Marxismus und Frauenbefreiung

Hannah Behrendt

Die Arbeiterbewegung hat sich schon früh gegen Frauenunterdrückung gewandt und viele Verbesserungen der Situation von Frauen – nicht nur proletarischer, sondern aller Frauen – erkämpft. Sie hat entscheidende Impulse für die Frauenbefreiung gegeben. Allein die Einführung vieler Verbesserungen, Reformen und Rechte im Interesse von Frauen als Folge von Klassenkämpfen und Revolutionen – selbst gescheiterten – belegt das. Auch der 8. März als Internationaler Kampftag der Frauen, der erstmals 1911 stattfand, ist ein Beispiel dafür. Der Kampf für die Interessen von Frauen sollte nicht nur den Effekt haben, Verbesserungen zu erreichen, er sollte auch die Organisierung, das Selbst- und das Klassenbewusstsein proletarischer Frauen heben. Zugleich veränderte er auch die Einstellung der männlichen Arbeiter und beförderte die Überwindung bornierter und frauenfeindlicher Einstellungen bei ihnen.
Die folgende Episode zeigt, wie problematisch die Stellung von Linken zur Frauenfrage aber oft war: Jeanne Deroin war eine bekannte Gestalt der 1848er Revolution in Frankreich. Sie organisierte Arbeiterinnen und forderte politische und soziale Rechte für Frauen. Sie war Mitbegründerin der Zeitung „La Voix des femmes“ (Die Stimme der Frauen). Als Deroin 1849 als erste Frau zur Nationalversammlung kandidierte, spottete der französische Anarchist Proudhon, eine weibliche Abgeordnete sei ungefähr so sinnvoll wie eine männliche Amme. Ferdinand Lassalle, der Begründer der ersten deutschen Arbeiterpartei, des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ (ADAV), trat gegen die Frauenarbeit auf und sah die Rolle der Frau auf Familie, Haushalt und Kinder beschränkt. Auch viele männliche Arbeiter waren früher gegen die Beschäftigung von Frauen, weil diese ihnen den Job wegnähmen oder als Billigarbeiterinnen den Lohn drücken würden.

Frauenunterdrückung

Die Frauenunterdrückung hat verschiedene Aspekte, u.a.:

  • die sexuelle Unterdrückung und Ausbeutung;
  • die soziale Benachteiligung durch schlechtere Löhne, behinderte „Karrieren“, Bindung an Kinder, Haushalt und Familie usw.;
  • frauenfeindliche Ideologien, Erziehung und Traditionen (Sexismus, bürgerlicher Konservatismus, Religion u.a.);
  • Einschränkungen der demokratischen Teilhabe durch rechtliche Nachteile und/oder praktische Probleme, diese Rechte wahrzunehmen.

Diese Aspekte von Frauenunterdrückung sind keine Besonderheiten des Kapitalismus, viele kennzeichneten schon die Klassengesellschaften davor. Sie entstanden mit dem Aufkommen des Privateigentums und dem Untergang matriarchaler und/oder auf Gemeineigentum gegründeter Gesellschaften. Der Kapitalismus hat jedoch die Art der Frauenunterdrückung und das Vorherrschen bestimmter Formen verändert. So gab es in der bäuerlichen Wirtschaft kaum eine besondere Unterdrückung der Frau hinsichtlich ihrer Arbeit, obwohl es eine – weitgehend natürlich-biologisch bestimmte – Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gab. Während der Mann überwiegend Tätigkeiten außer Haus verrichtete (Feld, Wald, Handel), war die Frau eher im Haus tätig (Stall, Garten, Küche, Kinder). Zudem war die mehrere Generationen übergreifende Familienstruktur (Großfamilie) eine wichtige arbeitsteilige Organisationsstruktur. Es gab eine allgemeine gesellschaftliche Unterdrückung der Frau, die von religiösen Normen bestimmt war.
Der Kapitalismus veränderte die Stellung der (bäuerlichen bzw. proletarischen) Frau sehr stark. Wichtig waren dabei u.a.:

  • die Zerstörung der dörflichen Gemeinschaft und deren Ersetzung durch die „anonyme“ Stadt;
  • die Ablösung der Bauern- und Handwerkerfamilie als Erzeugergemeinschaft (unter Einbeziehung von Nichtverwandten) durch die bürgerliche Familie als nur verwandschaftliche Ehegemeinschaft bzw. durch die Familienlosigkeit der Armen;
  • die Zerstörung der Möglichkeiten der Selbstversorgung durch Eigenproduktion (Landwirtschaft, Handwerk) und eigenes Haus, woraus der Zwang zur Lohnarbeit, zur Miete und zum Kauf von Lebensmitteln folgte;
  • die Einbindung der Frauen (und Kinder) in das Lohnarbeitssystem als besonders ausgebeutete Billigarbeiter, darunter in typischen „Frauenberufen“ (Ungelernte, Kinderfrau, Wäscherin, Putzfrau, Hausdienerin, Köchin, Prostitution);
  • die Zurückdrängung des Einflusses der Kirche, aber zugleich Zunahme bürgerlicher „Werte“ (Konsumismus, Nationalismus);
  • die Verdrängung einiger „direkter“ patriarchaler Strukturen (Leibeigenschaft, „Fürstenrecht“ u.a.) durch bürgerlich-demokratische Regularien (individuelle Menschenrechte), die aber mit realer sozialer Ungleichheit und Unfreiheit einhergingen.

Diese Veränderungen minimierten im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus (nicht zuletzt auch durch die Kämpfe der Arbeiterbewegung) bestimmte Aspekte der Frauenunterdrückung, verstärkten aber andere. Heute sind Frauen auch in den hochentwickelten Ländern immer noch bestimmten Formen von Unterdrückung, Überausbeutung und Diskriminierung unterworfen, doch zugleich sind sie juristisch weitgehend gleichberechtigt, viele tradierte Formen von Unterdrückung sind (fast) verschwunden.

Marx und Engels zur Frauenfrage

Marx und Engels widmeten sich der Frage der Unterdrückung der Frauen schon sehr früh, allerdings nimmt dieses Thema keinen besonders großen Raum in ihrem Schaffen ein.

Das muss auch vor dem Hintergrund des Entwicklungsstandes der Arbeiter- und der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert gesehen werden, die damals erst entstanden und viele bornierte, reaktionäre Positionen in der Gesellschaft und auch in der Arbeiterklasse und deren Organisationen überwinden mussten. Mit der Zeit gelang es der Sozialdemokratie immer besser, sowohl theoretisch-programmatisch als auch praktisch den Kampf gegen Frauenunterdrückung zu führen und dabei auch über die Positionen des bürgerlichen Feminismus hinauszugehen. Es ist kein Zufall, dass August Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ (1879) neben dem „Kommunistischen Manifest“ das meistgelesene Buch der deutschen Sozialdemokratie war.

Marx und Engels stellten schon sehr früh bei der Erarbeitung ihrer materialistischen Geschichtsauffassung dar, dass die Frauenunterdrückung Folge grundlegender Veränderungen in der sozialen Basis der Gesellschaft, ihrer Produktionsweise, war. Erst der Übergang zur Sesshaftigkeit, zu Ackerbau und Tierhaltung ermöglichte die Erzeugung eines Mehrprodukts und eine besondere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Das Mehrprodukt ermöglichte die Differenzierung der Gesellschaft in Klassen, die Anhäufung von Reichtum – durch Vererbung und durch Raub – und die Entstehung eines abgehobenen und repressiven Staatsapparates. Im Zuge dessen kam es zur „welthistorischen Niederlage des weiblichen Geschlechts“ (Engels) und zu den Strukturen des Patriarchats, die tw. noch heute bestehen.

Die Errungenschaften von Frauen in den hochentwickelten Ländern sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Lage global gesehen nach wie vor schlecht ist. Sie leiden immer noch unter verschiedenen Formen von Unterdrückung, Überausbeutung und Diskriminierung. Eine grundlegende Verbesserung der Lage der Frauen oder gar die Überwindung der Frauenunterdrückung ist nur möglich, wenn sie im Zuge des Klassenkampfes erfolgt und mit der Überwindung jener materiellen Verhältnisse einhergeht, die deren Ursache sind: das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die (bürgerliche) Familie.

Schon Friedrich Engels frühes Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) zeugt von der Kenntnis und vom Mitgefühl für die Probleme von Arbeiterinnen. Er schildert, wie Mütter ihre Säuglinge bei den älteren Kindern lassen müssen, während sie 15 Stunden in der Fabrik arbeiteten und die Milch aus den schmerzenden Brüsten floss. Er beschreibt die sexuellen Übergriffe der Fabrikanten und Meister auf Arbeiterinnen unter Androhung ihrer Entlassung.

Marx bezog sich schon früh auf Positionen der utopischen Sozialisten. Diese sahen die bürgerliche Familie nicht als „natürlichen Ort für Frauen“ an, sondern als eine Quelle der Frauenunterdrückung. In der „Heiligen Familie“ zitieren Marx und Engels den Sozialisten Charles Fourier: „Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche lässt sich immer aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen (…). Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“ Marx zog auch aus der Rolle der Frauen in der Pariser Commune wichtige Schlüsse. Auf dem Kongress der Ersten Internationale von 1871 legte er eine Resolution vor, in der er die Bildung „weiblicher Sektionen“ forderte, um Arbeiterinnen besser zu erreichen. Dabei betonte er aber, dass sich diese „nicht gegen die Zusammensetzung von Zweiggesellschaften aus Arbeitern und Arbeiterinnen“ richten dürften.

1880 schrieb Marx in der Einleitung zum Programm einer neuen sozialistischen Partei in Frankreich: „die Emanzipation der Klasse der Produzenten (umfasst) alle Menschen, ohne Unterschied von Geschlecht und Rasse“.

In seiner Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884) nahm Engels die Forderungen von Marx hinsichtlich der Gleichstellung von Frauen erneut auf. Sie könne nur erreicht werden, wenn „beide juristisch vollkommen gleichberechtigt sind. Es wird sich dann zeigen, dass die Befreiung der Frau zur ersten Vorbedingung hat die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie, und dass dies wieder erfordert die Beseitigung der Eigenschaft der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft.“

Marx und Engels waren trotz der oft schrecklichen Bedingungen des Arbeitslebens für Frauen und Kinder davon überzeugt, dass die Lohnarbeit der Schlüssel zur Frauenemanzipation ist. Ihnen ging es dabei nicht nur um die Beendigung der materiellen Abhängigkeit der Frauen von den Männern. Ihnen ging es auch darum, dass Frauen aus ihrer familiären und häuslichen Isolation geführt werden, dass sie produktiv zusammenarbeiten und eine eigene Lebensweise entwickeln können. Frauen sollten sich organisieren und sich mit den Männern gemeinsam im Klassenkampf engagieren.

Im Unterschied zum bürgerlichen Feminismus, der v.a. die rechtliche Gleichstellung betonte, orientierte sich der „proletarische Feminismus“ v.a. auf die Verbesserung der sozialen Lage von Arbeiterfrauen, die einerseits von der Lohnarbeit, andererseits von der Hausarbeit und der Kinderbetreuung (inkl. Schwangerschaft, Abtreibungsfrage usw.) bestimmt war und ist. Der Marxismus sieht den Kampf für die Gleichstellung und die Befreiung der Frau als Teil des Klassenkampfes und besteht darauf, dass das Erreichen dieses Zieles letztlich nur durch die Überwindung des Kapitalismus und seiner Strukturen, letztlich auch der Lohnarbeit, möglich ist. Der bürgerliche Feminismus bewegt sich hingegen meist nur im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft und wendet sich v.a. an bürgerliche Akteure und Strukturen (Parteien, Parlamente usw.), während die proletarische Frauenbewegung oft auch über das System hinauswies und sich auf den Klassenkampf orientierte.

Allerdings haben Marx und Engels bestimmten Aspekten der Frauenunterdrückung weniger Aufmerksamkeit gewidmet, was auch den Ansichten ihrer Zeit geschuldet war: der sexuellen Unterdrückung und der Hausarbeit. Dagegen betonten sie sehr stark den Kampf gegen die Überausbeutung von Frauen in der Lohnarbeit und für gleiche politische Rechte. Erst die feministische Bewegung des 20. Jahrhunderts, aber auch Kommunistinnen wie Alexandra Kollontai thematisierten Fragen der Familie, der Hausarbeit und der Sexualität stärker.

Die Russische Revolution

Die Bolschewiki forderten in ihrem Programm die vollständige Befreiung der Frau. Das waren nicht nur leere Worte. Sofort nach der Machtergreifung im Oktober 1917 wurden gesetzliche Veränderungen eingeführt, die tw. weiter gingen, als jede bürgerliche Demokratie es je versucht oder realisiert hat. Schon im Dezember 1917 wurden die zivile Eheschließung und eine einfache Scheidung ermöglicht. 1921 wurde die Abtreibung legalisiert und in Krankenhäusern praktisch ermöglicht. Die Bolschewiki versuchten, die Unterdrückung der Frauen durch deren sklavische Bindung an Kinder und Haushalt zu überwinden. Kindereinrichtungen wurden geschaffen, Gemeinschaftsküchen und Wäschereien eingerichtet, was unter den damals sehr schlechten sozialökonomischen Umständen schwierig genug war. Bei allem guten Willen krankten diese Versuche aber von Beginn an daran, dass die „Vergesellschaftung“ meist durch den Staat, also durch die Bürokratie, erfolgte – nicht oder weniger durch Selbstverwaltungsstrukturen der Massen.

Im Staatsapparat wurde eine besondere Frauenabteilung, „Shenotdel“, geschaffen. In deren Arbeit und in die Diskussionen um die Frauenbefreiung wurden Millionen von Arbeiterinnen und Bäuerinnen eingebunden. Die Frauenbefreiung blieb jedoch unter den fürchterlichen Umständen von Bürgerkrieg, Hungersnot und Wirtschaftskrise in Anfängen stecken. Erst ab 1921, nach dem Ende des Bürgerkriegs und mit Beginn der neuen Wirtschaftspolitik (NÖP) besserten sich die Verhältnisse.

Nicht nur in Sowjetrussland sorgte die Revolution für Neuerungen. Auch in anderen Ländern wurden unter dem Eindruck der Umwälzungen in Sowjetrussland und des Aufschwungs der (revolutionären) Arbeiterbewegung demokratische Reformen durchgeführt, so wurde das Frauenwahlrecht in mehreren Ländern eingeführt oder Frauen eine akademische Ausbildung ermöglicht.

Grundlegende Fortschritte hinsichtlich der Lage der Frauen gab es auch durch die Spanische Revolution 1936, v.a. in den von den Anarchisten kontrollierten, genossenschaftlich geprägten Gebieten.

Probleme der Übergangsgesellschaft

In den 1920ern stand in Sowjetrussland die nachrevolutionäre Übergangsgesellschaft vor einer grundlegenden Alternative: entweder die auf den Kommunismus verweisenden Strukturen, das Sowjetsystem und die Anfänge proletarischer Selbstverwaltung, werden ausgeweitet oder aber die Bürokratie, die Staat und Partei zunehmend beherrschte, eliminiert die ohnehin nur bescheidenen Anfänge des Kommunismus wieder und errichtet eine neue, staatskapitalistische Ordnung von Ausbeutung und Unterdrückung der Massen.

Die Bürokratie, die sich um Stalin gruppierte, ging als Sieger hervor. Nicht nur das Steckenbleiben der Weltrevolution und die schwierigen Bedingungen in Russland waren dafür ursächlich, sondern auch eine unzureichende Konzeption der Bolschewiki für den sozialistischen Aufbau. Wie fast die gesamte revolutionäre Linke unterschätzten auch die Bolschewiki die Bedeutung der Selbstverwaltung und des Genossenschaftssystems. Selbst die Sowjets (Räte), deren Wichtigkeit von Lenin zwar in einem generellen Sinn betont worden war, wurden danach missachtet. Unter dem Druck von Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise war das Sowjetsystem weitgehend kollabiert, nur die Partei, die Rote Armee sowie die politische Polizei (Tscheka), die de facto der Parteiführung unterstand, waren als Garanten der Errungenschaften der Revolution geblieben. Als 1921 der Bürgerkrieg gewonnen war, wurde mit der NÖP, die Lenin als „notwendigen taktischen Rückzug“ bezeichnete, die Wirtschaft wieder angekurbelt – doch eine Revitalisierung der Sowjetdemokratie und der Ausbau von Selbstverwaltungs- und Genossenschaftsstrukturen erfolgte nicht. Dieses Versäumnis war auch Ausdruck der falschen Gesellschaftskonzeption der Bolschewiki und ihrer Führer, die alles der Partei und dem proletarischen Staat unterordneten, anstatt dass der Staat – jede Form von Staat – abstirbt bzw. von Rätestrukturen ersetzt wird, wie es Marx postuliert hatte.

Die revolutionäre Linke hatte in vielen Fragen die Sozialdemokratie, aus der sie hervorgegangen war, kritisiert und deren reformistische Politik überwunden – jedoch kaum in der Frage der nachkapitalistischen Gesellschaftskonzeption, v.a. hinsichtlich der Wirtschaft und der Staatsfrage. Sie übernahm großteils die alten Ideen der Sozialdemokratie, dass die Wirtschaft verstaatlicht werden müsse und dass die Partei – nicht etwa ein Rätesystem – die führende Rolle spielen solle. Bei allen grundlegenden Unterschieden, ja Gegensätzen zwischen Bolschewismus (und Trotzkismus) einerseits und dem Stalinismus andererseits – in diesen Fragen gab es auch eine konzeptionelle Kontinuität, die sich Stalin zunutze machen konnte.

Vor diesem Hintergrund muss auch die Veränderung der Frauenpolitik im Stalinismus gesehen werden. Der Hang, den zentralisierten Staatsapparat als Subjekt von Veränderungen anzusehen und nicht das Rätesystem, war eine Hauptursache dafür, dass die Bürokratie ans Ruder kommen, die Arbeiterklasse in jeder Hinsicht entmachten und deren ohnehin noch sehr gering ausgeprägten strukturellen Errungenschaften eliminieren konnte.

Frauen im Stalinismus

Die folgenden Ausführungen beziehen sich nicht nur auf die UdSSR, sondern auch auf den späteren Ostblock, der von Beginn an ein staatskapitalistisches System war, während die UdSSR erst ab Ende der 1920er diese „Qualität“ erreicht hatte. Der Staatskapitalismus unterscheidet sich vom westlichen Kapitalismus, der auf Privateigentum basiert, v.a. dadurch, dass er auf Staatseigentum, beruht. Während der Westen durch Marktbeziehungen und Konkurrenz geprägt ist, wird der Staatskapitalismus per Zentralplanung von der Bürokratie geregelt. Beide Varianten beruhen aber auf dem Lohnarbeitssystem, dessen wesentliches Merkmal die Nichtverfügung der Arbeiterklasse über die Produktionsmittel und die gesellschaftlichen Prozesse ist.

Während die Bolschewiki um Lenin trotz aller Probleme ernsthaft versucht hatten, die Unterdrückung von Frauen zu überwinden, hat die mit Stalin zur Macht gekommene Bürokratie diese Entwicklung später weitgehend gestoppt – obwohl sich die materiellen Verhältnisse ab Mitte der 1920er verbessert hatten. Die „konservative Wende“ der Bürokratie auch in der Frauenpolitik wird u.a. an der Gesetzgebung deutlich. 1936 – mit der Einführung einer neuen Verfassung – wurde die Abtreibung, die zuvor legalisiert worden war, wieder illegal. Sofort stieg daraufhin die Zahl illegaler Abtreibungen und die Zahl der Todesopfer von „Engelmacherinnen“. Erst nach Stalins Tod wurde das Gesetz, auch in Folge dessen, reformiert.

Die „sozialistische Familie“ wurde quasi als einzige Form der Partnerschaft definiert. Aufgrund der sie umgebenden materiellen und politischen Verhältnisse änderte sich auch ihr Charakter. Hatten Alexandra Kollontai u.a. Bolschewiki die Liebe und die geschlechtliche Gleichstellung als einzige Grundlagen der Ehe bzw. von Beziehungen betrachtet, wurde das stalinsche Familienmodell immer mehr dem bürgerlichen ähnlich; diese (heterosexuelle) Familie konservierte die alte, die Frauen benachteiligende Arbeitsteilung. Kindereinrichtungen wurden zwar meist gefördert, doch sie unterstanden dem Staat, nicht kollektiver Selbstverwaltung. So blieb die Kinderbetreuung weiterhin fast ausschließlich Aufgabe der Frauen und staatlicher Spezialistinnen und wurde zu wenig zum Anliegen der gesamten Gesellschaft inkl. der Männer. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die rechtliche Anerkennung der Homosexualität, die nach 1917 eingeführt worden war, unter Stalin zurückgenommen wurde. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren dann praktisch illegal.

Schon in den 1920ern gönnte sich die inzwischen gewaltig angewachsene Bürokratie in Staat und Partei verschiedene Privilegien, z.B. Hausangestellte und Kraftfahrer, bessere Wohnungen, Sonderläden usw. Das alte „Oben“ und „Unten“ war auf neue Art wiedererstanden.

Besonders deutlich wurde die Benachteiligung von Frauen anhand ihrer Unterrepräsentierung in Führungspositionen. Die Politbüros aus alten Männern waren Ausdruck dessen. Allerdings nahmen Frauen auch zunehmend Positionen ein, die traditionelle Männerdomänen waren, z.B. als Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler. Trotzdem blieben Führungsposten auch dort meist Männern vorbehalten. Es gab auch kaum Diskussionen um die Frage der „Gleichberechtigung“ und die Befreiung der Frau im umfänglichen Sinn, wie es Marx und Engels angedacht hatten. Meist ging es nur darum, dass Frauen kommerzieller Arbeit nachgehen und (daher) auch Männer Hausarbeit übernehmen sollten.

Eine Veränderung der Rolle der Frau gab es im Westen wie in der UdSSR im 2. Weltkrieg, als die Rüstung nach Frauen als Arbeitskräften verlangte und sie tw. in die Armee eingegliedert wurden. Ein ähnlicher Effekt trat ein, als die Industrialisierung im Ostblock zu einem Bedarf an Arbeitskräften führte, der durch die verstärkte Berufstätigkeit von Frauen gemildert wurde. Diverse „frauenpolitische“ Maßnahmen wurden eingeführt, um das zu ermöglichen, v.a. der Ausbau der Kinderbetreuung.

Es ist unbestreitbar, dass die wirtschaftliche Stellung der Frau, v.a. ihre finanzielle Absicherung und Selbstständigkeit, im Stalinismus besser war als im westlichen Kapitalismus. Prostitution v.a. aus finanzieller Not, Sexismus und diskriminierende Regelungen gab es im Osten weniger als im Westen. So konnten z.B. Frauen in der BRD oder in Österreich noch bis in die 1970er Jahre ohne Zustimmung des Mannes kein Konto eröffnen oder arbeiten gehen. Der höhere Anteil berufstätiger Frauen, gerade auch in industriellen „Männerberufen“ machte „Ost-Frauen“ materiell unabhängiger, selbstbewusster, erfahrener und oft gebildeter als ihre westlichen Schwestern. Andererseits war ihr Alltagsleben aber auch von mehr Mühsal (Versorgungsengpässe) und von der Mehrfachbelastung durch Arbeit, Kinder und Haushalt geprägt. Die Frauenpolitik des Stalinismus war wesentlich davon geleitet, Frauen eine bessere Stellung im Lohnarbeitssystem zu sichern, ohne aber deren tradierte soziale Rolle – Kinder, Kleinfamilie, Haushalt – zu überwinden.

Während der Stalinismus nur die Rolle der Frau im Lohnarbeitssystem verbessern wollte (was in den letzten Jahrzehnten aber auch im Westen tendenziell erfolgte), verfolgte Marx eine weiterreichende Strategie. Einerseits wollte auch er die Frauen in den industriellen Arbeitsprozess einbeziehen. So sollten Frauen materiell besser gestellt, den Männern gleichberechtigt und an die moderne Produktion herangeführt werden. Zugleich sollten die proletarischen Frauen aber auch Teil der Arbeiterbewegung und ihrer Kämpfe werden. Andererseits betonte Marx aber, dass das Lohnarbeitssystem nicht nur verbessert, sondern überhaupt überwunden werden soll. Das hieße freilich nicht Abschaffung des „Lohnes“, sondern Aufhebung der Besitzlosigkeit der Arbeiterklasse und Herstellung ihrer direkten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und die Gesellschaft insgesamt. Das wiederum ist nur mittels Selbstverwaltung, Genossenschaftswesen und ein Rätesystem möglich. Das nicht getan, ja bewusst untergraben oder behindert zu haben, hat auch die wirkliche Befreiung der Frau verhindert.

Im Ostblock gab es diverse Errungenschaften für Frauen, aber sie wurden nicht erkämpft oder waren Ergebnis der Forderungen von Frauen, sie wurden ihnen „von oben geschenkt“. So blieb die „untergeordnete“ Rolle von Frauen in der Gesellschaft letztlich bestehen. Das lag auch daran, dass die Kleinfamilie und der Kleinhaushalt als Strukturen, in denen sich die alten, konservativen Geschlechterrollen von Frauen und Männern immer wieder reproduzieren, nicht durch kollektive Lebensweisen abgelöst wurden. Immer blieb die Bürokratie das bestimmende Subjekt, nicht die Bevölkerung selbst.

Der neue Feminismus

Mit der 68er-Bewegung erhielt auch der Kampf für die Befreiung der Frau neue Impulse. Probleme, die vom „tradierten Marxismus“ nicht oder eher am Rande betrachtet worden waren, wurden nun thematisiert. Das betraf u.a. die Frage der Familie, der häuslichen Pflege- und Reproduktionsarbeit und die sexuelle Unterdrückung. Es ging nicht mehr nur um sozial-ökonomische Aspekte, sondern auch um die „private Sphäre“ und um den „Habitus“ (Bourdieu). Letztere Kategorie geht zwar – zumindest bei Bourdieu selbst – auch von der Klassenfrage und dem Lohnarbeitssystem als sozial prägenden Faktoren aus, doch werden diese auch in Beziehung zu „außerökonomischen“ Faktoren gesetzt und betrachten das Selbstverständnis von Menschen – ihren Habitus. Diese Sichtweise ermöglicht es auch, neue „moderne“ Faktoren, die v.a. in der spätimperialistischen Gesellschaft ab Ende des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen und das Denken und Handeln von Menschen beeinflussen, zu berücksichtigen: Kultur, Bildung, Wissenschaft, Medien usw.

Ende des 20. Jahrhunderts, mit dem Kollaps des Stalinismus, vertiefte sich die Krise des Kapitalismus, aber auch der Linken und der Arbeiterbewegung. Das hatte auch bedeutende Auswirkungen auf die Lage der Frauen und auf die Frauenbewegung. Einerseits vermochten es Frauen, immer mehr, Bereiche zu besetzen, die traditionell Männerdomänen waren, andererseits verschlechterten sich durch neoliberale Maßnahmen für viele proletarische Frauen, z.B. für Alleinerziehende, die Lebensumstände. Trotz diverser Bemühungen konservativer Kräfte, ein „tradiertes Frauenbild“ zu verbreiten, gelang es ihnen nicht, eine konservative Wende zu erreichen – im Gegenteil: Frauen sind heute eher besser ausgebildet und selbstbewusster als früher.
Wie auch auf anderen Gebieten haben es die Bourgeoisie und ihre Agenturen verstanden, ihre Ideologie auch in der Arbeiterbewegung und in der Linken zu verbreiten. Das war ihnen v.a. deshalb möglich, weil deren Klassenbewusstsein, die Theoriebildung und letztlich der Klassenkampf von Sozialdemokratie und Stalinismus jahrzehntelang unterminiert worden waren. Ein Beispiel für das Einwirken „links-bürgerlicher“ Ideologie ist der Klimakatastrophismus u.a. vorgeblich „grüne“ Themen. Auch der Feminismus blieb davon nicht unberührt. Indem sich die Politik und der Staat der „Sache der Frauen“ annahmen (nicht nur scheinbar, sondern oft auch tatsächlich), „ersetzten“ sie damit die Arbeiterbewegung und die Linke als handelnde Subjekte. Die „Gleichberechtigung“ von Frauen, aber auch von „geschlechtlich unterdrückten“ Gruppen wurde nun Sache des Staates. Das führte nicht nur dazu, dass die Arbeiterbewegung außen vor blieb, auch die Illusionen in den Staat und die bürgerliche Politik nahmen zu. Da diese „Frauenpolitik“ aber immer wieder auch mit der für Frauen schlechten Realität kollidierte, verlegte man sich stärker darauf, nicht die Realität zu verändern, sondern deren ideelle Widerspiegelung zu beeinflussen. Die Monströsität des LGBTQABCXYZ*+ ist ein Ausdruck dessen.

V.a. von US-Universitäten und aus der akademischen Mittelschicht kamen dafür Impulse, so etwa von Judith Butler. Sie betonten u.a. die – tatsächlich vorhandene – soziale Konditionierung der Geschlechterrollen, u.a. durch Sprachregelungen. Es ging nun mehr um die Änderung von Sprache – das Gendern – als um die Änderung der materiell-ökonomischen Verhältnisse. Auch ging es nicht mehr v.a. um Frauen, sondern zunehmend um sexuelle Minderheiten, um queere Menschen, deren Rechte und – reale oder behauptete – besondere Interessen. Der „eigentliche Feminismus“ wurde eher zur Nebenfrage. Medial und in Gestalt von Bewegungen (Prideparaden, Regenbogensymbol) wurde der Kampf für Gleichberechtigung v.a. zu einem Kulturkampf; er war nicht mehr ein Kampf der Arbeiterbewegung, er war nicht mehr mit dem Sozialismus verbunden, er war kein Kampf mehr auch und v.a. auf dem Gebiet der Wirtschaft. Die Ökonomie, die Gewerkschaften, die Arbeiterbewegung und die Systemfrage spielten nun meist keine Rolle mehr. Statt Klassenpolitik wurde nun Milieupolitik betrieben. Von dieser Milieupolitik und den dafür entstandenen staatlichen und halbstaatlichen Strukturen leben inzwischen abertausende Akademiker und Bürokraten, die mit ihren im Monatsrhythmus erneuerten Gängeleien, Vorschriften und Verboten die Bevölkerung nerven. In gewissem Maße ist diese Art von Geschlechterpolitik und die völlig absurde falsche Gewichtung von Problemen auch ein Ablenkungsmanöver von Fragen, die die Hälfte der Menschheit – die Frauen – betreffen und nicht nur kleine Minderheiten wie die queere Szene.

Es ist an der Zeit, auch in puncto Frauenbefreiung wieder die Verbindung mit dem Klassenkampf und dem Kampf für den Sozialismus zu betonen und die Grenzen und Absurditäten der bürgerlichen Emanzipationsbewegung aufzuzeigen. Die linke Feministin Lise Vogel hat recht, wenn sie sagt: „Tatsächlich hatten Marx und Engels mehr von Relevanz zur Lösung der Frauenfrage zu sagen, als Sozialistinnen und wie Frauenbefreiungs-Aktivistinnen bemerkt haben. Genau genommen haben Marx und Engels ganz schön viel dazu gesagt, auch wenn es nicht ansatzweise genug gewesen ist.“

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