Hanns Graaf
Mit Beginn des Spätimperialismus in den 1990ern und der Einführung neuer Technologien (IT, KI, Robotik, Gentechnik, Automatisierung usw.) hat sich auch die Struktur der Arbeiterklasse weiter verändert.
Die Agenda-Politik ab den 2000ern vergrößerte in Deutschland die Schicht prekärer Beschäftigung, tarifgebundene Beschäftigungsverhältnisse gingen und gehen zurück. Der Anteil von migrantischen Beschäftigten, der sich schon mit der „Gastarbeiterwelle“ ab den 1960ern in der BRD deutlich erhöht hatte, stieg mit der Massenmigration ab 2015 noch einmal an.
Ausbildungs- und Studienzeit meist länger als früher dauert. Der Anteil der Studierenden wächst gegenüber denen, die eine Berufsausbildung durchlaufen. Aufgrund der längeren Lebenszeit folgen auf die Phase der Berufsarbeit noch 10-20 Jahre als Rentner.
In Summe ist damit der Anteil der Berufsarbeit an der Gesamtlebenszeit geringer als früher. Andere Lebensphasen – (Aus)Bildung, Rente, Freizeit usw. – nehmen größeren Raum ein. Damit verbunden ist auch der Einfluss „nichtproletarischer“ sozialer Bereiche, Ideologien und Faktoren größer geworden. Das war freilich auch deshalb möglich, weil die reformistische Arbeiterbewegung zugelassen hat, dass Staat und Kapital diese Strukturen, z.B. die Bildung, kontrollieren und bestimmen – anstatt selbstverwaltete Strukturen und die Arbeiterkontrolle auf- oder auszubauen.
Eine wichtige Veränderung hat sich auch dahingehend vollzogen, dass proletarisch geprägte Milieus „aufgebrochen“ wurden oder verschwunden sind: proletarische Wohnviertel, Kneipen, Arbeitervereine usw. Das betrifft auch proletarische Organisationen: Parteien, Gewrkschaften, Bildungs- und Kulturvereine. Sie sind entweder komplett verschwunden (z.B. proletarische Bildungs- und Kulturvereine) oder sie schrumpfen (Parteien, Gewerkschaften) – davon, dass letztere politisch degeneriert sind, ganz abgesehen.
Die DGB-Gewerkschaften widerspiegeln diesen Trend. 1950 hatten sie (nur in Westdeutschland) noch 6 Mill. Mitglieder, mit der Wiedervereinigung stieg die Mitgliedszahl 1992 auf 12 Mill. an, um bis 2025 auf nur 6 Mill. Abzusinken – bei gleichzeitig gestiegener Einwohner- und Beschäftigtenzahl! Dieser Abwärtstrend zeigt sich auch im Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrades von 40% 1950 (in Westdeutschland) auf 13% 2025. Dieses Desaster hat vier Hauptursachen: 1. den Anstieg des Lebensniveaus mit dem Langen Nachkriegsboom, als viele Arbeiterinnen und Arbeiter meinten, dass ihre Interessen auch ohne Klassenkampf und Organisierung von der „sozialen Marktwirtschaft“ gewahrt werden könnten. 2. untergrub die reformistische Politik des DGB permanent das Klassenbewusstsein und den Klassenkampf. 3. sorgte der Stalinismus in der DDR dafür, dass „der Sozialismus“ – für den man die staatskapitalistische DDR hielt – nicht als Alternative, sondern eher als abschreckend angesehen wurde. 4. verantworteten der Stalinismus in der DDR und der Reformismus in der BRD mehrere heftige Niederlagen bzw. nutzte Gelegenheiten im Klassenkampf nicht aus (Sozialisierungsbewegung nach 1945, Juni 1953, Rheinhausen, Wiedervereinigung u.a.), was sich negativ auf die Arbeiterklasse auswirkte.
Einen dramatischen Abwärtstrend verzeichneten auch die Arbeiterparteien. Nach einer selbstverschuldeten Krise der (westdeutschen) KPD folgte 1956 ihr Verbot. Die SPD hatte 1990 noch 940.000 Mitglieder, 2024 nur noch 350.000. Einen ähnlich negativen Trend zeigt auch das Abschneiden der SPD bei Wahlen, wo sie heute tw. dicht vor der 5%-Hürde steht. Die LINKE konnte zuletzt zwar stark wachsen, doch mit aktuell 120.000 Mitgliedern, niedrigem Aktionslevel und einer ebenfalls rein reformistischen und in vielen Fragen falschen Politik stellt sie keine Alternative dar. Alle anderen linken Organisationen führen eine Randexistenz und stagnieren. Insgesamt sind die reformistischen Organisationen, aber auch die „radikale Linke“ keine Instrumente, die den Klassenkampf und das Bewusstsein der Arbeiterklasse voran bringen. Insofern – hinsichtlich einer revolutionären Perspektive – ist die Arbeiterklasse führerlos, und das schon seit etwa 100 Jahren!
Andererseits eröffnet der schwindende Einfluss des Reformismus aber auch mehr Möglichkeiten für den Aufbau einer revolutionären Alternative. Diese Chance kann freilich nur genutzt werden, wenn die „radikale Linke“ ihre Spaltungen, ihr Sektierertum und ihren Dogmatismus überwindet und damit aufhört, sich „links-grünen“ Ideologien und Bewegungen anzupassen.
Was tun?
Die großen gesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit Jahrzehnten, besonders aber seit den 1990ern vollzogen haben, betreffen auch die Lohnarbeit. Sie füllt nicht mehr wie früher fast das gesamte Leben der Arbeiterklasse aus; andere Bereiche (Bildung, Freizeit, Medien, Rentenzeit usw.) spielen – v.a. oder oft nur in den imperialistischen Ländern – eine weit größere Rolle als früher. Wenn Revolutionäre diese Veränderungen nicht berücksichtigen, ihre Aktivität nicht neu justieren und nicht entsprechende Taktiken entwickeln, werden sie außerstande sein, die Arbeiterklasse zu erreichen.
Was heißt das konkret? Wir werden hier nicht versuchen, Patentrezepte zu präsentieren, sondern geben lediglich einige Anregungen.
Der Tendenz der Atomisierung der Klasse muss u.a. damit begegnet werden, in allen Bereichen selbstverwaltete, genossenschaftliche Strukturen zu schaffen: u.a. in der Kultur und beim Wohnen. Die mit der Arbeiterbewegung immer schon verbundene Genossenschaftsbewegung muss von der Linken wieder angefacht werden. Die mit Marx´ Intentionen völlig über Kreuz liegende Vorstellung vieler „Marxisten“ von einer Staatswirtschaft und der Zuständigkeit des „Sozial“staates muss durch die Konzeption der Selbstverwaltung ersetzt werden! Die Möglichkeiten der Arbeiterklasse, dies zu tun, sind aufgrund ihrer besseren sozialen Lage objektiv größer als früher. Was sie hindert, Selbstverwaltung zu praktizieren, ist v.a. die Borniertheit und Staatsgläubigkeit der linken Szene und des Reformismus, die sich nicht dafür einsetzen.
Der wachsende Einfluss von Bildung und Wissenschaft auch auf die Arbeiterklasse muss für die Linke Anlass sein, auf diesen Gebieten aktiver zu werden. Das heißt u.a., sich für die demokratische Selbstverwaltung von Schulen einzutreten – entgegen der vom Staat verwalteten Schule. Positive Beispiele und erfolgreiche Versuche von Selbstverwaltung und Genossenschaftlichkeit (z.B. die Kinderladenbewegung) wurden vom Gros der Linken ignoriert, ja tw. bekämpft und sind heute von ihr weitgehend vergessen. Die bürgerliche Wissenschaft muss sowohl hinsichtlich ihrer Inhalte als auch ihrer Strukturen massiv kritisiert werden. Ihre Abhängigkeit von Staat und Kapital muss bekämpft werden, indem wir auch dort für selbstverwaltete und demokratische Strukturen eintreten. V.a. müssen pseudowissenschaftliche Theorien wie der Klimaalarmismus attackiert werden und durch eine historisch-kritische und materialistische Betrachtungsweise ersetzt werden. Stattdessen passt sich die linke Szene aber den „grünen“ Ideologien an.
Dem steigenden Einfluss der Medien – nicht nur der „Staatsmedien“ – muss mit massiver Medienkritik begegnet werden! Es müssen attraktive und reichweitenstarke antikapitalistiche Medienformate geschaffen werden – was nur durch Kooperation vieler linker Strukturen möglich ist. Der insgesamt jämmerliche Zustand der linken Medienlandschaft aus schlechten Internetauftritten und linken „Zeitungen“ mit Miniauflagen muss überwunden werden!
Wir müssen dem bürgerlichen Mainstream antikapitalistische – nicht nur kapitalismus-kritische – mediale Alternativen entgegenstellen. Dazu brauchen wir z.B. linke Talkrunden, Gesprächskreise (ähnlich denen der „Nachdenkseiten“, aber mit deutlich antikapitalistischer, klassenkämpferischer Ausrichtung). Letztlich muss es dafür auch eine Struktur geben wie die „Urania“ oder die „Freidenker“, die eine wissenschaftliche, materialistische und kritische Weltsicht vertreten. Was viele Linke nicht wissen: bis 1933 gab es in Deutschkand die „Freidenker“ mit über 600.000 (!) Mitgliedern, darunter meist Arbeiter, Mitglieder von SPD, KPD und ADGB. Dieser, einst wichtige Teil der Arbeiterbewegung wurde und wird – wie auch die Genossenschaftsfrage – von Linken heute völlig ignoriert.
Diese u.a. Maßnahmen können wichtige Hebel sein, um dem Einfluss bürgerlicher Ideen und Strukturen entgegen zu wirken und Bewußtsein und Organisation des Proletariats wieder zu heben. Dieses Bemühen muss permanent mit dem Aufbau einer neuen antikapitalistischen Massenpartei verbunden werden. Dafür muss es u.a. bundesweite Treffen antikapitalistischer Gruppen und Individuen geben, wo 1. gemeinsame Praxisfelder festgelegt werden und 2. eine systematische programmatische Diskussion begonnen wird. Der Aufbau einer neuen Arbeiterpartei, die Klärung der Wege und Methoden dorthin fängt ganz simpel damit an, deren Notwendigkeit offen auszusprechen! Der Wert linker Organisationen muss v.a. daran gemessen werden, was diese dafür leisten!