Berliner Menetekel
Paul Pfundt
Am 3. Januar brach in Teilen Berlins die Stromversorgung zusammen. Betroffen waren ca. 100.000 Menschen und über 2.000 Unternehmen. Die Behebung des Schadens ging dann für deutsche Verhältnisse relativ schnell, schon ab dem 7. Januar wurde die Stromversorgung nach und nach wieder hergestellt. Der Schaden am Leitungssystem war aufgrund der Komplexität der Technik, u.a. verschiedener Leitungsarten, die gekoppelt werden müssen, erheblicher Bodenaushubarbeiten und der Kälte schwierig. Nur aufgrund der großen Einsatzbereitschaft der Arbeiter vor Ort konnte das Problem relativ schnell behoben werden.
Die Ursache des Stromausfalls war ein Anschlag auf eine Hochspannungsleitung, die aufgrund einer Flussüberquerung an dieser Stelle überirdisch verläuft. Als Täter wird eine linksextremistische „Vulkangruppe“ vermutet, die – wie könnte es anders sein – mit Russland in Verbindung stehen soll. Beweise gibt es keine, doch frühere ähnliche Anschläge auf die Energieinfrastruktur und das klimaalarmistische Bekennerschreiben stützen die Vermutung von „linksextremen“ Tätern durchaus – wobei unter „linksextrem“ radikale Klimaaktivisten zu verstehen sind – ob diese überhaupt „links“ genannt werden können oder nur einfach verrückt, mag jeder selbst beurteilen. Es kann sich aber auch um eine bewusste Provokation des Staates handeln, um die linke Szene bzw. Russland in Misskredit zu bringen.
Schäden
Welch dramatische Folgen der Ausfall der Stromversorgung auf das soziale Leben und die Wirtschaft hat, zeigt nicht nur die Causa Berlin. Der Blackout in Spanien vor einigen Monaten war um Dimensionen größer.
Es gibt heute keinen Bereich der Gesellschaft mehr, der ohne Strom funktioniert. Bisher war es in den hochentwickelten Ländern extrem selten, dass die Stromversorgung ausfiel. Das war und ist eher in Entwicklungsländern der Fall, wo Stromabschaltungen oft Normalität sind.
Kein Strom bedeutet nicht nur kein Licht, kein Kühlschrank, kein Fernsehen, auch Fahrstühle fallen aus, Wasserpumpen, Supermarktkassen und Tankstellen versagen den Dienst. Da diese Probleme schlagartig massenhaft anfallen, sind auch die Servicedienste überlastet. In Berlin kam noch dazu, dass es tagelang sehr kalt war und die Wohnungen sehr schnell auskühlten. Viele Heizungen froren ein und müssen nun repariert werden. Der Anschlag von Berlin zeigt, dass ein allein auf Strom basierendes Energiesystem sehr anfällig ist. Bei Stromausfall kollabiert auch die Wärmeversorgung, v.a. wenn sie auf Wärmepumpen beruht, und die Mobilität, soweit sie auf E-Autos setzt.
Unsere Energieversorgung basiert auf Strom, der 25% der Gesamtenergie stellt, und auf fossilen Quellen, von denen neben Gas und Kohle Erdöl mit 33% den größten Anteil stellt. Verkehr und Wärmeversorgung waren bisher weitgehend vom Strom unabhängig – wenn wir davon absehen, dass auch Hausheizungen und Tanksäulen Strom brauchen, der aber durch Notstromaggregate geliefert werden kann. Durch die Politik der Energiewende (EW) sollen nun aber auch der Verkehr und die Wärmeversorgung elektrisiert werden (E-Autos, Wärmepumpen). Damit werden wir energetisch noch abhängiger vom Strom und von Havarien oder Anschlägen stärker betroffen sein als bisher.
Grundsätzliche Lehren
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE) Wind und Solar bedeutet, dass die Stromversorgung stark den Schwankungen der Natur unterworfen ist, die Gefahr kompletter oder teilweiser Zusammenbrüche des Netzes nimmt zu. Dass Deutschland bisher weitgehend davon verschont blieb, hat v.a. damit zu tun, dass es bisher noch genügend Kraftwerke gab, die die Netzstabilität sichern, und dass es immer größere Bemühungen (und auch Kosten) gab, um Netzschwankungen auszuregeln (Redispatching). Letzteres ist aber technisch nicht endlos erweiterbar. V.a. nimmt die Zahl der Kraftwerke immer mehr ab, AKWs sind inzwischen schon komplett abgeschaltet. Ohne Großkraftwerke fehlen aber deren riesige Turbinen, die wesentlich dafür sind, eine stabile Netzspannung von 50 Hertz aufrecht zu erhalten. Weicht diese mehrere Minuten um nur ein Hertz davon ab, kann ein Netzkollaps die Folge sein. Unabhängig von Anschlägen oder Havarien unterminiert die EW das Stromsystem also ohnehin permanent.
Ein anderer Effekt der EW ist die Explosion der Energiekosten, v.a. der Stromkosten – eigenartigerweise, obwohl die EE angeblich so billig Strom produzieren. Das „Billige“ kommt allerdings nur dadurch zustande, dass die realen Kosten der EE und die systemischen Kosten, z.B. für Speicher, Netzausbau und Backup-Kraftwerke gar nicht oder nur teilweise mitberechnet werden. Lt. „Frontier economics“ werden die Gesamtkosten der EW in Deutschland bis 2045 4.800-5.400 Milliarden Euro betragen.
Zu den durch die EW bedingten Problemen kommt noch hinzu, dass der Staat sich immer öfter außerstande oder unwillig zeigt, für das Funktionieren und für die Sicherheit der Infrastruktur zu sorgen. Das ist eine Folge der jahrzehntelangen Sparpolitik, aber auch der zunehmenden Probleme, die entstehen, wenn man neoliberalen Konzepten folgt und – wie bei der EW – naturwissenschaftlich-technische Gesetzmäßigkeiten und Erfahrungen ignoriert.
Auch in Berlin zeigte sich das partielle Staatsversagen. So zeigen Überprüfungen schon seit Jahren Sicherheitsmängel bei den Notstromaggregaten und bei Batterien. Nur 25% der Notstromanlagen sind demnach ohne Mängel. Dr. Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbands, sagt dazu: „Der aktuelle Stromausfall in Berlin ist ein Weckruf. Wenn im Notfall die Sicherheitsstromversorgung ausfällt, stehen lebenswichtige Schutzsysteme still – etwa Lüftung, Brandmeldeanlagen oder Aufzüge.“
Doch die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass auch diverse Weckrufe nicht gehört oder bewusst ignoriert werden. Ein besonders dramatisches Beispiel war die Überschwemmung im Ahrtal, als mehrere, auch internationale Warnungen von Experten vor der drohenden Flut nicht beachtet wurden. Die – tw. durchaus vermeidbaren – Folgen: Milliardenschäden und über 180 Tote. Anstatt wie in anderen Ländern rechtzeitig Vorwarnsysteme einzuführen und die Infrastruktur den natürlichen Gegebenheiten (Überflutungsflächen), Rechnung zu tragen, regieren Ignoranz, Sparwahn und Profitsucht, gepaart mit Klimaalarmismus, massenhaft Geld für CO2-Vermeidung verpulvert, anstatt es für konkrete Schutzmaßnahmen auszugeben.
Problem Blackout
Der Ausfall des Stromsystems ist nur ein Problem, ein anderes ist das Wieder in Gang bringen des Systems. Der Blog Klimanachrichten stellt die Problematik gut dar. (Quelle). Hier Auszüge aus diesem Beitrag.
„Das europäische Stromnetz läuft mit 50 Hertz Netzfrequenz – eine präzise synchronisierte Maschine, bei der sich alle Generatoren im Gleichtakt drehen. Nach einem totalen Zusammenbruch existiert keine Referenzfrequenz, keine Spannung, keine Kommunikation über das Netz. Alles muss von Grund auf neu synchronisiert werden, Schritt für Schritt, wie ein Kartenhaus, das man in absoluter Dunkelheit aufbaut. Das ist kein „Neustart“, wie man ihn vom Computer kennt. Es ist der mühsame, mehrstündige bis mehrtägige Wiederaufbau eines hochkomplexen Systems, bei dem die kleinste Fehlkalkulation zur sofortigen erneuten Abschaltung führt. (…)
In Deutschland gibt es laut Bundesnetzagentur 174 schwarzstartfähige Anlagen mit mindestens 10 MW Leistung (Stand 2020) – klingt nach viel, aber von diesen werden tatsächlich nur 26 von den Übertragungsnetzbetreibern für den Netzwiederaufbau vorgesehen. Das ist die strategische Reserve für den Ernstfall. Schwarzstartfähig sind primär: Wasserkraftwerke, einige Gasturbinen (mit Batterieunterstützung), wenige speziell ausgerüstete Kraftwerke. Nicht schwarzstartfähig sind hingegen: Kernkraftwerke (…), die meisten Kohlekraftwerke (werden gerade stillgelegt), Wind- und Photovoltaikanlagen, große Batteriespeicher (ohne vorgelagerte Versorgung). (…) Die gesamte Infrastruktur der Energiewende ist im Schwarzfall nutzlos. (…)
Ein großes Kraftwerk braucht zum Hochfahren zwischen 5 und 10 Prozent seiner Nennleistung als Eigenbedarf – für Pumpen, Schmierung, Kühlung, Steuer- und Leittechnik. Ohne Netz oder Schwarzstartquelle: Stillstand. Und selbst wenn die ersten Kraftwerke laufen, beginnt das eigentliche Problem: Die Balance zwischen Erzeugung und Last muss exakt stimmen. Zu viel Last? Frequenzeinbruch, Abschaltung. Zu wenig Last? Frequenzüberschuss, Abschaltung.
Deshalb werden Verbraucher schrittweise zugeschaltet: Erst kritische Infrastruktur, dann Haushalte regionenweise zeitversetzt, Industriebetriebe kommen ganz zum Schluss. Das Netz wird wie ein fragiles Kartenhaus aufgebaut – eine falsche Bewegung, und alles kollabiert erneut.
Hinzu kommen ausgefallene Schutzrelais in Umspannwerken, die manuell zurückgesetzt werden müssen. Leitungen müssen auf Kurzschlüsse geprüft werden. Die Kommunikation läuft nur noch über Notstromaggregate. Typische Zeitrahmen für einen deutschlandweiten Wiederaufbau: 24 bis 72 Stunden – unter Idealbedingungen. Mit Folgeschäden deutlich länger. (…)
Nahezu alle heutigen Wind- und Photovoltaikanlagen sind „grid-following“ – sie folgen dem Netz. Sie brauchen eine existierende Spannung und Frequenz, an die sie sich anhängen können. Nach einem Blackout gilt: Kein Netz, keine Einspeisung. Auch bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Wind: 0 Megawatt.
An dieser Stelle kommt regelmäßig das Argument: „Dann nehmen wir eben Batteriespeicher als Puffer.“ Schöne Theorie. Praktische Realität: Batterien liefern keine physikalische Trägheit. Sie stabilisieren die Frequenz nur über Regelalgorithmen – hochgradig empfindlich gegenüber Lastsprüngen, hochgradig softwareabhängig. Wer gibt nach einem Totalausfall den ersten Takt vor? Wer synchronisiert tausende Wechselrichter, damit sie nicht gegeneinander regeln? (…)
Die Antwort der Energiewende-Ingenieure lautet: „Grid-forming Wechselrichter.“ Diese sollen die fehlende Netzbildung von Synchrongeneratoren digital nachbilden. Klingt gut. Funktioniert aber – Stand heute – nur in der Theorie und in kleinen Pilotprojekten. Die Probleme:
- bisher kaum großskalig erprobt;
- keine Langzeiterfahrung für nationale Netze;
- extrem komplexe Schutz- und Koordinationsfragen;
- hochgradig softwareabhängig.
(…) Jetzt stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein kalter Januartag, wenig Wind, keine Sonne, die Speicher sind bereits teilweise leer (weil sie in den Tagen zuvor die Versorgung stützen mussten). Dann: Blackout. Was passiert? Keine Einspeisung aus Wind und Solar. Keine Trägheit im System. Kein sicherer Wiederaufbaupfad.
In so einem System wäre Deutschland faktisch auf die Nachbarländer angewiesen – auf französische Kernkraftwerke, skandinavische Wasserkraft, polnische Kohle -, um Spannung und Frequenz ins deutsche Netz zu „ziehen“ und den Neustart zu ermöglichen. Energiesouveränität? Nicht gegeben. Die grüne Unabhängigkeit endet dort, wo die Physik anfängt. (…)
Die Energiewende ignoriert diese Realität. Sie ersetzt rotierende Massen durch Algorithmen, physikalische Trägheit durch virtuelle Inertialsysteme, bewährte Schwarzstartfähigkeit durch theoretische Konzepte. Und hofft, dass im Ernstfall alles funktioniert. Das ist keine Energiepolitik – das ist russisches Roulette mit der Versorgungssicherheit eines Industrielandes.“
Schlimm genug, dass auch das Gros der linken Szene bei diesem absurden Spiel mit mitmacht.