Ignoranz statt Analyse (Teil 1 von 2)

Vorbemerkung der Redaktion: Hier veröffentlichen wir zwei Kritiken, zu Artikeln, die von der Jugendorganisation Revolution veröffentlicht worden sind. Revolution (www.onesolutionrevolution.de) arbeitet eng mit der Gruppe ArbeiterInnenmacht (www.arbeiterinnenmacht.de) zusammen. Die Kritiken sind Revolution mehrfach ĂŒbermittelt worden, im GesprĂ€ch mit einigen ihrer Genossen wurde auch eine Antwort zugesagt. Das ist inzwischen schon einige Monate her. Eine Antwort blieb aus. So haben wir uns entschlossen, unsere Kritiken, die ursprĂŒnglich als BeitrĂ€ge zu einer nicht-öffentlichen Diskussion mit Revolution gedacht waren, hier zu veröffentlichen. Wir meinen, dass sie einen guten Einblick vermitteln, wie oberflĂ€chlich und dogmatisch diese Organisation – pars pro toto fĂŒr die gesamte Linke – die Themen Klima- und Energiepolitik behandelt. „Ignoranz statt Analyse (Teil 1 von 2)“ weiterlesen

Thesen zur Kernenergie

Einleitung
  1. Diese Thesen betrachten nicht alle Aspekte atomarer Technologien, ihrer Entwicklung, ihrer Anwendung, ihrer sozialen und ökologischen Folgen. Das ist schon daher unmöglich, weil sich diese Technologie stĂ€ndig weiter entwickelt. Diese Thesen wollen v.a. versuchen, eine nĂŒchterne, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Position zu dieser Technologie zu entwickeln und der v.a. in Deutschland verbreiteten Angst und Ablehnung dieser Technik gegenĂŒber zu begegnen. Diese Thesen sind zugleich ein Vorschlag und eine Aufforderung an die Linke und die Arbeiterbewegung, aber auch an die kleinbĂŒrgerlich geprĂ€gte Anti-AKW-Bewegung, wie sie in ihrem BemĂŒhen, bessere Sicherheitsstandards dieser Technik zu erreichen, erfolgreich sein können und warum sie ihre Atom-Phobie ĂŒberwinden mĂŒssen.

  2. Die Thesen sollen eine historisch-materialistische Bewertung der Kerntechnik vornehmen, die auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik und deren Perspektiven beruht und nicht auf Ideologie. Die Thesen sollen eine methodisch-programmatische Basis dafĂŒr sein, um a) aktuelle Ideologien und Bewegungen zu beurteilen und Argumente fĂŒr und gegen die Kernkraft zu bewerten, b) den Stellenwert der Kernenergie fĂŒr Gegenwart und Zukunft zu beurteilen und c) ein effektives Eingreifen der Linken und der Arbeiterbewegung im Klassenkampf zu ermöglichen.

  3. Der Marxismus lehnt Technologiefeindlichkeit ab. Im Gegenteil: immer hat er den Fortschritt der Menschheit auch darin gesehen, dass die ProduktivkrĂ€fte weiterentwickelt werden. Dabei geraten sie in Widerspruch zu den ProduktionsverhĂ€ltnissen. Dieser Konflikt spitzt sich zu, bis er revolutionĂ€r – durch die UmwĂ€lzung der ProduktionsverhĂ€ltnisse – „aufgehoben“ wird. Nicht eine Technologie an sich, sondern die jeweilige Gesellschaftsstruktur und die Interessen der herrschenden Klasse bestimmen, wie oder ob sie zur Anwendung kommt, entwickelt bzw. weiterentwickelt wird. Im Kapitalismus haben die ProduktivkrĂ€fte einen janusköpfigen Charakter: sie können zum Wohl, aber auch zum Wehe der Menschheit dienen.

  4. Die Nutzung der Atomenergie in Deutschland ist – im Unterschied zu den meisten anderen LĂ€ndern – seit den 1970ern Gegenstand heftigster Kontroversen. Zehntausende waren gegen die Atomenergienutzung auf der Straße oder fĂŒhrten Blockaden durch. Die Ablehnung der Atomtechnik, ja eine regelrechte Atomphobie ist hierzulande heute die Mehrheitsmeinung – nicht zuletzt nach den UnglĂŒcken von Tschernobyl und Fukushima. Auch die Linke und das Gros der Arbeiterbewegung teilen diese Position. Die stark von bĂŒrgerlichen Medien und Parteien, dem bĂŒrgerlichen Bildungswesen und der „grĂŒnen“ Szene geprĂ€gte „öffentliche Meinung“ ist – wie in der Klima- und der Energiefrage – mehr von Dogmen als von wissenschaftlichem Denken geprĂ€gt und zeigt sich rationalen Argumenten kaum zugĂ€nglich.

  5. Zu Beginn der zivilen Nutzung der Kernenergie in den 1950/60er Jahren herrschte geradezu eine fast unkritische Atom-Euphorie vor. Die Atomtechnik wurde als zentrales Element der zukĂŒnftigen Energieversorgung der Menschheit angesehen und ihr enormes Potential betont, wĂ€hrend die Probleme und Risiken unterschĂ€tzt wurden. Diese Einstellung widerspiegelte auch die Euphorie des langen Nachkriegs-Booms und der sprunghaften Entwicklung von Wissenschaft und Technik dieser Periode.

  6. Die Entwicklung der weiter wachsenden Menschheit und umso mehr noch eine gesellschaftliche Entwicklung Richtung Kommunismus verlangen nach einer möglichst schnellen und umfĂ€nglichen Entwicklung aller ProduktivkrĂ€fte sowie der stĂ€ndigen VerĂ€nderung der ProduktionsverhĂ€ltnisse. Ja, die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise erlaubt ĂŒberhaupt erst eine viel schnellere und harmonischere Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte und ihre Anwendung zum Nutzen der gesamten Menschheit. Nur durch die Bereitstellung von gegenĂŒber heute vielfach grĂ¶ĂŸeren Energiemengen können die sich stets verĂ€ndernden LebensbedĂŒrfnisse einer wachsenden Menschheit befriedigt und Armut und Unterentwicklung ĂŒberwunden werden.

  7. Die besonders in Deutschland betriebene Politik der „Energiewende“ (EW), die EinfĂŒhrung der „erneuerbaren Energien“ (EE) v.a. durch die Nutzung von Wind, Sonne und Biomasse zur Ersetzung der fossilen Verbrennung und der Kernenergie als Grundlage (!) des Energiesystems ist eine Sackgasse. Die EE haben (trotz kĂŒnftiger technischer Fortschritte) kein ausreichendes energetisches Potential, ihre Energieflussdichte ist – naturbedingt – zu gering, sie sind fĂŒr ein energetisches System inkompatibel und schĂ€digen die Umwelt. Ohne staatliche Subventionierungen sind sie nicht konkurrenzfĂ€hig und unökonomisch; sie stellen einen RĂŒckschritt der Produktivkraftentwicklung dar.

  8. Der Kapitalismus hat zu einer enormen quantitativen und qualitativen Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte – des Proletariats sowie von Wissenschaft und Technik – gefĂŒhrt. Trotz der ihm immanenten Tendenzen zu  Krisen, Stagnation und der Behinderung und Zerstörung von ProduktivkrĂ€ften bleibt der durch die Konkurrenz getriebene grundlegende Zwang zur Erneuerung und Modernisierung der Produktion bestehen.

  9. In der bĂŒrgerlichen Gesellschaft werden viele Technologien zu DestruktivkrĂ€ften, viele technische Fortschritte heben nicht den Lebensstandard der Massen, sondern fĂŒhren aufgrund der auf Profitmaximierung zielenden Wirtschaftsweise zu intensiverer Ausbeutung, zu Arbeitslosigkeit und zur SchĂ€digung der Umwelt. Auch die Atomkernspaltung ermöglicht zwar die Nutzung gewaltiger Energien, wurde aber zuerst fĂŒr militĂ€rische Zwecke eingesetzt. In Hiroshima und Nagasaki bewies der US-Imperialismus 1945, dass er keine Skrupel kennt, seine globale Hegemonie auch durch den Einsatz von Atomwaffen durchzusetzen.

  10. Die friedliche Nutzung der Kernspaltung war zunĂ€chst nur ein „Nebenprodukt“ der militĂ€rischen Nutzung. Das hatte Folgen: „zivile“ Reaktoren dienten auch der Gewinnung Kernwaffen-fĂ€higen Materials und der Weiterentwicklung der Nukleararsenale. Die ersten Reaktoren wurden v.a. zur  Produktion kernwaffenfĂ€higen Plutoniums und fĂŒr den Antrieb von U-Booten konzipiert. FĂŒr die  Stromerzeugung in AKW waren sie daher nicht optimal geeignet. Auch die Weiterentwicklung und Verbesserung der Kerntechnik wurde aus ProfitgrĂŒnden oft blockiert, um Ă€ltere Techniken lĂ€nger verkaufen zu können. Der „Atomwaffensperrvertrag“ behinderte auch die Ausweitung und Weiterentwicklung der zivilen Kernenergienutzung und diente der Sicherung der technologischen und militĂ€rischen Dominanz der imperialistischen FĂŒhrungsmĂ€chte und ihrer Konzerne.

  11. Der Aufbau der „zivilen“ Nuklearsparte in den 50er und 60er Jahren erfolgte vor dem Hintergrund des langen Nachkriegsbooms und in Erwartung eines stĂ€ndig weiter steigenden Strombedarfs. Auch die Ölkrisen in den 1970ern stĂ€rkte die Atomindustrie, weil man sich mit ihr grĂ¶ĂŸere UnabhĂ€ngigkeit vom unsicheren Ölmarkt erhoffte und dem Schwinden der fossilen BrennstoffvorrĂ€te begegnen wollte (peak oil). Eine Methode, um die Kernkraft argumentativ zu fördern, war die UnterstĂŒtzung der Etablierung der Theorie der drohenden Klimakatastrophe durch den Ausstoß von CO2 durch Kohlekraftwerke.

  12. In Deutschland erfolgte die EinfĂŒhrung der Atomenergie zunĂ€chst gegen den Widerstand der Energieunternehmen, welche die großen Investitionen scheuten und wenig Bereitschaft zeigten, in eine neue Technologie einzusteigen. Doch der Druck der Politik und Milliardenhilfen vom Staat in die Forschung und den Bau von AKW fĂŒhrten zur Etablierung dieser Technik, die schließlich bis zu 30% des Stroms in Deutschland erzeugte.

  13. Die Bewegung gegen die Kernenergie wurzelt tw. in den Protesten gegen die atomare AufrĂŒstung, die Wiederbewaffnung und den Beitritt Deutschlands zur NATO. Im Zuge der Etablierung der reaktionĂ€ren bipolaren Nachkriegsordnung, nach den nicht genutzten revolutionĂ€ren Möglichkeiten mit Ende des 2. Weltkriegs, dem Erstarken des Stalinismus und der Re-Etablierung des Reformismus in Europa verschwand die antikapitalistisch-revolutionĂ€re Perspektive zunehmend aus dem gesellschaftlichen Denken und dem Bewusstsein des Proletariats.

  14. Die mit der globalen Ausweitung der imperialistischen Weltordnung wachsende Gefahr der Zerstörung von Leben und Natur nahm und nimmt zu. So wurden z.B. die Chemie-UnfĂ€lle von Seveso 1976 und von Bhopal 1984 von Vielen als Menetekel der kapitalistischen Wirtschaftsweise aufgefasst. Die entstehende kleinbĂŒrgerliche grĂŒne Bewegung sah aber zunehmend nicht die herrschende Produktionsweise insgesamt, sondern nur bestimmte Aspekte von ihr bzw. „die Technologie“ an sich als bedrohlich an. Gegen die Orientierung auf die soziale Aktion der Arbeiterklasse machte sich eine grundlegend Technik-skeptizistische und sozial-romantische Ideologie breit. Die PassivitĂ€t des Reformismus in puncto Ökologie wie die Nichtbeachtung dieser Frage durch den „Marxismus“ und die radikale Linke fĂŒhrten dazu, dass die grĂŒne Bewegung ideell und tw. organisatorisch zur fĂŒhrenden Kraft auf diesem Feld wurde.

  15. Die GrĂŒnen sind inzwischen ein fester und „normaler“ Bestandteil des Parteiensystems in Deutschland geworden und haben ihren frĂŒheren Bewegungscharakter weitgehend verloren. Sie haben zwar fĂŒr die AusprĂ€gung von „Umweltbewusstsein“ viel getan, halfen aber zugleich dabei mit, ein bĂŒrgerliches Umwelt-Krisen-Management zu etablieren. Das starke Anwachsen der (lohnabhĂ€ngigen) Mittelschichten ab den 1960ern ist der soziale „Unterbau“ dieser Entwicklung.

  16. Auch die radikale Linke ist stark von der grĂŒnen Szene und deren Ökologismus beeinflusst passt sich ihr weitgehend an. Die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der 68er Linken in den GrĂŒnen aufging, illustriert diese Entwicklung. Generelle Skepsis und Ablehnung der Atomkraft gehören zum Kern der „grĂŒnen“ und linken Ideologie und Bewegung.

  17. Im Februar 1981 demonstrierten rund 100.000 Menschen gegen das AKW Brokdorf und gegen die  Kernkraft in der Bundesrepublik. 1985/86 erlebte die Anti-Atom-Bewegung bei den Protesten gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf einen weiteren Höhepunkt. Der GAU von Tschernobyl 1986 verstĂ€rkte die Angst vor der Atomtechnik und der Wirkung von RadioaktivitĂ€t. Seit Jahren kommt es regelmĂ€ĂŸig zu regionalen Aktionen v.a. gegen die Castor-Transporte, die aber kaum noch den Charakter von Massenbewegungen haben.

  18. Nach dem Eintritt der GrĂŒnen in die Bundesregierung unter Schröder (SPD) 1998 wurde der Atomausstieg beschlossen, jedoch war dafĂŒr ein sehr langsames Tempo vorgesehen. Nach dem UnglĂŒck von Fukushima 2011 kam es zu Massendemonstrationen fĂŒr den Atom-Ausstieg. Um die anstehenden Wahlen nicht zu verlieren, gab die schwarz/gelbe Merkel-Regierung ihren Kurs der VerlĂ€ngerung der AKW-Laufzeiten auf und beschloss den endgĂŒltigen Atomausstieg bis 2022. Dieser ist Teil der Politik der „Energie-Wende“, die schon seit etwa 2000 massiv vorangetrieben wird. Mit ihr sollen AKW und Kohlekraftwerke durch die „erneuerbaren Energien“, v.a. Wind-, Solar- und Bioenergie, ersetzt werden.
    Das Problem der Endlagerung
  19. Die Entsorgung radioaktiver Stoffe wird als eines der großen Probleme und Risiken der Atomtechnologie angesehen und ist ein zentrales Argument fĂŒr den Atomausstieg. JĂ€hrlich werden weltweit etwa 9 Mio. Tonnen giftige „SonderabfĂ€lle“ produziert, davon sind nur etwa 1% radioaktive Stoffe. In Deutschland fielen 1997 etwa 173.000 Tonnen an, davon nur etwa 600 Tonnen hochaktive radioaktive AbfĂ€lle. Im Unterschied zu radioaktiven AbfĂ€llen, die relativ gut handhabbar sind und deren GefĂ€hrlichkeit abnimmt (Halbwertzeit), behalten andere AbfĂ€lle zum großen Teil ihre GefĂ€hrlichkeit ewig bei. Das Problem der Entsorgung radioaktiver Stoffe wird weit ĂŒber dessen reale Dimension hinaus kĂŒnstlich hochgespielt.

  20. Brennelemente aus AKW sind hoch radioaktiv und mĂŒssen deshalb sicher entsorgt werden. DafĂŒr gibt es zwei Möglichkeiten. Beim „offenen Brennstoffkreislauf“ (wie in Deutschland) wird der abgebrannte Kernbrennstoff als Abfall angesehen, der ca. 200.000 Jahre lang eine höhere RadioaktivitĂ€t als Natururan hat und daher ebenso lange gelagert werden muss. Beim „geschlossenen Brennstoffkreislauf“, wie in Frankreich und Japan, wird der Atom“mĂŒll“ aufgearbeitet und Uran und Plutonium in den Brennstoffkreislauf zurĂŒckgefĂŒhrt. Das verkĂŒrzt die Zeit des radioaktiven Zerfalls auf etwa 16.000 Jahre.

  21. Meist wird radioaktiver Abfall durch Einlagerung in tiefen geologischen Schichten entsorgt. So entsteht ein mehrschichtiges Schutzsystem. Über Jahrtausende können sie aber lecken und es können radioaktive Isotope austreten. Dann sollen die geologischen Barrieren radioaktive Verseuchung verhindern.

  22. Die Gefahr abgebrannter Kernbrennstoffe geht nach Jahrhunderten nur von wenigen Elementen (v.a. Plutonium, Neptunium, Americium, Curium) aus. Trotz ihrer niedrigen Konzentration gefĂ€hrden sie jede Lebensform, wenn sie in die Umwelt gelangen. Sie mĂŒssen daher völlig isoliert und sehr lange sicher gelagert werden, soweit sie nicht technisch „aufgearbeitet“ werden können. Ein Beispiel fĂŒr die Möglichkeit eines dauerhaften geologischen Einschlusses liefert der Naturreaktor in Oklo, wo Radionuklide innerhalb von 2 Milliarden Jahren nur 50 m weit „gewandert“ sind.

  23. Stark strahlende alte Brennelemente werden in Glaskokillen eingeschlossen und in ein Zwischenlager gebracht, wo sie abklingen, bis die WĂ€rmestrahlung soweit zurĂŒckgegangen ist, dass eine Endlagerung möglich ist. Bei einem großen AKW fallen jĂ€hrlich etwa 50 mÂł radioaktiver Abfall an, davon 7 mÂł hochradioaktiver. In Deutschland sind seit 2005 Transporte zur Wiederaufbereitung verboten, so dass abgebrannte Brennelemente an den AKW-Standorten zwischengelagert werden mĂŒssen.

  24. Noch nutzen AKW nur maximal 5% der im Spaltmaterial enthaltenen Energie. Atomare Reststoffe sind also kein MĂŒll, sondern energetisch hochwertige Stoffe. Obwohl es relativ wenig BemĂŒhungen der von Staat und Atomkapital dominierten Wissenschaft gab, Techniken zur Wiederverwendung atomarer AbfĂ€lle zu entwickeln, sind reale Fortschritte erzielt worden. V.a. die Partitionierung und Transmutation (PuT) stellen Möglichkeiten dar, den „AtommĂŒll“ zu nutzen und das Problem der Endlagerung zu minimieren oder zu lösen. Theoretisch könnte mit PuT ein geologisches Endlager komplett entfallen.

  25. PuT bedeutet chemische oder elektrochemische Abtrennung (Partitioning) von Plutonium u.a. Elementen und ihre Umwandlung in stabile oder kurzlebige Isotope durch Neutronenreaktionen (Transmutation). Dadurch können die ToxizitĂ€t und die Menge des Abfalls erheblich reduziert werden. Die fĂŒr die Nutzung der PuT-Technik benötigte Entwicklungszeit liegt bei Nutzung aktueller Technologien unter der, die aktuell fĂŒr die Endlagerung gilt. PuT-Anlagen existieren oder existierten und haben nur wenig Entwicklungszeit benötigt. Mit den heutigen Möglichkeiten der Technik können sie noch verbessert werden. WĂ€hrend ein Endlager Kosten verursacht, können PuT-Anlagen den kompletten Investitionsbedarf z.B. durch Stromerzeugung wieder einspielen. 2014 ging in Russland in Bjelojarsk mit dem BN 800 der weltweit erste Reaktor in Betrieb, der Atom“mĂŒll“ als Brennstoff nutzt. Inzwischen gibt es weitere solche Anlagen bzw. Projekte dafĂŒr auch in anderen LĂ€ndern.

  26. Die „Endlagerdebatte“ hierzulande wird von völlig falschen PrĂ€missen bestimmt. Erstens werden die atomaren Abprodukte nicht als Rohstoff, sondern als MĂŒll angesehen. Daraus folgt die weitgehende Missachtung der Möglichkeiten der Wiederverwendung des Atom“mĂŒlls“. Zweitens wird die Endlagerung bzw. deren Dauer nur mit den Halbwertzeiten radioaktiver Isotope in Verbindung gebracht. Der entscheidende Zusammenhang ist aber ein anderer. Die „End“lagerung muss nur solange und insoweit erfolgen, als die technische Nutzung noch nicht zur Wiedernutzung aller Reststoffe in der Lage ist. D.h. nicht die Halbwertzeit, sondern die Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte ist der maßgebliche Faktor. Und hier geht es um Jahre oder Jahrzehnte, nicht um Jahrmillionen. Drittens wird stĂ€ndig suggeriert, dass die Endlagerung nicht sicher wĂ€re. Doch das technische Knowhow erlaubt heute eine so sichere Lagerung, dass nach menschlichem Ermessen keine SchĂ€digungen auftreten können. Selbst im Fall, dass radioaktive Stoffe freigesetzt werden, werden keine Katastrophen eintreten, wie immer behauptet wird (she. dazu die AusfĂŒhrungen zur RadioaktivitĂ€t weiter unten).

  27. Die ganze AbsurditĂ€t der deutschen Atompolitik und ihre rein ideologischen PrĂ€missen werden anhand der Endlagersuche deutlich. 35 Jahre nach der Einrichtung zweier Endlagerstandorte (Salzstock Gorleben, Schacht Konrad) legte die Merkel-Regierung 2013 den Entwurf eines „Standortauswahlgesetzes“ (StandAG) vor, um erneut Endlager-Standorte erkunden zu lassen. Das ist schon insofern absurd, da beide vorhandenen Standorte sicher sind, was u.a. diverse internationale Gutachten bestĂ€tigen. In Gorleben sind nur noch Restarbeiten erforderlich, um eine vollstĂ€ndige Nutzbarkeit zu erreichen. Nun soll – nach jahrelangen umfangreichen und teuren Erkundungs- und Erschließungsarbeiten – alles wieder bei Null anfangen. FĂŒr die Atomkraft-Gegner bedeutet das, dass eine prekĂ€re Situation entsteht, welche die Atomenergie als „unhaltbar“ und den Atomausstieg als notwendig erscheinen lĂ€sst. FĂŒr die Allgemeinheit bedeutet es: statt der jetzigen Endlagerung wird es mindestens bis 2050 in Deutschland ĂŒberhaupt keine sichere Endlagerung geben und es entstehen riesige Zusatzkosten.

  28. Die Verantwortung fĂŒr die Endlagerung radioaktiver AbfĂ€lle liegt beim Bund. Er hat lt. Gesetz seit 1976 die Pflicht, Anlagen zur Sicherstellung und zur Endlagerung radioaktiver AbfĂ€lle einzurichten. Es sind inzwischen 40 Jahre vergangen, ohne dass der Bund seine Verpflichtung erfĂŒllt hat. SĂ€mtliche Kosten fĂŒr Planung, Errichtung und Betrieb (nicht fĂŒr die Erkundung) tragen nach dem Verursacherprinzip die Unternehmen, wo radioaktive AbfĂ€lle anfallen.

  29. Bereits 1963 empfahl die Bundesanstalt fĂŒr Bodenforschung (heute: Bundesanstalt fĂŒr Geowissenschaften und Rohstoffe, BGR) die Endlagerung in Steinsalzformationen. Der Bund initiierte ein Erkundungs- und Auswahlverfahren. Schließlich wurden 23 Standorte ausgewĂ€hlt, von denen am Ende 4 Standorte, darunter Gorleben, in die engere Wahl kamen. 1979-83 wurden in Gorleben Erkundungsbohrungen niedergebracht. 1998 waren etwa 7 Km Strecke mit 8×16 Meter  Querschnitt ausgebaut, was ausreicht, um die Entsorgung fĂŒr Jahrzehnte abzusichern.

  30. Nach dem Regierungswechsel 1998 wurde der Transport abgebrannter Brennelemente zu  Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und Großbritannien untersagt, stattdessen mussten Zwischenlager am Standort der AKW eingerichtet werden. Die weitere Erkundung von Gorleben wurde ab Oktober 2000 fĂŒr Jahre unterbrochen. Nur drei bis vier Jahre weiterer Erkundung hĂ€tten genĂŒgt, um eine endgĂŒltige Eignungsaussage ĂŒber den Salzstock als Endlager machen zu können.

  31. Nicht genug damit. Das bis 2006 vom Bundesumweltministerium (BMU) favorisierte „Ein-Endlager-Konzept“ (anstatt wie bisher zweier Endlager) hatte v.a. das Ziel, das Endlager Konrad „zu beerdigen“. Nach dem neuen Konzept sollen alle radioaktiven AbfĂ€lle in nur ein Endlager gebracht werden, in Konrad aber war die Endlagerung hochradioaktiver AbfĂ€lle von Anfang an  ausgeschlossen. Erst spĂ€ter wurde dem BMU klar, dass auch aus SicherheitsgrĂŒnden eine getrennte Endlagerung besser wĂ€re. Eine erneute Standortsuche wĂŒrde frĂŒhestens 2050 zu einem Endlager fĂŒhren. Zudem: Eine untertĂ€gige Erkundung mehrerer Standorte mit dem Ziel den „besten“ Standort zu finden, ist international nicht Stand der Wissenschaft und wird in anderen LĂ€ndern auch nicht angestrebt.

  32. Es ist skandalös, dass 35 Jahre nach der Standortentscheidung fĂŒr Gorleben die Bundesregierung ein Gesetz plant, das den Standortauswahlprozess der 60er und 70er Jahre, ĂŒber 20jĂ€hrige Erkundungen von Gorleben und dessen dokumentierte Eignung ignoriert und wieder bei Null beginnt. Anstatt ein Problem zu lösen oder zu minimieren, wird mit immensem Aufwand eine Lösung verzögert oder gar unmöglich gemacht.
    Das Problem der radioaktiven Strahlung
  33. RadioaktivitĂ€t ist die Eigenschaft von Atomkernen, sich unter Aussendung ionisierender Strahlung umzuwandeln. Es gibt viele Arten dieser Strahlung, z.B. Alpha-, Beta-, Gamma- oder Neutronenstrahlung. Meist wird dafĂŒr der Sammelbegriff „radioaktive Strahlung“ benutzt. Die biologische Strahlenwirkung ist von diversen Faktoren abhĂ€ngig: von der Art der Strahlung, der IntensitĂ€t, der Dauer der Einwirkung und der Empfindlichkeit des Organismus.

  34. Im Alltag sind wir immer natĂŒrlicher RadioaktivitĂ€t ausgesetzt. Sie kommt aus dem Weltall (kosmische Strahlung) oder vom Boden (Radionuklide) sowie durch die im Körper selbst vorhandenen radioaktiven Stoffe. In Deutschland liegt die jĂ€hrliche natĂŒrliche Strahlendosis fĂŒr die meisten Einwohner im Bereich von 1-5 mSv (Millisievert). Der Durchschnitt betrĂ€gt 2,1 mSv jĂ€hrlich.

  35. In den 1950ern einigte man sich international auf einen linearen Wirkungszusammenhang ohne einen Schwellwert (linear no-threshold model; LNT) fĂŒr den Strahlenschutz. Man unterstellte, dass die biologischen SchĂ€den (Krebs), die durch RadioaktivitĂ€t ausgelöst werden, direkt proportional zur Dosis wĂ€ren. Bis zur „Politisierung“ des Themas durch die AtombombenabwĂŒrfe ging man mit der RadioaktivitĂ€t pragmatisch um. Man hatte schon beim Röntgen erkannt, dass Strahlung zu Erkrankungen fĂŒhren kann. Die FĂ€lle wurden analysiert und ein Grenzwert fĂŒr den Arbeitsschutz definiert.

  36. Die Unhaltbarkeit der LNT-Annahme wird schon am Beispiel Alkohol klar: eine Flasche Schnaps in einer Stunde getrunken ist schĂ€dlich. Die gleiche Alkoholmenge auf lange Zeit verteilt ist unschĂ€dlich. Geringe Alkoholmengen wirken sogar anregend fĂŒr den Kreislauf. So verhĂ€lt es sich auch bei Strahlung, eine kleine Strahlendosis regt das Immunsystem des Organismus an und hat verschiedene biopositive Wirkungen.

  37. Man hört ĂŒberall, dass die schĂ€dliche Wirkung selbst kleinster Dosen erwiesen seien. Doch das ist gar nicht möglich. Schon bei der relativ hohen Dosis von 100 mSv liefert die Statistik 5 KrebsfĂ€lle pro 1.000 Personen. Da aber 2-300 Menschen von 1.000 sowieso Krebs bekommen, sind die angeblichen 5 zusĂ€tzlichen darunter statistisch nicht zu entdecken.

  38. Zur BegrĂŒndung der LNT-Hypothese dient eine Modellvorstellung: Jedes Strahlenteilchen kann einen Doppelstrangbruch der Erbsubstanz erzeugen, daraus kann sich Krebs entwickeln. So wĂ€re  das Krebsrisiko proportional zur Strahlendosis, unabhĂ€ngig von der Zeit. Heute weiß man jedoch, dass Krebs durch eine Fehlsteuerung in Zellzyklus verursacht werden kann, der von den Reparaturmechanismen der Zelle nicht mehr korrigiert wird. Eine gewisse Dosis radioaktive Strahlung aktiviert aber diese Reparaturmechanismen, Fehler können so besser repariert werden. Die biopositive Wirkung von Strahlung im Niedrigdosisbereich ist eindeutig nachgewiesen.

  39. Die Gegen-Theorie zu LNT ist die Hormesis. Darunter wird verstanden, dass ein „schĂ€dlicher“ Stoff, in geringen Mengen verabreicht, eine genau gegenteilige, also positive, Wirkung haben kann. Schon immer zeigte sich bei Niedrigstrahlung, dass deutlich weniger KrebsfĂ€lle auftraten, als nach dem LNT-Modell zu erwarten waren. Fast alle Studien mit Arbeitern aus der Atom-Industrie, mit Opfern von Atombomben und den ReaktorunglĂŒcken von Tschernobyl und Fukushima zeigen sogar Werte unter dem Erwartungswert der entsprechenden Bevölkerungsgruppe.

  40. Das Wort „Strahlenschutz“ gehört zur Alltagssprache. Doch er ist demagogisch, denn man muss sich nicht grundsĂ€tzlich vor Strahlung schĂŒtzen, sondern nur vor ĂŒbermĂ€ĂŸig hoher Dosierung. Auch der Begriff „Strahlenbelastung“ ist irrefĂŒhrend, denn Strahlung kann gut oder auch schlecht sein, es hĂ€ngt von der Dosis ab.

  41. StrahlenschĂŒtzer ignorieren die Erkenntnisse der Strahlenbiologen, in ihren Publikationen  werden deren Arbeiten nicht erwĂ€hnt. Die International Commission on Radiological Protection und auch das deutsche Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz nehmen die biopositive Wirkung von Niedrigdosis-Strahlung nicht zur Kenntnis. Da durch Politik und Medien die Strahlenfurcht ĂŒber Jahrzehnte massiv verbreitet wurde, haben die StrahlenschĂŒtzer gegenĂŒber den Strahlenbiologen gewonnen – zum Nachteil der Menschen, da viele Krankheiten durch ein starkes Immunsystem des Körpers geheilt werden könnten oder gar nicht erst ausbrechen wĂŒrden.

  42. Sehr viele Untersuchungen belegen die Hormesis-Theorie. In Taiwan z.B. wurde in WohnhĂ€usern Stahl verbaut, der Co-60 enthielt, ein starker gamma-Strahler. Bei den so bestrahlten Bewohnern sank die Krebsrate fast auf Null. Auch bei den BeschĂ€ftigten in der Nuklearindustrie wurden keine negativen Effekte festgestellt, wie es lt. LNT hĂ€tte sein mĂŒssen. Bei diesen Arbeitern war die Sterblichkeit sogar geringer als bei der Normalbevölkerung. Man nennt dieses PhĂ€nomen „Healthy-Worker-Effekt“. Auch andere Personengruppen, die mehr Strahlung als der Durchschnitt erhalten, zeigen keine gesundheitlichen AuffĂ€lligkeiten: fliegendes Personal, Besatzungen von Atom-U-Booten oder Bewohner von Orten, wo die natĂŒrliche RadioaktivitĂ€t besonders hoch ist.

  43. Ideologische Vorbehalte und politische Interessen haben bewirkt, dass ein völlig falsches Bild von der generellen GefĂ€hrlichkeit von Strahlung verbreitet wird – v.a. in Deutschland. Die aktuell praktizierte Art von Strahlenschutz ĂŒbertreibt die GefĂ€hrlichkeit von RadioaktivitĂ€t nicht nur, sie erzeugt unnĂŒtze Kosten und verhindert die Nutzung deren biopositiver Effekte. Mehr noch: die gemĂ€ĂŸ der LNT-Theorie völlig ĂŒberzogenen Massenevakuierungen von Tschernobyl und Fukushima fĂŒhrten zu vielen zusĂ€tzlichen Toten.
    NuklearunfÀlle und ihre Lehren
  44. Bisher gab es mehrere Dutzend UnfĂ€lle mit kerntechnischen Anlagen, die neben materiellen auch Personenschaden bewirkten. Die zwei grĂ¶ĂŸten und bisher einzigen UnfĂ€lle mit Schadensstufe INES VII ereigneten sich 1986 in Tschernobyl in der UdSSR und 2011 im japanischen Fukushima. Beide UnfĂ€lle werden – nicht ĂŒberall, aber in Deutschland – in ihren Ursachen und Auswirkungen völlig ĂŒberzogen und falsch dargestellt.
    Tschernobyl
  45. Die Katastrophe von Tschernobyl resultierte u.a. aus besonderen UmstĂ€nden: die Bauart des Reaktors barg konstruktive MĂ€ngel, es wurde ein besonderer Probelauf des Reaktors fĂŒr militĂ€rische Zwecke durchgefĂŒhrt, als es Probleme gab, wurde dieser nicht vorschriftsmĂ€ĂŸig beendet, um – aus RentabilitĂ€tsgrĂŒnden – schneller wieder den Normalbetrieb beginnen zu können,  die Bedienung des Reaktors bzw. das Krisenmanagement wurde von tw. unqualifiziertem Personal durchgefĂŒhrt. Unvorbereitet, chaotisch und Menschen verachtend wurde auf den GAU des AKW reagiert: Feuerwehrleute waren schlecht ausgerĂŒstet und wurden brutal in den Tod geschickt, als „Liquidatoren“ wurden Bauarbeiter direkt auf Baustellen verhaftet, um unter höchster Strahlenbelastung am AKW zu arbeiten – viele ohne MessgerĂ€te.

  46. 30 Jahre nach Tschernobyl sind die Folgen sehr gut untersucht und in vielen Dokumentationen belegt, z.B. durch Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem „United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation“ (UNSCEAR) oder der „Deutschen Gesellschaft fĂŒr Anlagen- und Reaktorsicherheit“ (GRS).<br class=“clear“ /><br class=“clear“ />Es gab 31 Soforttote. Einige Dutzend Menschen dĂŒrften spĂ€ter an der Strahlung gestorben sein. Insgesamt mĂŒssen etwa 4.000 der 600.000 stĂ€rker belasteten Personen (Liquidatoren und spĂ€t umgesiedelte Bewohner der 30km-Schutzzone) mit einer VerkĂŒrzung ihrer Lebensdauer rechnen. Bei mehreren tausend Kindern, bes. in der Region Gomel, trat SchilddrĂŒsenkrebs auf. Mehr als 99% von ihnen konnten geheilt werden. Eine messbare Zunahme der Erkrankungen an Krebs, LeukĂ€mie, Fehlgeburten und Missbildungen Neugeborener wurde nicht festgestellt. Insbesondere viele aus der Schutzzone umgesiedelte Menschen sind psychisch stark belastet. (Zahlen aus: „Was wissen wir heute ĂŒber die Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl vor 20 Jahren?“ von J. Grawe, Joachim.Grawe@energie-fakten.de)

  47. In Deutschland u.a. LĂ€ndern ging radioaktiver Niederschlag nieder. Die Auswirkungen lagen in der Schwankungsbreite der natĂŒrlichen RadioaktivitĂ€t, die z.B. im Schwarzwald wesentlich höher ist als an der KĂŒste, ohne dass dies erkennbare Auswirkungen auf die dort Lebenden hĂ€tte. Theoretisch könnte sich das Risiko eines BundesbĂŒrgers, an Krebs zu sterben, durch Tschernobyl von 20% auf 20,01 % erhöht haben, wenn man mit der LNT-These annimmt, dass auch kleinste Strahlendosen Krebs auslösen.

  48. Heute ist die “Sperrzone” eine Touristenattraktion. 2015 besuchten 15.000 Menschen die 30km-“Todeszone“. Nach der Katastrophe sagten die Medien apokalyptische “Krebs-Epidemien” voraus. Sie sind nicht eingetreten. Die grĂŒne Anti-Atom-Szene (und in ihrem ideellen Windschatten die Linke) wurde nicht mĂŒde, die Situation zu ĂŒbertreiben, Angst zu schĂŒren und zu lĂŒgen. So meinte Greenpeace am 14.4.16, dass 440.000 Kubikmeter langlebiger AtomabfĂ€lle unter dem  AKW-“Sarkophag” liegen – das 15fache Volumen aller hochradioaktiven AbfĂ€lle deutscher AKW!

  49. In der „heute“-Sendung des ZDF vom 26.4.16 wurde behauptet, dass es in 25 Jahren ĂŒber 1 Million Tote gegeben hĂ€tte und ĂŒber 2 Millionen Fehlgeburten. Noch heute könne man sich auf dem ReaktorgelĂ€nde nur kurz aufhalten.<br class=“clear“ /><br class=“clear“ />Die Zahl von einer Million Toten ist Unsinn. Selbst die unwahrscheinliche Vorstellung, dass kleinste Dosen noch eine Wirkung haben und nur mit einer genĂŒgend hohen Zahl von Betroffenen multipliziert werden mĂŒssen, fĂŒhrt nicht zu dieser Zahl. Im Ă€ußersten Fall – voraussetzt jede messbare Dosis hat eine Wirkung – sind 30.000 Tote vorstellbar. Das „Chernobyl Forum“ von 2003-05, zu dem u.a. WHO und UNSCEAR gehören, berechnete nach LNT 4.000 TodesfĂ€lle. Der Unterschied zum Wert 30.000 rĂŒhrt daher, dass keine Personen einbezogen wurden, deren Dosen gegenĂŒber dem natĂŒrlichen Strahlenpegel sehr gering waren.<br class=“clear“ /><br class=“clear“ />Die Zahl von zwei Millionen Fehlgeburten kann nur erfunden sein, da Fehlgeburten in keinem Land exakt erfasst werden. Die Behauptung, im Sperrgebiet könnte man sich nur wenige Stunden aufhalten, zeugt von Unkenntnis oder Unehrlichkeit. Schließlich leben dort wieder Menschen. Am stĂ€rksten betroffen waren die Einwohner der evakuierten Gebiete. Deren Lebensdosis kann einige 100 Millisievert betragen. Doch unterhalb der Schockdosis von 100 mSv sind keine biologischen Wirkungen nachweisbar.

  50. Es sind viele Konsequenzen aus der Tschernobyl-Katastrophe gezogen worden. Die Berichte fĂŒllen ganze Regale. Die Kerntechniker – aber leider nur sie – haben daraus gelernt. Tschernobyl war ein unĂŒberhörbarer Weckruf, der zu besseren SicherheitsgrundsĂ€tzen und -praktiken gefĂŒhrt hat. All diese – gewiss tw. noch unzureichenden – Verbesserungen werden von der Anti-Atom-Bewegung schlicht ignoriert. Stattdessen verbreitet sie die Horrorvision, dass der Super-GAU eines AKW Millionen Tote und eine fĂŒr zehntausende von Jahren unbewohnbare Landschaft hinterlassen wĂŒrde.
    Fukuskima
  51. Die direkte Ursache der Katastrophe in Fukushima im MĂ€rz 2011 war ein Tsunami, der dazu fĂŒhrte, dass die Notstromversorgung und in Folge dessen die KĂŒhlung des AKW ausfielen. Ähnlich wie in Tschernobyl war das Notfall-Management schlecht. Die Tsunamigefahr war lange bekannt – trotzdem wurde sie beim Bau des AKW nicht berĂŒcksichtigt. Technische Verbesserungen des Sicherheitssystems, die vom US-Reaktorentwickler angemahnt worden waren, sind nicht vorgenommen worden. Eine Ă€ußere BetonschutzhĂŒlle des Reaktors, wie in Europa vorgeschrieben, gab es nicht. Die Hauptursache des Unfalls war also mangelnde Kontrolle beim Bau und beim Betrieb der Anlage.

  52. Lt. UNSCEAR gab es nach Fukushima bisher keine Toten durch RadioaktivitĂ€t. Medienberichte ĂŒber tausende Tote durch den Reaktorunfall sind MĂ€rchen. Es gab viele Opfer durch den Tsunami sowie einige Dutzend Tote durch die Evakuierungen. Schon nach Tschernobyl wurde analysiert, dass die Evakuierungen in Tempo und Ausmaß oft ĂŒberzogen waren und unnötige Opfer kosteten. Trotzdem erlebte Fukushima eine noch grĂ¶ĂŸere Evakuierungsorgie. Schwerkranke und Alte wurden ĂŒberstĂŒrzt abtransportiert. Der SPIEGEL schrieb dazu: „Viele Menschen starben (…) an den Folgen der weitrĂ€umigen Evakuierung. (
) Kranke wurden aus Intensivstationen abtransportiert, Alte aus ihrem Pflegeheim geholt. (
) Die vorsichtigste Berechnung geht von mindestens 150 TodesfĂ€llen aus. Eine Studie der Standford University kommt auf 600 Evakuierungsopfer“ In den Evakuierungsgebieten gab es nie Strahlenbelastungen, die gesundheitsschĂ€dlich waren und eine unverzĂŒgliche Evakuierung begrĂŒndet hĂ€tten. Auch heute liegen die gemessenen Strahlenwerte unter jenen Dosen, denen man ausgesetzt ist, wenn man z.B. mit dem Flugzeug von Berlin nach Tokio fliegt.

  53. Die Berichte der meisten deutschen Medien ĂŒber Fukushima sind ein Ausdruck von Faktenresistenz, Katastrophismus und Unwissenschaftlichkeit. Die Analyse dieses u.a. UnfĂ€lle zeigt, dass die meisten von ihnen durch bessere Kontrolle, Wartung und Ausbildung der Mitarbeiter und bessere Standards beim Bau hĂ€tten vermieden werden können. Die Ursache der StörfĂ€lle war keineswegs eine „nicht beherrschbare“ und grundsĂ€tzlich unsichere Technik. Immer wieder erwies sich, dass die Kontrolle durch den Staat bzw. die Unternehmen selbst unzureichend war oder die Wartung bzw. technische Erneuerung nicht korrekt durchgefĂŒhrt wurde. Oft gingen staatliche BĂŒrokratie und Gewinnstreben des Atomkapitals dabei Hand in Hand.

  54. Höhere Sicherheit kann nur gewĂ€hrleistet werden, wenn die Kontrolle und Aufsicht ĂŒber Atomanlagen dem Kapital und dem Staat entwunden werden. Nur die Arbeiterklasse – im Verbund mir Technikern und Wissenschaftlern ihres Vertrauens (nicht zu verwechseln mit sog. „Atomexperten“, die von Lobbygruppen ernannt werden) und Vertretern der Anwohner – hat das Interesse und die FĂ€higkeit, die höchstmöglichen technischen und Sicherheitsstandards durchzusetzen. Die Bevölkerung in der NĂ€he von AKW muss aufgeklĂ€rt und aktiv in das Sicherheitsmanagement integriert werden, denn nur, wer die Risiken und Schutzmaßnahmen kennt, kann sich im Ernstfall richtig verhalten.

  55. Wie jede andere Technologie birgt natĂŒrlich auch die Atomtechnik Risiken. Und wie bei jeder anderen Technologie wird dieses Risiko im Zuge wachsender Erfahrungen im Umgang mit der Technik und ihrer Verbesserung minimiert. Die Opferzahlen und Folgen von ChemieunglĂŒcken oder des Autoverkehrs sind weit grĂ¶ĂŸer als die von AKW-UnglĂŒcken. Doch niemand kommt deshalb auf die Idee, Chemieanlagen oder Autos abzuschaffen.<br class=“clear“ /><br class=“clear“ />Die Erfahrungen mit der Atomenergie zeigen sehr deutlich, dass nicht „die“ Technik an sich unsicher oder unbeherrschbar ist, sondern die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse dafĂŒr entscheidend sind, ob und wie ein Technologie verwendet wird und wie hoch das Sicherheitslevel ist.

  56. Entscheidend ist die Frage, welche Klasse, den Betrieb kerntechnischer Anlagen kontrolliert. Die Erfahrungen zeigen einerseits, dass Kapital und staatliche BĂŒrokratie nur unzureichend in der Lage sind, ein hohes Niveau an Sicherheit zu gewĂ€hrleisten und zweckentsprechend, rational und verantwortungsvoll zu handeln. Andererseits hat sich aber auch der Katastrophismus bezĂŒglich atomarer UnfĂ€lle nicht nur als unzutreffend und ĂŒbertrieben, sondern sogar als schĂ€dlich (Evakuierungen) herausgestellt. Den oft von Unkenntnis und ideologischer Vorbelastung geprĂ€gten oder einfach politischen und materiellen Interessen verpflichteten selbsternannten „Experten“ aus Politik und NGOs sollte mit Skepsis begegnet werden. ZustĂ€ndig und verantwortlich sollten v.a. jene Menschen sein, die mit wirklichem Fachverstand und Erfahrung ausgestattet sind bzw. in und um kerntechnischen Anlagen arbeiten und wohnen. Sie sollen demokratisch diskutieren und entscheiden, wie die Sicherheit am besten gewĂ€hrleistet werden kann. NatĂŒrlich mĂŒssen sie auch ein Vetorecht ĂŒber den Betrieb von Anlagen haben!

  57. Wir sind gegen die Forderungen nach einem sofortigen oder planmĂ€ĂŸigen Ausstieg aus der Kernenergie. Das schließt jedoch keinesfalls aus, dass AKW, die bestimmte Anforderungen nicht erfĂŒllen, zeitweise oder generell abgeschaltet bzw. technisch nachgerĂŒstet werden.
    Gibt es genĂŒgend spaltbares Material?
  58. Ein weiteres Argument gegen die Atomenergie ist die Behauptung, dass die benötigten Rohstoffe zu Ende gehen wĂŒrden. Diese Behauptung ist grundfalsch. Uran kommt ĂŒberall in der Erdkruste vor. Die UranvorrĂ€te sind zwar endlich, aber bei effizienter Nutzung nach menschlichen MaßstĂ€ben praktisch unerschöpflich. Die Behauptung, sie gingen in wenigen Jahrzehnten zu Ende, betrachtet fĂ€lschlich nur die bisher nachgewiesenen Reserven, die aber nur einen Bruchteil aller VorrĂ€te darstellen. Die nachgewiesenen Reserven umfassen 7,36 Mill. Tonnen. Beim derzeitigen Jahresverbrauch von 68.000 t wĂŒrden sie fĂŒr ĂŒber 100 Jahre ausreichen. Dazu kommen noch zu erwartende Reserven von etwa 3-8 Mio. Tonnen. Über diese „konventionellen Ressourcen“ hinaus sind in Phosphaten etwa 22 Mio. und im Meerwasser sogar etwa 4 Milliarden Tonnen Uran enthalten. FĂŒr die Erzeugung von einer Milliarde Kilowattstunden in einem Leichtwasserreaktor werden 22 Tonnen Natur-Uran gebraucht, was 340.000 Tonnen Steinkohle entspricht. Durch die Wiederaufbereitung ausgedienter Brennelemente und Rezyklierung von Spaltstoffen erhöhen sich die VorrĂ€te nochmals um 30%.

  59. Neben dem Uran ist (beim gegenwĂ€rtigen Stand der Technik) auch Thorium fĂŒr die Kernspaltung geeignet. Es gibt ungefĂ€hr vier Mal so viel Thorium wie Uran. Es gibt große Mengen Thorium als Abfall bei der Gewinnung seltener Erden. Uran und Thorium zusammen können den  Energieverbrauch der Menschheit fĂŒr Jahrtausende decken. Mit Thorium ist heute allerdings noch keine Kettenreaktion direkt möglich. Man muss es dazu erst in Uran umwandeln. Um eine optimale Ausbeute zu erhalten, muss es jeweils einen “Brutkreislauf” (in dem Thorium in Uran umgewandelt wird) und einen “Spaltkreislauf” (in dem die Energieerzeugung stattfindet) im Reaktor geben. Bei Thorium ist es wesentlich unwahrscheinlicher, dass sich â€œĂŒberschwere” Kerne bilden. Diese sind aber fĂŒr die Langlebigkeit des Atom“mĂŒlls” verantwortlich. Entstehen sie erst gar nicht, ist der Atom“mĂŒll” relativ harmlos und seine Lagerungszeit reduziert sich erheblich.

  60. Selbst beim gegenwĂ€rtigen Stand der Technik und der noch relativ geringen Energieausbeute sind die VorrĂ€te an spaltbarem Material also praktisch unendlich, zudem daneben noch Mengen an radioaktivem „MĂŒll“ vorhanden sind, der prinzipiell auch wieder als Brennstoff genutzt werden können.
    Die Zukunft der Kernenergie
  61. Nach Meinung der Atom-Gegner haben Tschernobyl und Fukushima das Ende der Kernkraft eingelĂ€utet. Die Praxis bestĂ€tigt das jedoch nicht. Aktuell sind weltweit ca. 450 Reaktoren in Betrieb, die etwa 17% des globalen Stroms erzeugen. Nur sehr wenige LĂ€nder haben ihr Atom-Engagement reduziert bzw. verabschieden sich von AKW. Deutschland ist eine Ausnahme und fast kein Land folgt seinem Beispiel. Allein China, Russland, Indien und die USA planen den Bau von ĂŒber 100 neuen AKW. Weltweit könnte sich sich die KapazitĂ€t der AKW in den nĂ€chsten Jahren um rund 15% erhöhen, fĂŒr die kommenden 20 Jahre ist eine Steigerung um bis zu 50% möglich.

  62. Wie bei jeder Technologie war auch die EinfĂŒhrung der Kernkraft ein qualitativer Sprung, dem seither eine evolutionĂ€re Entwicklung der Leistungs- und Sicherheitsparameter folgte. Die AKW der II. Generation, die heute die ĂŒbergroße Mehrzahl aller Anlagen stellen, sind gekennzeichnet durch wirtschaftliche und kostengĂŒnstige Stromgewinnung. Der breite Einsatz und die Analyse der StörfĂ€lle zogen verschiedene NachrĂŒstungen, insbesondere im Sicherheitsbereich nach sich. Die AKW der III. Generation, die derzeit die 2. Generation abzulösen beginnen, sind von besseren Sicherheitsmerkmalen geprĂ€gt.

  63. 2001 wurde der internationale Forschungsverband „Generation IV International Forum“ (GIF) gegrĂŒndet. Daran sind beteiligt: Argentinien, Brasilien, China, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Russland, Schweiz, SĂŒdafrika, SĂŒdkorea, die USA und die EuropĂ€ische Atomgemeinschaft (Euratom). Deutschland, das bisher einen der fĂŒhrenden PlĂ€tze in der Atomforschung innehatte, ist nicht vertreten und verabschiedet sich aus dieser Hochtechnologie – man fördert lieber WindrĂ€der und das VergĂ€ren von GrĂŒnmasse.

  64. Der Begriff „IV. Generation“ umfasst verschiedene Spaltungstechnologien, die derzeit entwickelt und z.T. schon in der Praxis angewendet werden. Diese Techniken zeichnet aus, dass ein Super-GAU ausgeschlossen ist. Sie haben verschiedene Funktionsprinzipien und Vorteile, die kombiniert werden können. Alle grundlegenden Probleme der Kerntechnik der ersten 3 Generationen – die Gefahr einer Kernschmelze, die Produktion von atomwaffentauglichem Material, das Austreten von RadioaktivitĂ€t und die Erzeugung von lange strahlendem AtommĂŒll – können somit minimiert oder sogar ganz ausgeschlossen werden. Neben dem Sicherheitsaspekt können auch die Einsatzmöglichkeiten verbreitert, die Bau- und Betriebskosten gesenkt und die Energieausbeute erhöht werden. Mit dem breiten Einsatz der IV. Generation in den nĂ€chsten Jahren und Jahrzehnten sind die „Kinderkrankheiten“ der Atomtechnik ĂŒberwunden und das „atomare Zeitalter“ kann und wird beginnen. Die Kohleverstromung ist – bevor sie selbst ersetzt wird – die BrĂŒckentechnologie dorthin.

  65. Nach Tschernobyl wurde in Deutschland 1989 der Hochtemperaturreaktor (Kugelhaufenreaktor) Hamm-Uentrop stillgelegt, obwohl bei dessen Funktionsweise die Kernschmelze ausgeschlossen ist. Entsprechende Forschungen wĂ€ren daher sehr sinnvoll. Auch hieran zeigt sich, zu welchen AbsurditĂ€ten die deutsche Atom-Politik fĂŒhrt. Auch ein Ă€hnlicher Reaktortyp, der Schnelle BrĂŒter in Kalkar, wurde schon vor der Realisierung  beerdigt. Dieser Reaktor hĂ€tte im Betrieb mehr Brennstoff herstellen können, als man in ihn hineingesteckt hĂ€tte. Die Vorbehalte gegenĂŒber Kalkar ergaben sich auch daraus, dass dort aus Uran Bomben-fĂ€higes Plutonium hĂ€tte hergestellt werden können. Doch der Kampf gegen Atomwaffen und fĂŒr eine „anti-imperialistische“ Orientierung, mit dem die Anti-Atom-Bewegung einst begonnen hatte, degenerierte auch hier zum Kampf gegen eine Technologie – zu moderner MaschinenstĂŒrmerei.

  66. Neben verschiedenen Kernspaltungs-Konzepten wird auch an der Kernfusion geforscht, welche noch weit grĂ¶ĂŸere energetische Möglichkeiten als die Kernspaltung verheißt. Es ist allerdings klar, dass diese Technologie – wenn ĂŒberhaupt – in den nĂ€chsten 20-30 Jahren nicht einsatzreif sein wird und insofern gegenwĂ€rtig keine praktische Option darstellt.

  67. Wenn die Nutzung der Atomkraft nicht unter kapitalistischen VerhĂ€ltnissen und unter der PrĂ€misse des Einsatzes als Waffe stattgefunden hĂ€tte, wĂ€re die Entwicklung dieser Technik fĂŒr zivile Zwecke besser und schneller verlaufen. Kerntechniken, die heute als IV. Generation bezeichnet werden, gab es tw. bereits in den 1960ern. U.a. aus ProfitgrĂŒnden wurden sie nicht weiter verfolgt. So ergibt sich das bizarre Bild, dass in den 1950 und 60er Jahren eine Atombegeisterung herrschte, obwohl die Kerntechnik noch diverse Nachteile (zu wenig Sicherheit, anfallender Atom“mĂŒll“, sehr hohe Investitionskosten usw.) aufwies. Möglicherweise wĂ€re es damals besser gewesen, die Kernenergie noch weiter zu erforschen und zu verbessern, anstatt sie schon massenhaft anzuwenden. Heute jedoch, da wir erleben, wie diese Anfangsprobleme gelöst werden, glaubt man – v.a. in Deutschland – aus dieser Technik aussteigen zu mĂŒssen.

  68. Die Atomenergie hat im Vergleich zu allen anderen derzeit genutzten Energietechniken ein ungeheures Entwicklungspotential und – v.a. perspektivisch – gravierende Vorteile: sehr große Energiedichte des Rohstoffs, sehr große verfĂŒgbare Energiemengen an einem Standort, sehr gute Regelbarkeit und damit SystemkontabilitĂ€t (Stromnetz), Eignung auch als autarke Anlage (kein großflĂ€chiges Netz nötig), stĂ€ndige VerfĂŒgbarkeit (keine Speicherung notwendig), unbegrenzte RohstoffvorrĂ€te, Möglichkeit der “Nebennutzbarkeit“ des Spaltprozesses auch fĂŒr WĂ€rmeerzeugung und Herstellung anderer Stoffe (z.B. Wasserstoff als Ersatz fĂŒr Öl und Gas als Betriebsstoffe), keine AbfĂ€lle und Wiedernutzung alter AbfĂ€lle, fast keine schĂ€dlichen Emissionen, wenig Naturzerstörung durch Rohstoffgewinnung und sehr wenig FlĂ€chenbedarf.

  69. Diese – fĂŒr die weitere Entwicklung der Menschheit entscheidenden – Merkmale und Vorteile gilt es zu nutzen! Die Linke und die Arbeiterbewegung mĂŒssen die absurde Anti-Atom-Ideologie der kleinbĂŒrgerlichen „Öko“-Szene und großer Teile der bĂŒrgerlichen Politik ĂŒberwinden! Sie mĂŒssen sich aktiv gegen alles wenden, was der Erforschung und Entwicklung der Atomenergie im Wege steht! Sie mĂŒssen der Erforschung und Anwendung der Kernkraft in allen ihren Aspekten – nicht nur die Sicherheit – unter ihre Kontrolle nehmen! Die Kernenergie-Nutzung muss dem Zugriff des Kapitals und seines Staates entzogen werden! Sie muss Teil eines von der Arbeiterklasse erstellten Energiekonzeptes werden – als Teil einer revolutionĂ€ren, auf die kommunistische Gesellschaft zielenden Strategie!
    Eckpunkte eines Aktionsprogramms
  70. MarxistInnen sehen die Arbeiterklasse als die entscheidende Produktivkraft und als einzig konsequent revolutionĂ€re Klasse an, weil sie eng mit Wissenschaft und moderner Produktion verbunden ist, weil sie nicht ĂŒber Produktionsmittel verfĂŒgt, aus denen konkurrierende bornierte Interessen erwachsen, und weil sie (in entwickelten LĂ€ndern) die Mehrheit und den produktivsten Teil der Bevölkerung stellt.

    Jeder grundsÀtzliche Fortschritt, jede wirkliche Verbesserung kann nur durch die Aktion der Klasse bzw. durch ihr soziales Gewicht in der Gesellschaft erreicht werden. Dabei ist sie gezwungen, sich gegen die Interessen von Staat und Kapital zu wenden und ihren eigenen Einfluss auszuweiten.

    In diesem Sinn treten wir dafĂŒr ein, dass auch die Atomtechnologie – von der Forschung ĂŒber die technische Entwicklung und den Bau von Atomanlagen bis zur Wartung und Überwachung – unter der weitestgehenden Kontrolle und Einflussnahme des Proletariats unterliegt.Wir fordern:

  71. Öffentliche Diskussion ĂŒber die Frage der Kernenergienutzung, v.a. unter den BeschĂ€ftigten des Energiesektors (z.B. IG BCE, ver.di)! FĂŒr einen bundesweiten „Atom-Energie-Kongress“ der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften (v.a. der Basis) zur Erarbeitung eines Energieplans, der  Investitionen, Instandhaltung usw. des gesamten Energiesystems zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen regelt! Festlegung von Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit von AKW durch Arbeiterkontrolle!

  72. Keine medialen Spielwiesen fĂŒr die Konzernlobby, aber auch nicht fĂŒr grĂŒne „Experten“, die ĂŒber kein Fachwissen verfĂŒgen! FĂŒr seriöse Sach-Information durch die Medien, die alternative Positionen berĂŒcksichtigt und keine einseitige Meinungsmache betreibt! Kontrolle ĂŒber die Inhalte der „öffentlich-rechtlichen“ Medien durch gewĂ€hlte Vertreter aus Wissenschaft, Technik und der Arbeiterklasse anstatt des Polit-KlĂŒngels der „RundfunkrĂ€te“!

  73. Arbeiterkontrolle ĂŒber Entwicklung, Planung, Bau und Überwachung von Atomanlagen einschließlich des Vetorechts unter Einbeziehung von WissenschaftlerInnen und TechnikerInnen ihres Vertrauens, den AKW-BeschĂ€ftigten und AnwohnerInnen! Keine EinschrĂ€nkung des Streikrechts fĂŒr BeschĂ€ftigte des Energiesektors! Gegen den „Schulterschluss“ von Kapital und Gewerkschaftsspitzen im Energiesektor!

  74. Weg mit dem GeschĂ€ftsgeheimnis! Offenlegung aller GeschĂ€ftsunterlagen fĂŒr Arbeiterinspektionen! Weg mit jeglichem Einfluss des MilitĂ€rs auf zivile Atomanlagen! Weg mit allen Atomwaffen!

  75. Kein Outsourcing von TĂ€tigkeiten in AKW an minder-qualifizierte und schlechter bezahlte ArbeiterInnen! Finanzierung aller Sicherheitsmaßnahmen und der Folgen von UnfĂ€llen durch die Unternehmen selbst bzw. durch progressive Besteuerung von Reichtum und Kapital! Enteignung aller Energie-Unternehmen, v.a. solcher, die gegen Sicherheitsstandards verstoßen, und Übernahme dieser Unternehmen durch die BeschĂ€ftigten bzw. Organe der Arbeiterklasse! Keine Forderung nach   Verstaatlichung! Falls doch eine Verstaatlichung erfolgt: weitestgehende Durchsetzung von Arbeiterkontrolle!

  76. Stopp der Politik der aktuellen „Energiewende“! Weg mit dem EEG, weg mit dem CO2-Zertifikatehandel, der Strombörse, der Belastung der Massen durch steigende Strompreise und der Subventionierung der Wind- und Solarlobby! Kein weiterer Ausbau der EE! RĂŒcknahme der Bestimmungen zum Atomausstieg und ÜberprĂŒfung des Weiterbetriebs von AKW und der Endlager durch Arbeiter-Kontroll-Komitees! Falls ein AKW geschlossen wird: Keine Entlassungen und sozialen Nachteile fĂŒr die BeschĂ€ftigten! Demokratische Diskussion und Entscheidung ĂŒber die weitere Nutzung der Anlagen!

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