Hanns Graaf
Wir wollen hier die „grünen“ energiepolitischen Pläne der „Energiewende“ (EW) einmal ernst nehmen und unterstellen dafür, dass die EW bereits vollständig vollzogen wäre – zumindest, was die Stromerzeugung betrifft. Dann käme fast der gesamte Strom aus Sonne und Wind, nur ein sehr kleiner Teil würde durch Wasserkraft (ca. 3%) und zu einem sehr geringen Teil aus der Verstromung von Biogas und aus anderen Quellen kommen. Gemäß dem Prinzip von Ockham, nur die wesentlichen Zusammenhänge zu betrachten und die unwichtigen (zunächst) aus der Betrachtung eines Problems herauszuhalten, unterstellen wir hier, dass der gesamte Strom nur aus Wind und Sonne erzeugt wird. Was würde das bedeuten?
1. Fall: Es weht genug Wind, aber es scheint keine Sonne (was relativ häufig der Fall ist). Dann ständen alle Solaranlagen unproduktiv herum. Es müssten so viele Windanlagen existieren, dass damit fast die gesamte Spitzenlast abgedeckt werden könnte. Da diese aber nur selten, zu bestimmten Tageszeiten während der Woche benötigt wird, wäre auch ein erheblicher Teil der Windanlagen „arbeitslos“. Der Überschussstrom könnte auch nicht in ausreichendem Umfang exportiert werden, denn wenn in Deutschland viel Wind weht, ist das aufgrund der Ausdehnung der Hoch- bzw. Tiefdruckgebiete meist auch in den Nachbarländern der Fall, zudem haben diese fast die gleichen Spitzenverbrauchszeiten.
2. Fall: Es scheint genug Sonne, aber es weht kein Wind. Dann gilt Fall 1, nur umgekehrt.
3. Fall: Es gibt genug Sonne und Wind. Viel Sonnen- und Windenergie bedeutet, dass in beiden Bereichen zu viel Strom erzeugt wird, für den es (momentan) keinen Bedarf gibt. Das ist tw. schon heute der Fall. Wenn weniger erzeugt wird (etwas Wind und etwas Sonne), nähern wir uns dem realen Bedarf an. Diese Situation wäre insofern ideal, weil es weder zu viel Erzeugerkapazität gäbe, noch zu wenig. Eine solche Lage ist aber nur selten gegeben.
4. Fall: Es gibt weder Sonne noch Wind, auch Dunkelflaute genannt. In diesem Fall könnte die Stromversorgung nicht gesichert werden, das Netz würde kollabieren und könnte auch nicht über Stromimporte betrieben werden. Eine Lösung böten nur Kraftwerke, die von den Launen der Natur unabhängig sind. Diese wurden aber bereits abgeschaltet (AKW), sollen abgeschaltet werden (Kohlekraftwerke) oder sind in viel zu geringer Zahl vorhanden (Wasserkraftwerke, Gaskraftwerke). Es muss also auf jeden Fall ein Back up-Reservekraftwerkspark geschaffen werden. Dieser soll lt. den Plänen des Bundes aus Gaskraftwerken bestehen. Dabei gibt es aber drei große Probleme: 1. gibt es sehr wenig Interesse von Investoren, diese zu bauen. Das liegt v.a. daran, dass die Gaskraftwerke nur ab und zu in Betrieb gehen und daher nicht wirtschaftlich betrieben werden können bzw. subventioniert werden müssen. 2. ist Strom aus Gas sehr teuer, umso mehr, da das billige russische Gas nicht mehr gewollt wird. 3. wird auch bei Gaskraftwerken CO2 frei, wenn auch weniger als bei der Kohleverstromung, so dass man so den Klimazielen nicht viel näher kommt.
Wir sehen, dass alle vier denkbaren Varianten der Stromerzeugung aus Wind und Sonne ungeeignet sind, um eine hochentwickelte Wirtschaft und ein modernes soziales Leben zu ermöglichen. Der Netzkollaps durch Blackouts und Brownouts (Teilabschaltungen) würde die Gesellschaft phasenweise zum Stillstand bringen. Dazu kommt als verschärfender Faktor, dass der Stromverbrauch künftig evtl. noch ansteigen wird: durch die Digitalisierung, durch KI, E-Mobilität usw. Selbst dann, wenn der Strom komplett „grün“ wäre, würde das an der deutschen CO2-Bilanz nichts wesentlich ändern, da Strom nur etwa 25% der Gesamtenergie (Primärenergie) ausmacht, die Deutschland benötigt. Hauptenergieträger ist mit einem Drittel der Primärenergie immer noch Erdöl, das v.a. für Treibstoffe benötigt wird.
Die Aufwendungen für den Aufbau eines Backup-Systems werden meist unterschätzt bzw. uns, die diese Kosten letztlich über Steuern und den höheren Strompreis aufbringen müssen, verschwiegen. Es geht hierbei nicht nur um einige Kraftwerke, sondern darum, fast die gesamte Spitzenlast abzudecken – nicht nur den „Durchschnittsverbrauch“. Bis 2030 will die Bundesregierung etwa 20 GW neue Gaskraftwerksleistung schaffen. Das ist für fünf Jahre fast utopisch. Diese Kraftwerke sollen perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden – was noch utopischer ist.
Schwankende Erzeugung und sichere Kostenexplosion
Die Unzuverlässigkeit der Verfügbarkeit von Wind und Sonne bedeutet, dass ein gewaltiger Aufwand erforderlich ist, um eine zuverlässige Stromversorgung zu sichern, bei der Bedarf und Erzeugung ja in jeder Sekunde genau übereinstimmen müssen, um Versorgungsengpässe oder sogar Netzausfälle zu vermeiden. Natürlich sind Wind und Sonne kostenlos verfügbar (wie alle anderen Naturstoffe auch), doch die technische Erschließung dieser Stoffe ist eben nicht umsonst. Wenn uns suggeriert wird, dass Strom aus Wind und Sonne billiger wäre als jeder Strom aus anderen Quellen, dann ist das nichts als eine große Lüge. Das sieht man schon an den immensen Subventionen für die „Erneuerbaren Energien“ (EE) und an den besonders hohen Stromkosten in Ländern mit einem hohem Anteil an EE; man kann das auch ganz logisch und konkret technisch herleiten.
Bis zum Beginn der EW in den 1990ern bestand das Stromsystem aus drei Komponenten: den Kraftwerken als Erzeugern, dem Leitungsnetz und den Verbrauchern. Zur Abdeckung des Spitzenverbrauchs und als Reserve genügten einige wenige Gas- und Pumpspeicherkraftwerke. Mit der EW wurde dieses System grundlegend verändert. Wir haben nicht wenige zuverlässige und bedarfsgerecht regelbare Großkraftwerke, sondern an deren Stelle Millionen von kleinen Erzeugern, v.a. Windräder und Solarpaneele. Diese befinden sich oft im Norden (Windräder), weit entfernt von den großen industriellen Verbrauchern im Süden. Alle diese Anlagen müssen ans Netz angeschlossen und mit den Verbrauchern verbunden werden. Das bedeutet: Netzausbau in großem Stil. Wird bei Wind- und Sonnenflaute nichts oder zu wenig erzeugt, nützt das größere Netz aber auch nichts, weil zu wenig erzeugt wird. Dann braucht man Back up-Kraftwerke und/oder Speicher. Letztere sind aber kaum vorhanden, sie sind zudem auch die teuersten Komponenten des Stromsystems.
Für den (in diesem Ausmaß ohne EW gar nicht notwendigen) Ersatz alter Erzeugertechnik durch neue (EE-)Anlagen wurden bisher schon Hunderte Milliarden Euro ausgegeben. Der noch lange nicht ausreichende Netzausbau verschlingt weitere Hunderte Milliarden. Der fast überhaupt noch nicht erfolgte Speicherausbau würde weitere Hunderte Milliarden kosten. Der Aufbau von Back up-Kraftwerken erfordert auch Hunderte Milliarden. Und zu den Baukosten kommen noch permanente Unterhaltungskosten sowie der Ersatz der Anlagen, nachdem diese ihre relativ kurze (!) Betriebszeit erreicht haben – ein Fass ohne Boden!
Oft wird „vergessen“, dass der Netzausbau, die Stromspeicherung und die Umformung von einer Energieform in eine andere, z.B. Strom in Wasserstoff und wieder in Strom, physikalische Arbeit darstellen, bei der Energie „verloren“ geht, so dass für dieselbe Menge nutzbarer Endenergie mehr Energie „erzeugt“ werden muss, was wieder Milliarden extra kostet. So viel zur Frage der billigen EE-Energie. Leute, die behaupten, EE seien billiger, sind entweder dumm oder Betrüger.
Volatilität
In unsren Fallbeispielen 1-4 sind wir von der Volatilität (Schwankung) der Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne als Problem ausgegangen. Befürworter der EW wenden dagegen immer ein, dass das Problem eher kleiner und damit beherrschbar werde – getreu der These „Irgendwo scheint immer die Sonne oder weht der Wind“. Schauen wir uns deshalb an, wie es damit in der Realität aussieht.
Lt. ChatGPT treten Dunkelflauten (kein Wind, keine Sonne) in Deutschland durchschnittlich zweimal jährlich auf und dauern meist 2-8 Tage. 2023 dauerte die längste Dunkelflaute z.B. 2,83 Tage. In einem Fall dauerte eine solche Dunkelflaute aber sogar 55 Tage. Beruht das Stromsystem auf von den Schwankungen der Natur unabhängigen Kraftwerken, sind diese Dunkelflauten natürlich kein Problem. Doch je größer der Anteil von EE-Anlagen wird, desto mehr nimmt die Blackout-Gefahr zu. Inzwischen hat die Windkraft an der Stromerzeugung einen Anteil von über 30%. Das verweist auf das Problem, was passieren könnte, wenn „plötzlich“ ein knappes Drittel der Stromproduktion ausfallen würde … Die seit vielen Jahren stark steigende Zahl von teuren Redispatch-Maßnahmen zur Stabilisierung des Netzes sind Ausdruck des wachsenden Problems der Netzsicherheit. Einige größere Netzzusammenbrüche in den letzten Jahren, zuletzt in Spanien, zeigen nicht nur, wie lange das Beheben eines solchen Problems dauert, sondern auch, welch enorme Schäden dadurch entstehen.
Was uns beim Ausbau der Windkraft ebenfalls meist verschwiegen wird, ist das Problem der Abschaltung von Altanlagen. 2024 wurden in Deutschland 555 Onshore-Windräder (von ca. 31.000) stillgelegt. Im selben Zeitraum wurden 635 Onshore- sowie 73 Offshore-Anlagen in Betrieb genommen. D.h. die meisten Neubauten ersetzen nur alte Anlagen. Da immer mehr Anlagen ihr Laufzeitende erreichen, wird dieses Problem immer größer. Analysen von Prof. Sigismund Kobe von der TU Dresden zeigen, dass die Jahreserträge der Windkraft trotz massiven Ausbaus stagnieren, bei Offshore-Anlagen gehen sie sogar zurück. Die Ursache für den Offshore-Rückgang liegt laut Prof. Kobe am sog. Cluster-Wake-Effekt. Windräder und Windparks schotten sich gegenseitig ab, die vorderen Anlagen nehmen den anderen den Wind weg. Man kennt ein sehr ähnliches Phänomen vom Flugwesen: die Wirbelschleppe.
Während beim Klima oft von Kipppunkten die Rede ist (die allerdings eher propagandistische denn wissenschaftliche „Qualität“ haben) ist beim Stromsystem fast nie davon die Rede – obwohl wir uns im Zuge der EW immer mehr einem Kipppunkt nähern. Ganz unabhängig von der Blackout-Problematik erleben wir heute schon täglich eine fortschreitende „Dunkelflaute“ in Deutschland: die Energiepreise steigen, die Wirtschaft (und damit die Arbeitsplätze) wandern ab. Während sich die „grünen“ Klimaaktivisten über sinkende CO2-Emissionen (die global gesehen aber keine Rolle spielen) freuen, herrscht im Land Katzenjammer. Dieser Jammer hat viele Ursachen, eine davon ist die Energiewende.