Machno und die Russische Revolution

Hanns Graaf

Wir wollen hier auf einen Aspekt der Russischen Revolution eingehen, der zwar sehr wichtig ist, aber von der „marxistischen“ Linken fast durchweg ignoriert wird: die Machnobewegung (Machnowschtschina), der vom Anarchismus beeinflussten revolutionĂ€ren Bewegung, die von 1917-22 in der SĂŒdukraine aktiv war.

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1921: Revolution am Wendepunkt

Zur Geschichte der Russischen Revolution

Hanns Graaf

Die Russische Revolution befand sich nach ihrem Sieg im Oktober 1917 in einer sehr prekĂ€ren Situation. Schon Anfang 1918 begann der BĂŒrgerkrieg, der bis 1921 andauerte. Er wurde von allen Seiten sehr brutal gefĂŒhrt. Erhebliche Teile der ohnehin schlechten Infrastruktur wurden zerstört. Mehrere Millionen Bewaffnete und Zivilisten kamen durch Kampfhandlungen, durch Hunger und Epidemien um. Der Weltkrieg war fĂŒr Sowjetrussland zwar im MĂ€rz 1918 durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk beendet, doch es verlor dadurch große Gebiete und viele Ressourcen. „1921: Revolution am Wendepunkt“ weiterlesen

Arbeiterstaat oder Staatskapitalismus? Zum Klassencharakter der Sowjetunion

Anmerkungen zu Trotzkis Analyse

Hanns Graaf

Der Klassencharakter der UdSSR wird bekanntlich von Autoren und Organisationen der Linken sehr unterschiedlich eingeschĂ€tzt. Die Positionen reichen von der Kennzeichnung der stalinschen Sowjetunion als „sozialistisch“ ĂŒber deren Charakterisierung als deformierter oder degenerierter Arbeiterstaat oder die Einordnung als „bĂŒrokratischer Kollektivismus“ bis dahin, die UdSSR als Staatskapitalismus anzusehen. Diese unerhörte Spannweite an EinschĂ€tzungen allein in der sich auf Marx beziehenden Linken (von anderen Richtungen wie dem Anarchismus oder den diversen bĂŒrgerlichen und sozialdemokratischen EinschĂ€tzungen ganz abgesehen) ist umso verwirrender, als selbst innerhalb dieser Richtungen große Unterschiede bestehen, so auch im Trotzkismus, wo sehr verschiedene Positionen vertreten werden. Dazu kommt noch, dass selbst bei gleichen EinschĂ€tzungen des Klassencharakters der UdSSR das methodische Herangehen oder der Zeitpunkt, ab dem diese EinschĂ€tzung zutreffen wĂŒrde, stark differieren. „Arbeiterstaat oder Staatskapitalismus? Zum Klassencharakter der Sowjetunion“ weiterlesen

ABC des Marxismus XXV: Was ist Bolschewismus?

Die bĂŒrgerliche Ideologie, die auch in der Linken verbreitet ist, setzt oft Bolschewismus mit Stalinismus und bĂŒrokratischer Tyrannei gleich oder behauptet, dass der Bolschewismus notwendigerweise zum Stalinismus fĂŒhren musste. Doch beide VorwĂŒrfe sind falsch. „ABC des Marxismus XXV: Was ist Bolschewismus?“ weiterlesen

ABC des Marxismus XIX: Wer war Leo Trotzki?

Leo Trotzki wurde 1879 in der Ukraine geboren. Eigentlich hieß er Lew Bronstein, aber wie viele russische RevolutionĂ€rInnen benutzte er ein Pseudonym. Seine jĂŒdischen Eltern bewirtschafteten einen Bauernhof. Schon frĂŒh lernte er die Armut und UnterdrĂŒckung der Landbevölkerung sowie die Benachteiligung der Juden kennen. Bereits als 18jĂ€hriger Student wirkte er in geheimen revolutionĂ€ren Zirkeln mit. Von da an verlief sein Leben wie ein Heldenepos. Trotzkis Leben und Schaffen war mit den großen und dramatischen Begebenheiten der ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verbunden. „ABC des Marxismus XIX: Wer war Leo Trotzki?“ weiterlesen

Staatskapitalismus statt Sozialismus (Teil 1 von 2)

Ein Beitrag zur Konzeption einer nachkapitalistischen Wirtschaft

Hanns Graaf

Schon Anfang und Mitte der 1920er Jahre begann in der internationalen Linken eine Diskussion ĂŒber den Klassencharakter der UdSSR. Mit dem Aufstieg Stalins und der Etablierung jener Strukturen, die wir heute „Stalinismus“ nennen, spitzte sich diese Diskussion noch zu. Die einen sahen die UdSSR als mehr oder weniger „sozialistisch“ an, andere, v.a. Trotzki, bezeichneten sie als „degenerierten Arbeiterstaat“, wieder andere, darunter z.B. RĂ€tekommunistInnen und AnarchistInnen, verstanden die UdSSR als Staatskapitalismus. Bis heute trennt die Frage der Charakterisierung der UdSSR und des „Ostblocks“ die Linke in gegensĂ€tzliche Lager. „Staatskapitalismus statt Sozialismus (Teil 1 von 2)“ weiterlesen

FundstĂŒck XIV

Die PhĂ€nomene der RadioaktivitĂ€t fĂŒhren uns zu dem Problem der Freisetzung inneratomarer Energie. Das Atom enthĂ€lt in sich eine gewaltige verborgene Energie, und die grĂ¶ĂŸte Aufgabe der Physik besteht darin, diese Energie freizusetzen, den Korken herauszuziehen, damit diese verborgene Energie hervorbrechen kann. Dann eröffnet sich die Möglichkeit, Kohle und Öl durch Atomenergie zu ersetzen, die auch zur wichtigsten Antriebskraft wird. Das ist keineswegs eine hoffnungslose Aufgabe. Was fĂŒr Aussichten eröffnen sich uns! Schon dies gibt uns das Recht zu erklĂ€ren, daß sich das wissenschaftliche und technische Denken einem großen Wendepunkt nĂ€hern, daß die revolutionĂ€re Epoche in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auch eine revolutionĂ€re Epoche im Bereich der Erkenntnis der Materie und ihrer Beherrschung sein wird. Vor der befreiten Menschheit werden sich unbegrenzte technische Möglichkeiten auftun.

Leo Trotzki, RadioaktivitÀt und Materialismus, 1923

Austreibung Trotzkis

Hanns Graaf

I

Was noch
Gilt der Ausgewiesne, der
Prophet dem weitren
Russland?

Postenwechsel an der
Frostverworfnen
Strecke. Unterm
Schnee stockt das
Oktoberlaub.

An der Böschung
Wachsen Reste von
Konserven. Drum
Schmarotzer raufen sich:
Die KrÀhen. Im Dickicht
SchnĂŒrt abseits der
Rotfuchs.

Um nicht
Einzufrieren,
Dampft die Rostlok
Hin und her
Auf totem
Gleis.

Frostzerknirschte
Wachen draußen. Drinnen
Lew, mit Grippe, spielt alleine
Schach.

Moskau bringt sich um
Die TĂŒrme. Bauernopfer.
WinkelzĂŒge, die
Rochaden.

Draußen
Donnert es: Mein
Panzerzug!
Ihm glĂŒht der
Kopf. Kein Wasser? Ist auch das
Versiegt.

Und ich, in dem
Verdammten Zuge,
Ich bin nicht am
Zug!

II

An den Rand getrieben
Triffst Du mich,
Odessa,
Wieder.

Meine Schule.
Klassen, die ich
Durchging. Zirkelarbeit,
Das Theater. Einem
Zuckt die illegale
Hand zum Gruß.

ILJITSCH liegt
VertÀut. Da tönt die
Pfeife. Stalin lÀsst
Abdampfen. Abfuhr ins
Schwarzmeer
Vergessen.

Kalte Krim.
Erblasste KĂŒste. BrĂŒder,
Unser Land treibt
Ab.

Verschollne
Wogen. Hinter uns die
Rinne, wie sie
Zufriert!

Doch,
Wo immer ich
Hinfahre, fahre ich
Fort.

Anmerkung:

Im Januar 1929 wurde Leo Trotzki von Stalin des Landes verwiesen. WĂ€hrend man ĂŒberlegte, wie seine Vertreibung ohne Aufsehen erfolgen könnte, wartete der Zug, der Trotzki nach Odessa brachte, auf der abgelegenen Station Rjaschk. Von Odessa, wo Trotzki seine Jugend verlebte, wurde er mit dem Dampfer ILJITSCH in die TĂŒrkei gebracht. Vgl. Trotzkis Autobiographie „Mein Leben“.