Faktenresistenz als Methode

Hanns Graaf

Die Gruppe Arbeitermacht (GAM) veröffentlichte am 16.11.16 auf ihrer Homepage (www.arbeitermacht.de) einen Artikel zum Klimagipfel COP 22 in Marrakesch („Taktieren im Angesicht der Katastrophe“). Wir wollen im Folgenden auf die Argumente und Positionen der GAM eingehen, weil in ihnen zentrale Ansichten auftauchen, die sehr hĂ€ufig in der linken Szene vertreten werden.

Die Kernaussage des Artikels von Matthias Bacher besteht darin, dass die sich anbahnende Klimakatastrophe als Faktum unterstellt wird und sich daraus die Notwendigkeit einer Energiewende (EW), also der Ersetzung der fossilen Verbrennung durch die „erneuerbaren Energien“ (EE), ergeben wĂŒrde. Klimakonferenzen wie die in Marrakesch wĂŒrden aber fĂŒr den „Klimaschutz“ wenig bringen. Insofern fordert die GAM mehr Anstrengungen dafĂŒr, die von ihr mit einer antikapitalistischen Perspektive verbunden werden.

ZunĂ€chst geht der Autor auf das wesentliche Anliegen von Marrakesch u.a. Klimagipfeln ein – die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Bacher schreibt: „Schon das „Kyoto-Protokoll“ war ein Witz, seine Ziele zur Reduktion der Emission von Treibhausgasen (THG) wurden von den meisten Unterzeichner-Staaten weit verfehlt. Zudem wurde es von den Staaten mit den grĂ¶ĂŸten THG-Emissionen wie den USA, China und Russland boykottiert.“ Zwar stimmt es natĂŒrlich, dass die Emissionsziele verfehlt wurden, doch auf die Ursachen dafĂŒr geht der Autor nicht ein. FĂŒr ihn liegt der Grund nur darin, dass die Regierungen und Konzerne die Umsetzung von Kyoto blockieren. Sicher ist das ein Aspekt. Doch im Kern geht es darum, dass die PlĂ€ne einer weitgehenden CO2-Emissionssenkung oder gar einer „Dekarbonisierung“ praktisch gĂ€nzlich unrealisierbar sind. Das ist der eigentliche Grund, weshalb die Regierungen nicht mehr tun und das Gros des Kapitals sich weigert, in die EE zu investieren. Angesichts der riesigen (meist von den Verbrauchern ĂŒber den höheren Strompreis und diverse „Öko“steuern bezahlten) Subventionen fĂŒr EE-Investments wĂ€re es ja völlig unverstĂ€ndlich, warum das Kapital diese totsicheren Profitquellen nicht nutzen sollte. Doch im Unterschied zu Bacher u.a. Linken kann das Kapital rechnen und checkt sehr genau, ob ein Energiesystem auf Basis der EE ĂŒberhaupt technisch und finanziell machbar und daher Investitionen sinnvoll sind.

Hunderte Techniker, Wissenschaftler, VerbĂ€nde (z.B. der Verband der Elektroingenieure VDE) und hunderte Fachpublikationen legen dar, dass ein Stromsystem, geschweige denn die Energieversorgung insgesamt nicht auf EE basieren kann. Ohne Speichertechnik ist es technisch unmöglich, mit Speichern ist es nicht bezahlbar – davon abgesehen, dass es aktuell und absehbar auch in den nĂ€chsten Jahrzehnten keine Speichertechniken gibt, die in großen gesellschaftlichen Dimensionen nutzbar sind. Das ist letztlich der Grund, warum sich die EE trotz enormer Förderungen nicht durchsetzen und nicht nur die versprochenen Effekte – Klimaschutz, Umweltschutz und Schonung der Ressourcen – nicht eintreten, sondern stattdessen viele neue Probleme (darunter ökologische) entstehen. Nur die Isolation der Linken vom Proletariat und der modernen Produktivkraftentwicklung und die historische Degeneration des Marxismus erklĂ€ren, warum die Linke das reaktionĂ€r-utopische Kernelement der Energiewende – die Implantierung der EE – unterstĂŒtzt.

Dem Autor Bacher ist offenbar auch unbekannt, dass USA, China und Russland zwar Kyoto nicht unterzeichnet haben, jedoch die USA und China enorm viel in EE investiert haben. Hier zeigt sich, dass fĂŒr Bacher offenbar die ErfĂŒllung oder NichterfĂŒllung von Vertragstexten schwerer wiegt als die RealitĂ€t. Die USA haben mehr in Wind- und SolarkapazitĂ€ten errichtet als Deutschland. Effekt: steigende Kosten, weniger Versorgungssicherheit, viele Bankrotte, verplempertes Steuergeld. Aber trotzdem haben die USA die CO2-Emissionen in den letzten Jahren tatsĂ€chlich gesenkt – nicht durch die EE, sondern durch das „böse“ Fracking, d.h. die Ersetzung von Kohle durch Gas. China hat noch stĂ€rker in EE (v.a. Wasserkraft) investiert und die Kernenergie gefördert. Aufgrund des  gestiegenen Gesamterergiebedarfs sind die CO2-Emissionen Chinas zwar weiter gewachsen, doch  die Anstiegsrate konnte (relativ) gesenkt werden.

Die deutsche EW hat nicht nur den CO2-Ausstoß kaum gesenkt – seit 2012 ist er sogar wieder angestiegen -, obwohl der PrimĂ€renergieverbrauch permanent sinkt. Wenn man zu dieser Bilanz noch hinzudenkt, dass fĂŒr die Produktion von Wind- und Solartechnik weit mehr Ressourcen verbraucht werden als bei allen anderen Stromerzeugungstechniken und daher (oft in China, wo das Gros der Solartechnik hergestellt wird) mehr CO2 erzeugt wird, so wĂŒrde sich diese Bilanz noch mehr verschlechtern. Ein modernes Windrad (on-shore) mit 2-2,5 MW Leistung etwa erfordert ĂŒber 5.000 Tonnen Material (Zement, Stahl, Kupfer usw.). Wer da von Ressourcenschonung redet, hat von der RealitĂ€t keine Ahnung.

Auch die Tatsache, dass z.B. DĂ€nemark, das mit ca. 30% den grĂ¶ĂŸten Windstromanteil der Welt hat, jetzt den weiteren Ausbau der Windkraft gestoppt hat (wie z.B. auch Polen), weil man an die Grenze des technisch Machbaren (Versorgungssicherheit) gestoßen ist und sich der enormen Umwelt- und Gesundheitsprobleme, die durch Windkraftanlagen hervorgerufen werden, bewußt geworden ist, tangiert unseren Wind- und Sonnenaffinen Welttretter Bacher nicht.

Es gibt mehrere exakte Berechnungen dazu (z.B. von Björn Lomborg), wieviel Klimaschutzeffekt Kyoto (auf Basis der „klimawissenschaftlichen“ Annahmen des IPCC) bringen wĂŒrde: der Effekt ist so gering, dass er kaum messbar wĂ€re. Was IPCC, Kyoto, Marrakesch usw. fabrizieren, ist nichts als Voodoo-Zauber, der als Weltrettung verkauft wird.

Dramatische ErwÀrmung?

Weiter im Text. Der GAM-Artikel spricht von „der dramatischen VerschĂ€rfung der globalen ErwĂ€rmung“. Wir wissen nicht, auf welchen Teil der Klimawissenschaft sich die GAM hier beruft. Abgesehen von ein paar Exoten wie den Leuten vom PIK rĂ€umen alle Wissenschaftler und auch das IPCC ein, dass es seit ĂŒber 15 Jahren einen Stillstand (Hiatus) der ErwĂ€rmung gibt. Die GAM tĂ€uscht also ihre Leser mit einer Falschmeldung.

Weiter schreibt Bacher von „dramatischen weltweiten Auswirkungen der globalen ErwĂ€rmung“. Als Beleg fĂŒr diesen Trend wird angefĂŒhrt: „So fĂŒhrt beispielsweise das Abschmelzen der Eisschilde an den Polen zu einer dunkleren OberflĂ€che (Wasser statt Eis), welche sich wiederum schneller erwĂ€rmt.“ Auch diese Aussage zeugt davon, dass der Autor nicht nur die Fakten nicht kennt, sondern auch die naturwissenschaftlichen ZusammenhĂ€nge nicht versteht.

Erstens schmelzen die Eisschilde an den Polen durchaus nicht generell ab, wie Bacher meint. Die langjĂ€hrige Abschmelztendenz am Nordpol hat sich seit 2012 deutlich verlangsamt, tw. gibt es sogar wieder eine Zunahme der Vereisung (FlĂ€che bzw. Masse). Die jĂ€hrlichen Schwankungen der Vereisung sind zudem stark vom Wetter (Wetter ist nicht gleich Klima) und von den Meeresströmungen beeinflußt. Der SĂŒdpol zeigt seit vielen Jahren insgesamt eine Zunahme der Eisausdehnung und Eisdicke (she. Berichte des AWI Bremerhafen). In der Summe gibt es also keinen RĂŒckgang des Pol-Eises. Auch die Schmelze auf Grönland ist sehr gering und betrifft hauptsĂ€chlich die KĂŒstengebiete, nicht die Masse des Inlandeises. Zudem: Als es in den letzten 12.000 Jahren schon mehrfach deutlich wĂ€rmer war als heute, kam es auch nie zu einer signifikanten Eisschmelze in Grönland und am SĂŒdpol, geschweige denn verschwanden diese Eismassen. Warum sollte es also jetzt dazu kommen?!

Zweitens: Es ist richtig, dass ein Verschwinden des Eises die Reflexionseigenschaften der OberflĂ€che (Albedo) Ă€ndert und eine ZusatzerwĂ€rmung bewirkt. Allerdings wirkt dieser Effekt nur, wenn das Eis wirklich verschwindet, nicht aber dann, wenn es nur dĂŒnner wird. Die Änderung der OberflĂ€chenbedeckung durch Eis (und Schnee) ist insgesamt marginal und könnte nur zu relevanten Temperatureffekten fĂŒhren, wenn davon grĂ¶ĂŸere FlĂ€chen betroffen wĂ€ren. Das ist jedoch nicht der Fall. Auch hier tischt uns der GAM-Artikel LĂŒgen und Halbwahrheiten auf, um eine dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen durch klimatische VorgĂ€nge zu suggerieren.

An anderer Stelle wird behauptet: „2015 war vor 2014 mit großem Abstand des heißeste jemals gemessene Jahr, das erste Halbjahr 2016 bricht erneut alle Rekorde.“ Und weiter: „Nach momentanen Prognosen dĂŒrfte die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um rund 4 °C (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) steigen, sofern keine effektiven Maßnahmen ergriffen werden. Bereits jetzt hat sich das Klima global um rund 1 °C erwĂ€rmt, in manchen Regionen sogar ĂŒber 4 °C.“

Zu diesem Katastrophismus ist Folgendes zu sagen:

  • Es gibt keine dramatischen Auswirkungen des Klimawandels. Selbst das IPCC ist in seinem  aktuellen Bericht AR 5 (2013) zu seinen frĂŒheren Positionen bezĂŒglich der Zunahme von Extremwetterereignissen Abstand auf Distanz gegangen. Doch die GAM und die gesamte Linke (im Gleichschritt mit den bĂŒrgerlichen Medien) sind noch nicht einmal in der Lage, diese PositionsĂ€nderung zur Kenntnis zu nehmen. Egal, welche Klima-Folgen-Enten uns die Medien  auftischen: jede seriöse wissenschaftliche Untersuchung belegt jedes Mal, dass die RealitĂ€t anders aussieht. Es wĂ€re Aufgabe der Linken, diesen absonderlichen Medien-Rummel zu entlarven. Stattdessen posaunt man selbst noch lauter.
  • Genauso die MĂ€r von den heißesten Jahren. Sicherlich befinden wir uns nach der ErwĂ€rmungstendenz der 1980/90er in einer warmen Phase. So ist es ganz logisch, dass es auf diesem hohen Niveau immer wieder irgendwelche „Rekorde“ gibt. Doch dabei sind zwei Aspekte zu beachten: erstens ist ein hohes Temperaturniveau nicht gleichbedeutend mit dem weiterem Anstieg der ErwĂ€rmung und zweitens muss konkret gefragt werden, was die Ursachen fĂŒr bestimmte konkrete Temperaturentwicklungen etwa eines Jahres sind. Zum ersten Einwand: seit etwa 1998 – also ca. 18 Jahre lang – verharren die Temperaturen, d.h. es gab keinen weiteren Anstieg. Das musste „zĂ€hneknirschend“ sogar das IPCC einrĂ€umen und ist fast in der gesamten (!) Klimawissenschaft anerkannt. Die GAM ignoriert das und verbreitet LĂŒgen. Sie versteht auch ĂŒberhaupt nicht das damit verknĂŒpfte doppelte Problem. Es besteht darin, dass a) die Klimamodelle diesen Stillstand nicht erwartet hatten und alle weit daneben lagen und b), dass seit 2000 die CO2-Emissionen noch steiler angestiegen sind und insofern auch die Temperaturen eher noch schneller hĂ€tten  steigen mĂŒssen. Die reale Temperaturentwicklung stellt also die Voraussagen, wissenschaftlichen Grundlagen und Methoden der IPCC-Klimaforschung in Frage. Das IPCC selbst rĂ€umt ein, dass es da ein Problem und ungeklĂ€rte Fragen gibt. FĂŒr Autor Bacher und die GAM hingegen existieren diese Fragen nicht – was Wunder, wenn Ignoranz zur Methode wird.

Zum zweiten Einwand: Wie schon 1998 hatte auch 2015 ein sehr starker El Nino eine spĂŒrbare ErwĂ€rmung der NordhemisphĂ€re zur Folge. Die warmen Monate von ca. Ende 2014 bis ca. Sommer 2016 sind also nicht auf einen allgemeinen ErwĂ€rmungstrend sondern auf dieses singulĂ€re Ereignis zurĂŒckzufĂŒhren. Auch hier betreibt die GAM Desinformation. Die Aussage „das erste Halbjahr 2016 bricht erneut alle Rekorde“ ist ebenfalls falsch, weil mehrere frĂŒhere Jahre wĂ€rmer waren. Dass man ĂŒberhaupt den extrem kurzen Zeitraum eines Halbjahres als Referenz nimmt, verweist zudem auf das völlig unwissenschaftliche, unseriöse und demagogische Vorgehen von Bacher.

Auch folgende Passage zeigt dieselbe Methode: „Nach momentanen Prognosen dĂŒrfte die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um rund 4 °C (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) steigen“. Nachdem also die Klimamodelle (wie gerade anhand des Hiatus gezeigt) aktuell komplett versagt haben (was selbst das IPCC im AR 5 einrĂ€umt), nimmt man trotzdem die Modell-Voraussagen ungeniert als blanke Wahrheit. Was in 100 Jahren sein „dĂŒrfte“, wissen wir nicht. Vielleicht sind es nur 2, vielleicht auch 6 Grad, vielleicht wird es auch kĂ€lter sein als heute? Und was heißt „vorindustriell“? Es gibt ĂŒberhaupt keine vorindustrielle Temperatur, einfach aufgrund der immerwĂ€hrenden VerĂ€nderungen des Klimas. Im HolozĂ€n (der Klimaperiode seit der letzten Eiszeit vor ca. 11.500 Jahren) gab es einen Sinuskurven-artigen Wechsel der Temperaturen. Manchmal war es 2 Grad kĂ€lter als heute, manchmal bis zu 2 Grad wĂ€rmer. Hier frönen die „Marxisten“ der GAM dem IPCC-Dogma vom stabilen Klima, das der Mensch heute stören wĂŒrde. Die per IPCC, PIK u.a. Gremien verbreitete Ansicht, dass wir es aktuell mit einer (vom Menschen verschuldeten) KlimaĂ€nderung zu tun hĂ€tten, die es in Tempo und Ausmaß so noch nie gegeben hĂ€tte, ist blanker Unsinn. Jeder Geologe (und auch die Klimawissenschaft, bevor sie zum Stichwortgeber von Politik und EE-Investoren mutiert war) weiß bzw. wußte das.

Wie dĂŒmmlich das argumentative Vorgehen von Blacher und der Klimaalarmisten ĂŒberhaupt ist, zeigt schon folgender Umstand. Sicher ist es so, dass die Temperaturen seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts um knapp ein Grad angestiegen sind. Doch damals war es besonders kĂŒhl, es war die Periode der sog. Kleinen Eiszeit, die Anfang des 19. Jahrhunderts zu Ende ging. Vergleicht man jedoch das derzeitige Temperaturniveau mit der „Mittelalterlichen Warmzeit“ vor 1.000 Jahren, oder dem „Römischen Klimaoptimum“ (sic!) vor 2.000 oder der Minoischen Warmzeit vor 3.000 Jahren, wĂŒrden wir feststellen, dass es damals genauso warm oder sogar wĂ€rmer war als heute. Der Vergleich mit einem „vorindustriellen Temperaturniveau“ ist also entweder ein unsinniger und nichtsagender Vergleich oder aber er beweist genau das Gegenteil dessen, was die GAM behauptet. Die seit nunmehr ca. 200 Jahren stattfindende ErwĂ€rmung korreliert auch gut mit einer deutlich gesteigerten SonnenaktivitĂ€t (v.a. in der 2. HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts). Ein weiterer Temperatur-Anstieg in den kommenden 20-30 Jahren ist zudem eher unwahrscheinlich, weil mit Ende des 20. Jahrhunderts die solare AktivitĂ€t wieder stark gesunken ist (was sich allerdings zeitverzögert auswirkt). Doch von all dem haben Bacher und die GAM keine Ahnung. Hier zeigt sich, wozu es fĂŒhrt, wenn eine Organisation sich weigert, eigene Recherchen vorzunehmen, die gesamte Klimadebatte zu berĂŒcksichtigen und nicht nur den Teil zu betrachten, der einem in den Kram passt bzw. Dogmen zu pflegen, die vermeintlich gegen den Kapitalismus sprechen. Selbst von einem Mindestmaß an kritischer Sichtweise ist bei der GAM nichts zu merken. Der einzige Trost fĂŒr die Katastrophen-glĂ€ubigen GenossInnen mag vielleicht sein, dass alle anderen Linken keinen Deut besser sind als die GAM.

ZurĂŒck zum Artikel. Um nun diesem herbei spekulierten Klimachaos zu entrinnen, mĂŒsse „eine Reduktion der globalen Netto-THG-Emissionen auf Null in der zweiten HĂ€lfte des 21. Jahrhunderts“ stattfinden. Eine Reduktion auf Null kann es freilich gar nicht geben, v.a. deshalb, weil ca. 96% der CO2-Emissionen natĂŒrliche Quellen haben (v.a. die Ozeane) und vom Menschen gĂ€nzlich unabhĂ€ngig sind. Aber auch die Reduzierung der CO2-Emissionen aus technischen Prozessen (fossile Verbrennung) ist in einem solchen Ausmaß unmöglich. Ein Beispiel: Eine 100%-Energiewende (Dekarbonisierung) in Deutschland wĂŒrde z.B. bedeuten, dass allein die anteilige  Windenergieerzeugung sich um das 15-20fache erhöhen mĂŒsste. Dann stĂŒnden in Deutschland etwa 400-500.000 WindrĂ€der – oft an windschwachen Standorten. So hĂ€tte man aber erst die erforderliche Durchschnittsmenge an Windstrom. Um auch bei Flaute (dann stehen alle Anlagen still) Strom zu haben, mĂŒssten ein Netzausbau und die Anlage von Speicherpotentialen in riesigem Ausmaß erfolgen. LĂ€st man das beiseite und nimmt nur die Kosten fĂŒr die WindrĂ€der, dann kommen wir auf  eine Investsumme von mindestens 800.000.000.000 Euro. Wer glaubt, dass das machbar und bezahlbar ist, der muss verrĂŒckt sein (leider hat es noch nie an VerrĂŒckten gemangelt). Diese Gigantomanie hat einen physikalischen Grund: da der Energiegehalt (Energiedichte) von Wind und Sonnenstrahlung pro Energieanlage (!) zu gering ist, sind sehr sehr viele Anlagen und weit mehr Ressourcenaufwand nötig, um auf eine bestimmte Gesamtmenge an Strom zu kommen. Doch solche unwichtigen naturwissenschaftlichen Fragen stellt sich die Linke ja nicht. D.h. selbst ein Mindestmaß an Materialismus fehlt ihrer Weltsicht auf das Energiesystem.

Wenn wir nun noch berĂŒcksichtigen, dass die Menschheit weiter wĂ€chst und damit ihr Energiebedarf steigen wird, ist es vollends unmöglich, Energie in ausreichendem Maße mit EE bereitzustellen. V.a. die LĂ€nder der „3.Welt“ haben fĂŒr dieses wesentlich teurere, kompliziertere und  ineffektivere Energiesystem ĂŒberhaupt keine Mittel. Sie bleiben weiter in einer untergordneten Position im Weltmarkt – sie bleiben arm und unterentwickelt. Die Förderung von EE in diesen LĂ€ndern durch Mittel aus internationalen „Klimafonds“ verstetigen und vertiefen nur deren AbhĂ€ngigkeit von den imperialistischen Zentren. Dieses Problem ist den „Anti-Imperialisten“ der GAM auch noch nie aufgefallen.

Wenn man nun unbedingt an die Klimakatastrophe glaubt, dann sollte man wenigstens so realistisch sein und anerkennen, dass CO2-Vermeidung als Rezept ein Tod auf Raten ist. Wirtschaften und Leben ohne CO2-Emission ist so unmöglich wie unnötig. Ein Energiesystem auf Basis der Kernenergie – umso mehr der IV. Generation, die schon jetzt erste Anwendungen in der Praxis erfĂ€hrt – wĂŒrde all die Probleme der jetztigen Kernenergietechnik und des Energiesystems lösen, und sie ist CO2-neutral.

Dass das CO2 die ErwĂ€rmung antreibt, existiert als Fakt nur in Modellen. In der RealitĂ€t, in Experimenten ist nichts davon bewiesen. DemgegenĂŒber ist allerdings klar, dass CO2 Gundlage des Lebens ist, weil ohne CO2 keine Photosynthese möglich ist. Nach den offiziellen Modellen mĂŒsste  nun der Anteil des CO2 an der AtmosphĂ€re in der Klimageschichte immer mehr zugenommen  haben, das Gegenteil aber ist der Fall. Wir haben heute ein CO2-Niveau (400 ppm), das noch nie so niedrig war und nicht nur frĂŒher (klimageschichtlich gesehen also vor Millionen von Jahren) viel höher war, tw. um das 20fache, sondern auch immer weiter gesunken ist. WĂŒrde dieser Prozess anhalten, wĂ€re irgendwann die Photosynthese (ab ca. 150 ppm) nicht mehr möglich. Die Anreicherung mit CO2 ist also fĂŒr das Leben auf der Erde sehr vorteilhaft. Die einzige, wirklich fĂŒr Menschen relevante Klimaauswirkung besteht nĂ€mlich aktuell darin, dass die Erde grĂŒner wird (z.B. durch Satellitenbilder bestĂ€tigt) und die landwirtschaftlichen ErtrĂ€ge auch durch mehr CO2 zunehmen. Auch das scheint der GAM unbekannt zu sein.

Dramatische Klimafolgen?

Der Autor Bacher meint zur KlimaerwĂ€rmung: „Die Folgen sind verstĂ€rkte Extremwetterereignisse, ein massiver BiodiversitĂ€tsverlust, Wassermangel und ihre sozioökonomischen Folgen wie Hunger, Flucht und Kriege.“ Das ist nichts als grober Unfug! Die Extremwetterereignisse nehmen nicht zu. Und warum soll die BiodiversibilitĂ€t abnehmen? Je wĂ€rmer und feuchter es wird, je höher der CO2-Pegel steigt (und das soll ja mit der KlimaerwĂ€mung passieren), desto besser gedeiht alles Leben. Daher bersten die Tropen vor Leben ĂŒber, wĂ€hrend es in den kĂ€lteren Gegenden rarer ist. Und woher bitte soll ein Wassermangel kommen? Die Gesamtwassermenge der Erde bleibt immer gleich. Ändern kann sich nur der Anteil der AggregatzustĂ€nde (flĂŒssig, gasförmig, fest) und damit in geringem Maß die Verteilung. So befindet sich mehr Wasser in der AtmosphĂ€re, wenn die Verdunstung steigt. Wasser könnte in bestimmten Regionen relativ knapper werden, wenn die Bevölkerungszahl steigt, was aber nichts mit dem Klima zu tun hat. Auch das Abschmelzen von Gletschern fĂŒhrt nicht zu Wassermangel (was oft suggeriert wird), sondern nur zu einer zeitlichen Verschiebung der VerfĂŒgbarkeit des Wassers, weil NiederschlĂ€ge in den Bergen weniger als Eis und Schnee gespeichert werden und daher ohne  Zwischenspeicherung sofort wieder talabwĂ€rts fließen. Jedes Geologie-Lehrbuch sagt uns das, aber in Zeiten des Klimawahnsinns nimmt zwar die Temperatur allgemein zu, aber der Verstand offenbar ab.

Wenn es aber nicht an Wasser mangelt, die Extremwetter nicht zunehmen und die BegrĂŒnung und die Fruchtbarkeit zunehmen – woher kommt dann ein BiodiversitĂ€tsverlust?! Denn kann es freilich geben – und es gibt ihn auch – aber nicht primĂ€r durch KlimaĂ€nderungen, sondern v.a. durch Eingriffe des Menschen wie Überfischung, Abholzen von UrwĂ€ldern, Monokulturanbau, VerstĂ€dterung, Vergiftung der Umwelt usw. Anstatt ĂŒber diese, durch den Kapitalismus bedingten, realen Probleme und deren Ursachen zu reden, schwadroniert Bacher ĂŒber nicht vorhandene Klimabedrohungen. Und diese schiefe Sichtweise bringt ihn sogar dazu, die „Argumente“ der reaktionĂ€rsten und verlogensten bĂŒrgerlichen Ideologen zu teilen. Flucht und Kriege sind nĂ€mlich schon gar keine Folgen von KlimaverĂ€nderungen – sie sind direkte Folgen der kapitalistischen Weltordnung und ihrer WidersprĂŒche. Es gibt sehr viele bĂŒrgerliche Kommentatoren, die den Syrienkrieg oder die Arabischen Revolutionen als (mindestens zum Teil) klimabedingt ansehen. Es ist ein Skandal, dass eine „marxistische“ Organisation hier in dasselbe Horn tutet, wie diese Apologeten des Imperialismus!

HendricksÂŽ Klimaplan: naiv und dumm

Auch die deutsche Klimapolitik kriegt ihr im Artikel ihr Fett weg. Bacher fĂŒhrt aus, dass „Barbara Hendricks (SPD) mit dem „Klimaschutzplan 2050“ ein(en) Plan zur Umsetzung der BeschlĂŒsse von Paris in Deutschland vorgelegt (hat). Er sah zur Reduzierung der THG-Emissionen um 80-95% bis 2050 unter anderem eine „schrittweise Verringerung der Bedeutung“ der besonders klimaschĂ€dlichen Braunkohleverstromung bis 2050, das Aus fĂŒr Verbrennungsmotoren in PKW bis 2030 und eine Halbierung des Fleischkonsums „durch AufklĂ€rungsarbeit“ bis 2050 vor.“ Der Hendricks-Plan wird von der GAM angesichts fehlender Kritik offenbar durchaus goutiert. Dagegen wird kritisch vermerkt, dass „Hendricks’ Parteigenosse Gabriel sowie Merkel aus „Angst vor Arbeitsplatzverlust in der Kohleindustrie“ ihr Veto gegen den Plan einlegten.“ So einfach erklĂ€rt sich Genosse Bacher die deutsche Energie-Welt. Eigenartig nur, dass bisher niemand etwas gegen die EW hatte, weil diese ja angeblich sogar ArbeitsplĂ€tze schaffen wĂŒrde. Bislang passierte das v.a. in Statistiken. Im realen Leben hingegen haben seit 2000 ĂŒber 20.000 BeschĂ€ftigte in den drei großen deutschen Energiekonzernen ihren Job verloren – und die EW steht ja noch ganz am Anfang. Man kann es als Marxist freilich auch anders herum sehen: Selbst wenn die EW mehr BeschĂ€ftigung erzeugt (bei gleichem Energieoutput), bedeutet das ja nur, dass die ArbeitsproduktivitĂ€t dieser Branche sinkt. Ein Marxist wĂŒrde das wohl kaum als Fortschritt ansehen – die Linke bejubelt das.

Doch um die ArbeitsplĂ€tze scheren sich – wie bisher – Gabriel und Merkel nicht. Sie entscheiden in gewissem Sinn rational, weil sie wissen, dass die EW schon jetzt gescheitert ist und der Plan von Hendricks komplett utopisch ist. Gabriel hat schon mehrfach öffentlich eingestanden, dass die EW gescheitert ist, weil man die „KomplexitĂ€t“ unterschĂ€tzt habe. Im Klartext: Weil man keinen Schimmer von den technischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen des Energiesystems hatte bzw. den Fachleuten, die von Anfang an auf die Probleme hingwiesen hatten, nicht zugehört und rein volutaristisch – genauer gesagt: im Interesse der EE-Profiteure – entschieden hat. So saß auch in der „Ethikkommission“, die 2011 den Atomausstieg befĂŒrwortete, kein einziger Fachmann, dafĂŒr aber Psychologen, alle möglichen Pfaffen, Politikaster und sonstige „Experten“. Ähnlich frustriert wie Gabriel Ă€ußern sich inzwischen auch andere BefĂŒrworter der EW. Wir können froh (und zum GlĂŒck auch sicher) sein, dass der Hendricks-Plan nie RealitĂ€t wird, denn die Folgen wĂ€ren dramatisch: große Teile der deutschen Industrie wĂ€ren nicht mehr konkurrenzfĂ€hig und wĂŒrden abwandern (v.a. die Energie-intensiven Zweige); die Stromversorgung – bisher ein international anerkanntes PrunkstĂŒck deutscher Industrie mit der bisher höchsten Versorgungssicherheit weltweit (99,998%) und der höchsten Energieeffizienz wĂ€re um ein Mehrfaches teurer und deutlich unzuverlĂ€ssiger, das ganze Land vollgepflastert mit Solarpaneelen, verspargelt mit WindrĂ€dern, vollgestunken mit Biogas-Anlagen und ĂŒbersĂ€ht mit Vogelakadavern. Das ist die bittere Perspektive der EW!

Und, bitteschön, wer glaubt denn ernsthaft daran, dass bis 2030 – also in 17 Jahren – Verbrennungsmotoren durch e-Autos ersetzt werden können?! Was das bedeuten wĂŒrde, soll an einem Beispiel erlĂ€utert werden. Die durchgehende oder nur halbwegs erfolgte E-Motorisierung wĂŒrde u.a. erfodern, dass alle Tankstellen einen Starkstromanschluss erhalten, damit dort mehrere Autos gleichzeitig Strom tanken können. Bei ĂŒber 10.000 Tankstellen und einem Investbedarf von 100.000 Euro pro Tanke (was eher viel zu niedrig geschĂ€tzt ist) wĂŒrde das ein Investvolumen von 1 Milliarde Euro bedeuten. Dazu kĂ€men noch Millionen anderer Ladestationen, Batterie-Tauschstellen usw. Die permanente Stromspeicherung in Battterien wĂŒrde 10-20% Stromverlust bedeuten, d.h. auch eine entsprechende Mehrproduktion an Strom. Die Batterien fĂŒr 50 Mill. deutscher Kfz. wĂŒrden mehr als eine ganze Welt-Jahresproduktion von Kupfer o.a. Grundstoffen erfordern. Schon daraus erhellt, dass eine globale E-Motorisierung undenkbar (und zum GlĂŒck auch unnötig) ist. Aber auch der Weg zur Energiewende-Hölle ist bekanntlich mit guten  Klimaschutz-VorsĂ€tzen gepflastert.

Die GAM beklagt: Gabriel „lĂ€sst sogar den Neubau von Kohlekraftwerken und die Erweiterung von Tagebauen zu“. Ja, was denn sonst? So lange die Kohlekraftwerke mangels Speichermöglichkeiten nicht durch EE ersetzt werden können und zumindest als Back up-Kraftwerke nötig sind, mĂŒssen diese Kraftwerke natĂŒrlich auch erneuert und Ă€ltere durch neuere Anlagen ersetzt werden. HĂ€tte man nur einen Teil der Milliarden fĂŒr die EW fĂŒr die Erneuerung der Kohlekraftwerke ausgegeben, wĂ€ren ca. 20% aller Emissionen dort eingespart worden. Das Vorgehen zeigt sehr deutlich, dass es bei der EW v.a. um Zusatzinvestitionen und -profite geht und nicht um Klimaschutz. Auch die Erweiterung von Tagebauen ist natĂŒrlich notwendig, solange es Kohlevestromung gibt. Dort, wo die Modernisierung von Kohlekraftwerken praktisch stattfindet,  z.B. beim hochmodernen Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg haben GrĂŒne und Linke dagegen Proteste organisiert. Ergebnis: die WĂ€rmeversorgung Hamburgs durch Moorburg (Kraft-WĂ€rme-Kopplung) wurde verhindert. Angeblich sollen WindrĂ€der den Strom fĂŒr Hamburg liefern (und die WĂ€rme???) – nur, was ist bei Flaute?! Solcher Schwachsinn und reaktionĂ€rer Mist ist das konkrete Ergebnis linker Energie-Politik!!!

Was Hendricks Klima-Plan bedeutet, ist nichts anderes als der Weg Deutschlands zurĂŒck zu einem Entwicklungsland. Man darf gespannt sein, wie lange das deutsche Kapital seine politischen Geisterfahrer noch fahren lĂ€sst. Man kann nur hoffen, nicht mehr allzulange. Auf die Linke freilich sollte man nicht warten, denn die schaut schon lange nur noch durch die grĂŒne Brille, so dass sie die RealitĂ€t nicht mehr wahrnehmen kann. Umso mehr wird sie sich aber darĂŒber aufregen, dass Trump u.a. rechte Populisten Kapital aus der Misere schlagen. Ja, wenn die Linke nicht in der Lage ist, eine antikapitalistische Alternative zur bĂŒrgerlichen Politik aufzuzeigen, dann werden eben die Rechten mit ihren „Alternativen“ punkten.

Die Linke in der Krise

Die Linke inkl. der GAM macht hier nicht nur ein paar Fehler, es geht nicht nur um ein paar ungenaue EinschĂ€tzungen – die Linke steht in der Klima- und Energiefrage objektiv auf der falschen Seite der Barrikade, zusammen mit grĂŒnen KleinbĂŒrgern und grĂŒnen Kapitalisten. Daran Ă€ndern auch einige ergĂ€nzende antikapitalistische Positionen in dieser Frage nichts. Wie schon die 68er ist die Linke heute erneut außerstande, eine marxistische und materialistische Analyse der Umwelt-, Klima- und Energiefrage vorzunehmen. Daher ist sie gezwungen, sich der links-grĂŒnen KleinbĂŒrgerei anzupassen.

Wer die Politik, der GAM kennt, wird wissen, dass diese Gruppe in vielen Themenbereichen durchaus eine vernĂŒftige und konsistente Politik auszuarbeiten und aktiv umzusetzen weiß. Doch es ist zugleich auffĂ€llig, dass die IntensitĂ€t, mit der sich die internationale Strömung, die Liga fĂŒr die 5. Internationale (LFI), zu der die GAM gehört, den grundlegenden, historischen Fragen des Marxismus und der Arbeiterbewegung widmet, immer mehr abnimmt. So zeigt sich die GAM zwar durchaus in der Lage, auf wichtige politische Fragen korrekt zu reagieren, doch gerade dort, wo es um Themen geht, die nicht zum „normalen“ Gegenstand der Politik linker Gruppen gehören, offenbaren sich die grundsĂ€tzlichen methodischen, programmatischen und theoretischen Defizite und eine unzureichende interne Arbeitsteilung sehr deutlich. Anstatt einer offenen und ernsthaften BeschĂ€ftigung mit solchen „besonderen“ Sachverhalten werden Kritik und Diskussionen abgeblockt, wird eine unproduktive und oberflĂ€chliche Herangehensweise praktiziert, durch die man eine trĂŒgerische SelbstbestĂ€tigung erreicht und ein „Weiter so!“ begrĂŒndet. FĂŒrwahr: ein solches Klima ist eine wirkliche Katastrophe! Hoffen wir, dass es in der GAM und in der Linken bald zu einem Klimawandel kommt!

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