ABC des Marxismus XXVI: Was ist Kapitalismus?

Die kapitalistische Produktionsweise beruht auf mehreren Faktoren und Funktionsweisen. Die wichtigsten sind: verallgemeinerte Warenproduktion, Ausbeutung von Lohnarbeit, Marktbeziehungen (Konkurrenz) und Privateigentum an Produktionsmitteln (PM).

Unter Warenproduktion verstehen wir die Produktion von GĂŒtern, die nicht der direkten Befriedigung der BedĂŒrfnisse des ProduzentInnen dienen, sondern dem Austausch, dem Verkauf, also den BedĂŒrfnissen Anderer. Im Mittelalter etwa war die Masse der (agrarischen) Produktion nur Produktion fĂŒr den bĂ€uerlichen Haushalt selbst oder fĂŒr einen begrenzten regionalen Markt. Im Kapitalismus hingegen wird die Masse der Produkte fĂŒr den nationalen und Weltmarkt hergestellt, schon deshalb ist die Konkurrenz auch hĂ€rter und umfassender als in frĂŒheren sozialen Ordnungen.

In vor-kapitalistischen Gesellschaften waren die ProduzentInnen entweder unfrei (Sklaven, Leibeigene) oder aber sie waren KleinproduzentInnen (freie Bauern, Handwerker), die selbst ĂŒber Produktionsmittel (Bauernwirtschaft, Werkstatt) verfĂŒgten. Im Kapitalismus hingegen sind die meisten WerktĂ€tigen doppelt freie LohnarbeiterInnen; sie sind persönlich formell frei, verfĂŒgen aber nicht ĂŒber Produktionsmittel, so dass sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft gegen Lohn dem Besitzer von PM (Betriebe, Banken, Verkehrsmittel, Versicherungen usw.) anzubieten. Das LohnarbeitsverhĂ€ltnis beruht auf formal-rechtlicher Gleichheit von Kapitalisten und formal freien ArbeiterInnen. De facto herrscht aber Ungleichheit, denn der Kapitalist besitzt PM, der Arbeiter nicht – deshalb ist er gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen.

Die Ausbeutung der Lohnarbeit im Kapitalismus ist verschleiert. Beim Sklaven war die Ausbeutung  offensichtlich: das gesamte Produkt gehörte dem Sklavenhalter, der nur fĂŒr den notwendigsten Lebensunterhalt der SklavInnen aufkommen musste. Im Prinzip genauso war es beim Leibeigenen. Der freie Bauer musste einen bestimmten Anteil seiner Produktion als Steuern und Abgaben, z.B. den Kirchenzehnt (10% seiner Produktion), entrichten. LohnarbeiterInnen hingegen erhalten scheinbar fĂŒr ihre gesamte Arbeit Lohn. Doch tatsĂ€chlich werden die LohnarbeiterInnen, wie alle anderen Waren auch, gemĂ€ĂŸ ihres Marktwerts bezahlt. Dieser bemisst sich an den Aufwendungen zur Reproduktion des Lebens des einzelnen Arbeiters bzw. seiner Familie. Die Höhe der Lebenshaltungskosten hĂ€ngt von kulturellen u.a. Faktoren ab, darunter den Ergebnissen des Klassenkampfes.

Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft besteht nun aber darin, dass sie mehr produzieren kann, als sie selbst verbraucht. Sagen wir ein(e) ArbeiterIn mit einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden erhĂ€lt monatlich 1.600 Euro Lohn, erzeugt aber im Monat GĂŒter im Wert von 4.800 Euro. Zwei Drittel der Arbeitszeit arbeitet der Arbeiter sozusagen nur fĂŒr den Kapitalisten, nicht fĂŒr sich (abgesehen von Steuern, Ersetzung der Maschinen usw.). Er erzeugt also einen Mehrwert fĂŒr den Kapitalisten, von  dem dieser dann seinen Profit zieht. Diese Mehrarbeit bzw. der Anteil dieser Mehrarbeit an der Gesamtarbeit ist jedoch Ă€ußerlich nicht sichtbar, es hat den Anschein, als erhielte der Arbeiter seine gesamte Arbeit(szeit) bezahlt. Darin besteht die Verschleierung der Ausbeutung im Kapitalismus.

Die LohnarbeiterInnen verrichten entfremdete Arbeit, d.h. sie produzieren nicht fĂŒr sich selbst, sondern fĂŒr einen fremden Markt, sie haben kaum Einfluss darauf, wie und was produziert wird. Im Kapitalismus herrscht eine spezifische Arbeitsteilung: zwischen Anordnenden und AusfĂŒhrenden, zwischen Kopf- und Handarbeit usw.

Der Kapitalismus hat durch die Nutzung von Wissenschaft und Technik in großem Umfang die industrielle Massenproduktion geschaffen. Nur diese ermöglicht die Ausbeutung großer Massen von Lohnarbeit und damit die Akkumulation (AnhĂ€ufung) großer Kapitalmengen. Sie fĂŒhrt auch dazu, dass Produktion und Distribution (Verteilung) sehr stark national und international vernetzt sind. FĂŒr deren Regulierung, d.h. fĂŒr den Ausgleich konkurrierender Kapitale und Staaten sowie fĂŒr die „Vermittlung“ widerstreitender Klasseninteressen existiert ein immer grĂ¶ĂŸer werdender repressiver und bĂŒrokratischer Apparat, z.B. die Verwaltung, sowohl in Form des Staates als auch im Bereich der Wirtschaft.

Das Eigentum an Produktionsmitteln hat zwei Aspekte: den juristischen Eigentumstitel und die reale VerfĂŒgungsgewalt. Diese zwei Aspekte fallen nicht immer zusammen. So hat etwa der Besitzer von Aktien einen Rechtstitel als (Mit)eigentĂŒmer eines Unternehmens, sein Einfluss auf konkrete unternehmerische Entscheidungen – die reale VerfĂŒgungsgewalt – kann aber sehr gering sein. Ein höherer Manager hingegen erhĂ€lt vielleicht nur ein Gehalt, hat also keinen juristischen Eigentumstitel, dafĂŒr aber viel mehr Einfluss auf Produktion und UnternehmensfĂŒhrung. Das tendenzielle Auseinanderfallen von juristischem Eigentumstitel und realer VerfĂŒgung ist ein wichtiges Merkmal des modernen Kapitalismus. Die Kapital-Eigner entfernen sich immer weiter von der materiellen Produktion und sind zunehmend nur noch unproduktive Schmarotzer.

Die Arbeiterklasse hat kein Eigentum an Produktionsmitteln – weder juristisch noch praktisch. Sie ist weitestgehend auch von der Gestaltung sozialer Prozesse insgesamt ausgeschlossen.

Ein Sonderfall ist das staatskapitalistische System des Stalinismus. Dieses unterscheidet sich vom (westlichen) Privatkapitalismus dadurch, dass der Staat nicht nur als Regulator in die Wirtschaft eingreift, sondern selbst als (einziger) EigentĂŒmer auftritt. DafĂŒr ist die Enteignung der Bourgeoisie als Klasse notwendig. Das erfolgte zuerst 1917 mit der Oktoberrevolution in Russland. Doch im darauf folgenden Jahrzehnt wurden alle AnsĂ€tze der Arbeiterklasse, die ProduktionsverhĂ€ltnisse zu bestimmen, von der BĂŒrokratie zerschlagen – die BĂŒrokratie selbst wurde zur neuen herrschenden Klasse. Die reale VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber das „Volkseigentum“ lag in den HĂ€nden der herrschenden BĂŒrokratie, obwohl sie nicht direkt EigentĂŒmer im juristischen Sinn war. Um das „Volkseigentum“ verwalten und daraus – wie jeder Kapitalist – persönliche Privilegien ziehen zu können, waren zwei Voraussetzungen nötig: einerseits die Ausschaltung der Arbeiterklasse und andererseits der Privatkapitalisten als EigentĂŒmer und Subjekte der gesellschaftlichen Entwicklung. Die BĂŒrokratie konnte ihre EigentĂŒmer- und Herrschaftsfunktion nur als „Kollektiv“ ausĂŒben. Ein Mittel dazu war die staatliche Zentralplanung, ein anderes die unangefochtene Herrschaft der Partei und eines ideologischen Dogmas zur Legitimierung der politischen Macht der BĂŒrokratie.

Im Grunde ist Kapital – im Unterschied zu Geld, Besitz oder Reichtum – dadurch definiert, dass es  sich permanent (wieder)verwerten muss, d.h. es muss Geld per Produktionsprozess und Warenverkauf zu mehr Geld werden. Der Profit kann sich aus drei Quellen speisen: dem Grundeigentum (Boden, Rohstoffe, Immobilien), dem Handelsgewinn und – letztlich wesentlich – aus der Ausbeutung von Lohnarbeit. Das Kapital ist also ein gesellschaftliches Widerspruchs-VerhĂ€ltnis zwischen zwei Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Die allgemeine Konkurrenz erzwingt – im Unterschied zu frĂŒheren Gesellschaften – eine permanente Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, d.h. eine Steigerung der ProduktivitĂ€t. Die relative Endlichkeit des Weltmarktes und dessen ÜberfĂŒllung mit Waren (fĂŒr die es kaufkrĂ€ftige Nachfrage gibt), die immer bessere Befriedigung von (Grund)BedĂŒrfnissen und die gleichzeitige Tendenz der Umverteilung von Unten nach Oben, welche die Massenkaufkraft untergrĂ€bt, fĂŒhren dazu, dass immer mehr Kapital in den spekulativen Sektor (Finanzmarkt) drĂ€ngt, weil es an anderen, lukrativen Anlagemöglichkeiten mangelt. Die relative Überproduktion von Waren und Kapital fĂŒhrt immer wieder zu Krisen und Kriegen, mit denen Konkurrenten aus dem Felde geschlagen bzw. die Profitmöglichkeiten einer (nationalen) Kapitalfraktion gesichert oder ausgeweitet werden sollen.

Geld spekulativ arbeiten zu lassen, indem billig gekauft und teuer verkauft wird, wird schon seit Jahrhunderten praktiziert. Seit dem 12. Jahrhundert entstand in Europa eine ganze Klasse von GeschĂ€ftemachern und HĂ€ndlern. Sie eröffneten Handelswege in ferne LĂ€nder. Bis ins 18. Jahrhundert boten sich hier fĂŒr Leute mit Geld viele Möglichkeiten, ihr Geld zu vermehren.

Doch der heutige Kapitalismus hat sich von den AktivitĂ€ten solcher HĂ€ndler wegentwickelt. Der Kapitalismus entstand, als das Geld der HĂ€ndler das erste Mal dazu benutzt wurde, die Arbeitskraft anderer Leute zu kaufen, die lediglich ihre FĂ€higkeit, fĂŒr andere zu arbeiten, zu verkaufen hatten. Diese Klasse – die Arbeiterklasse – konnte nun dazu verwendet werden, aus Rohstoffen mittels  Maschinen enormen Wohlstand fĂŒr die Kapitalisten zu produzieren. Kapital, das in menschliche Arbeitskraft und Maschinen investiert wurde, erwies sich als effizientestes Mittel fĂŒr eine Klasse, eine andere auszubeuten.

Wie brachten die Kapitalisten Menschen dazu, freiwillig 12-16 Stunden tĂ€glich fĂŒr einen Hungerlohn fĂŒr sie zu arbeiten? Die Verteidiger des Kapitalismus halten sich da gern bedeckt. TatsĂ€chlich musste die Arbeiterklasse erst gewaltsam geschaffen werden. Im England des 16./17. Jahrhunderts gab es viele kleine Bauern, die von ihrem Grund und Boden leben konnten. Einige von ihnen produzierten ein wenig mehr, als unmittelbar notwendig, fĂŒr einen HĂ€ndler oder reicheren Landwirt, doch sie konnten immer noch von ihrer Produktion leben.

Seit Königin Elisabeth I. wurde jedoch den englischen Bauern allmĂ€hlich ihr Land genommen. Gemeindeland wurde „umzĂ€unt“ und den Bauern damit das Weideland vorenthalten. Oder der Boden wurde den Bauern einfach gestohlen und sie wurden verjagt, um Platz fĂŒr die profitablere Schafzucht zu schaffen. Das verwandelte Tausende in eigentumslose Vagabunden. Die Regierung konfrontierte sie mit einer harten Wahl: ins GefĂ€ngnis zu gehen oder fĂŒr einen Kapitalisten zu arbeiten.

Die andere Seite der Geschichte ist auch nicht schöner. Die vorhandene Kapitalmenge war zu klein fĂŒr einen entwickelten Kapitalismus. Die fehlenden Mittel, um im großen Stil investieren zu können, wurden durch Raub (z.B. von Sklaven), Piraterie, die Ausdehnung der Gold- und Silbergewinnung und die Eroberung von Kolonien „bereitgestellt“. Karl Marx schrieb: „Wenn Geld mit einem angeborenen Blutfleck auf der Wange zur Welt kommt, kommt das Kapital von Kopf bis Fuß, aus jeder Pore vor Blut und Dreck triefend.“

Es gibt nichts NatĂŒrliches und Ewiges am Kapitalismus. Er hat eine von Menschen geschaffene Geschichte. Er hat einen Anfang, eine Entwicklung – und er wird ein Ende haben. Das Verdienst des Kapitalismus als Produktionssystem war, der RĂŒckstĂ€ndigkeit, Lokalborniertheit und Enge des Feudalismus ein Ende gesetzt zu haben. In Holland, England, Frankreich und den USA waren Revolutionen und BĂŒrgerkriege notwendig, um den Feudalismus hinwegzufegen und die VerhĂ€ltnisse so zu Ă€ndern, dass die kapitalistische Produktionsweise sich ungehemmt entwickeln konnte. Auch diese revolutionĂ€re Vergangenheit des frĂŒhen Kapitalismus ist etwas, was die heutigen BefĂŒrworter des Kapitalismus gern vergessen.

Der reife Kapitalismus wurde zu einer Wirtschaft, die auf industrieller Massenproduktion basiert. Das erlaubte enorme Fortschritte in der ProduktivitÀt und der technischen Entwicklung. Trotz des Elends, das der Kapitalismus mit sich brachte, war er insofern fortschrittlich.

Doch das ist er lĂ€ngst nicht mehr. Der Erfolg des Kapitalismus wurde mit großen gesellschaftlichen Kosten erreicht. Der Kapitalismus ist eine antagonistische Klassengesellschaft, die großen Reichtum produziert, indem sie die Massen unterdrĂŒckt und ganze Kontinente ruiniert. Profit und mehr Profit ist die Triebkraft der Produktion und das Ziel aller Kapitalisten. Das erzeugt Massenarbeitslosigkeit, wenn weniger ArbeiterInnen gezwungen sind, mehr Arbeit zu erledigen, und Reallohnsenkungen, um steigende Dividenden fĂŒr die AktionĂ€re zu gewĂ€hrleisten.

Ende des 19. Jahrhunderts begann die imperialistische Epoche des Kapitalismus. Sie ist u.a. davon geprĂ€gt, dass Konzerne (Monopole) und große Finanzakteure die Weltwirtschaft beherrschen. Diese Strukturen werden immer mehr zum Hemmnis der Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte und der Gesellschaft. Die globalen Probleme, Repression, Krisen und Kriege nehmen zu, wie u.a. zwei Weltkriege oder der Faschismus zeigen. Lenin kennzeichnete den Imperialismus als „Epoche von Kriegen und Revolutionen“.

Der Kapitalismus schuf eine krisenhafte Wirtschaft mit Aufschwung und Depression. GĂŒter tĂŒrmen sich, weil sie nicht profitabel verkauft werden können, trotz der Tatsache, dass Millionen sie dringend brauchten. Die auf Wettbewerb ausgerichtete und blinde Natur der kapitalistischen Produktion fĂŒhrt dazu, dass es stĂ€ndig Störungen, KĂŒrzungen und Überangebot gibt, die Umwelt belastet und soziale Beziehungen zerstört werden. Auch die stĂ€ndige Weiterentwicklung von Wissenschaft und Technik sowie immer neue Produkte Ă€ndern nichts daran, dass der Kapitalismus offensichtlich nicht in der Lage ist, die großen Existenzprobleme der Menschheit zu lösen. Neben aller Dynamik zeigt sich immer deutlicher, dass jene Faktoren, welche die Entwicklung der Gesellschaft und der ProduktivkrĂ€fte hemmen, immer bedeutender werden.

Doch das Wichtigste ist, dass der Kapitalismus selbst die Bedingungen fĂŒr sein eigenes Ende erzeugt. Er hat mit dem Proletariat den „TotengrĂ€ber des Kapitalismus“ (Marx) erschaffen – hunderte Millionen in der ganzen Welt, konzentriert und gebildet genug, um Industrie und Handel ohne Vorgesetzte, BĂŒrokraten und private EigentĂŒmer zu fĂŒhren. Er hat einen Stand der Technologie und ein Kommunikationssystem hervorgebracht, mit dem eine geplante Wirtschaft leichter durchfĂŒhrbar wĂ€re als je zuvor. Er hat einen Zustand der stĂ€ndigen latenten Krise geschaffen, indem Repression und Elend die Arbeiterklasse u.a. UnterdrĂŒckte immer wieder dazu zwingen, sich gegen das System zu erheben.

Die Arbeiterklasse hat kein Interesse daran, eine weitere ausbeuterische Gesellschaft zu schaffen. Ihr Interesse ist eine klassenlose Gesellschaft, in der das Ziel nicht der Profit, sondern die ErfĂŒllung der BedĂŒrfnisse jedes Menschen auf Erden ist. Mit der Schaffung des Sozialismus wird, wie Karl Marx einmal schrieb, die „wirkliche Geschichte der Menschheit“ erst beginnen.

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