Franz Marc II

Hanns Graaf

Vor Verdun
Gehts flott. Als Blauer
Reiter übern
Schädelacker. Tätschelnd
Den schweißigen Hals
Deines Pferdes.
Fester die Zügel
Gefasst. Auf Erkundung im
Gräulichen Feld.

Wie fremd in diesem
Todesatelier, aus dem
Die Farben flohn, der
Frühling!
Tief, als wollt sie
Fallen,
Loht die Sonne! Dieses

Blenden!
Meine Augen press ich
Zu, bis ich mich
Vor mir sehe –
Malend. Malend! Endlich wieder
Malen!

Da splittern
Die künftigen Bilder
Dir mitten im
Ritt.

Anmerkung:

Der Expressionist Franz Marc, Mitglied der Künstlergruppe Blauer Reiter, fiel als Kriegsfreiwilliger im März 1916 während eines Erkundungsrittes vor Verdun

Lenin-Szenen I

Hanns Graaf

Zum Bild „Abgesandte der Bauern bei Lenin“ von W. A. Serow

 

Die Staatsmacht sitzt auf
Kante mit den
Bauern: Lausepelze, Muschiks.
Deputierte.

Zugeschnürt die Kehlen, Bündel
Zwiebeln, Zweifel, Wodka, Wut und
Speck! Ja,
Bauchspeck in der
Zeitung. Rote
Siege und Hurra und

Hunger, dieser

Hunger.

Lenin: Abgetragner Anzug. Angespannt. Mit
Block und Blei.

Den Boden gabt ihr uns und
Nehmt uns nun das Korn.

Ihr habt das Land, die Stadt
Die leeren Mägen.

Euer Kommunismus?
Konfiszieren!

Gefressen werden oder
Fressen.

Andre nehmen, was wir
Säten – für Papiergeld!

Das sind die Unkosten, Bürger, der
Anderen Welt!

Rutschen auf den
Schonbezügen.

Nein, kein
Tee … Genosse.

Telefon,
Wladimir Iljitsch!

Deutschland? Nein, am
Apparat, am andern Ende
Stalin.

Berlin. Lustgarten

Hanns Graaf

Kein Paradies. Karierter
Platz verrechneter
Geschichte.

Der Dom zur Rechten:
Restauriert.

Getürmt
Halblinks Historia übern
Jordan Preußens.
Dort, im Zeughaus, trieb sie
Ab.

Pflasterplatz. Quadrierte
Ordnung. Gar die Bäume
Paradiern, als hätts
DEN Baum, der
Aus der Reihe
Stürzte, nie
Gegeben.

Demonstrationen
Verlaufen sich
Träge. Laue Redner
Wabern. Randvoll
Könnte ich, Pardon!, in deine
Schüssel, Schinkel,
Kotzen.

Komm,
Sagst du, wie
Kies zerknirscht,
Wir müssen, komm doch!,
Weiter.

1990

Anmerkung:

Der Lustgarten wurde 1989/90 wieder Ort politischer Kundgebungen. DER Baum ist Herbert Baum, dessen kommunistisch-jüdische Widerstandsgruppe 1942 einen Brandanschlag gegen eine Nazi-Hetzausstellung im Lustgarten durchgeführt hat. Er und viele seiner Mitkämpfer wurden ermordet.

Frühsport

Hanns Graaf

Noch kann ich üben, kann Hampelmann machen.
Kann noch auf Händen und kopfüber gehn.
Noch kann ich schamlose Tränen mir lachen.
Kann meine Kreise noch ungestört drehn.

Kann mich noch spreizen, muss mich nicht zieren.
Kann Unerhörtes noch singen. Kann lalln.
Kann auf dem Teppich das Stürzen probieren
Ungestraft aus meiner Rolle noch falln.

Muss mich noch nicht in den Gleichschritt einfügen.
Mir ist egal jede Zeremonie.
Noch muss ich uns keine Siege herlügen.
Noch steh ichs durch und geh nicht in die Knie.

Noch muss ich nicht meine Blöße bedecken.
Noch bin ich selten von Ängsten schweißnass.
Klein sind die Beulen, noch gut zu verstecken.
Noch zeig ich Farbe und werde nicht blass.

Noch hat mir niemand das Rückgrat gebrochen.
Noch wird die Luft und die Lust mir nicht knapp.
Noch geh ich aufrecht und komm nicht gekrochen.
Will mich noch wehren und mache nicht schlapp.

1988

Pariser Lied

Hanns Graaf

Paris, du musstest viel zu lang
Auf meine Ankunft warten.
Du weißt, gen Westen konnt ich doch
Mit Fingern nur auf Karten.

Verzeih mir, dass noch Preußens Sand
Mir rieselt aus den Socken.
An deiner Sprache kaue ich,
Den ungewohnten Brocken.

Umspült vom Blech: Arc de Triomphe
Der Autokarawanen.
Mein Pere-Lachaise, hast still geflaggt
Tiefrote Efeufahnen.

Montmartre, Louvre, Tuilerien.
Du Stadt der Bonaparten.
Und Achtundsechzig denk ich mir.
Auch du hast deine Scharten.

Vor Notre Dame. Als hörte ich
Den Glöckner bitter lachen,
Wenn auf dem Markt das Volk sich beugt
Und übt das Buckelmachen.

Paris, dich trennt mehr als ein Fluss,
Teilt dich auch keine Mauer.
Die Seine wälzt ihre Wasser um
Und weiß: nichts ist von Dauer.

Gelobt seist du, mein Groß-Paris,
Hast nicht nur Demokraten.
Hast dich erhoben und gestürzt
Gar manche Potentaten.

Auf Barrikadenpflasterstein
Ich stolpre beim Flanieren.
Am Eifelturm der Gipfeltreff,
Den höchste Nieten zieren.

Auch hier: die Künste eingesperrt.
Welch grausiges Exempel!
In Marmorhallen hinter Glas
In kalte weiße Tempel.

Drum lass ich mich gern infiziern
Von Strassen voll Musetten,
Wo kein Parkett zu Fall mich bringt
Und keine Etiketten.

Ein Flohmarkttraum: In hellen Scharn
Ziehn sie zum Bücherkramen.
Marx, Heine, Trotzki en francais.
Ach, wie die hierher kamen!

Ihr habt durchkreuzt die alte Welt
In kritischen Geschäften.
Verdank euch meinen Schädelschmerz
Nebst reichlich Gallensäften.

Vorbei die letzte Nacht in dir.
Noch warm und feucht die Kissen.
Komm ich zurück mit dünnrem Haar,
Werd ich mehr von uns wissen.

Adieu, du Schöne! Ach, mein Hals
Wie zugeschnürt und trocken.
Noch ein Chablis auf dich, Paris!
Ich mach mich auf die Socken.

Selbstbild 1988

Hanns Graaf

Ich geh nicht mit den Moden,

Gleich, ob es euch geniert.

Ich trage lange Loden

Und bleibe unfrisiert.

 

Ein Tarnnetz dichter Haare

Verbirgt noch mein Genick.

Schützt mich noch wieviel Jahre

Vor Sonnenbrand und Strick?

 

Zu knapp für einen Weisen

Mein Bart, was ich gelebt.

Kaum Fluchten, selten Reisen.

Die Schuh noch nicht geklebt.

 

Die Lippen aufgerissen.

Was hab ich schon geschluckt!

Wie hat vom Schweigen müssen

Der Mund mir oft gezuckt.

 

Ich hasse dieses Bücken,

Denn dabei rutscht mir schnell

Von meinem Nasenrücken

Das Aussichtsglasgestell.

 

Trag schwarze Augenränder,

Hab ich lang fern gesehn.

Ich dreh mich durch die Sender

Und kann die Welt nicht drehn.

 

Vom Zweifeln angeknittert,

Doch narbenfrei die Stirn.

Halb hoffend, halb verbittert,

So windet sich mein Hirn.

Schwanebecker Elegie II

Hanns Graaf

Dumpf rast der Puls an meine Schläfen. Fieber schweißt sich
Aus der Stirn. Ich frier. Kopfschmerzen reißen mich wach.
Wankende Wände. Tanzt die Tapete? Wie schreib ich weiter
Durch die Nacht mich hier – hier im geschlagenen Land?

Lichtfinger bohrn, ein Verhör, sich ins Dunkel. Müde Augen
Schwarz beringt und rot. Matt glänzt das Zifferblattgold.
Null Uhr null. Zeiger, die schweigend sich überrunden.
Schnee umwächst das Haus. Stille, wie nach einer Schlacht.

Kontinentalfrost. Erstarrender Osten. Krachende Kälte
Schlägt die Mauern durch. Schwelglut im Ofen. Es riecht.
Rauch weht am Dach. Verräterisch blasse, halbmastne Fahne.
Fiel da fern ein Schuss? Scheiterholz nur, das zerknackt.

Stumm stehen, drohend die Lexikonbände. Der Schreibmaschine
Klemmen A und O. Stundenlang kämme ich mir
Schon den Schädel durch. Der Bogen, seit gestern gespannt.
Doch kein Anschlag folgt. Weißestes, spurloses Feld.

Unaufgelöstes, zwei Fibrex-Tabletten, quäle ich runter.
Verse, Kletten ihr! Hängt im Vergangenen fest!
Saaten erfroren. Äcker verwuchert. Welt, wie noch wüster!
Tee, georgischer, brennt bitter beim Schlucken im Hals.

Unerhört harre ich aus auf meinem einsamsten Posten.
Hört, versteht ich mich? Seid ihr, Genossen, geflohn?
Nichts. Fahl flackert Straßenlicht auf. Niemandes Zeichen.
Zähe Zeit vertropft. Bleigrauer Morgen gerinnt.

1990

Schwanebecker Elegie I

Hanns Graaf

Rostloks durchkreuzen den Ostblock. Elektrifizierteste Länder
Minus die Kommune. Gleisbetten, Lüste versteint.
Linientreu, unantastbar die Drähte der Leitungen oben.
Umgeformter Strom. Nahverkehr pendelt sich ein.

Rötliches Preußen. Schwellenland. Gleise verlaufen im Sande.
Reichsbahnstahl von Krupp. Festestes Volkseigentum.
Wälder kuschen. Wartburgs am Schlagbaum warten auf Öffnung.
Übergang beschrankt. Wieviele Wagen im Stau?

FAHRAUSWEISE! Flink geht das Einlochen. Wegen der paar
Märker soviel Streß? MUSS SEIN, WO KÄMEN WIR HIN?Schaffnergemuffel. ES GEHT UMS PRINZIP. Oder ums Ganze,
Denke ich halblaut. Pst! Der da hinterm ND.

REVOLUTIONEN SIND DIE LOKOMOTIVEN DER stehet
Groß am Abstellgleis. AUSSTEIGEN! ZUG ENDET HIER.
ALLE TOILETTEN les ich VORÜBERGEHEND GESCHLOSSEN.
STERNBURG, HALB UND HALB pisse ich illegal hin.

ALLES UMSTEIGEN! WEITERFAHRT NACH Ist das noch unsere Richtung?
Letzter Mohn verglüht zwischen dem Schotter am Damm.
Dornenhecken wuchern am altroten Backstein des Bahnhofs.
Aufgegeben längst. Hier hält schon lange nichts mehr.

Haben wir alles? Irgendwas fehlt uns doch! Ringsherum Schweigen.
Nichts erhebt sich hier. Ebenen, sandig und flach.
Zugdurchfahrt. TRETEN SIE ZURÜCK Schneidende Stimme
VON DER BAHNSTEIGKANTE! Hör oder träume ich das?

Dickicht. Spärliche Schneisen. Flachwurzler. Einsame Spitzen
Oben über uns. Honnimoon Abendgestirn.
Schienenstoßstaccato. Die Lichtungen schwinden. Im Dämmer
Bleibt das Land zurück. WANDLITZ. Letzte Station.

1989

Nachtvision

Hanns Graaf

Schwarze Alleen mit Peitschenmasten.
Stacheldraht quer über Straßen gespannt.
Scheinwerferfinger durchs Nachtdunkel tasten.
Ertrunkene Schwimmlehrer treiben zum Strand.

Ein Fernzug mit Schlafwagen springt aus den Gleisen.
Ein Brückentorso ragt übern Schlund.
Helikopter, die über uns kreisen.
Gerüchte gehn von Mund zu Mund.

Pausenlos klingeln die Faxtelefone.
Vereinszimmer brüten an einem Pogrom.
Ein Chor von Knaben probt eine None.
Im stählernen Stuhl stirbt einer an Strom.

Vorm Marmorportal hocken Banker und wimmern.
Vier Verse von Trakl, die irgendwer spricht.
Ein Dauertonsummen. Testbilder flimmern.
Die Mauern der Staudämme halten noch dicht.

Ein Hoftor fällt zu, als hätt wer geschossen.
Ein Aufruf kursiert auf zehntausend Blatt.
Die Börsen bleiben auch morgen geschlossen.
Ein blutiger Mond hängt über der Stadt.

Davids Enkeln

Hanns Graaf

Festgeschnallt Ihr in F 16-Maschinen.
Rasend. Ein Davidstern, den man erkennt.
Ihr kreist über Häusern mit steinernen Minen.
Unter Euch Gaza: ´s Schtetele brennt!

´s brennt wie der Leuchter mit sieben Armen.
So hat das Warschauer Ghetto gebrannt.
In Glaskanzeln hockt ihr ohne Erbarmen,
Ohne Erinnern an Widerstand.

Zertrümmern und töten. Rauchschwaden ziehen
Wie über die Lager einst: gelblich und bleich.
Ummauert, umdrahtet. Es gibt kein Entfliehen.
Heiliges Land – der Hölle gleich.

Ihr, die Vertriebenen, wurdet Vertreiber.
Blutrote Rosen – so keimt Eure Saat!
Städte verschlingend und Gärten und Leiber:
So nährt sich Goliath – Israels Staat.

Anmerkung:

Das Gedicht entstand im Januar 2009 während des Krieges Israels gegen Gaza. „´s Schtetele brennt“ ist jiddisch und kommt im Lied „s brennt“ von Mordechaj Gebirtig (1877-1942) vor, das er 1938 nach einem Pogrom in Przytyk schrieb.