Gesellschaftsformation und Revolution

Hanns Graaf

Eine „Weltanschauung“, eine politische Theorie und jede Programmatik müssen sich daran messen, inwieweit sie in der Lage sind, bestimmte Epochen der Menschheitsgeschichte zu analysieren und Grundmerkmale herauszuarbeiten, durch die sie sich auszeichnen. Sie müssen in der Lage sein, den Übergang von einer Epoche zu einer anderen, etwa vom Feudalismus zum Kapitalismus, zu erklären. Allein schon der Versuch, dieses zu leisten, hebt die marxistische Geschichtskonzeption von anderen ab, die nur einzelne Phänomene, nur eine Abfolge verschiedener Ideen, Herrscher oder Staaten betrachten oder überhaupt jede Systemalternative ablehnen.

Der Marxismus ist eine materialistische Anschauung, die von der realen materiellen Welt und ihrer inneren Komplexität, Widersprüchlichkeit und Veränderlichkeit ausgeht; sie ist damit grundlegend entgegengesetzt jeder Ansicht, die die Welt als „göttliche Einrichtung“ ansieht. Marx und Hegel waren darin einig, dass die Welt sich „aufwärts“ entwickelt und dabei allgemeinen „Prinzipien“, Dialektik genannt, folgt. Sie sind aber zugleich entgegengesetzt insofern, als Marx vom Primat der materiellen Verhältnisse ausging, während Hegel einen „Weltgeist“ wirken sah.

Marx´ Geschichtsauffassung

Für Marx wird eine Gesellschaftsformation (Gesellschaftsordnung) wesentlich durch die Produktionsweise (PW) bestimmt. Diese besteht aus dem Zusammenhang von Produktivkräften (PK) und Produktionsverhältnissen (PV). Zu den PK gehören v.a. der Mensch sowie die von ihm erzeugten Produktionsmittel (PM), Wissenschaft und Technik. Die PV setzen sich aus all jenen staatlichen, politischen, rechtlichen u.a. Strukturen zusammen, unter denen das soziale Leben und v.a. die materielle und geistige Produktion der Gesellschaft stattfinden. Marx fasst diese Strukturen auch mit dem Begriff „Überbau“ über der materiell-produktiven „Basis“ zusammen. Insofern bestimmt für Marx v.a. das Sein, die materielle Lebenstätigkeit, das Bewusstsein, was jedoch kein mechanisches Verhältnis darstellt, sondern eine dialektische Wechselwirkung inkludiert.

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1917 – ein Modell für heute? (Teil 2/2)

Hanns Graaf

Die Rolle der Bolschewiki in der Revolution

Der Beginn der Revolution im Februar 1917 war eine spontane Massenbewegung, die ihren Anfang in den Protesten von Arbeiterfrauen gegen die Hungersnot hatte. Ausgehend von den Großbetrieben v.a. in Petrograd (St. Petersburg) entstanden Massendemonstrationen der Arbeiterschaft, die bald zu Massenstreiks wurden. Von Beginn an entstanden auch Machtorgane der Klasse, die üblicherweise als „Sowjetsystem“ bezeichnet werden. Die Basis dieser Sowjets waren aber die betrieblichen Strukturen der Arbeiterinnen und Arbeiter, eine Organisations-Pyramide aus Betriebs- und Abteilungskomitees. Auf dieser proletarischen Basis beruhten die Sowjets, z.B. der Petrograder Sowjet. Erst nach der Konstituierung der betrieblichen Basis bildeten sich proletarische Selbstverwaltungsstrukturen auch in den Wohngebieten und Soldatenkomitees in der Armee und die „eigentlichen“ Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, Bauernsowjets sowie nationale Sowjetstrukturen (Allrussischer Sowjetkongress).

Die Sowjets, z.B. die entscheidenden in Petrograd und Moskau, waren keine rein proletarischen Organe, sondern sozial, politisch und strukturell heterogen. In beiden Städten war die Mehrzahl der Sowjetmitglieder sozial gesehen nicht-proletarisch. Neben den delegierten Arbeitern aus den Betrieben, gab es Soldatenvertreter, die mehrheitlich Bauern waren, und Delegierte der Parteien, meist Intellektuelle. Bis etwa Mitte 1917 stellten Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten die Mehrheit der Sowjets der beiden Metropolen Russlands. V.a. die ersten beiden Parteien traten gegen den Sturz der bürgerlichen Kerenski-Regierung (die sie ja selbst mehrheitlich stellten) und gegen eine sozialistische Revolution auf. Nur die Bolschewiki (und tw. die Anarchisten und die linken Sozialrevolutionäre) waren konsequent revolutionär eingestellt; einmal, weil sie für die kompromisslose Umsetzung der Forderungen der Massen eintraten, v.a. für die Beendigung des Krieges und die Landreform, zum anderen, weil sie den Sturz Kerenskis und „Alle Macht den Sowjets“ forderten.

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1917 – ein Modell für heute? (Teil 1/2)

Hanns Graaf

Viele Marxisten und revolutionäre Linke beziehen sich positiv auf die Russische Revolution von 1917 und halten sie für ein Modell, das auch noch für heute Gültigkeit hätte. Dafür spricht, dass die Oktoberrevolution bisher die einzige erfolgreiche sozialistische Revolution war, in der das Proletariat die Macht erringen konnte. Diese Singularität kann allerdings auch dagegen sprechen. Es mangelte im 20. Jahrhundert nicht an revolutionären Versuchen oder an Situationen, wo eine Revolution möglich war: Deutschland 1918, Ungarn 1919, China 1927, Frankreich 1934, Spanien 1936 oder Griechenland 1944/45. Chancen auf revolutionäre Veränderungen gab es in mehreren Ländern auch nach dem 2. Weltkrieg oder Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre in Frankreich, Chile oder Portugal.

Trotzkis Theorie

Dafür, dass all diese Möglichkeiten entweder in einer Niederlage endeten oder das Proletariat gar keine Revolution durchführte, gibt es verschiedene Erklärungen. Eine davon stammt von Leo Trotzki. Dieser hatte schon ab den 1920ern den Aufstieg des Stalinismus in der UdSSR und die darauf folgende Stalinisierung der kommunistischen Weltbewegung kritisiert. Für Trotzki war der Stalinismus eine konterrevolutionäre Agentur im Arbeiterstaat Sowjetunion und in der Kommunistischen Internationale (Komintern). Trotz des Aufstiegs des Stalinismus beharrte Trotzki jedoch darauf, dass die UdSSR immer noch ein Arbeiterstaat sei – jedoch blockiere der Stalinismus dessen Weiterentwicklung zum Sozialismus und weise erhebliche Deformationen auf. Das bewog Trotzki dazu, die UdSSR als „degenerierten Arbeiterstaat“ zu bezeichnen, dessen Perspektive davon abhängig wäre, ob das Proletariat imstande sein würde, die Bürokratie durch eine – nur politische – Revolution von der Macht zu verdrängen und eine Revitalisierung des Rätesystems einzuleiten.

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Stalins Terror

Hannah Behrendt

Die rücksichtslose, jede Art von Menschenrecht und Anstand missachtende Anwendung von  administrativer Gewalt und Terror gegen einzelne Menschen wie gegen politische, soziale, nationale oder religiöse Gruppen ist ein so markantes wie abstoßendes Merkmal der Politik Stalins. Eine Liste mit allen von ihm persönlich angeordneten oder von seinem Apparat praktizierten Terrormaßnahmen wäre sehr sehr lang. Hier sollen deshalb nur einige, historisch gut belegte Beispiele aufgeführt werden. Wir werden zeigen, dass der Terror Stalins mit der Entwicklung zum Kommunismus völlig unvereinbar war. Wir zeigen, dass er stattdessen notwendig war, um die Errungenschaften der Oktoberrevolution zu eliminieren und eine staatskapitalistische Ordnung zu errichten.

Der Schachty-Prozess

Der offizielle Auftakt für die Forcierung des Stalinschen Terrors war der Schachty-Prozess von 1928. Er markiert die Beendigung der Leninschen „Neuen ökonomischen Politik“ (NÖP) und war quasi die ideologische Einleitungsmusik zur Hyperindustrialisierung und zur Zwangskollektivierung. Der Schachty-Prozess richtete sich gegen Vertreter der technischen Intelligenz, denen vorgeworfen wurde, die Produktion absichtlich zu boykottieren. Sie waren die ersten Opfer und dienten als Sündenböcke für die Fehler der Wirtschaftspolitik. Sie wurden als angebliche Verschwörer und Auslandsagenten verantwortlich gemacht. Es wurden absurde Vorwürfe konstruiert und alle normalen Regeln der Prozessführung missachtet.

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Der Spätimperialismus (Teil 1 von 2)

Hanns Graaf

Der revolutionäre Klassenkampf kann nicht erfolgreich geführt werden, wenn er nicht auf einer Analyse der Gesellschaft, ihrer Konflikte und Tendenzen beruht. 100 Jahre nach seiner Entstehung ist der imperialistische Kapitalismus Ende des 20. Jahrhunderts in eine neue Phase eingetreten. Der Imperialismus (mit all seinen Phasen) beruht auf den Grundlagen des Kapitalismus, hat diese jedoch modifiziert: das Privateigentum an den Produktionsmitteln, das Lohnarbeitssystem, die Konkurrenz und den Staat. Der aktuelle „Spätimperialismus“ ist eine neue Variante des Imperialismus, keine völlig andere Struktur. Werfen wir zunächst einen Blick auf den „tradierten“ Imperialismus, wie er bis Ende des 20. Jahrhunderts existierte. Es war u.a. Lenin, der wesentliche seiner Merkmale herausgearbeitet hat. Zu diesen gehören u.a.:

  • die Vorherrschaft großer Kapitalverbände (Trusts, Konzerne, Großbanken);
  • die Verbindung von Geld- und Industriekapital (Finanzkapital) und die Dominanz des Finanzsektors über die „Realwirtschaft“;
  • die größere Bedeutung des Kapitalexports;
  • die Zunahme reaktionärer Tendenzen in der Gesellschaft;
  • der immanente Drang zum Krieg und zur aggressiven Neuaufteilung der Welt;
  • die Herausbildung von Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie.

Die Leninsche Imperialismus-Konzeption, dargelegt v.a. in „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1915) war lt. Lenin eine „populäre“ Beschreibung der Entwicklungen des Kapitalismus ab Ende des 19. Jahrhunderts, keine ausgearbeitete Theorie. Wichtige Fragen wie etwa die nach dem Zusammenspiel von Kapital und Staat oder die Frage der Entwicklungsdynamik der modernen technischen Produktivkräfte blieben unterbelichtet. Lenin wollte v.a. zeigen, dass der Imperialismus eine Epoche von Klassenkämpfen, Kriegen und Revolutionen ist, die Ausdruck seiner ökonomischen Widersprüche und Tendenzen sind. Die sozialistische Revolution rückt auf die Tagesordnung. Damit hatte er recht. Doch Lenin (und in dessen Tradition die Komintern) unterstellte etwas kurzschlüssig, dass der Imperialismus nur noch „sterbender“, „faulender“, auf der ganzen Linie „reaktionärer“ Kapitalismus sei, dessen letzte Phase er darstellen würde und dem Proletariat daher das „letzte Gefecht“ bevorstehe. Auch andere Marxisten, z.B. Luxemburg und Trotzki, teilten diese Einschätzung. Schon Marx und Engels hatten sich hinsichtlich des Tempos der Revolution geirrt, doch Marx wusste sehr wohl, dass eine Gesellschaftsformation nie untergeht, „bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist“. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand zwar die proletarische Revolution schon auf der Tagesordnung – im Unterschied etwa zu 1848 -, der Kapitalismus war aber durchaus noch nicht am Ende, sondern hatte noch ein erhebliches Entwicklungspotential, das sich nach 1945 zeigte.

Charakter der Periode

Was heißt das bezüglich einer Periodisierung des Kapitalismus? Es bedeutet, dass die in der Linken verbreitete Vorstellung, dass der Imperialismus, der das 20. Jahrhundert geprägt hat, die letzte Phase dieser Gesellschaftsformation darstellen würde, falsch war. Lenin u.a. Marxistinnen und Marxisten betonten, dass der Imperialismus die „letzte“, „höchste“ Stufe des Kapitalismus sei. Damit verbunden war die Auffassung, dass die Produktivkraftentwicklung an Dynamik verlieren würde. Ohne Frage ist der Imperialismus von solchen Tendenzen geprägt. Fraglos hatten Lenin, Luxemburg, Trotzki u.a. Revolutionäre damit recht, dass der Imperialismus der „Vorabend der proletarischen Revolution“ (Lenin) ist. Diese Konzeption führte aber oft zu kurzschlüssigen, „blanquistischen“ politischen Konzepten, die der realen Situation und den realen Kräfteverhältnissen nicht angemessen waren und zu unnötigen Niederlagen führten. Ein Beispiel dafür war die Politik der „Dritten Periode“ oder der Mitteldeutsche Aufstand der KPD.

Dieser „Katastrophismus“ wurde einerseits durch die beiden Weltkriege und die Bestialität des Faschismus, wie andererseits durch den Aufschwung der revolutionären Arbeiterbewegung, mehrere Revolutionen und revolutionäre Krisen, u.a. die Spanische Revolution 1936, bestätigt. Die erste Hälfte des „Frühimperialismus“ – von den 1890ern bis 1945 – war von gewaltigen revolutionären und konterrevolutionären Eruptionen geprägt. Die zweite Hälfte ab 1945 bis zu den 1990ern hingegen war von einer konterrevolutionären Stabilisierung und einem Niedergang der revolutionären Arbeiterbewegung gekennzeichnet.

Nach 1945 wies der westliche Imperialismus Merkmale auf, die mit Lenins Charakterisierung des Imperialismus in Teilen kollidierte. Seit Mitte der 1970er, also fast als ein halbes Jahrhundert lang, gab es kein Ereignis mehr, das als antikapitalistische Umwälzung oder proletarische Revolution bezeichnet werden könnte – wenn wir von den Aufständen gegen den Stalinismus in Osteuropa absehen, die aber eher pro-westliche Demokratiebewegungen, keine sozialistischen Revolutionen waren. Auch der „Arabische Frühling“ war keine solche. Damit soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, dass diese tw. mit revolutionären Mitteln ausgetragenen Kämpfe objektiv das Potential hatten, eine anti-kapitalistische Dynamik anzunehmen. Demgegenüber können Klassenkämpfe wie die 68er-Bewegungen in Prag und Paris oder die der 1970er in Italien durchaus als revolutionär-sozialistisch gelten. Auch Chile unter Allende oder der „Portugiesische April“ 1973 markierten Anfänge einer sozialistischen Umwälzung. All diese Bewegungen hatten aber das Problem, dass es keine genuin revolutionäre Führung in Gestalt einer revolutionären Arbeiterpartei gab und daher die soziale Dynamik keine sozialistische Qualität erreichen konnte.

Die Hauptursache für diese überwiegend nicht-revolutionäre Periode war die fast vollständige Dominanz konterrevolutionärer Agenturen über die Arbeiterklasse: die Sozialdemokratie und der Stalinismus. Eine andere war der wirtschaftliche Aufschwung nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs, der sich v.a. in den imperialistischen Zentren auch für das Gros des Proletariats positiv auswirkte. Es wurde nicht die offene Diktatur, sondern die Demokratie zur „normalen“ Herrschaftsform der Bourgeoisie. Nicht die Tendenz der Stagnation der Produktivkräfte (Wissenschaft, Technik) – die es natürlich auch gab und immer noch gibt -, sondern deren dynamische Entwicklung prägten das Bild. Nicht die Zunahme von (revolutionären) Konflikten, sondern die Koexistenz der Klassen waren typisch. Nicht der Stillstand der Akkumulation, sondern deren Ausbreitung auf neue kommerzielle Gebiete (Autoverkehr, Flugverkehr, Massenkonsumartikel, IT-Bereich, Sozialbereich) konnte beobachtet werden. Die reale Entwicklung hatte Lenins Einschätzungen nur tw. bestätigt. Die Vorherrschaft der USA und die globale Konfrontation mit dem Moskauer Block, aber auch die Prosperität des Langen Booms und das atomare Patt bewirkten, dass es keine zwischen-imperialistischen, sondern „nur“ Stellvertreterkriege gab (Korea, Vietnam u.a.) sowie anti-koloniale Befreiungskämpfe, die das Kolonialsystem weitgehend zerschlugen. Diese fortschrittlichen, antiimperialistischen Bewegungen standen jedoch unter der Führung der Stalinisten und/oder links-nationalistisch/reformistischer Formationen.

Die revolutionär-marxistische Linke ging von Marx´ Erwartung immer tieferer Krisen, heftigerer Klassenkonfrontationen und einer zunehmenden „Revolutionierung“ des Proletariats aus. Der Stalinismus und tw. auch die Sozialdemokratie konstruierten daraus sogar eine quasi „automatische“ Dynamik der Geschichte Richtung Sozialismus. Diese Erwartungen, für die v.a. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus viel sprach, haben sich – bisher – aber nicht bestätigt. Das Proletariat wurde nicht immer revolutionärer, ja noch nicht einmal kämpferischer: es wurde in vielfacher Hinsicht stärker in das System eingebunden. Das schließt allerdings keineswegs aus, dass die Arbeiterklasse nicht periodisch ihr bürgerliches Korsett abstreifen wollte. Auch die Krisen des Systems sind – bisher – nicht häufiger oder heftiger ausgefallen. Der dramatischen Krise von 1929 folgten erst 1973 mit dem Ölschock und 2008 mit der Finanzkrise die nächsten wirklich tiefen Krisen mit globalen Auswirkungen (von der „besonderen“ Corona-Krise 2020 abgesehen).

Statt mit einer permanenten Verschärfung der Krisen und heftigeren Ausschlägen haben wir es eher mit einer unveränderten, aber periodisch schwankenden Intensität von Krisen und Kriegen zu tun. Ein „permanentes Kriseln“ ist seit Ende des 20. Jahrhunderts typisch. Insgesamt haben sich Theorien, die den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems prognostizieren (z.B. jene von Luxemburg) nicht bestätigt. Der Kapitalismus muss bewusst gestürzt werden oder er bleibt – als Barbarei in Permanenz – bestehen.

Bisher gelang es dem Kapitalismus, mittels bestimmter Maßnahmen (Keynesianismus, Kriege, neue Technologien, neue Märkte usw.), immer wieder, neue Akkumulationsperioden zu eröffnen. So ermöglichten etwa die unerhörten Zerstörungen von Produktivkräften im 2. Weltkrieg und die Stärke der USA eine neue Phase der Prosperität, die etwa ein Vierteljahrhundert anhielt. Neue Wirtschaftsbereiche (Flugwesen, Autoverkehr, Touristik, Haushaltstechnik, Kernenergie usw.), die Massenkonsumtion und die Öffnung vormals abgeschlossener Kolonialmärkte ermöglichten einen neuen Boom. Ende des 20. Jahrhunderts waren es die IT-Revolution, die Wiedereingliederung des Ostblocks in den (westlichen) kapitalistischen Weltmarkt und die Durchsetzung neoliberaler Maßnahmen, die zum Boom der Globalisierung führten.

V.a. die Öffnung Chinas für Auslandskapital, die damit einhergehende massive Industrialisierung und die Globalisierung wirkten als Beschleuniger der Weltwirtschaft. Zugleich aber war der massive Kapitalexport nach China u.a. asiatische Länder auch Ausdruck der Verwertungsprobleme des Kapitals und der massiven Überakkumulation in den imperialistischen Zentren. Letztere zeigt sich auch im permanenten Wachsen des (spekulativen) Finanzsektors und der massiven Überproduktion bzw. der Überfüllung der Märkte. Die alten Wachstumspotentiale sind weitgehend ausgereizt. Es gibt weder riesige „jungfräuliche“ neue Märkte wie China oder Indien, die erobert werden könnten, noch gibt es eine neue Globalisierung durch technische Weiterentwicklungen wie die Containertechnik, Großschiffe und IT-basierte Logistik. Alles ist schon da.

Andererseits wächst die Weltbevölkerung (und damit der Konsum) weiter. Es gibt immer noch Regionen der Welt, die nicht durchkapitalisiert sind und potentiell erhebliche Investitionen anziehen können. Im Kontrast dazu führt die von den imperialen Metropolen beherrschte Weltwirtschaft aber auch dazu, dass ganze Regionen unterentwickelt bleiben oder aus dem Wirtschaftskreislauf herausfallen. Welche Tendenz sich hier durchsetzt, ist offen.

Neue Tendenzen

Was Lenin u.a. Theoretiker nicht voraussahen, war die Dynamik der Produktivkraftentwicklung im 20. Jahrhundert. Lenin betonte v.a. die reaktionären, bremsenden Momente der Wirtschaft, die sich aus der Monopolisierung ergeben und die freie Konkurrenz einschränken würden. Doch die Konkurrenz, die Triebkraft der kapitalistischen Dynamik, wurde nicht eingeschränkt, sondern vielmehr auf eine höhere Ebene gehoben: als globale Konkurrenz zwischen Weltkonzernen und Staatenblöcken. Erst mit der Globalisierung und dem Kollaps des Stalinismus (bzw. der Öffnung Chinas) wurde die gesamte Welt (wieder) zum Areal für die Profitmacherei. Internationale Strukturen wie die UNO, der IWF, die Weltbank, die WTO, die EU, die Nato u.a. spielen heute eine enorme Rolle bei der „Ausgleichung“ und Organisierung imperialistischer Partialinteressen und als Mittel zur Ausplünderung und Beherrschung der „3.Welt“.

Eine ähnliche Funktion haben die Tendenzen zum „Deep State“, zu mehr digitaler Überwachung, einem Social credit-System, digitalem Geld usw. Sie dienen nicht nur der stärkeren Indoktrinierung und damit der besseren Beherrschung der Bevölkerung, sondern auch dazu, Profitquellen zu erweitern oder neu zu schaffen, indem sie staatlich organisiert werden. Die Corona-Politik oder der Klimaschutz und die Energiewende mit ihrer künstlich forcierten Kapitalentwertung (Kohleausstieg) sind Ausdruck dessen.

Zugleich hat sich aber Lenins These von der „kombinierten und ungleichzeitigen Entwicklung“ des Imperialismus auf besondere Art bestätigt. Während die „alten“ Imperialismen sich meist behaupten konnten, sind neue Player dazugekommen. China schaffte durch die Implantierung privatkapitalistischer Elemente den Aufstieg von einem großen, aber wirtschaftlich schwachen Staatskapitalismus zur hochentwickelten imperialen Supermacht Nr. 2 neben den USA. Schwellenländer wie Indien, Brasilien, Südkorea oder die Türkei spielen eine zunehmend wichtigere Rolle als Regionalmächte und haben tw. schon heute einen halb-imperialistischen Status. Russland ist eine imperialistische Macht, die v.a. auf militärischer Stärke und auf Rohstoffreichtum beruht, weniger auf einer hochproduktiven Industrie. Der Ukrainekrieg hat dazu geführt, dass Russland noch enger an China herangerückt ist. Die Kooperation zwischen der Hightech-Macht China und dem Rohstoffgiganten Russland verkörpert zusammen mit deren territorialer Größe und ihrer Bevölkerung von ca. 1,6 Milliarden einen unerhört mächtigen Block, der dem US-Block ebenbürtig werden kann. Gelingt es diesem sino-russischen Giganten, weitere Länder und Regionen fest an sich zu binden (Neue Seidenstraße, Indien), ist die Dominanz des sich um die USA gruppierenden Westens ernsthaft bedroht. Der Ukrainekrieg zeigt zudem, dass die Länder des globalen Südens sich zunehmend unabhängiger von den USA machen wollen und dessen Kurs nicht mehr mittragen wollen. Die nächste Periode wird daher v.a. vom Konflikt zwischen den beiden großen imperialen Blöcken und der Positionierung der „3. Welt“ zu diesen geprägt sein. Letztlich kann dieser Konflikt auch zu einem 3. Weltkrieg führen.

All das legt nahe, dass wir in einer Periode leben, die mehr der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnelt als der zweiten. Kriege, Krisen und Angriffe auf politische und soziale Errungenschaften der Arbeiterklasse nehmen zu. Die relativ stabile, eher von Klassenkampfruhe geprägte Phase v.a. ab Mitte der 1970er mit den Hegemonen USA und UdSSR ist vorbei – eine neue, konfliktreichere mit weit größeren Bedrohungen, aber auch revolutionären Chancen verbundene Phase hat begonnen.

Grüner Kapitalismus?

Die These von den „Grenzen des Wachstums“, wie sie in den 1970ern u.a. von den bürgerlichen „Vordenkern“ des Club of Rome aufgestellt wurde und heute von den „grünen“ Bewegungen vertreten wird, ist schon lange durch die Realität widerlegt. Ihre „Theorie“ unterschätzt die Potentiale der Produktivkraftentwicklung – selbst im Kapitalismus -, die es ermöglichen, bestimmte Engpässe zu überwinden und einige Probleme zu lösen oder zu mildern. Der Kapitalismus wird nicht daran scheitern, dass es an Öl oder anderen Rohstoffen mangelt. Das heißt aber nicht, dass es keine Grenzen des kapitalistischen (!) Wachstum geben würde. So kollidiert etwa auf Dauer das Wachstum der Weltbevölkerung mit der begrenzten besiedelbaren Landfläche. Auch die zunehmende Zerstörung, Vergiftung und Veränderung von Naturräumen durch die kapitalistische (!) Produktionsweise ist ein Problem, das dazu führen kann, dass die Regeneration der Natur – und damit auch die Lebensgrundlage des Menschen – gefährdet ist.

Der Schluss, den die „grünen“ Reformer daraus ziehen, ist allerdings grundfalsch. Sie verfolgen oft eine fortschritts- und technologiefeindliche Strategie und wollen den Kapitalismus grün modeln, ohne aber dessen Grundlagen (Privateigentum, Konkurrenz, Lohnarbeit usw.) infrage zu stellen. Das ist eine reaktionäre Utopie! Ein Ausweg aus dem ökologischen Dilemma ist nur dadurch möglich, dass a) der Kapitalismus revolutionär überwunden wird und b) das Proletariat, d.h. die Mehrheit der Produzenten und Konsumenten, Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt und die gesamte Produktionsweise umwälzt. Nicht weniger Produktion und Gürtel-enger-schnallen, wie es die Grünen und viele Linke fordern, sondern die Überwindung von Armut und Unterentwicklung durch mehr Produktion – aber anderer, besserer Güter, geschlossene Stoffkreisläufe und damit weniger Ressourcenverbrauch – ist die Lösung. Der Green new deal – die Strategie der „grünen“ Bewegungen – bedeutet nicht nur Entwicklungsstillstand und Verarmung der Massen, v.a. in der „3.Welt“, sondern auch die Unterordnung des Proletariats und jeder antikapitalistischen Perspektive unter bürgerliche Kräfte und Ideologien und die Interessen bestimmter „grüner“ Teile des Kapitals.

Bourgeoise Oberschicht

Der Kapitalismus ist mit der permanenten Tendenz verbunden, Reichtum nach oben umzuverteilen. Doch es gab auch Phasen, in denen dieser Trend gestoppt oder sogar umgedreht wurde – infolge von Krisen, Kriegen und dem Kampf der Arbeiterklasse. Aber seit den 1980ern ist die Verteilung von Reichtum und Ressourcen wieder deutlich ungerechter geworden – zu Ungunsten der „unteren“ Klassen und Schichten.

Damit verbunden hat auch die innere Differenzierung der Klassen zugenommen. In der Bourgeoisie hat sich eine superreiche Milliardärsschicht etabliert, die über gigantische Vermögen verfügt und enormen Einfluss auf die Welt hat. Leute wie George Soros, Bill Gates, Jeff Bazos, Großbanken und Mega-Fonds verfügen über weit mehr Kapital und Macht als Konzerne, Banken oder die meisten Staaten während der ersten Phase des Imperialismus bis in die 1990er Jahre. Die großen Finanzkonglomerate wie Blackrock, Vanguard u.a., aber auch Weltkonzerne wie Amazon, Google u.a. sind oft US-Unternehmen und mit der US-Regierung, der FED und der Wallstreet eng verbunden. Blackrock z.B. verwaltete 2021 mehr als 10 Billionen US-Dollar. Der Einfluss dieser neuen Giganten erstreckt sich nicht nur auf die Wirtschaft und das Finanzsystem, sondern auch auf die Politik, den Staat, die Wissenschaft, die Medien, auf Bildung und Kultur.

Der heutige Imperialismus ist noch stärker als im 20. Jahrhundert von der Dominanz des Finanzkapitals geprägt (Finanzkapital soll hier weniger im Sinne Lenins als Verschmelzung von Industrie- und Geldkapital verstanden werden, sondern auch als relativ selbstständiger Finanzbereich). Die Plattformökonomie ist das erfolgreichste Geschäftsmodell der letzten 25 Jahre. Unternehmen wie Amazon, Uber, booking.com oder Lieferando sind nicht nur sehr profitabel, sie leben von der Zerstörung von Teilen des Mittelstands. Die Lockdowns der Coronazeit haben diesen Trend noch verstärkt. Zugleich erodiert das Weltfinanzsystem durch immer mehr „wertloses“, spekulatives Geld. Dieses System kann nicht auf Dauer funktionieren und ist höchst instabil. Deshalb ist aus Sicht der Hochfinanz ein neues System nötig. Dazu sollen die Rolle Zentralbanken gegenüber den Geschäftsbanken zunehmen und Digitalgeld als einziges Zahlungsmittel eingeführt werden. Das bedeutet flächendeckende Überwachung und Beherrschung der Wirtschaft und der Bevölkerung durch eine sehr kleine Gruppe von Superreichen in Kooperation mit dem Staat. Die technisch-organisatorische Basis dafür ist eine maximale Digitalisierung.

Manche Beobachter meinen, dass diese Milliardäre und großkapitalistischen Strukturen quasi eine Art „Weltregierung“ darstellen würden. In diesem Kontext wird auch oft das World Economik Forum (WEF) von Klaus Schwab genannt. Zweifellos gibt es Bestrebungen zu einer solchen Herrschaftsstruktur, die quasi eine Durchgriffsmacht auf alle Bereiche der Gesellschaft haben soll. Gerade die „Corona-Pandemie“ ist ein markantes Beispiel dafür, wie die Gesellschaft quasi in einen Ausnahmezustand versetzt wird und bestimmte Kapitalgruppen (Big Pharma, Plattformkonzerne wie Amazon) riesige Extraprofite machen und ihre Marktstellung ausbauen. Oft wird dabei auf China verwiesen, das durch sein zentralistisch-autoritäres Regime strategische Probleme und Aufgaben besser, d.h. ohne umständliche „demokratische“ Regularien lösen könne. Doch diesem Trend steht entgegen, dass das Kapital und die kapitalistische Welt heterogenen sind; unterschiedliche, ja oft gegensätzliche Interessen befehden sich. Trotz der globalistischen Tendenzen von Schwab und Co. existieren heute weder eine Weltregierung noch andere in dieser Hinsicht relevante Strukturen und Institutionen – und es ist nicht ausgemacht, dass das je der Fall sein wird.

Ähnlich wie bei der Volksfront-Strategie oder der These vom Staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) besteht bei den „Globalismus-Theorien“ oder der These vom „Great Reset“ die Gefahr, dass einer klassenübergreifenden Strategie in Form eines Bündnisses des Proletariats mit den nicht-globalistischen, stärker national basierten Teilen des Kapitals das Wort geredet wird, die zu nichts anderem führt als der Unterordnung der Arbeiterbewegung unter bürgerliche Ziele und Programme. Es ist aber durchaus eine zentrale Aufgabe des Klassenkampfes, die Umsetzung bestimmter globalistischer Projekte zu bekämpfen, die dem Groß- und Finanzkapital noch stärkeren Zugriff auf die Gesellschaft ermöglichen. Dazu gehören etwa wirtschaftliche Verträge wie das TTIP, die Abschaffung des Bargelds, die Corona-Lockdowns oder die Klima- und Energiewendepolitik.

Führungsfrage

Ende des 20. Jahrhunderts konnten die USA ihre Position als imperialistische Führungsmacht wieder ausbauen, nachdem sie ab den 1960ern ökonomisch gegenüber Japan und Westeuropa zurückgefallen waren. Doch die Stärke ihres Finanzsektors (Großbanken, Fonds, Ratingagenturen, Wallstreet usw.), der Umfang und die Qualität ihres Wissenschaftsbetriebes, ihre Fähigkeit, technische Innovationen in global agierende Unternehmen – und damit in ökonomische Potenz – umzusetzen, haben dazu geführt, dass die USA wieder an Stärke und Einfluss gewonnen haben. Dabei spielt auch eine Rolle, dass das europäische Projekt der EU und des Euro, das unter Führung von Deutschland und Frankreich vorangetrieben wurde, seine Ziele, zum dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt zu werden, mehr Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von den USA in politischer und militärischer Hinsicht zu erreichen, nicht erreicht hat und in einer tiefen Krise steckt.

Ein Grund für diese Entwicklung ist der wachsende Einfluss des US-Kapitals und der von ihnen unterhaltenen Strukturen (Geheimdienste, NGOs, informelle „transatlantische“ politische Verbindungen, Thinktanks), welche die europäische Politik und die Medien stark beeinflussen. Diese unheilige Allianz aus Geheimdiensten, NGOs, Militär und Diplomatie ist überall dort aktiv, wo dem Imperialismus, v.a. den USA, ein Regimewechsel notwendig erscheint. Die Destabilisierung und das Schüren von Konflikten, die unter dem Slogan der „Demokratisierung“ erfolgen und am berechtigten Unmut der Bevölkerung über reaktionäre Regime andocken, dienen letztlich nur imperialistischen Weltherrschaftsplänen und leiten Opposition und Widerstand ins Abseits.

Die politische Offensive der USA korrespondiert mit dem stärkeren Einfluss von US-Finanzfirmen. So hält Blackrock in Deutschland an den 30 DAX-Konzernen Anteile von rund 60 Mrd. Euro und ist größter Einzelaktionär an der deutschen Börse. In Deutschland sind 17 der 30 DAX-Unternehmen mehrheitlich in ausländischer Hand. Die Krise des europäischen Südens und der Ausstieg Britanniens aus der EU wie die Differenzen mit den osteuropäischen EU-Staaten sind genauso Ausdruck der Krise der EU wie ihre Unfähigkeit, europäisch basierte Weltkonzerne zu etablieren. Da ist die EU gegenüber China und den USA ins Hintertreffen geraten. Der derzeitige Vasallenkurs der EU gegenüber den USA, der sich in der Ukraine-Politik deutlich zeigt, verweist darauf, dass die USA und die „Atlantiker“ derzeit das Sagen haben. Allerdings ist das nur eine Momentaufnahme: die katastrophalen Folgen dieses Kurses für Europa – für die Massen wie auch für Teile der europäischen Bourgeoisie – können auch wieder zur Erosion der transatlantischen Eintracht führen.

Imperialistische Blöcke

Die zentrale Frage, von der das Schicksal der Welt in den nächsten Jahren bestimmt werden wird, ist die Konfrontation zwischen den USA und China bzw. deren Versuche, einen starken eigenen imperialistischen Block zu formieren.

Hintergrund dieser immer stärker auf Konfrontation ausgerichteten Politik sind die Verwertungsprobleme des imperialistischen Kapitalismus. Anders als noch in der Phase des Kapitalismus der „freien Konkurrenz“ ist der Imperialismus heute von riesigen Kapital-Konglomeraten (Konzerne, Großbanken, Fonds usw.) geprägt. Deren Aktionsraum sind nicht mehr nur der Nationalstaat bzw. einige Kolonien, sondern die gesamte Welt. Dafür wurden im Zuge der neoliberalen Reformen in den 1970ern etliche nationale und staatliche Barrieren für das Kapital niedergerissen. Die Profitabilität und die unerhörte Masse des akkumulierten Kapitals verlangen geradezu nach immer größeren Marktanteilen und Handlungsräumen, nach einer Neuaufteilung der Welt, um das riesige vorgeschossene Kapital profitabel verwerten zu können. Die Verfügung über (billige) Rohstoff- und Arbeitskraftressourcen, über Absatzgebiete, die Abhängigkeit ganzer Staaten, lukrative Bedingungen für Investitionen sind wesentliche Grundlagen der heutigen imperialistischen Ökonomie. Die Symbiose zwischen Kapital und staatlichem oder quasi-staatlichem Management wird immer wichtiger. Zum Stillen der Verwertungsbedürfnisse dienen Handelskriege, militärische Operationen, das „Auswechseln“ von Regierungen, Propaganda und geheimdienstliche Aktionen.

Imperialismus ist also nicht nur eine Form aggressiver Politik, sondern Ausdruck und Folge der Dynamik und Widersprüche der imperialistischen Ökonomie.

Der Aufstieg Chinas zu einer imperialen Großmacht bescherte den USA, Japan und den europäischen Imperialismen einen höchst gefährlichen Konkurrenten, der das Potential hat bzw. aufbaut, den USA die hegemoniale Rolle streitig zu machen. Doch imperialistische Hegemonie ist heutzutage nicht mehr von einem Land erreichbar, sondern nur, wenn es diesem gelingt, einen Block um sich zu scharen und ihn zu dominieren. Die Annäherung Russlands an China, aber auch ein imperialistisches Bündnis bzw. eine (Wieder)Annäherung der EU an Russland sind bzw. wären insofern den USA ein Dorn im Auge. Das Verhindern eines Blocks, ja selbst nur einer engeren Kooperation zwischen der EU bzw. Deutschlands und Russlands war immer schon ein zentrales Anliegen der US-Außenpolitik. Die aggressive anti-russische Politik der USA (und ihres engsten europäischen Verbündeten Britannien), die Nato-Osterweiterung und die Aufrüstung und anti-russische Zurichtung der Ukraine nach dem Putsch auf dem Kiewer Maidan 2014 sind Ausdruck dessen.

Doch die erneute Erosion der US-Hegemonie zeichnet sich am Horizont schon ab. Die Mehrheit der Länder des globalen Südens lehnt das Vorgehen von USA, Nato und EU im Ukrainekrieg ab. Die Versuche etwa von Ländern in Lateinamerika und Afrika, sich aus der Abhängigkeit der USA und des Dollars zu befreien, nehmen zu. Sie sind zunehmend desillusioniert darüber, dass die aufgezwungene „Kooperation“ mit den USA und der EU ihnen keine Perspektive bietet und sie nicht aus dem Sumpf von Verschuldung und Rückständigkeit herausführt. Chinas gigantisches Projekt der „Neuen Seidenstraße“ wird (wenn es weiter erfolgreich umgesetzt würde) zu einem deutlichen Übergewicht Chinas in Eurasien und evtl. in Afrika führen. Das ist für die USA nicht hinnehmbar – und für sie letztlich nur militärisch zu verhindern. Der Wirtschaftskrieg und die militärische Konfrontation zwischen den USA und China (Taiwan) spitzen sich zu.

Der Aufstieg Chinas oder Indiens ist auch damit verbunden, dass verschiedene Probleme, z.B. ökologische, zunehmen. Das starke Wachstum der Arbeiterklasse und die Formierung einer Arbeiterbewegung sind zudem potentielle Bedrohungen für diese aufstrebenden Imperialismen. Der Wirtschaftsboom hat zudem riesige Spekulationsblasen erzeugt, die jederzeit platzen können. Zugleich existiert v.a. in China der Widerspruch zwischen der starken Rolle des diktatorischen Partei-Staates und der von ihm etatistisch regulierten Privatwirtschaft, v.a. des Finanzsektors, die diese Gängelung langfristig loswerden will. Bisher war der Erfolg Chinas v.a. dieser Verbindung von Staat und Kapital zu verdanken, doch das muss nicht immer so bleiben.

Wenn es zunehmend Warnungen vor der steigenden Kriegsgefahr, ja vor einem 3. Weltkrieg gibt, so ist das keine Schwarzmalerei. Immer deutlicher zeigt sich, dass Rosa Luxemburgs Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ hochaktuell und die Annahme der Reformisten, den Kapitalismus immer friedlicher, demokratischer, ökologischer und sozialer modeln zu können, eine reaktionäre Utopie ist. Doch die Zerstörung ganzer Länder, ihr Wiederaufbau und die unerhörte Aufrüstung sind in makaberer Weise zugleich Mittel, die kapitalistische Akkumulation in Gang zu halten. Ähnlich ist die Zerstörung der Umwelt und ihre Reparatur (wo dies noch möglich ist) ein lukratives Geschäftsmodell „grüner“ Kapitalisten.

ABC des Marxismus XLVI: Was ist revolutionärer Defätismus?

Defätismus bedeutet Hoffnungslosigkeit, Resignation, nicht an den Sieg glauben. Eine Haltung der Ablehnung des Krieges wird oft als „defätistisch“ bezeichnet. In Diktaturen ist Defätismus, v.a. in Form der Kriegsdienstverweigerung, im Kriegsfall ein Straftatbestand. Der Begriff „revolutionärer Defätismus“ bezeichnet die Taktik von Revolutionären zum Krieg zwischen imperialistischen Mächten, wie es etwa der Erste Weltkrieg war. Er geht davon aus, dass alle Ziele und Methoden sowie die Ergebnisse imperialistischer Kriege reaktionär sind und daher von Linken und der Arbeiterklasse nicht unterstützt werden dürfen, ja im Gegenteil strikt bekämpft werden müssen.

Als Paradebeispiel für eine solche Einstellung kann die Haltung der Marxistin Rosa Luxemburg gelten. Sie wandte sich gegen Militarisierung und Aufrüstung schon Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Sie betonte, dass die systemimmanenten Krisenpotentiale und Konflikte zwischen den imperialistischen Großmächten letztlich zum Krieg führen müssen, weil der nationale Markt für die riesigen Produktionskapazitäten der Konzerne zu eng wird. Wie alle Marxisten leitete Luxemburg den Krieg im Zeitalter des Kapitalismus aus dessen sozialen Verhältnissen ab: aus den Verwertungskrisen und der Konkurrenz um Marktanteile, Rohstoffquellen und Absatzmärkte. Imperialismus ist für Marxisten nicht nur eine bestimmte aggressive Politik, sondern Ausdruck der Widersprüche und der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise.

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Die Metamorphose des Marxismus

Teil 3: Lenin und der Bolschewismus

Hanns Graaf

Die SPD war auch Vorbild und Anregerin der russischen Sozialdemokratie, die als Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SdAPR) 1898 gegründet wurde. Wesentlich für die Verbreitung des Marxismus in Russland war Georgi Plechanow, der sich stark an Kautsky orientierte. Lenin und die Bolschewiki sollten nach der Sozialdemokratie zum zweiten Faktor werden, der das Schicksal des Marxismus und der kommunistischen Bewegung weltweit prägte.

Die Konflikte in der SPD an der Wende zum 20. Jahrhundert wurden auch in Russland verfolgt, jedoch nicht tiefgründig verarbeitet. Die Klarheit vieler Einsichten Luxemburgs, v.a ihrer Kritik an Kautskys Zentrismus, erlangte kein russischer Marxist, auch nicht Lenin, der Kautsky erst 1917 wg. dessen Staatsauffassung und dann wg. seiner Ablehnung der Politik der Bolschewiki als „Renegaten“ kritisierte (und tw. unsachlich und demagogisch beschimpfte).

Die Bolschewiki (Mehrheitler) entstanden 1903 als Fraktion der SdAPR, waren aber de facto eine eigenständige Partei. Die Spaltung entzündete sich v.a. an statuarischen Fragen (Mitgliedskriterien), doch bald offenbarten sich auch programmatische Differenzen. Diese betrafen v.a. den Charakter der kommenden russischen Revolution. Die Menschewiki (Minderheitler) sahen diese aufgrund der Schwäche des Proletariats und des noch unterentwickelten kapitalistischen Sektors als bürgerlich-demokratische Revolution an, in der das liberale Bürgertum die Führung innehaben würde und eine parlamentarische Demokratie etablieren müsse. Demgegenüber betonte Lenin, dass das Bürgertum zur Führung der Revolution zu schwach und zu feige sei und somit das Proletariat die Führung übernehmen müsse. Doch auch Lenins Regierungslosung der „revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“ war unklar und ließ die Frage der Klassenstruktur der nach-revolutionären Ordnung offen.

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Neue Broschüre: Revolution und Staat

Revolution und Staat - Beiträge zur marxistischen Staatstheorie

Unsere neue Broschüre Revolution und Staat – Beiträge zur marxistischen Staatstheorie ist ab sofort bestellbar.

Gliederung

  1. Marx und Engels zum Staat
  2. Der Staat im Kapitalismus
  3. Sozialdemokratie und Staat
  4. Anarchismus und Staat
  5. Lenins Staatsauffassung
  6. Stalinismus und Staat
  7. Rätedemokratie und Selbstverwaltung
  8. Klassenkampf und Staat heute

Der Staat im Kapitalismus

Hanns Graaf

Marx und Engels beschrieben schon 1847 im „Kommunistischen Manifest“, wie sich die Bourgeoisie zur ökonomisch stärksten Klasse entwickelte und sich schließlich mit dem „modernen Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft“ erkämpfte. „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“ (MEW 4, 464)

Die Art und Weise, wie sich das Bürgertum gegen den Feudalismus durchsetzte, variierte von Land zu Land, und so unterschied sich auch der aus der jeweiligen Entwicklung hervorgegangene Staatsapparat. Er ist bedingt durch den Stand der Produktivkräfte, die Klassenstruktur, internationale Einflüsse und den Klassenkampf. Die konkrete Gestalt des bürgerlichen Staatsapparates entscheidet nach Marx und Engels darüber, ob das Proletariat diesen Staatsapparat in der Revolution zerschlagen muss oder „nur“ umzuwandeln braucht. So hielten sie es für möglich, dass die Arbeiterklasse in den USA und in England friedlich zum Sozialismus kommen könne, da es dort damals keine größere bürokratisch-militaristische Staatsmaschinerie gab. (MEW 18, 160) In einem Brief an Philipp van Patten schrieb Engels, dass das Proletariat den bürgerlichen Staat nicht zerstören darf. Vielmehr müsse es diesen in Besitz nehmen, ihn dann allerdings bedeutend verändern und zur Unterdrückung des Widerstandes der Kapitalistenklasse nutzen. (MEW 19, 344f) Marx und Engels bestanden aber darauf, dass der Staat in der nachkapitalistischen Ära absterben solle und könne.

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Lenin als Utopist

Willy Huhn

Vorbemerkung: Wir stellen hier einen weiteren Text von Willy Huhn (1919-70) aus dem Jahr 1948 vor, der unsere Serie über den „vergessenen“ Theoretiker abschließt. Darin zeigt Huhn einige methodische Wurzeln des Leninschen Substitutionalismus, der Unterordnung der Klasse unter die Partei (und den mit ihr verbundenen Staat) auf, der letztlich zum Stalinismus führte. Er verweist damit auch auf die konzeptionellen Differenzen in der Parteifrage zwischen Marx und Lenin. Die Redaktion

Das wichtigste Merkmal des utopischen Sozialismus besteht in dem Aberglauben an die Macht der Wissenschaft. Ein rationales System soll die gesellschaftliche Welt so entscheidend verändern, dass etwas ethisch Besseres und sozial Vernünftiges bewirkt wird. Die praktische Konsequenz aus dieser Überzeugung besteht darin, dass die Gelehrten das Schicksal des Menschengeschlechts selbst in die Hände oder vielmehr auf die Köpfe nehmen müssen.

So stehen an der Spitze des Staates bei den ersten Utopisten der abendländischen Geschichte, Platon, die Philosophen und die Insel „Utopia“ des Thomas Morus wird von einer „Gelehrtenklasse“ regiert. Wird nicht in unserer Zeit ein ähnlicher Anspruch von den Intellektuellen erhoben – einst von der juristischen Intelligenz (Engels hat sich einmal ausführlich mit diesem „Juristensozialismus“ auseinandergesetzt), jetzt von der technischen oder gar von der ökonomischen (Technokratie und Bürokratie)? Die Utopisten suchen nach einer „sozialen Wissenschaft“, um mit ihrer Hilfe neue soziale Bedingungen zu schaffen. Diese Aktion geht von ihrer intellektuellen Initiative aus, beruht auf der Einsicht und Tatkraft der Intelligenz, während sie „auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politisch Bewegung erblicken“, wie es im „Kommunistischen Manifest“ heißt.

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