellen Kohleausstieg bzw. dem sofortigen Stopp der Rodung im Hambacher Forst kann also gar keine Rede sein – zumindest nicht, wenn man die Realität berücksichtigt und nicht die Stromversorgung von NRW unterminieren will?!

Dass die Windkapazitäten aktuell nicht vorhanden sind, ist schon daran ablesbar, dass es durch das EEG ja die Regelung der Vorrangeinspeisung für „grünen“ Strom gibt. Gäbe es also genug WKA, würden die RWE-Kohlekraftwerke gar keinen Strom ins Netz einspeisen können, weil alle Drähte voller Windstrom wären. Ist das so – nein!

Doch was wäre, wenn es einmal 20.000 zusätzliche WKA tatsächlich gäbe? Bei gutem Wind würden sie ein riesige Menge Strom erzeugen, den niemand braucht, bei Flaute hingegen liefern sie nichts. Wer hält ein solches System für vernünftig? Offenbar die grün-linke Szene auf und unter den Hambacher Bäumen.

Versorgungssicherheit

Doch abgesehen von diesen „quantitativen“ Überlegungen, stellt sich auch die Frage der Netzstabilität resp. der Versorgungssicherheit – ein Frage, die sich die „grüne“ Szene nie ernsthaft stellt, die dafür aber jeder Elektroingenieur im ersten Semester kennen lernt. Das dt. Stromnetz hat eine Betriebsspannung von 50 Hertz, dazu muss in jeder Zehntelsekunde genauso viel Strom ins Netz eingespeist werden wie entnommen wird. Geschieht dies nicht, bricht das Netz zusammen oder die Geräte der Verbraucher gehen kaputt. Schon bei einer Abweichung von 0,2 Hertz von der Sollfrequenz besteht die Gefahr eines Netzzusammenbruchs.

Technisch gesehen kann die stabile Netzspannung entweder dadurch gewährleistet werden, dass große gleichmäßig rotierende Massen (die Turbinen der Großkraftwerke) im Einsatz sind oder aber Strom aus Speichern abgerufen wird. Auch Im- und Export von Strom kann zum Ausgleich dienen, was aber nur sehr begrenzt möglich ist. Leider existieren keine Stromspeicher, die auch nur annähernd jene Kapazitäten bereitstellen könnten, die für ein nationales Stromsystem oder selbst nur für die Versorgung von NRW nötig wären. Was folgt daraus? Die Verdrängung von „stabilem“ Strom aus großen Kraftwerken durch instabilen „Flatterstrom“ aus WKA oder Solarzellen – der Kern der Energiewende – ist bis zu einem gewissen Grad möglich, ohne dass das Netz kollabiert. Nimmt der Anteil von „erneuerbarem“ Strom zu (Anteil derzeit bei 36%, darunter ca. die Hälfte Windstrom), wird unweigerlich die „rote Linie“ der Netzsicherheit überschritten. Dank der technischen Analphabeten in Politik, Staat und Medien, die den Gewinninteressen „grüner“ Investoren bewusst oder unbewusst dienen, wird die Energiewende immer weiter Richtung Desaster, sprich einem Netzkollaps, voran getrieben.

Vor diesem Hintergrund, angesichts dieser Fakten muss die „grüne“ Protestbewegung von Hambach beurteilt werden. Sie gibt vor, der Umwelt und dem Klimaschutz zu dienen. Tatsächlich dienen sie der Mafia der „Erneuerbaren“ als nützliche Idioten und ruinieren objektiv das Energiesystem. Allenfalls hat sie eine Symbolwirkung, doch was ist das für ein Symbol, das letztlich nichts bewirkt als die Unterminierung der Stromversorgung?!

Eine solche Bewegung darf nicht unterstützt – sie muss bekämpft werden! Es gibt genug Möglichkeiten und Notwendigkeiten, für die „Verbesserung der Welt“ und gegen den Kapitalismus aktiv zu werden. Die Ziele und Methode von Hambach jedoch stehen dem diametral entgegen. Die grüne „Bewegung“ – zumindest wie sie sich in Hambach offenbart – ist nicht dem Fortschritt und der Vernunft verpflichtet, sondern einem reaktionären Utopismus, einer Technikfeindlichkeit und einem spezifischen „grünen“ Reformismus.

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