Fundstück LX

Dem neuesten Kapitalismus wird mit Vorliebe vorgeworfen, er sei eine Konsumgesellschaft. Dieser Vorwurf ist reaktionärer als jedes Lob; denn es ist ein verstecktes Lob, ein Lob unter der Maske des Tadels. Man schmäht den Imperialismus um der einzigen Eigenschaft willen, um deretwegen er mit Recht geschätzt wird: der Eigenschaft nämlich, dass er reich ist.

Jeder weiß oder fühlt doch, was für eine produktive Sache das ist: konsumieren. Das genussvolle Aneignen der stofflichen und geistigen Wirklichkeit ist die Bestätigung und tendenzielle Erweiterung aller menschlichen Vermögen. Wer – außer den Rhetoren des überlinken Elendskommunismus und der imperialistischen Propaganda – würde von einer Gans, die mit den Füßen an den Estrich geangelt steht, um gestopft zu werden, sagen, sie konsumiere?
Der Sozialismus strebt nach dem Ehrentitel einer Konsumgesellschaft; der Kommunismus wird eine sein. Im Spätkapitalismus wird aus den falschen Gründen und demzufolge auf die falsche Weise produziert und konsumiert. Statt mit den wesentlich humanen Kategorien Leistung und Konsum lebt der abendländische Mensch mit den Kategorien Ramsch und Reklame.

Peter Hacks

Fundstück LVII

Der Mechanismus der Anpassung an die verhärteten Verhältnisse ist zugleich einer der Verhärtung des Subjekts in sich; je realitätsgerechter es wird, desto mehr wird es sich selbst zum Ding, desto weniger lebt es überhaupt noch, desto unsinniger wird sein ganzer „Realismus“, der all das zerstört, um dessentwillen eigentlich die selbsterhaltende Vernunft ins Spiel kam, um der in der Konsequenz noch das nackte Leben bedroht wird.

Adorno

Fundstück LIII

Wenn ich ihnen diesen Begriff von Freiheit der Wissenschaft gegenüber etwas konkreter fassen soll. So würde ich ihn in der Richtung suchen, dass sie eigentlich eine Doppelbewegung zu vollziehen haben; dass sie nämlich auf der einen Seite innerhalb der Wissenschaft selber verbleiben müssen, und ihren immanenten Gesetzen nachfragen, dass sie aber auf der anderen Seite die Wissenschaft selber auch als ein soziales Gefilde mit seiner Relativität und seiner Zufälligkeit sehen müssen, und dass sie gleichzeitig auch die Wissenschaft von außen betrachten müssen.

Adorno

Fundstück LII

Die Politik beiseite lassen, ist die große Illusion des Mannes der „Mitte“, der doch stets ein Politiker bleibt, rät, predigt, ermahnt und weder Krieg noch Revolution will – um beide zu erhalten. Solche Männer, die verfluchten „lauwarmen“ der Bibel, berufsmäßige Rezepte-Verfertiger, die heute nach tausenden zählen (…), haben immer einen „Kodex“, worin sich ihr falsches Bewusstsein kristallisiert und an dessen wunderwirkende Kraft sie manchmal sogar ernsthaft glauben, in keiner Weise verschieden vom Glauben sogenannter primitiver Völker an die Kraft ihres Fetisches.

Joseph Weber