Der Fall Lyssenko

Geschichte der Wissenschaft

Hanns Graaf

Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) war ein sowjetischer Agronom und Biologe, der unter Stalin großen Einfluss erlangte. Seine Theorie – spĂ€ter „Lyssenkoismus“ genannt – knĂŒpft an Lamarck an. Die Genetik wurde unter Stalin als „bĂŒrgerliche Theorie“ per se abgelehnt. Nach Lyssenko werden Erbeigenschaften nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt. Die Entwicklung der Arten erfolge nicht durch Mutation und Selektion, sondern durch die Vererbung erworbener Eigenschaften, d.h. durch UmwelteinflĂŒsse. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden spĂ€ter sogar als FĂ€lschungen entlarvt.Uns interessiert der Fall Lyssenko hier als Beispiel dafĂŒr, auf welche Abwege die Naturwissenschaft gelangen kann, wenn sie sich den ideologischen Vorgaben der Politik und des Staates unterordnet. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass Wissenschaft (und auch Naturwissenschaft) unabhĂ€ngig von diesen Interessen stattfinden könnte. NatĂŒrlich bilden die ideologischen und materiellen Interessen der Gesellschaft, d.h. jeweils herrschenden Klasse, die soziale Arena, in der Wissenschaft stattfindet. Schon die Methode, die Themenwahl, die Ausbildung von Wissenschaftlern usw. sind sozial determiniert und somit nicht einfach wissenschaftlich „objektiv“. Doch die bewusste Unterordnung der Naturwissenschaft, ihr Zurechtbiegen oder gar die politische Postulierung dessen, was richtig oder falsch ist, kann nur kontraproduktiv sein und gereicht letztlich immer zum Schaden der Wissenschaft und der Gesellschaft. Denkvorgaben und Denkverbote Ă€ndern nicht das Denken, sie verhindern es.

Lyssenkos Aufstieg ist nur vor dem Hintergrund der riesigen Probleme zu verstehen, die durch die Zwangskollektivierung unter Stalin entstanden waren. Diese Maßnahme war nicht nur ein bewusst kalkulierter Massenmord an den „Kulaken,“ den Mittelbauern, sie war auch ein klarer Bruch des Prinzips der Freiwilligkeit bei der Genossenschaftsbildung und des Zusammenhangs dieser mit der Gesamtheit der sozial-ökonomischen Entwicklung. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass sie die objektiven Bedingungen und Funktionsweisen der Landwirtschaft missachtete. Sachkenntnis wurde durch politischen Voluntarismus ersetzt. Ein solches Vorgehen, egal ob unter „sozialistischen“ oder bĂŒrgerlichen Vorzeichen, ist letztlich immer zum Scheitern verurteilt und fĂŒhrt oft zu dramatischen Problemen.

Angesichts des Einbruchs der Agrarproduktion und des Hungers, der Millionen dahinraffte, meinte die Stalin-FĂŒhrung 1931, dass das Problem mittels neuer Getreidesorten, die höhere ErtrĂ€ge bringen sollten, behoben werden könnte. Nicht die planmĂ€ĂŸige und bewusste Umgestaltung der Gesellschaft unter Einbeziehung der ProduzentInnen trieb die BĂŒrokratie um, sondern der Irrglaube, mit willkĂŒrlichen und voraussetzungslosen sozialen Umgestaltungs-Kampagnen sowie einzelnen „technischen“ Maßnahmen der sozialen Entwicklung „auf die SprĂŒnge zu helfen“. Doch Fortschritte in der Pflanzenzucht brauchten damals – bevor es die Hybridisierung und die Gentechnik gab -, sehr lange. Das Vertrauen in kurzfristige Effekte musste daher von vornherein Illusion sein. Das realpolitische Desaster sollte durch ein wissenschaftliches Wunder behoben werden. Und wo ein solches verlangt wird, stellt sich immer auch ein WundertĂ€ter ein: in diesem Fall Lyssenko.

Von Anfang an bediente er sich geschickt der Medien, deren Macher lĂ€ngst durch Stalins Terror und Indoktrination auf Linie gebracht waren und nur zu gern nach „progressiven“ Sensationen Ausschau hielten. Schon 1927 prahlte Lyssenko gegenĂŒber einem Journalisten der Parteizeitung „Prawda“, er könne Felder ohne DĂŒngung und Zugabe von Mineralien viel fruchtbarer machen. Das musste jedem Journalisten eigentlich schon damals als Unfug auffallen, denn bereits 1840 hatte Justus v. Liebig die Grundlagen der Agrochemie begrĂŒndet. Danach war klar, was Pflanzen brauchen: Mineralien, Kohlendioxyd, Licht, WĂ€rme und Wasser.

Sein „guter Ruf“ eilte Lyssenko schließlich bis zu Stalin voraus. Das PolitbĂŒro wollte ihm nur allzu gern glauben – was auch sonst, denn dieses Gremium, dass letztlich alles entschied, bestand nur aus Berufspolitikern, von Landwirtschaft (wie von allen anderen Fragen) hatte niemand viel Ahnung. Man war froh, endlich einen WundertĂ€ter gefunden zu haben. Stalin höchstpersönlich protegierte ihn. So wurde Lyssenko zum fĂŒhrenden Biologen der Sowjetunion und PrĂ€sident der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften.

Gegen Lyssenko und seine Pseudo-Wissenschaft hatten andere Wissenschaftler, auch wenn sie hohe Reputation genossen, keine Chance. Manche wurden sogar Opfer von Repressionen wie der international bekannte Genetiker Nikolaj Wawilow, der es gewagt hatte, Lyssenkos Theorien zu kritisieren. Er wurde 1940 verhaftet und als Spion fĂŒr England (!) zum Tode verurteilt. Zwar wurde das Todesurteil in eine Haftstrafe umgewandelt, doch Wawilow starb trotzdem 1943 in einem Lager an UnterernĂ€hrung.

In der Praxis zeigte sich natĂŒrlich recht bald, dass Lyssenkos Auffassungen falsch waren. Doch wie  das Klima wird auch die Landwirtschaft von vielen natĂŒrlichen Faktoren beeinflusst. Daher ist es hier leichter als in anderen Bereichen möglich, dass falsche Auffassungen oder Maßnahmen von bestimmten Entwicklungsschwankungen und -bedingungen scheinbar bestĂ€tigt werden. FĂŒr Politik und Presse ist dann oft einfach, einzelne Ereignisse oder Meinungen aufzublasen und andere zu ignorieren. Das funktioniert umso besser, je mehr die „objektive“ Fachwissenschaft bzw. die Meinungsvielfalt in ihr keine strukturellen Möglichkeiten haben, sich zur Geltung zu bringen. Um diese „Gefahr“ auszuschließen, ist das Hauptbestreben der Politik daher oft genug, die Wissenschaft zu konditionieren, zu gĂ€ngeln, sie gleichzuschalten. In Stalins UdSSR war das umso leichter möglich, weil die Wissenschaft damals – mehr noch als heute – ausschließlich vom Geld des Staates abhĂ€ngig und Wissenschaftskarrieren ohne dessen Zustimmung unmöglich waren. Meinungsfreiheit existierte ohnehin nicht. All das drĂŒckte sich auch damals in vielen Verweisen auf wissenschaftliche Mehrheiten oder gar einen Konsens aus. Doch dieser Konsens war nicht Grundlage der Entscheidung des Staates – im Gegenteil: dieser schuf selbst diesen Konsens, auf den er sich dann berufen konnte.

Die Ähnlichkeiten zur heutigen Klima-Debatte sind auffĂ€llig: massive Intervention des Staates, heute z.B. der UNO, zur Schaffung von Institutionen, welche „die Wissenschaft“ konditionieren – das IPCC. Massive mediale Kampagnen erzeugen eine Stimmung aus Angst (vor der Klimakatastrophe), Hoffnung (CO2-Einsparung durch die Energiewende), Fortschrittsglauben (Weltrettung) und Befriedigung (individuelles Gutmenschentum). Unter Stalin diente jede noch so idiotische Maßnahme angeblich dem Sozialismus, genauso wie jede Kritik und Alternative automatisch „konterrevolutionĂ€r“ war. Heute dient die Klimapolitik der Menschheit, wer eine abweichende Meinung vertritt, gilt als ReaktionĂ€r.

Dank Stalins Förderung schwamm Lyssenko auf einer Welle der Euphorie, der er selbst immer mehr Energie verlieh. Immer neue biologische Wunder kĂŒndigte er an. Dieses SchĂŒren immer neuer Erwartungen beruhte jedoch nicht auf der Analyse gemachter Erfahrungen, sondern darauf, diese passend zu interpretieren oder auch zu ignorieren. Wer sich kritisch zu den Ergebnissen der Lyssenkoschen Experimente Ă€ußerte, wurde als Pessimist verleumdet oder schlimmstenfalls als „Feind des Sozialismus“ weggesperrt. Ähnlich wird heute meist mit den „Klimakritikern“ verfahren. Selten geht es um deren Argumente, meist werden sie moralisch abqualifiziert und als Handlanger der Öl-und Kohleindustrie hingestellt.

Angesichts dessen, dass Lyssenkos Versprechungen nie RealitĂ€t wurden und sich seine Theorien und praktischen Projekte als unbrauchbar herausstellten, ist es schon verwunderlich, dass Lyssenkos Stern so lange strahlte und er nie als „SchĂ€dling am Sozialismus“ entlarvt wurde. Lyssenkos Großexperimente in der landwirtschaftlichen Praxis schlugen fehl und fĂŒhrten tw. zu katastrophalen ErnteausfĂ€llen, welche die Hungerprobleme noch vergrĂ¶ĂŸerten, anstatt sie zu mildern. Doch selbst dann kam es nicht zur Umkehr – Wissenschaft, Politik, Medien und auch das Massenbewusstsein waren in einem Kokon aus LĂŒgen, Einbildungen und utopischen Erwartungen gefangen. Gerade fĂŒr den Stalinismus, der ja absolute Deutungshoheit und Unfehlbarkeit fĂŒr sich in Anspruch nahm, war eine Umkehr fast unmöglich, ohne an Reputation in der Öffentlichkeit zu verlieren. So fanden sich immer Leute und UmstĂ€nde, die am Ausbleiben der Wunder schuld waren.

Erst nach Stalins Tod wurde Lyssenko dann unter Chrustschow Mitte der 1950er in die zweite Reihe abgeschoben und seine Theorie verworfen – nachdem sie zu fatalen Auswirkungen gefĂŒhrt hatte. Wohl noch schlimmer als in der Sowjetunion wirkte sich der Lyssenkoismus in Maos China aus, wo seine Doktrin noch fanatischer umgesetzt wurde – mit noch dramatischeren Folgen.

Am „Lyssenkoismus“ können wir exemplarisch sehen, wie der Umgang stalinistischer Politik – die ja nichts anderes ist als eine spezifische Form bĂŒrgerlicher Politik unter den spezifischen Bedingungen einer degenerierten Revolution – mit der Wissenschaft aussehen kann. Wir finden damals exakt die gleichen methodischen Muster beim Fall Lyssenko wie heute bei der Klimadebatte. Auch heute wĂŒrde eine Abkehr vom Klima-Katastrophismus natĂŒrlich bedeuten, dass nicht nur einige Wissenschaftler, sondern v.a. Politik und Medien massiv an Vertrauen verlieren wĂŒrden. Noch schwerer dĂŒrfte aber wiegen, dass die Milliarden schweren Investitionen zur Dekarbonisierung der Gesellschaft sich als irreal und unsinnig herausstellen. Deshalb gilt: mitgegangen mitgefangen.

Der allgemeine Hintergrund des PhĂ€nomens Lyssenko wie auch gegenwĂ€rtig der Klima-Diskussion ist der einer Krise des herrschenden Gesellschaftssystems. Unter diesen UmstĂ€nden wĂ€chst das Interesse an „grundsĂ€tzlichen“ und „radikalen“ ErklĂ€rungen und Lösungen. Staat und Politik wĂ€hlen dann oft eine, fĂŒr die Politik relevante, Richtung der Wissenschaft aus und erheben sie zur „herrschenden Lehrmeinung“. Damit das funktioniert, sind noch einige andere „BemĂŒhungen“ nötig. So werden Kritik und Kritiker an den Rand gedrĂ€ngt, verleugnet, ignoriert und isoliert. Dadurch erscheint der lediglich behauptete wissenschaftliche „Konsens“ dann sogar als reale Tatsache. Die „offizielle“ Theorie wird ĂŒber Politik und Medien massiv verbreitet. Dabei werden systematisch der wissenschaftliche Standard und der Erkenntnisstand der Wissenschaft selektiv dargestellt und auf ein Niveau herabgedrĂŒckt, das Massentauglichkeit bewirken soll – und bewirkt. Spekulation, Übertreibung und LĂŒgen sind dazu genauso probate Mittel wie ein permanenter Moralismus, das Einreden eines schlechten Gewissens und die „persönliche Verantwortung“, die anstelle grundsĂ€tzlicher struktureller Änderungen in der Gesellschaft Fortschritte bewirken soll. Wozu die EigentumsverhĂ€ltnisse Ă€ndern, wenn ich doch schon den MĂŒll trenne und Sparlampen benutze?

Der frĂŒher oder spĂ€ter immer offener zutage tretende Widerspruch zwischen Ideologie und RealitĂ€t kann aber nur so schwer positiv aufgelöst werden, weil sich alle involvierten KrĂ€fte derart festgelegt haben, dass sie ohne Gesichtsverlust nicht mehr aus der Sache herauskommen. Oft ist dann ein abrupter Positionswechsel zu beobachten, der aber meist nureinenFehlerdurcheinenanderenersetzt.

Es gibt viele FĂ€lle von „Lyssenkoismus“: die „Theorie“ der Klimakatastrophe, die Energiewende oder frĂŒher die Auffassungen von Malthus oder die Rassentheorie – von den vielen Trends und „Moden“, ja von der gesamten bĂŒrgerlichen Sozialwissenschaft ganz abgesehen. Die tiefere Ursache all dieser, sehr verschiedenen Ideologien ist – ob im Kapitalismus oder im Stalinismus – der Fortschritts-Stau. Die objektiv anstehenden Probleme können unter den gegebenen VerhĂ€ltnissen und mit den gegebenen Methoden der Gesellschaftsgestaltung nicht gelöst werden. Das erzeugt – neben anderen – oft auch einen Trend zu Irrationalismus und Idealismus, deren soziale TrĂ€ger meist KleinbĂŒrgertum und Mittelschichten sind. Lyssenko lebt weiter – hinter den vielfĂ€ltigen Charaktermasken der bĂŒrgerlichen Gesellschaft.

 

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