„Marxismus“ vs. Marx (Teil 1 von 4)

Hanns Graaf

Sowohl die meisten derer, die sich positiv auf Marx beziehen, als auch viele, die den Marxismus ablehnen, gehen davon aus, dass „der Marxismus“ sich wesentlich oder gar komplett auf das stützt und weiterführt, was Marx vertreten hat. Beide Seiten haben unrecht. Im folgenden Beitrag zeigen wir anhand wichtiger Fragen, dass das, was Marx vertrat – in seiner politischen Praxis u.v.a. in sei-nen Schriften – sich wesentlich von dem unterschied, was später als „Marxismus“ galt, ja oft dazu sogar im Gegensatz stand.

Das Lohnarbeitssystem

Das System der Lohnarbeit ist ein wesentliches Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft. Das Lohnarbeitssystem hat drei Merkmale: 1. besitzen die Arbeiter als Produzenten keine Produktions-mittel (PM), 2. sind sie deshalb wesentlich vom Lohneinkommen abhängig und 3. haben sie auf-grund dieser beiden Merkmale eine sozial untergeordnete und weitgehend einflusslose Stellung in der Gesellschaft.

Marx stellte als Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse die Überwindung des Lohnarbeitssystems auf. Dabei ging es ihm natürlich aber auch darum, die Bedingungen der Lohnarbeit im Sinne des Prole-tariats schon im Kapitalismus zu ändern. Daher sein Eintreten für die Verkürzung der Arbeitszeit und für höhere Löhne, für die Einsetzung von Fabrikinspektoren, gegen die Kinderarbeit in Fabri-ken und gegen die oft unmöglichen Arbeitsbedingungen für Frauen. Doch all diese Maßnahmen konnten das System der Lohnarbeit nur modifizieren, aber nicht überwinden.

Schaut man sich die Programme und Forderungen der Arbeiterbewegung, der sozialdemokratischen und oft auch der „kommunistischen“ Parteien an, so findet man dort nur selten die Forderung nach Überwindung oder Aufhebung der Lohnarbeit. Meist geht es dort „nur“ darum, die konkreten For-men und Bedingungen der Lohnarbeit zugunsten der Arbeiterklasse zu verändern – was richtig ist, aber perspektivisch unzureichend.

Die Sozialdemokratie hatte bereits vor ihrem „historischen Verrat“ von 1914 eine solche Position. Sie wollte das Kapital nach und nach enteignen und die Wirtschaft verstaatlichen. Das Personal der staatlichen Wirtschaftslenkung sollten die Funktionäre der Arbeiterbewegung stellen. Eine ähnliche Position nahmen Lenin und die Bolschewiki ein – nur sollte bei ihnen die Partei eine noch herausge-hobenere Rolle spielen, als es die Sozialdemokratie wollte, die sich zur bürgerlichen parlamentari-schen Demokratie bekannte, in der man als stärkste Partei, die sich auf das große und wachsende Proletariat stützen konnte, eine dominante Rolle spielen könnte. Während die Sozialdemokratie aber den bürgerlichen Staat nicht zerschlagen, sondern ihn modifizieren und für ihre sozialistischen Zwecke gebrauchen wollte, plädierte Lenin für die Zerschlagung des bürgerlichen Staates – um an dessen Stelle aber einen neuen, proletarischen Staatsapparat zu setzen (dazu mehr in Teil 2).

Wie der Bolschewismus aus der Sozialdemokratie, ging der Stalinismus aus den Bolschewiki her-vor. Trotz tiefer Brüche zwischen Stalins und Lenins strategischem Denken knüpfte der Stalinismus auch am Staats- und Parteidenken des Bolschewismus an, überhöhte ihn aber in absurder Weise – anders als es Lenin, der durchaus Realist und taktisch flexibel war, auch nur im Traum eingefallen wäre.

Die Umwandlung der Privatwirtschaft, ob nun auf sozialdemokratische, bolschewistische oder stali-nistische Art in eine Staatswirtschaft stellte zwar eine Modifizierung des Lohnarbeitssystems dar, aber nicht deren Aufhebung, wie es Marx einst postuliert hatte. Die Beschäftigten „unterstanden“ jetzt anstatt dem Kapitaleigner dem Staat. Dadurch gab es oft einige, tw. wichtige Verbesserungen für die Arbeiterklasse, z.B. dass sie arbeitsrechtlich besser geschützt waren und nicht entlassen wer-den konnten, doch an ihrer Lohnabhängigkeit und v.a. an ihrer unterprivilegierten Stellung in der Gesellschaft hatte sich wenig geändert. Die Lohnarbeit in den stalinistisch geprägten Ländern erin-nerte tw. an die westliche „Mitbestimmung“.

Wie würde nun die Aufhebung des Lohnsystems aussehen?

V.a. müssten die Arbeiter direkt über die PM verfügen; entweder dadurch, dass diese ihnen gehören, wie es bei Genossenschaften der Fall ist, oder (mindestens) dadurch, dass sie eine direkte (!) Kon-trolle über sie ausüben (Arbeiterkontrolle über die Produktion). Wie diese konkret aussieht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter auch davon, welche Struktur diese PM haben. In der Über-gangsgesellschaft (die Marx vom „eigentlichen“ Kommunismus/Sozialismus unterschied und manchmal „Diktatur des Proletariats“ nannte) kann und muss es zu Übergangsformen kommen. Es kann noch längerer Zeit gewisse Privatunternehmen oder Joint ventures geben, die aber in einen an-tikapitalistischen „Rahmen“ von Produktionsverhältnissen eingebettet sein müssen. Es kann am An-fang auch noch Reste eines separaten, vom Typ her bürgerlichen (!) Staatsapparates geben, der nun aber im Interesse des Proletariats die Kontrolle ausübt. Das sind Übergangsformen, die auf dem Weg zum Kommunismus überwunden bzw. weiterentwickelt werden müssen.

Die relativ am höchsten entwickelte Form einer nachkapitalistischen Ökonomie (die aber auch noch Elemente einer bürgerlichen Wirtschaftsweise enthielt) entstand 1936 in der Spanischen Revolution in den Gebieten, die von den Anarchisten u.a. Linken bis 1939 kontrolliert wurden. Dort dominier-ten freiwillige genossenschaftliche und selbstverwaltete Strukturen in Industrie und Landwirtschaft und darüber hinaus in sozialen Leben. Diese Strukturen waren nicht nur mit einer wirklichen sozia-len Befreiung der Massen verbunden, auch der Output und die Arbeitsproduktivität stiegen an – eine Wirkung, die in der verstaatlichten und bürokratisch geleiteten Industrie der stalinistischen Länder in diesem Ausmaß selten auftrat. Diese positive wirtschaftliche und soziale Dynamik wurde gerade dadurch freigesetzt, weil die Massen nicht mehr wie früher dem Chef, dem Eigentümer oder einer Bürokratie untergeordnet waren, sondern sich um ihre Angelegenheiten selbst kümmern konnten und mussten – ohne dass es Zwang von „oben“ gab. Der „Zwang“ bestand nur darin, im eigenen In-teresse und zum eigenen Vorteil im Rahmen des Kollektivs zu handeln.

Nur ein solches System ermöglicht auch die Überwindung des Lohnsystems. Nur die bewusste de-mokratische Kooperation der Kollektive und die Einbindung ihrer Strukturen in ein Rätesystem und in eine gesellschaftliche Planung ermöglicht eine neue Gesellschaft, die demokratischer, produktiver und damit auch humaner ist als der Kapitalismus. Unter Planung soll hier nicht die überzentralisier-te bürokratische Staatsplanung des Stalinismus verstanden werden sollte, sondern eher eine Rah-menplanung, v.a. für zentrale Investitionen. Die Planung muss auf Strukturen einerseits von Produ-zenten, andererseits von Konsumenten beruhen, die ihre durchaus unterschiedlichen Interessen ab-gleichen und in einen nationalen und sogar internationalen Rahmen einpassen. Marx selbst hat kein System dafür entwickelt, wie die Planung in der nachkapitalistischen Gesellschaft aussehen sollte. Schon deshalb trägt Marx keine Schuld an den wirtschaftspolitischen Absurditäten seiner „Erben“.

Die Unterschätzung des Genossenschaftswesens, der Selbstverwaltung und der Räte ist – mehr oder weniger – ein Merkmal der Arbeiterbewegung ob sozialdemokratischer, bolschewistischer und umso mehr stalinistischer Provenienz. Die Konzeption der Verstaatlichung anstelle einer wirklichen Ver-gesellschaftung war ein Grundfehler, an denen sie alle gescheitert sind.

Das Lohnarbeitsverhältnis ist für Marx ein Aspekt der allgemeinen Entfremdung des Menschen im Kapitalismus. Seine Kritik am Lohnsystem geht damit viel tiefer als das, was später selbsternannte „Marxisten“ als Alternative zum Kapitalismus andachten oder praktizierten.

Hier stellt sich nun die Frage, was Marx´ wirkliche Haltung war? Trat Marx für eine Staatswirt-schaft als grundlegendes Modell des Sozialismus ein? Wie stand er zu Genossenschaften? Usw. usf. Wir wollen dazu einige Zitate aus Marx´ Schriften anführen, die beispielhaft belegen, was er wirk-lich vertrat.

Im „Kommunistischen Manifest“ – einer Frühschrift von 1847 – fordern Marx und Engels u.a.: „5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol. 6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.“ Diese Verstaatlichungen betreffen nur „systemische“ Bereiche und keineswegs die gesamte Wirtschaft. Schon im nächsten Anschnitt heißt es aber: „Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschie-de verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter.“

Später betont Marx im „Kapital“: „Die Freiheit (…) kann nur darin bestehen, dass der vergesell-schaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden“. (MEW 23, 92) Eine solche „blinde Macht“ ist gewissermaßen aber auch der „separate“, „abgehobene“ bürokratische Staat.

In seinen „Randglossen“ zum Gothaer Programm der SPD von 1875 spricht Marx bezüglich der nach-kapitalistischen Wirtschaft von einer „genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produkti-onsmitteln gegründeten Gesellschaft“.

Im selben Jahr schrieb Engels an Bebel: „Die deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und damit der Klassenunterschiede vermittelst Durchführung der genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau auf nationalem Maßstab.“ (MEW 19, 6)

Wiederholt betont Marx die Bedeutung genossenschaftlicher Strukturen. „Die Kooperativfabriken der Arbeiter selbst sind, innerhalb der alten Form, das erste Durchbrechen der alten Form, obgleich sie natürlich überall, in ihrer wirklichen Organisation, alle Mängel des bestehenden Systems repro-duzieren und reproduzieren müssen. Aber der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist innerhalb derselben aufgehoben, wenn auch zuerst nur in der Form, dass die Arbeiter als Assoziation ihr eige-ner Kapitalist sind, d.h. die Produktionsmittel zur Verwertung ihrer eigenen Arbeit verwenden. Sie zeigen, wie auf einer gewissen Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkräfte und der ihr ent-sprechenden gesellschaftlichen Produktionsformen naturgemäß aus einer Produktionsweise sich ei-ne neue Produktionsweise entwickelt und herausbildet. Ohne das aus der kapitalistischen Produkti-onsweise entspringende Fabriksystem könnte sich nicht die Kooperativfabrik entwickeln und ebenso wenig ohne das aus derselben Produktionsweise entspringende Kreditsystem. Letzteres, wie es die Hauptbasis bildet zur allmählichen Verwandlung der kapitalistischen Privatunternehmungen in kapi-talistische Aktiengesellschaften, bietet ebenso sehr die Mittel zur allmählichen Ausdehnung der Ko-operativunternehmungen auf mehr oder minder nationaler Stufenleiter. Die kapitalistischen Aktien-unternehmen sind ebenso sehr wie die Kooperativfabriken als Übergangsformen aus der kapitalisti-schen Produktionsweise in die assoziierte zu betrachten, nur dass in den einen der Gegensatz negativ und in den andren positiv aufgehoben ist.“ (MEW 25, 456)

Oder hier: „In den Aktiengesellschaften ist die Funktion getrennt vom Kapitaleigentum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom Eigentum an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit. Es ist dies Resultat der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion ein notwendiger Durch-gangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten, aber nicht mehr als das Privateigentum vereinzelter Produzenten, sondern als das Eigentum ihrer als assoziierter, als unmittelbares Gesellschaftseigentum. Es ist andererseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsprozess in bloße Funktionen der assoziierten Produzenten, in gesellschaftliche Funktionen.“ (ebenda, 453)

In einer Resolution für die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) schreibt Marx 1866 zum Ge-nossenschaftswesen: „Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Um-wandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, dass das bestehende despotische und Armut hervorbringende Sys-tem der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikani-sche und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten.“

Kein Wort von einer Staatswirtschaft, stattdessen ein klares Plädoyer für ein genossenschaftliches System. Dabei ist für Marx aber auch klar, dass die genossenschaftlichen Unternehmen Teil eines kollektiven Gesamtsystems – die „allmähliche Ausdehnung der Kooperativunternehmungen auf mehr oder minder nationaler Stufenleiter“ – sein müssen und nicht quasi kollektiv-kapitalistische Einzelsubjekte, die den betrieblichen Egoismen unterliegen.

Nun werden die Kritiker sofort entgegnen, dass Marx und Engels wiederholt durchaus auch von der Verstaatlichung bzw. von Nationalisierung sprechen. Das ist richtig. Nur müssen wir bedenken, dass Verstaatlichung zunächst v.a. Enteignung der Kapitalisten per Ukas der Regierung bzw. durch das praktische Handeln der Belegschaft bedeutet und nicht Schaffung von dauerhaftem Staatseigentum. Engels bringt das z.B. hier zum Ausdruck: „Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst (sic!) in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletari-at, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat. (…) Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt – die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft -, ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozes-sen. Der Staat wird nicht ‚abgeschafft‘, er stirbt ab.“ (Die Entwicklung des Sozialismus von der Uto-pie zur Wissenschaft).

Damit sollte klar sein, dass Marx und auch Engels keine Verfechter von Staatseigentum waren, son-dern vielmehr für ein genossenschaftliches System plädierten, in dem das Lohnarbeitsverhältnis aufgehoben ist und die direkte Verfügung der Produzenten (heute würden wir auch die der Konsu-menten hinzufügen) über die PM gesichert ist – und damit letztlich auch deren Verfügung über alle sozialen Verhältnisse und Strukturen.

Die wichtigsten Ökonomen der II. Internationale, v.a. Rudolf Hilferding, vertraten eine andere Sicht als Marx und Engels. Hilferding schreibt: „Wie, wo, wie viel mit welchen Mitteln aus den vorhan-denen natürlichen oder künstlichen Produktionsbedingungen neue Produkte hergestellt werden, ent-scheidet der Pater familias oder die kommunalen, Landes- oder Nationalkommissäre der sozialisti-schen Gesellschaft, die, sei es aus persönlicher Erfahrung, die Bedürfnisse und Hilfsquellen der Fa-milie kennend, sei es mit allen Mitteln einer organisierten Produktions- und Konsumtionsstatistik die gesellschaftlichen Erfordernisse erfassend, in bewusster Voraussicht das ganze Wirtschaftsleben nach den Bedürfnissen ihrer in ihnen bewusst vertretenen und durch sie bewusst geleiteten Gemein-schaften gestalten.“ (Hilferding, Das Finanzkapital, Dietz, Berlin, 1947, 2)

Bei Hilferding sind es eben nicht (nur) die assoziierten Produzenten und Konsumenten, welche die Produktion bestimmen, sondern „kommunale, Landes- oder Nationalkommissäre“, also Vertre-tungskörperschaften, oder sogar Individuen, die von „oben“ bestimmen – „in bewusster Voraussicht“ und „nach den Bedürfnissen ihrer in ihnen bewusst vertretenen und durch sie bewusst geleiteten Gemeinschaften.“ Es ist kein Zufall, dass es bei Hilferding Vertretungskörperschaften auf betriebli-cher Ebene nicht gibt, dass also die Belegschaft als Subjekt gar nicht auftaucht. Dieses Funktions-modell erinnert schon stark an eine staatliche Bürokratie, welche nach ihrem Gutdünken – natürlich in „bester Absicht“ – alles leitet.

Nun wird niemand bezweifeln, dass auch eine nichtkapitalistische Ökonomie zentralisiert und ge-plant werden muss. Die Frage ist aber wie umfänglich diese sind und ob sie (bei allen Wechselwir-kungen) grundsätzlich von „unten“ entsteht und kontrolliert wird oder von „oben“.

Nicht nur die Tatsache, dass in Lenins grundlegenden Werk „Staat und Revolution“ von Sowjets und Genossenschaften gar nicht die Rede ist, sondern mehr noch, dass ab 1921 von den Bolschewiki ein klarer Kurs gegen alle Selbstverwaltungskonzeptionen gefahren wurde (she. den Kampf gegen die „Arbeiteropposition“), belegt, dass Lenin und die bolschewistische Führung einem Gesellschafts-modell anhingen, das straff staatlich-bürokratisch-zentralistisch war. Lenins wiederholte Betonung der aktiven Mitarbeit der Massen an der Staatsverwaltung klingt zwar gut (und war auch ernst ge-meint), ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Massen nur Unterstützer, Kontrolleure usw. des staatlichen Apparats sein sollten, nicht jedoch wirklich souveräne Gestalter der Gesellschaft. In „Staat und Revolution“ postulierte Lenin deshalb auch, dass Alle zu „Angestellten des Staates“ wer-den sollen. Könnte man sich eine derartige Äußerung bei Marx vorstellen? Niemals! Marx ging es ja gerade darum, den Angestellten-Status, also das Lohnarbeitsverhältnis, zu überwinden. Nicht be-sondere staatliche Apparate, an denen sich die Massen irgendwie „beteiligen“, die sie „unterstützen“, sondern Strukturen, die sie nicht nur kontrollieren, sondern selbst direkt bestimmen: darum geht es, das ist die Diktatur des Proletariats – im Unterschied zur Diktatur einer Bürokratie für das Proletari-at, die letztlich immer nur zur Diktatur über das Proletariat wird.

In diesem Sinne schrieb Marx in „Die deutsche Ideologie“: „Das Bestehende, was der Kommunis-mus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den Individuen unab-hängig Bestehenden“. Auch wenn Marx hier vom Kommunismus und nicht von der Übergangsphase spricht, dürfte klar sein, dass auch schon der Übergang von der Zunahme und nicht der Abnahme dieses „von den Individuen unabhängig Bestehenden“ geprägt sein muss.

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