Kampf der Giganten: China vs. USA

Hannah Behrendt

Die Epoche des Spätimperialismus, die in den 1990ern begann, wird v.a. durch den Kampf zwischen der neuen imperialistischen Macht China und dem alten US-Imperialismus geprägt. China hat dabei den Platz der früheren UdSSR als Widerpart der USA eingenommen. Der Kampf um die globale Vorherrschaft und das Ringen um die Formierung eines starken Blocks um die jeweilige Zentralmacht stehen hinter den diversen Konflikten in der Welt und belegen, dass die oft gebrauchte  Formel von einer kommenden multipolaren Welt ein unrealistischer Wunschtraum ist.

Chinas großer Sprung

China startete Mitte der 1940er als sich entwickelnde, aber noch sehr rückständige staatskapitalistische Macht. Der nachholenden Industrialisierung unter Mao folgte ab den 1970ern durch die Reformen von Deng Xiaoping eine durchgreifende Modernisierung, die auf der Überwindung der bürokratischen ländlichen Kollektivwirtschaft, der kontrollierten Implantierung von Auslandskapital in Sonderwirtschaftszonen und der Förderung einheimischer privater bzw. kommunaler Betriebe beruhte. Die Kombination aus der Krise der bürokratischen Staatswirtschaft, der Auswirkungen der liberalen Reformen und der rigiden Herrschaft der KP führte 1989 zu massiven Unruhen, die in den Protesten auf dem Tianmen-Platz gipfelten. Die bedrohlichen Erfahrungen des Machtverlustes der osteuropäischen Regime bewog die KP damals dazu, einerseits die liberalen Wirtschaftsreformen weiterzuführen, um durch eine gute Konjunktur die soziale Lage der Massen zu verbessern, aber diesen Prozess durch den Erhalt der Macht der KP zu kontrollieren, um ein Chaos wie in der UdSSR unter Jelzin und erneute Massenproteste zu vermeiden.

Chinas Ambitionen kam in den 1990ern, v.a. nach der Asien-Krise 1997 entgegen, dass der westliche Imperialismus unter Überakkumulation litt und die Möglichkeit des Kapitalexportes nach China dankend annahm. So flossen gewaltige Investitionen und viel Knowhow nach China. Chinas Führung agierte dabei in mehrfacher Hinsicht sehr clever:

  • die KP und der mit ihr verquickte Staatsapparat behielten ihren Einfluss auf den Finanzmarkt und die Joint ventures;
  • der ländliche Bevölkerungsüberschuss wurde durch Millionen neue Industriejobs absorbiert, das Lebensniveau stieg deutlich, eine breite Mittelschicht und eine einheimische, auf privater Kapitalakkumulation beruhende Bourgeoisie entstanden;
  • der Staat förderte die Entstehung weltmarktfähiger Unternehmen sowie Wissenschaft und Technologie;
  • die alte starre Planung wurde zu einem den Markt strategisch beeinflussenden Etatismus, der ursprüngliche bürokratische Staatskapitalismus wurde durch den Einbau privatkapitalistischer Elemente flexibler und effizienter – aber auch instabiler.

Dieser Reformprozess hat China inzwischen zu einer in jeder Hinsicht konkurrenzfähigen Großmacht entwickelt. Das Land ist längst keine verlängerte Werkbank mehr, es hat internationale Konzerne kreiert und bestimmt das technologische Spitzenniveau mit. Der Warenexport wird zunehmend durch den Kapitalexport ergänzt, in immer mehr Ländern sichert sich China den Zugriff auf wichtige Ressourcen. Dabei agiert China – bisher noch – „kooperativer“ als die westlichen Imperialismen und ist daher als „Partner“ in vielen Entwicklungsländern besser als der Westen angesehen. Bisher gelang es der KP, das Wachstum hoch zu halten und so die Massen an sich zu binden. Sollte sich diese Dynamik jedoch deutlich verlangsamen oder gar enden, könnte die Prosperität auch schnell enden und in größere Klassenkämpfe münden. Die sehr rigide Coronapolitik, die auch angesichts heftiger Proteste beendet werden musste, oder die riesige spekulative Immobilienblase verweisen darauf, welche Sprengsätze das chinesische Erfolgsmodell enthält. Noch ist die KP die alles verbindende Klammer der chinesischen Gesellschaft, doch es ist nicht ausgemacht, dass die nationale und internationale Bourgeoisie, aber auch die Arbeiterklasse sich die Allmacht der KP ewig gefallen lassen. Je größer die Stärke Chinas und sein internationaler Einfluss werden, desto größer wird auch der Widerstand der etablierten Imperialismen, v.a. der USA, um China in die Schranken zu weisen.

USA: eine kränkelnde Großmacht

Die USA sind nach dem Ersten Weltkrieg und v.a. nach dem Zweiten Weltkrieg zur dominanten Weltmacht aufgestiegen, die sich auf eine in Größe und Produktivität überlegene Wirtschaft, ein sehr starkes Finanzkapital und einen enormen Militärapparat stützen konnte. Alle internationalen Institutionen (NATO, UNO, Weltbank, IWF usw.) wurden von den USA dominiert.

Doch ab den 1970ern war die US-Wirtschaft zunehmend mit der Konkurrenz aus Japan und Deutschland – und später mit China – konfrontiert. Ab den 1990ern entstanden mit der EU und dem Euro weitere Konkurrenzstrukturen. Beginnend in den 19080ern befand sich die US-Ökonomie, v.a. die Industrie, auf einem Abwärtstrend. Ganze Industriezweige hinkten in der Produktivität hinterher oder wurden nach Asien verlagert. Doch ab den 2000ern wurde der Abwärtstrend tw. gestoppt. Die nach wie vor erhaltene Spitzenposition in der Wissenschaft (Spitzen-Unis, große Budgets, Brainrobbery aus der „3. Welt“) nutzen die USA, um v.a. im IT-Sektor führend zu sein und dominante Weltkonzerne (Microsoft, Apple, google, Amazon u.a.) zu etablieren. Das US-Finanzkapital hat seine Dominanz auf dem Finanzsektor (Großbanken, Ratingagenturen, Fonds wie Blackrock u.a.) behalten, ja sogar ausbauen können. Auch die militärische Überlegenheit blieb weitgehend erhalten. Der seit 9/11 anhaltende „Krieg gegen den Terror“ zeigt, dass die USA gewillt sind, mittels Druck, Erpressung und militärischer Gewalt ihre Stellung als Weltpolizist zu behalten.

Block-Building

Sowohl China als auch die USA sind trotz ihrer enormen Möglichkeiten darauf angewiesen, um sich herum einen Block zu formieren, der ihnen globalen Einfluss sichert und sich gegenüber dem konkurrierenden Block behaupten kann. Der Kampf zwischen dem Block um die USA und dem um China bzw. deren Formierung bestimmen den Gang der Welt in der heutigen Periode. Dieser Kampf umfasst alle Gebiete: Wirtschaft, Politik, Ideologie, Militär, Kultur. Er ist mit Wirtschaftskriegen und mit heißen Kriegen wie in der Ukraine oder in Nahost verbunden und kann zu einem neuen Weltkrieg führen.

Der Versuch der EU, sich als europäische imperialistische Macht auf Augenhöhe zu den USA zu bewegen, ist gescheitert. Im Gegenteil: die EU wird von immer größeren Differenzen zerrissen und hat insgesamt an wirtschaftlicher Dynamik verloren. Nicht zuletzt die Krise der EU hat deren Eliten dazu bewogen, stärker auf die militärische Karte (Ukraine) zu setzen und die Aufrüstung zu verstärken.

Momentan haben die USA noch die Nase vorn aufgrund ihrer Stärke im Finanz- und im IT-Sektor sowie beim Militärpotential. V.a. mit der NATO haben sie eine starke, von ihnen dominierte  Machtstruktur. Demgegenüber verfügt China noch über keinen vergleichbaren Block – trotz der engeren  Kooperation mit Russland und der BRICS-Struktur. Die BRICS stellen noch keinen festen, geschlossenen Block dar. Viele ihrer Mitglieder lavieren zwischen China und den USA. Die verschiedenen Widersprüche und divergierenden Einzelinteressen der BRICS-Mitglieder sind ein großes (und vielleicht unüberwindbares) Problem bei der Formierung eines sino-russischen Blocks.

Der Kampf um neue Mitglieder ihres Blocks und um das Herauslösen von Ländern aus dem des Gegners prägen die Weltpolitik, führen zu Kriegen (Ukraine, Iran) und erhöhen die Gefahr eines neuen Weltkriegs. V.a. die USA bzw. die NATO und Israel treten dabei als Aggressoren auf.

China und die USA

Welche Seite im globalen Kampf um die Neuaufteilung der Welt gewinnt, hängt nicht nur von der Fähigkeit der beiden stärksten imperialistischen Mächte ab, ihren Block zu formieren, sondern auch davon, wie sich selbst weiter entwickeln. In letzter Instanz hängt die Zukunft davon ab, welche der beiden Mächte wirtschaftlich und in Wissenschaft und Technik die Nase vorn haben wird.

Die noch dominierende Stellung der USA in den Bereichen Militär, IT und Finanzmarkt haben wir bereits erwähnt. Der Vergleich der Höhe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fällt zugunsten der USA aus. Danach waren die USA mit 30,5 Billionen US-Dollar 2025 die größte Volkswirtschaft der Welt, während China nur 19,4 Billionen US-Dollar aufweist. Der Vorsprung der USA ergibt sich dabei v.a. daraus, dass im BIP nicht nur „reale“, wirtschaftlich „produktive“ Leistung enthalten ist, sondern auch Spekulationsgewinne, Schuldendienste usw.

Aufschlussreicher hinsichtlich der realen Leistungsfähigkeit eines Landes ist der wirtschaftliche Output an Produkten und Dienstleistungen. Schauen wir uns dazu einige industrielle Sparten an:

  • Autos: China produzierte 2025 über 35 Mill. Stück, die USA nur 10 Millionen.
  • Stahl: China produzierte 960 Millionen Tonnen, die USA 82 Mill. Tonnen.
  • Zement: China stellte 1,7 Milliarden Tonnen her, die USA 86 Millionen Tonnen.
  • Schifffahrt: China hat einen Anteil von rund 60% die USA 0,1%.
  • Strom: China erzeugt 33% des weltweiten Stroms, die USA 14%. Die installierte Stromkapazität Chinas beträgt knapp 3.900 Gigawatt (GW) gegenüber knapp 1.400 der USA. Allein Chinas Kapazität an erneuerbaren Energien (ca. 1.900 GW) übertrifft die gesamte US-Stromkapazität. In China sind 36 Kernreaktoren im Bau, so viele wie im Rest der Welt.

Dagegen haben die USA im FIRE-Sektor (Finanzen, Versicherungen und Immobilien) 2025 ein BIP von 6 Billionen US-Dollar gegenüber nur 2,5 Billionen in China. Auch im Gesundheitssektor verzeichnen die USA ein BIP von 5,3 Billionen US-Dollar gegenüber China mit nur einer Billion.

Der Hamilton-Index

Der Hamilton-Index vergleicht international die Hochtechnologiebranchen, darunter u.a.: IT-Bereiche, Transport, Elektrotechnik, Maschinen und Anlagenbau, Chemie. Der Hamilton-Index zeigt: China hat den globalen Durchschnitt übertroffen und weist einen LQ von 1,36 auf, was bedeutet, dass seine Wirtschaft um 36% stärker auf Hochtechnologiebranchen ausgerichtet ist als der weltweite Durchschnitt. China beherrscht über 30% der Weltproduktion in 10 Bereichen und führt weltweit in 7 von 10 Kategorien.

Die USA dagegen liegen mit einem LQ von 0,88 unter dem globalen Durchschnitt. Trotz der riesigen Software- und Technologieunternehmen der USA ist ihre Fertigungsbasis für Hardware und Elektronik geschrumpft. Es ist klar: wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden nicht nur die USA gegenüber China, sondern auch der Westen gegenüber Asien immer weiter zurückbleiben. 2026 sind die USA, gemessen am BIP, zwar noch die größte Volkswirtschaft, aber ca. 80% des US-BIP entstammen dem sog. Dienstleistungssektor, der außer realen produktiven Bereichen auch viele unproduktive umfasst, z.B. Finanzdienstleistungen, Versicherungen usw. China liegt 36% über der weltweiten „Industriedichte“, die USA hingegen liegen 12% unter dem weltweiten Durchschnitt. Chinas Realwirtschaft ist größer, fortschrittlicher und dynamischer als jene der USA – egal, was das BIP besagt.

Globale Folgen

Sieht man sich die USA, Japan und die EU an, so wird klar, dass diese Zentren des westlichen Imperialismus ihre heute noch vorhandene Vormachtstellung immer mehr einbüßen. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die USA (nicht nur unter Trump), die NATO und die EU immer stärker auf die militärische Karte setzen, um den Einflussbereich Chinas u.a. aufstrebender Staaten zurückzudrängen. Ihre außenpolitische Aggressivität – und damit verbunden ihre Innenpolitik (Sozialabbau, antidemokratische Maßnahmen) – ist auch Ausdruck ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Schwäche. Um seine Stellung in der Welt zu behalten, muss der Westen jetzt handeln, bevor es dafür zu spät ist. Die kriegerische Aggressivität des Westens ist also weder der „Verrücktheit“ seiner Politiker geschuldet, noch der Gier der Rüstungskonzerne: er hat objektive, im System und in der Dynamik und den Widersprüchen der Welt angelegte Ursachen.

Die enorme Entwicklung Chinas, Indiens, Asiens insgesamt und aufstrebender Halbkolonien wie z.B. Brasilien wird von vielen Beobachtern als Zeichen einer entstehenden multipolaren Welt angesehen. Sicher ist der Clinch um globale Macht mitunter auch damit verbunden, dass „untergeordnete“ Staaten eine relativ wichtige Rolle in der globalen Neuaufteilung haben und eine  größere Rolle spielen, als ihnen eigentlich „zukommt“, z.B. die Türkei, Israel oder Iran. Das sind jedoch nur Episoden im globalen Machtpoker der großen Imperialismen, v.a. der USA und Chinas.

Illusionen

Einige Linke glauben allen Ernstes, dass China und Russland fortschrittliche Gegenspieler des aggressiven Westens oder sogar sozialistisch wären. Diese Charakterisierung scheitert jedoch an den Fakten: die Wirtschaften Chinas und Russlands sind – trotz der relativ starken Rolle des Staates – überwiegend in Privathand und funktionieren nach dem Wertgesetz, die Basis ist das Lohnarbeitssystem und die Nichtverfügung der (proletarischen) Produzenten über die Produktionsmittel und die gesellschaftlichen Prozesse insgesamt. Wenn diese Linken meinen, dass die Macht einer Partei, die sich „kommunistisch“ nennt, und die Existenz eines größeren staatlichen Einflusses bereits hinreichende Merkmale für Sozialismus wären, dann beweisen sie damit nicht nur ihr Unverständnis der Marxschen Kommunismus-Vorstellung, sondern auch ihr Unverständnis für Phänomene wie Staatskapitalismus und Etatismus.

Diese Fehleinschätzungen haben jedoch nicht nur akademische Relevanz. Sie sind damit verbunden, imperialistische, undemokratische Regime als fortschrittlich hinzustellen und das Schicksal der Welt in deren Hände zu legen, anstatt die Arbeiterklasse zum Sturz aller kapitalistischen bzw. imperialistischen Mächte zu mobilisieren. Sicher agieren Russland und China momentan nicht in dem Maße als aggressive Scharfmacher wie die USA, die EU und die NATO. Russland reagierte auf die Offensive der NATO und ihres ukrainischen Kettenhundes – und musste reagieren. Das ändert jedoch nichts daran, dass Russland eine imperialistische Macht ist und in vielen Konflikten auch als eine solche auftrat und auftritt (Tschetschenien, Georgien, Syrien usw.). Nicht jede imperialistische Macht kann und will Krieg führen, deshalb kann sie trotzdem imperialistisch sein – weil das Hauptmerkmal des Imperialismus nicht die kriegerische oder aggressive Außenpolitik an sich ist, sondern deren innere ökonomische Struktur (Finanzkapital, global agierende Konzerne), die zu einer bestimmten Außenpolitik führen (Kapitalexport, Sicherung von Ressourcen weltweit), Krieg ist dabei nur eine Option. Es ist noch nicht lange her, da waren es z.T. dieselben Linken, die den US-Imperialismus (zurecht) wegen dessen Aggressivität kritisierten – um die EU aber als alternative Friedensmacht (das „alte Europa“) darzustellen. Heute zeigt sich, dass die EU in der Ukraine der Hauptkriegstreiber und deren Hauptfinanzier ist. Niemals ist ein (kapitalistischer oder imperialistischer) Staat bzw. dessen Sieg in einem Krieg eine Alternative zu einem anderen; nie geht es nur um die „nationale“ Frage. Es geht letztlich immer um die Klassenfrage: Proletariat oder Bourgeoisie?! Frieden in der Welt ist unter kapitalistischen Bedingungen unmöglich. Kein Abkommen, keine Diplomatie können ihn herstellen oder gar sichern. Nur der Sieg einer Seite oder die Erschöpfung beider Seiten im Krieg führen zum „Frieden“, der sich aber immer nur als das Vorspiel zum nächsten Krieg erweist. Nur der Klassenkampf kann und konnte unter bestimmten Umständen einen Krieg verhindern oder beenden, z.B. der Sieg der Russischen Revolution 1917 den Weltkrieg an der Ostfront. Die Ära des Friedens wird eine Ära des weltweiten Sozialismus sein oder gar nicht.

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