FĂŒr Gundermann

Hanns Graaf

Haben nie gesehn einander
Hier im kleinen, engen Land.
Doch auf Preußens flachem Sander
War, was quer lag, gut bekannt.

Doppelposten, den du hieltest:
Jahre fĂŒr den Tagebau,
Laute NĂ€chte, als du spieltest,
Sangest uns dein Rot ins Grau.

Breite TrÀger an den Hosen,
Falls dein Herz wÀr abgerutscht.
Unbequem warn deine Posen.
HĂ€ttest heimlich gern geputscht.

Trugst im Koffer deine Dinge:
Noten, Stifte, ein paar Blatt,
SchlĂŒssel, Pflaster, eine Schlinge –
Was man eben nötig hat.

Ach, was hast du ausgetragen
Konterbande unterm Schopf:
Eine Hoffnung, halb geschlagen,
Öffentlich versteckt im Kopf.

Hast geschĂŒrft ein StĂŒck der Kruste,
Die uns ĂŒberm Lande lag.
Wer nicht oben war, der wußte,
Wie das drĂŒckte jeden Tag.

Tagebaue, offne Wunden.
Umgewendet dieses Land.
Disteln hab ich uns gefunden,
Als Spalier am Grubenrand.

Franz Marc II

Hanns Graaf

Vor Verdun
Gehts flott. Als Blauer
Reiter ĂŒbern
SchÀdelacker. TÀtschelnd
Den schweißigen Hals
Deines Pferdes.
Fester die ZĂŒgel
Gefasst. Auf Erkundung im
GrÀulichen Feld.

Wie fremd in diesem
Todesatelier, aus dem
Die Farben flohn, der
FrĂŒhling!
Tief, als wollt sie
Fallen,
Loht die Sonne! Dieses

Blenden!
Meine Augen press ich
Zu, bis ich mich
Vor mir sehe –
Malend. Malend! Endlich wieder
Malen!

Da splittern
Die kĂŒnftigen Bilder
Dir mitten im
Ritt.

Anmerkung:

Der Expressionist Franz Marc, Mitglied der KĂŒnstlergruppe Blauer Reiter, fiel als Kriegsfreiwilliger im MĂ€rz 1916 wĂ€hrend eines Erkundungsrittes vor Verdun

Lenin-Szenen I

Hanns Graaf

Zum Bild „Abgesandte der Bauern bei Lenin“ von W. A. Serow

 

Die Staatsmacht sitzt auf
Kante mit den
Bauern: Lausepelze, Muschiks.
Deputierte.

ZugeschnĂŒrt die Kehlen, BĂŒndel
Zwiebeln, Zweifel, Wodka, Wut und
Speck! Ja,
Bauchspeck in der
Zeitung. Rote
Siege und Hurra und

Hunger, dieser

Hunger.

Lenin: Abgetragner Anzug. Angespannt. Mit
Block und Blei.

Den Boden gabt ihr uns und
Nehmt uns nun das Korn.

Ihr habt das Land, die Stadt
Die leeren MĂ€gen.

Euer Kommunismus?
Konfiszieren!

Gefressen werden oder
Fressen.

Andre nehmen, was wir
SĂ€ten – fĂŒr Papiergeld!

Das sind die Unkosten, BĂŒrger, der
Anderen Welt!

Rutschen auf den
SchonbezĂŒgen.

Nein, kein
Tee … Genosse.

Telefon,
Wladimir Iljitsch!

Deutschland? Nein, am
Apparat, am andern Ende
Stalin.

Berlin. Lustgarten

Hanns Graaf

Kein Paradies. Karierter
Platz verrechneter
Geschichte.

Der Dom zur Rechten:
Restauriert.

GetĂŒrmt
Halblinks Historia ĂŒbern
Jordan Preußens.
Dort, im Zeughaus, trieb sie
Ab.

Pflasterplatz. Quadrierte
Ordnung. Gar die BĂ€ume
Paradiern, als hÀtts
DEN Baum, der
Aus der Reihe
StĂŒrzte, nie
Gegeben.

Demonstrationen
Verlaufen sich
TrÀge. Laue Redner
Wabern. Randvoll
Könnte ich, Pardon!, in deine
SchĂŒssel, Schinkel,
Kotzen.

Komm,
Sagst du, wie
Kies zerknirscht,
Wir mĂŒssen, komm doch!,
Weiter.

1990

Anmerkung:

Der Lustgarten wurde 1989/90 wieder Ort politischer Kundgebungen. DER Baum ist Herbert Baum, dessen kommunistisch-jĂŒdische Widerstandsgruppe 1942 einen Brandanschlag gegen eine Nazi-Hetzausstellung im Lustgarten durchgefĂŒhrt hat. Er und viele seiner MitkĂ€mpfer wurden ermordet.

FrĂŒhsport

Hanns Graaf

Noch kann ich ĂŒben, kann Hampelmann machen.
Kann noch auf HĂ€nden und kopfĂŒber gehn.
Noch kann ich schamlose TrÀnen mir lachen.
Kann meine Kreise noch ungestört drehn.

Kann mich noch spreizen, muss mich nicht zieren.
Kann Unerhörtes noch singen. Kann lalln.
Kann auf dem Teppich das StĂŒrzen probieren
Ungestraft aus meiner Rolle noch falln.

Muss mich noch nicht in den Gleichschritt einfĂŒgen.
Mir ist egal jede Zeremonie.
Noch muss ich uns keine Siege herlĂŒgen.
Noch steh ichs durch und geh nicht in die Knie.

Noch muss ich nicht meine BlĂ¶ĂŸe bedecken.
Noch bin ich selten von Ängsten schweißnass.
Klein sind die Beulen, noch gut zu verstecken.
Noch zeig ich Farbe und werde nicht blass.

Noch hat mir niemand das RĂŒckgrat gebrochen.
Noch wird die Luft und die Lust mir nicht knapp.
Noch geh ich aufrecht und komm nicht gekrochen.
Will mich noch wehren und mache nicht schlapp.

1988

Pariser Lied

Hanns Graaf

Paris, du musstest viel zu lang
Auf meine Ankunft warten.
Du weißt, gen Westen konnt ich doch
Mit Fingern nur auf Karten.

Verzeih mir, dass noch Preußens Sand
Mir rieselt aus den Socken.
An deiner Sprache kaue ich,
Den ungewohnten Brocken.

UmspĂŒlt vom Blech: Arc de Triomphe
Der Autokarawanen.
Mein Pere-Lachaise, hast still geflaggt
Tiefrote Efeufahnen.

Montmartre, Louvre, Tuilerien.
Du Stadt der Bonaparten.
Und Achtundsechzig denk ich mir.
Auch du hast deine Scharten.

Vor Notre Dame. Als hörte ich
Den Glöckner bitter lachen,
Wenn auf dem Markt das Volk sich beugt
Und ĂŒbt das Buckelmachen.

Paris, dich trennt mehr als ein Fluss,
Teilt dich auch keine Mauer.
Die Seine wÀlzt ihre Wasser um
Und weiß: nichts ist von Dauer.

Gelobt seist du, mein Groß-Paris,
Hast nicht nur Demokraten.
Hast dich erhoben und gestĂŒrzt
Gar manche Potentaten.

Auf Barrikadenpflasterstein
Ich stolpre beim Flanieren.
Am Eifelturm der Gipfeltreff,
Den höchste Nieten zieren.

Auch hier: die KĂŒnste eingesperrt.
Welch grausiges Exempel!
In Marmorhallen hinter Glas
In kalte weiße Tempel.

Drum lass ich mich gern infiziern
Von Strassen voll Musetten,
Wo kein Parkett zu Fall mich bringt
Und keine Etiketten.

Ein Flohmarkttraum: In hellen Scharn
Ziehn sie zum BĂŒcherkramen.
Marx, Heine, Trotzki en francais.
Ach, wie die hierher kamen!

Ihr habt durchkreuzt die alte Welt
In kritischen GeschÀften.
Verdank euch meinen SchÀdelschmerz
Nebst reichlich GallensÀften.

Vorbei die letzte Nacht in dir.
Noch warm und feucht die Kissen.
Komm ich zurĂŒck mit dĂŒnnrem Haar,
Werd ich mehr von uns wissen.

Adieu, du Schöne! Ach, mein Hals
Wie zugeschnĂŒrt und trocken.
Noch ein Chablis auf dich, Paris!
Ich mach mich auf die Socken.

Selbstbild 1988

Hanns Graaf

Ich geh nicht mit den Moden,

Gleich, ob es euch geniert.

Ich trage lange Loden

Und bleibe unfrisiert.

 

Ein Tarnnetz dichter Haare

Verbirgt noch mein Genick.

SchĂŒtzt mich noch wieviel Jahre

Vor Sonnenbrand und Strick?

 

Zu knapp fĂŒr einen Weisen

Mein Bart, was ich gelebt.

Kaum Fluchten, selten Reisen.

Die Schuh noch nicht geklebt.

 

Die Lippen aufgerissen.

Was hab ich schon geschluckt!

Wie hat vom Schweigen mĂŒssen

Der Mund mir oft gezuckt.

 

Ich hasse dieses BĂŒcken,

Denn dabei rutscht mir schnell

Von meinem NasenrĂŒcken

Das Aussichtsglasgestell.

 

Trag schwarze AugenrÀnder,

Hab ich lang fern gesehn.

Ich dreh mich durch die Sender

Und kann die Welt nicht drehn.

 

Vom Zweifeln angeknittert,

Doch narbenfrei die Stirn.

Halb hoffend, halb verbittert,

So windet sich mein Hirn.

Schwanebecker Elegie II

Hanns Graaf

Dumpf rast der Puls an meine SchlĂ€fen. Fieber schweißt sich
Aus der Stirn. Ich frier. Kopfschmerzen reißen mich wach.
Wankende WĂ€nde. Tanzt die Tapete? Wie schreib ich weiter
Durch die Nacht mich hier – hier im geschlagenen Land?

Lichtfinger bohrn, ein Verhör, sich ins Dunkel. MĂŒde Augen
Schwarz beringt und rot. Matt glÀnzt das Zifferblattgold.
Null Uhr null. Zeiger, die schweigend sich ĂŒberrunden.
Schnee umwÀchst das Haus. Stille, wie nach einer Schlacht.

Kontinentalfrost. Erstarrender Osten. Krachende KĂ€lte
SchlÀgt die Mauern durch. Schwelglut im Ofen. Es riecht.
Rauch weht am Dach. VerrÀterisch blasse, halbmastne Fahne.
Fiel da fern ein Schuss? Scheiterholz nur, das zerknackt.

Stumm stehen, drohend die LexikonbÀnde. Der Schreibmaschine
Klemmen A und O. Stundenlang kÀmme ich mir
Schon den SchÀdel durch. Der Bogen, seit gestern gespannt.
Doch kein Anschlag folgt. Weißestes, spurloses Feld.

Unaufgelöstes, zwei Fibrex-Tabletten, quÀle ich runter.
Verse, Kletten ihr! HĂ€ngt im Vergangenen fest!
Saaten erfroren. Äcker verwuchert. Welt, wie noch wĂŒster!
Tee, georgischer, brennt bitter beim Schlucken im Hals.

Unerhört harre ich aus auf meinem einsamsten Posten.
Hört, versteht ich mich? Seid ihr, Genossen, geflohn?
Nichts. Fahl flackert Straßenlicht auf. Niemandes Zeichen.
ZĂ€he Zeit vertropft. Bleigrauer Morgen gerinnt.

1990

Schwanebecker Elegie I

Hanns Graaf

Rostloks durchkreuzen den Ostblock. Elektrifizierteste LĂ€nder
Minus die Kommune. Gleisbetten, LĂŒste versteint.
Linientreu, unantastbar die DrÀhte der Leitungen oben.
Umgeformter Strom. Nahverkehr pendelt sich ein.

Rötliches Preußen. Schwellenland. Gleise verlaufen im Sande.
Reichsbahnstahl von Krupp. Festestes Volkseigentum.
WĂ€lder kuschen. Wartburgs am Schlagbaum warten auf Öffnung.
Übergang beschrankt. Wieviele Wagen im Stau?

FAHRAUSWEISE! Flink geht das Einlochen. Wegen der paar
MĂ€rker soviel Streß? MUSS SEIN, WO KÄMEN WIR HIN?Schaffnergemuffel. ES GEHT UMS PRINZIP. Oder ums Ganze,
Denke ich halblaut. Pst! Der da hinterm ND.

REVOLUTIONEN SIND DIE LOKOMOTIVEN DER stehet
Groß am Abstellgleis. AUSSTEIGEN! ZUG ENDET HIER.
ALLE TOILETTEN les ich VORÜBERGEHEND GESCHLOSSEN.
STERNBURG, HALB UND HALB pisse ich illegal hin.

ALLES UMSTEIGEN! WEITERFAHRT NACH Ist das noch unsere Richtung?
Letzter Mohn verglĂŒht zwischen dem Schotter am Damm.
Dornenhecken wuchern am altroten Backstein des Bahnhofs.
Aufgegeben lÀngst. Hier hÀlt schon lange nichts mehr.

Haben wir alles? Irgendwas fehlt uns doch! Ringsherum Schweigen.
Nichts erhebt sich hier. Ebenen, sandig und flach.
Zugdurchfahrt. TRETEN SIE ZURÜCK Schneidende Stimme
VON DER BAHNSTEIGKANTE! Hör oder trÀume ich das?

Dickicht. SpÀrliche Schneisen. Flachwurzler. Einsame Spitzen
Oben ĂŒber uns. Honnimoon Abendgestirn.
Schienenstoßstaccato. Die Lichtungen schwinden. Im DĂ€mmer
Bleibt das Land zurĂŒck. WANDLITZ. Letzte Station.

1989