Paul Pfundt
Wir wissen nicht, ob der 9. März 26 in die Geschichte eingehen wird. Auf jeden Fall ist er ein wichtiges Datum für die künftige Energiepolitik Europas. Am 9.3. erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass die EU künftig den Ausbau der Kernenergie fördern wolle, um eine erschwingliche und klimafreundliche Stromversorgung sicherzustellen. „In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben“, betonte von der Leyen beim 2. internationalen Kernenergie-Gipfel in Boulogne-Billancourt bei Paris. Die Abkehr von der Atomkraft sei ein „strategischer Fehler“ gewesen. Weiter sagte von der Leyen: „Deshalb legen wir heute eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren vor. Unser Ziel ist einfach: Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der Dreißigerjahre einsatzbereit ist“.
Obwohl die EU bisher nie die deutsche Anti-Kernkraft-Strategie geteilt hat, ist das klare Bekenntnis von der Leyens zur Kernkraft doch eine Überraschung. Die Motivation ihrer Position ist unschwer zu erraten. Zum einen ist sie eine Reaktion auf die gescheiterte Politik der Energiewende (EW) mit dem Ausbau der „Erneuerbaren Energien“ (EE), die trotz immensen Aufwands die angepeilten Ziele nicht erreicht hat. Zwar wurde die Stromproduktion aus EE deutlich erhöht, doch ihr Anteil am Primärenergieverbrauch ist immer noch sehr gering, da Verkehr und Wärmeversorgung nach wie vor auf der Verbrennung fossiler Stoffe beruhen.
Ein anderes Problem ist die durch die Kriege in der Ukraine und in Nahost sehr fragil und teuer gewordene Versorgung mit Öl und Gas. Diese Herausforderungen und die EW-Politik insgesamt stellen eine große Belastung für die europäische Industrie dar und treiben die Inflation nach oben. Sicher steht hinter der Aussage von der Leyens auch Frankreich, dessen Atomstromlieferungen inzwischen für Deutschland unverzichtbar geworden sind.
Gewachsene Einsicht?
Die Argumentation von der Leyens verrät, dass die Realität inzwischen auch in Brüssel beachtet wird. Wenn die EU-Kommissionspräsidentin eine „weltweite Renaissance der Kernenergie“ konstatiert, so entspricht das der Wahrheit. Fast kein Land ist der absurden deutschen Atom-Ausstiegsstrategie gefolgt, stattdessen haben viele Länder Forschung, Entwicklung und den Einsatz neuer Kerntechniken gefördert, während sich Deutschland daraus verabschiedet hat. Für alle, die sich mit der Kerntechnik befassen und nicht irgendwelchen Ideologien aufsitzen, ist schon seit dem Tschernobyl-Unglück 1986 klar, dass die Kerntechnik einen technologischen Entwicklungsschub erlebt.
Dabei geht es v.a. um vier Ziele:
- soll die Sicherheit erhöht werden, so dass Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima ausgeschlossen oder deren Wirkungen extrem minimiert werden können;
- soll die Wiederverwendung von atomaren Abfällen („Atommüll“) verbessert werden, um einen geschlossenen Stoffkreislauf zu erreichen und den Anfall radioaktiver Abfälle zu verringern;
- soll der Bau von Reaktoren und Kernkraftwerken so rationalisiert werden, dass die Baukosten sinken;
- soll es verschiedene Reaktortypen geben, v.a. Minireaktoren, die überall variabel einsetzbar sind.
Die Sicherheitsfrage
Der Unfall von Tschernobyl 1986, der wesentlich der fehlerhaften Konstruktion des Reaktors, der Geheimniskrämerei des Stalinismus und unglaublich unqualifizierter Bedienung geschuldet war und nicht der „generellen Unbeherrschbarkeit der Kerntechnik“, zog international umfangreiche Überprüfungen und Verbesserungen der Reaktorsicherheit nach sich. Einen weiteren Schub für mehr Sicherheit gab es nach dem Unfall von Fukushima 2011. Im Unterschied zu Tschernobyl gab es in Fukushima nur zwei (!) Tote durch den Unfall, aber nicht durch radioaktive Strahlung. Einige hundert Opfer gab es durch die sachlich unnötige und überhastete Evakuierung v.a. von Alten und Kranken, die u.a. durch mangelnde medizinische Versorgung oder an Stress starben. Sie waren nicht Opfer der Kernkraftnutzung, sondern der Atomphobie. V.a. durch die Unfälle sind inzwischen die technischen Risiken von AKW gut bekannt und es wurden für die Probleme konkrete technische Lösungen entwickelt.
Fukushima hat gezeigt, dass nur die mangelnde öffentliche Kontrolle beim Bau und beim Betrieb des AKW zum Unfall geführt hat. Trotzdem nahm die Merkel-Regierung Fukushima zum Anlass, die von ihr vorher noch verlängerten Laufzeiten der deutschen AKW zu kippen und komplett aus der Kernenergie auszusteigen. Dieses in jeder Hinsicht unnötige und absurde Vorgehen diente damals nur dazu, den Wahlsieg der Union zu sichern. Schon damals wurde so das Interesse des Landes dem Machterhalt der politischen Elite geopfert. Um den Atomausstieg zu „begründen“, wurde u.a. eine Ethikkommission eingesetzt (wie bei Corona), die aus Bischöfen, Politikern u.a. Nichtfachleuten bestand, der jedoch kein Kerntechniker oder Physiker angehörte. Die technisch ungebildete, opportunistische und nach Schlagzeilen haschende Medienmeute und einige staatshörige „Wissenschaftler“ indoktrinierten den deutschen Michel so lange, bis dieser den Atomausstieg gut fand und an die EW-Politik glaubte.
Gegenüber 1986 oder 2011 sind AKW heute auf einem deutlich höheren Sicherheitslevel – wenn Staat und Unternehmen bereit waren, die vorhandenen technischen Möglichkeiten zu nutzen. Auch in Deutschland wurden alle AKW sicherheitstechnisch überprüft und modernisiert, wofür die Betreiber viele Millionen investiert haben. Die deutschen AKW waren – auch nach Einschätzung internationaler Experten und Gremien – die sichersten der Welt. Dass inzwischen alle deutschen AKW – die emissionsfrei ca. 1/3 des deutschen Stroms erzeugt haben – abgeschaltet worden sind und dafür Atomstrom aus den schlechteren französischen AKW importiert wird, verweist auf die völlige Idiotie der EW.
Die Kernkraft ist – trotz der bisher drei größeren AKW-Unfälle (Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima) – statistisch jene Energietechnik, welche die wenigsten Opfer fordert: ein Fakt, der uns permanent verschwiegen wird. Der Stand der Sicherheitstechnik in der Kernenergie ist so hoch, dass selbst ein Supergau gut beherrscht werden und verhindert werden kann, dass größere Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt gelangen kann. Nebenbei bemerkt: Seit Jahrzehnten sterben jedes Jahr Hunderttausende im Straßen- oder im Bahnverkehr, doch niemand fordert deshalb ein Verbot von Autos oder der Eisenbahn. Die Chemieindustrie und ihre Abfälle stellen sicher ein deutlich größeres Umweltrisiko dar als die Kernkraft und die Chemieunfälle, z.B. in Bophal oder in Seveso, forderten mehr Opfer als die AKW-Unfälle und verursachten extreme Langzeitschäden – fordert jemand deshalb das Ende der Chemieindustrie?!
Wie jede andere Technologie kann auch die Kerntechnik im Laufe ihrer Entwicklung effizienter und sicherer gemacht werden. Dafür muss man sie weiterentwickeln und nicht verbieten. Wie jede Technologie ist auch die Benutzung der Kernkraft, ihre Sicherheit, ihr Einsatz für friedliche Zwecke oder als Waffe davon abhängig, welche Klasse deren Nutzung bestimmt und kontrolliert.
Die Abfallfrage
Die Lagerung der radioaktiven Reststoffe von AKW wurden und werden zu einem großen und unlösbaren Problem hochstilisiert. Dabei wird v.a. auf die sehr lange Halbwertzeit einiger radioaktiver Stoffe verwiesen. Doch die Halbwertzeit ist ein völlig falscher Bezug. Entscheidend ist, ob und wie schnell es gelingt, die Reststoffe wieder zu verwerten. Schon seit Jahrzehnten gibt es Techniken der Wiederaufbereitung, die es ermöglichen, radioaktive Reststoffe wieder als Brennstoff zu verwenden. So wurde aus dem Gros der radioaktiven Stoffe alter Kernwaffen Strom gewonnen. Schon seit 2016 läuft z.B. in Russland ein Reaktor (BN-800), der mit Mischoxid-Brennstoffen (MOX) arbeitet und radioaktive Abfälle als Brennstoff nutzt. Die Wiedernutzung atomarer „Abfälle“ wird sich weiterentwickeln und das „Endlagerproblem“ – das eigentlich keines ist – lösen. In dieser Hinsicht ist es klar, dass das „Verbuddeln“ radioaktiver Reststoffe, so dass man sie weder gut überwachen noch sie wieder „ans Licht holen kann“, absolut blödsinnig. Die Strahlenbelastung von Endlagern, die hunderte Meter unter der Oberfläche liegen, ist gleich Null und stellt keine Gefahr dar – selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangen, wie einige Studien, die solche Vorfälle untersuchten, zeigen. Das größere Problem ist das absurde Übertreiben der Gefährlichkeit von Radioaktivität, wie sie v.a. in Deutschland grassiert. Radioaktivität ist – entgegen der Atomphobie – physikalisch und medizinisch sehr gut verstanden und technisch gut beherrschbar.
Die neueren Reaktor-Generationen III und IV ermöglichen nicht nur eine Reduzierung des Abfallaufkommens, sondern einen fast komplett geschlossenen Kreislauf von radioaktiven Stoffen. Zur Einordnung: von allen giftigen Stoffen entfallen weltweit nur ein (!) Prozent auf radioaktive Stoffe, die noch dazu gut beherrschbar sind – ganz im Gegensatz etwa zu den hochgiftigen Resten des Bergbaus (Klärschlämme), über die kaum geredet wird. Wer sich mit der realen Entwicklung der Kerntechnik befasst und sie nicht generell zum Buhmann stempelt, kann erkennen, welche unermesslichen Möglichkeiten die Kernenergie der Menschheit bietet, nicht zuletzt dann, wenn sie nicht mehr im Kapitalismus lebt.
Die Kosten
Obwohl auch im Kerntechnikbereich viele Innovationen erfolgt sind, ist heute der Bau neuer AKW deutlich teurer als früher. Warum? Das Problem betrifft v.a. AKW-Neubauten im Westen. Das hat vier Hauptgründe. 1. ging es den westlichen Atomkonzernen v.a. darum, ihre alte Technik weiter zu verkaufen, was ihnen enorme Profite sicherte. Die Entwicklung neuer, besserer und effizienterer Techniken litt darunter. Dazu kam 2., dass sich die auf die EW und den Einsatz von EE setzenden „grünen“ Kapitalfraktionen durchsetzten. Es gab nur noch wenige AKW-Neubauten. 3. ist durch den deutschen Atomausstieg die bewährte, v.a. deutsch-französische Kooperation beim AKW-Bau untergraben worden. Heute werden daher oft weniger erfahrene Firmen per Ausschreibung zusammengebracht, was viele Probleme, Bauzeitverlängerungen und Kostenexplosionen verursacht. 4. unterliegen gerade AKW-Bauten derart vielen, oft absurd überzogenen Sicherheits-, Umwelt- und sonstigen Genehmigungen und Auflagen, dass jedes Projekt zu einem endlosen Hürdenlauf wird. Natürlich ist ein AKW eine technisch hochkomplexe Sache, die auch teuer ist. Doch die hohen Baukosten müssen ins Verhältnis gesetzt werden zur langen Laufzeit, die ein Mehrfaches etwa jener von Wind- oder Solaranlagen beträgt, und den niedrigen Betriebskosten. Nicht zu unrecht galten AKW als Gelddruckmaschinen, was gerade deren Kritiker immer betonten – heute behaupten dieselben AKW-Gegner, dass AKW ein Fass ohne Boden wäre. Ein Blick auf die Strompreise von Ländern mit viel Atomstrom und denen, die v.a. auf EE setzen, zeigt, wie weltfremd die „grüne“ Propaganda ist – v.a. in Deutschland, denn fast überall betrachten sogar die Grünen Kernkraft als umweltfreundlich und klimaneutral.
Nach dem Motto „Haltet den Dieb“ zeigen die „grünen“ AKW-Gegner mit dem Finger auf die teure Kernkraft, nachdem sie selbst wesentlich dafür gesorgt haben, dass die Kernkraft behindert und verteuert wurde.
Wenn von der Leyen auf Minireaktoren setzt, dann hat das auch den Grund, dass diese in der Herstellung und beim Aufbau vor Ort deutlich billiger sind als größere AKW. Minireaktoren können quasi wie am Fließband in Fabriken gebaut, fertig transportiert und vor Ort installiert werden. Nach Ende der Laufzeit werden sie wieder demontiert und in die Fabrik zurückgeliefert. Der Betrieb von Minireaktoren kann fast vollautomatisch erfolgen. Das alles spart Kosten. Dazu kommt, dass Minireaktoren nahezu überall aufgebaut werden können.
Eine besonders interessante Entwicklung ist der Dual-Fluid Reaktor (DFR), der flüssiges Uran als Brennstoff nutzt. So können statt bisher 5 nun bis zu 99% des Energiepotentials genutzt werden. So entsteht auch kaum Atommüll, der in diesem Fall auch schon nach 300 Jahren abgeklungen ist. Ein Nachladen des DFR ist nur alle 25 Jahre nötig. Auch ein GAU ist aufgrund der Bauart physikalisch und technisch ausgeschlossen. Der DFR kann auch andere Brennstoffe, z.B. Thorium und Atom“müll“ nutzen. Er ist wesentlich kleiner als herkömmliche Reaktoren und daher auch deutlich billiger. Bezeichnenderweise erhielt dieses in Deutschland gestartete Projekt vom Staat keinen Cent Förderung!
Geisterfahrer Deutschland
Während – ausnahmsweise – Frau von der Leyen und die EU-Kommission die Zeichen der Zeit erkannt hat und von Realitäten ausgeht, meldeten sich in Deutschland sofort die Stimmen der weltfremden Ideologen. Kanzler Merz bezeichnete den Atomausstieg zwar mehrfach als „schweren strategischen Fehler“ und betonte, dass die Energiewende „die teuerste und ineffizienteste der Welt“ sei. Im Januar 26 sagte er, dass er den Atomausstieg zwar bedauere, man sich aber jetzt „auf die Energiepolitik, die wir haben“ konzentriere.“
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) erklärte zur Aussage von der Leyens zur Kernenergie:
„Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht. Wenn eine Risiko-Technologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen. Stattdessen noch mehr Steuergeld für neue Risikoreaktoren auszugeben, lehne ich ab. Um nennenswert neue Reaktoren zu errichten, müsste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das dann an anderer Stelle fehlen würde. Dazu kommt: Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen. Auch wenn die Anlagen kleiner werden, werden die Probleme in der Summe größer. Sauberer, ungefährlicher Strom aus Wind und Sonne ist günstiger, treibt längst die Energiewende an und produziert keinen strahlenden Müll. Für Deutschland gilt nach wie vor: Statt auf eine nukleare Fata Morgana setzen wir auf bessere, sicherere und günstigere Alternativen. Unser Land ist Dank des Atomausstiegs ein ganzes Stück sicherer geworden. Der vor 15 Jahren erreichte Atomkonsens hat unserem Land gutgetan, das sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“
Schauen wir uns die Aussagen des tapferen Anti-Atom-Schneiderleins genauer an. Zunächst zu den Subventionen. Schneider verschweigt hier nicht nur, dass die AKWs in Deutschland i.w. nicht subventioniert wurden (subventioniert wurde v.a. die Forschung). Bau, Betrieb und auch die „Endlagerung“ wurden von den Konzernen selbst über den Strompreis finanziert, der – welch Wunder – früher auch viel niedriger war als heute. Verschwiegen wird vom SPD-Mann auch, dass die EE, die angeblich so billig sind, nach wie vor hochsubventioniert werden – in einem Umfang, der die begrenzten Hilfen für den Kernenergiesektor weit übersteigt. Allein die Jahresabrechnung der Stromnetzbetreiber über die Subventionierung von Wind- und Solaranlagen für 2025 weist einen Zuschuss von 16,5 Milliarden Euro aus.
Schneider suggeriert, dass es die Minireaktoren nur als Projekte gebe, nicht als benutzbare Technik. Doch erstens stimmt das nicht und zweitens ist dem Minister offenbar unbekannt, dass neue Technologien meist auch gefördert worden sind, damit sie skalierbare Effekte haben und in der Praxis erprobt und weiterentwickelt werden konnten. Das, was ee den EE zugesteht, verweigert er der Kernkraft.
Erweist sich Schneider hier mindestens als einäugig, agiert er nun als reiner Demagoge: „Auch wenn die Anlagen kleiner werden, werden die Probleme in der Summe größer.“ Warum? Wo ist die Begründung? Schneider behauptet: „Unser Land ist Dank des Atomausstiegs ein ganzes Stück sicherer geworden.“ Hier unterstellt er indirekt, dass es ohne Atomausstieg einen Atomunfall gegeben hätte – obwohl es den in mehreren Jahrzehnten nicht gab und alle Experten gerade den deutschen AKWs besonders gute Noten ausstellten. Von allen anderen, negativen Auswirkungen des Atomausstieg ist bei Schneider keine Rede: teurere Strompreise, ein unsicher gewordenes Stromsystem, größere Abhängigkeit vom Ausland, Verlust an Hochtechnologie, gut bezahlten Arbeitsplätzen usw. Schneider verteidigt eine gescheiterte und ruinöse Energiepolitik. Damit meint er wohl den Offenbarungseid verhindern zu können, dass die Anti-Atom-Politik der SPD, die sie von den Grünen opportunistisch übernommen hat, ein Irrweg war. Aber es wäre ja auch zu viel verlangt, wenn ein Politiker genug Grips und so viel Arsch in der Hose hätte, um einen Fehler zu zugeben und zu korrigieren.
All das sind aber nur theoretische Fragen, denn der Atomausstieg in Deutschland ist vollzogen. Unter dem Jubel der Zuschauer wurden die AKW nicht nur (wie in anderen Ländern) abgeschaltet, sondern gesprengt, um jede Wiederinbetriebnahme oder Modernisierung zu verhindern. Damit wurden technische Anlagen im Wert von hunderten Milliarden Euro zerstört. Warum? Damit Neuinvestitionen in EE notwendig wurden, die ansonsten so gar nicht nötig gewesen wären. Wie sagt der Volksmund? Wir bauen auf und reißen nieder, Arbeit gibt es immer wieder – und neue Profitmöglichkeiten.
Was folgt daraus?
Viele Länder haben ihre Bemühungen zur Weiterentwicklung der Kernkraft intensiviert und planen oder errichten neue Anlagen. Allein das entlarvt die Behauptung, dass Kernkraft ein Auslaufmodell wäre und die Welt dem Weg Deutschlands folgen würde, als Unsinn.
Während sich fast überall Vernunft und Realitätssinn durchsetzen, sieht es in hierzulande eher so aus, als würde der bisherige Kurs fortgesetzt. Die Grünen, die SPD, die Linkspartei und Teile der Union halten am Antiatomkurs fest. Ein Kurswechsel würde für sie bedeuten, offen zuzugeben, dass sie sich komplett verrannt haben. Die FDP, die sich aus politischem Opportunismus und Machtgeilheit, jedoch nie aus Überzeugung der Ausstiegspolitik angepasst hat, spielt derzeit keine Rolle. Die AfD, die korrekterweise schon immer gegen den Atomausstieg und die Atomphobie Stellung bezogen hat, regiert (bis jetzt) nirgends und hat somit auch kaum Einfluss. Wie so oft hat sich Populist Markus Söder (CSU) nun zu Wort gemeldet und verkündet, in Bayern einen Minireaktor bauen zu wollen. Eine wirkliche Kehrtwende der deutschen Atompolitik ist aber kurzfristig kaum zu erwarten, da diese die Bundesregierung sprengen und der AfD nutzen würde.
Die Linke
Die linke Szene – von der Linkspartei bis zur „radikalen Linken“ – bekennt sich fast ausnahmslos zur „grünen“ Atomphobie. Diese unwissenschaftliche, rückschrittliche und technologiefeindliche Haltung hat ihr jedoch nur geschadet, weil sie damit 1. die mit Wissenschaft und Technik verbundenen Milieus (Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler) und die Beschäftigten in der Energiewirtschaft abgestoßen hat – zugunsten der lohnabhängigen Mittelschicht in technikfernen Bereichen, die zwar von der Sache kaum Ahnung haben, jedoch sehr „grün“ bewegt sind. So hat die linke Szene zwar einige Baumbesetzer u.a. Aktivisten für sich gewonnen, nicht aber jene, die im Energiebereich, in und mit Wissenschaft und Technik zu tun haben (es sei denn, ihr Job hängt mit den EE zusammen).
Zweitens kamen die „Öko“-Stimmen v.a. den Grünen zugute, nicht der linken Szene. Gingen junge Leute vor Jahrzehnten noch in linke Strukturen (K-Gruppen, Jusos, Falken usw.), gingen sie nun zur Grünen Jugend, zu Greenpeace u.a. „grünen“ Strukturen und NGOs. Dort gab es Geld, Posten und Einfluss, dort reichten symbolische oder halblegale Aktionen, die auf mediales Echo zielten. Das war freilich einfacher und der Karriereplanung zuträglicher, als mit den Lohnabhängigen zu diskutieren oder gar den Klassenkampf voran zu bringen. Sich auf einen Baum zu setzen oder sich auf die Straße zu kleben, ein bestimmtes Nischenthema zu besetzen, ist „cool“, aber auch naiv und sinnlos.
Jene Linken, die sich als antikapitalistisch und revolutionär verstehen, müssen sich endlich von solcher Art Milieupolitik, von solcher Art bürgerlichem Reformismus verabschieden! Sie müssen wieder Vertreter des sozialen und technischen Fortschritts werden und diese Haltung mit einem Bezug zur Arbeiterklasse und zum Klassenkampf verbinden. Der aktuell zu beobachtende wachsende Einfluss der AfD und der ihr nahestehenden „Gewerkschaft“ Centrum zeigt, wohin es führt, wenn die linke Szene in wichtigen Fragen, die für die Lohnabhängigen relevant sind, eine falsche Position einnimmt und die Lebensinteressen der Beschäftigten ignoriert.
- Für die Nutzung, Erforschung und Weiterentwicklung der Kernenergie!
- Für eine effiziente Kontrolle kerntechnischer Anlagen inkl. der „Endlager“ durch Beschäftigte, Anwohner, Gewerkschaftsvertreter und „Experten des Vertrauens“!
- Rücknahme des Atomausstiegs! Wiederinbetriebnahme abgeschalteter AKW (wo das sinnvoll und möglich ist)! Beendigung der Politik der Energiewende!
- Nutzung und bessere Sicherheitsregie für die bestehenden „Endlager“! Keine neue Endlagersuche! Intensivierung der Wiederaufbereitung! Für geschlossene radioaktive Stoffkreisläufe!
- Enteignung der (privaten bzw. „halbstaatlichen“) Energiekonzerne und Überführung in demokratisch und von der Arbeiterklasse kontrollierte und geführte Unternehmen!
- Für eine offene und sachliche Diskussion der Themen Energie und Kernkraft in den Medien!
- Für eine bundesweite Energie-Konferenz von Wissenschaftlern, Vertretern der Beschäftigten des Energiesektors und der Stromkunden! Wahl eines „Energierats“ aus diesem Gremium, das ein Vorschlags- und Vetorecht in allen energiepolitischen Fragen hat!