Staates Kinder

Erziehung in der DDR

Hannes Hohn

In der Linken taucht die Frage der Vergesellschaftung der Hausarbeit, wenn ĂŒberhaupt, oft nur als Forderung auf, um das ungenĂŒgende oder teure Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu verbessern. Zuweilen wird dabei auf das Beispiel der DDR verwiesen, wo es diesbezĂŒglich tatsĂ€chlich bessere Bedingungen als in der BRD gab. SpĂ€tenstens sei den 1970ern war fĂŒr jedes Kind ein Krippen-, Kindergarten- und Hortplatz vorhanden. Frauen war es in der DDR so leichter möglich, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen. Der Autor kann sich noch lebhaft an die Verwunderung von Studierenden aus der BRD, die in der DDR zu Gast waren, erinnern, als sie hörten, dass viele Studentinnen wĂ€hrend des Studiums Kinder bekamen und wie gut die Betreuungsmöglichkeiten waren.

Die Kinderbetreuung war staatlich bzw. unterstand den Kommunen, tw. waren Betriebe die TrĂ€ger. Die Möglichkeiten fĂŒr Eltern, auf diese Einrichtungen Einfluss zu nehmen, waren sehr gering. Planung, Konzepte und Kontrollen oblagen nur staatlichen Stellen und ihren „Bildungsspezialisten“.

Dieses staatliche Kinderbetreuungssystem war – trotz vieler Vorteile gegenĂŒber dem des Westens – hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Überwindung der tradierten „Fesselung“ der Frauen an die Kinderbetreuung beschrĂ€nkt. So waren die BeschĂ€ftigten in der Betreuung von Vorschul- und Schulkindern fast nur Frauen. Auch MĂ€nner stĂ€rker mit diesen Aufgaben zu betrauen, wurde nicht ernsthaft versucht oder gefördert. So blieb die tradierte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau weitgehend unangetastet, die Kinderbetreuung war immer noch fast ausschließlich Aufgabe der Frau.

Was folgte daraus? ZunĂ€chst eine Dreifachbelastung der Frau durch Beruf, Haushalt und Kinderbetreuung – letztere wurde ja nur z.T. durch Kinderbetreuungseinrichtungen gewĂ€hrleistet. Nach Feierabend,  am Wochenende oder bei Krankheit eines Kindes war ĂŒberwiegend die Frau fĂŒr die Betreuung zustĂ€ndig. Teilzeitarbeit fĂŒr Frauen bzw. beide Elternteile, um die Mehrfachbelastung besser meistern zu können, gab es weit weniger als im Westen, u.a. deshalb, weil in der BRD MĂ€nner im VerhĂ€ltnis zu Frauen mehr verdienten als in der DDR und dort auch absolut gesehen die Löhne höher waren. So war in der DDR die Vollzeitstelle fĂŒr die werktĂ€tige Frau nicht nur gewollt, sondern ökonomisch fĂŒr einen ordentlichen Lebensstandard auch notwendig.

Frauen waren in höheren Positionen immer noch stark unterreprĂ€sentiert. Das ist umso bemerkenswerter, als Frauen in der DDR weit stĂ€rker als im Westen in „mĂ€nnertypische“ und technische Berufe vorgedrungen waren und den selben Bildungsstand hatten wie MĂ€nner. Diese UnterreprĂ€sentierung hĂ€tte u.a. dadurch ĂŒberwunden werden können, dass es kollektive Leitungsstrukturen gibt, mit denen es besser möglich ist, Frauen an solche Leitungsfunktionen heranzufĂŒhren. Doch das Prinzip der Einzelleitung, die bĂŒrokratischen Strukturen und das Prinzip der Berufung von FunktionstrĂ€gern von oben statt deren Wahl durch die Basis standen dem entgegen.

Hier scheint das Problem auf, dass Frauen ihre historisch „angestammte“ Rolle als „Dienstleisterin“ in der MĂ€nnerwelt nur ĂŒberwinden und eine wirklich nicht nur gleichberechtigte, sondern in der Praxis gleichwertige Rolle nur spielen können, wenn mindestens fĂŒnf  zentrale Bedingungen erfĂŒllt sind:

  • völlige ökonomische Gleichstellung;
  • Überwindung der engen bĂŒrgerlichen Familienstruktur;
  • Überwindung des Sexismus, GewĂ€hrung völliger Selbstbestimmung der Frau ĂŒber ihren Körper;
  • Beendigung der fast alleinigen ZustĂ€ndigkeit fĂŒr Haushalt und Kindererziehung durch  Vergesellschaftung von Erziehung und Hausarbeit;
  • Etablierung eines Bewußtseins in der Gesellschaft, die „historische“ Rolle der Frau, ihre Benachteiligung und UnterdrĂŒckung ĂŒberwinden zu wollen und zu wissen, wie das möglich ist.

An diesen MaßstĂ€ben gemessen, ist einerseits nicht zu bestreiten, dass die DDR wichtige Schritte auf diesem Weg gegangen ist, andererseits aber auch ĂŒberall auf halbem Wege stehen blieb. Mit „Vergesellschaftung der Erziehung“ ist natĂŒrlich nicht gemeint, dass den leiblichen Eltern die Kinder „weggenommen“ werden oder die enge Bindung des SĂ€uglings oder Kleinkinds an die Mutter und das engere soziale Umfeld zerstört werden soll. So kann durchaus diskutiert werden, ob die Betreuung von SĂ€uglingen und Kindern unter 3 Jahren sinnvollerweise in einer Krippe erfolgen sollte oder zu Hause bzw. in kleinen Gruppen im hĂ€uslichen Milieu. Mit „Vergesellschaftung“ sollte  in erster Linie die Kooperation bei Erziehung und Betreuung gemeint sein – im Unterschied einerseits zur fast alleinigen ZustĂ€ndigkeit der bĂŒrgerlichen Kleinfamilie (bzw. oft der oder des Alleinerziehenden) und andererseits der ZustĂ€ndigkeit des Staates.

Die Feministin Roswitha Burgard beschreibt in ihrem Buch „Wie Frauen verrĂŒckt gemacht werden“ (MĂŒnchen 1993, S. 65), einen interessanten Aspekt der geistigen Befindlichkeit von Frauen, die sehr stark mit Haushalt und Kinderbetreuung befasst sind: „Viele Hausfrauen haben Angst vor der Infantilisierung (ZurĂŒckfallen in kindliche Sprache und Verhaltensweisen) durch den alleinigen Umgang mit ihren Kindern. Frauen, deren GesprĂ€chsmöglichkeiten sich mit dem Kind und um das Kind erschöpfen, sehen selbst bei freizĂŒgiger Arbeitsgestaltung keine Möglichkeit, sich als relativ eigenstĂ€ndige Person unabhĂ€ngig von Kindern zu verwirklichen.“ Es ist klar, dass solche Frauen sich schwerlich selbstbewußt in der Gesellschaft behaupten können, umso weniger im Kapitalismus, wo die Konkurrenz auch um Jobs und Karrieren normal ist. Aber selbst in der DDR, wo diese Konkurrenz weit weniger eine Rolle spielte, mussten sich Frauen dabei schwerer tun als MĂ€nner.

Was Roswitha Burgard hier hinsichtlich der Hausfrauen feststellt, trifft natĂŒrlich – wenn auch sicher in geringerem Maße – genauso auf berufstĂ€tige Frauen zu, insbesondere auf jene, die jahrzehntelang als Erzieherinnen oder Lehrerinnen intensiv mit Kindern zu tun haben. Wenn zuweilen (und mitunter zu recht) beklagt wird, dass sich Frauen stĂ€rker als MĂ€nner fĂŒr das „private Milieu“ interessieren und weniger fĂŒr die „großen“ Fragen von Technik, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, dann hĂ€ngt das natĂŒrlich auch damit zusammen, dass ihr Lebensbereich viel stĂ€rker als beim Mann auf Familie, Haushalt und Kinder orientiert ist. Soll daran etwas geĂ€ndert werden, sollen Frauen gleich fĂ€hige und selbstbewußte Mitglieder der Gesellschaft sein, so mĂŒssen sie die Möglichkeit erhalten – und auch selbst dafĂŒr streiten -, dass sie diesen, ihnen von Tradition, Religion und Gesellschaft zugewiesenen oder aufgezwungenen begrenzten Lebensbereich ĂŒberschreiten können und wollen.

Erziehung als Staatsaufgabe?

Ein anderes Problem der Kinderbetreuung (insbesondere der Betreuung jĂŒngerer Kinder) in der DDR war, dass es eine weitgehende Trennung zwischen staatlicher Kinderbetreuung etwa in Krippe oder Kindergarten und der hĂ€uslichen Erziehung durch die Eltern gab. Bildung und Erziehung blieben somit – wie in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft – einerseits Sache von staatlichen Spezialisten, andererseits familiĂ€re Privatsache. Gewisse Ausnahmen gab es in den Schulen, wo durch „Elternaktive“ und „ElternbeirĂ€te“ die Eltern aktiver in die Gestaltung des pĂ€dagogischen Prozesses eingebunden wurden. Doch auf die entscheidenden Strukuren der schulischen Bildung (z.B. LehrplĂ€ne) hatten sie nicht den geringsten Einfluß – schon deshalb, weil es gar keine entsprechenden Vertretungsstrukturen fĂŒr Eltern auf nationaler Ebene gab.

Marx postulierte in seiner 3. „Feuerbach-These“: „Die materialistische Lehre (Feuerbachs, d.A.) von der VerĂ€nderung der UmstĂ€nde und der Erziehung vergißt, daß die UmstĂ€nde von den Menschen verĂ€ndert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile von denen der eine ĂŒber ihr erhaben ist – sondieren.“

Dieser eine, ĂŒber den anderen „erhabene“, Teil ist in unserem Fall der Staat. Doch ist die Gesellschaft einmal so „zweigeteilt“, wird damit die „Erziehung der Erzieher“ fast obsolet, wenn  es keine Strukturen gibt, innerhalb derer sich dieser Prozess ĂŒberhaupt abspielen könnte. Sicher wurden allerlei Prinzipien zu Erziehung und Lebensweise von Politik, Bildung und Medien in der DDR verbreitet, doch in der Lebenspraxis spielte das oft weniger eine Rolle. Wie sollte z.B. das kollektive Element in der Erziehung – als Teil einer kollektiven, solidarischen  Lebensweise, gesichtert werden, wenn die WohnverhĂ€ltnisse wie im Westen auf die Struktur der Kleinfamilie ausgerichtet blieben?

In der DDR spielten Kinder- und Jugendorganisationen (Pioniere und FDJ, Freie Deutsche Jugend) bei der „kollektiven“ Erziehung eine große Rolle. Doch bei allen positiven Elementen, z.B. der „allgemeinen“ Orientierung auf Internationalismus und SolidaritĂ€t, dominierten auch dort das Administrativ-BĂŒrokratische und die politische Indoktrination. Die FDJ war der Partei und ihrem stalinistischen Konzept komplett untergeordnet und kann absolut nicht „kommunistisch“  genannt werden.

Das Beispiel der Kinderbetreuung zeigt sehr augenfĂ€llig, dass die „Verstaatlichung“ zwar ein Zwischenschritt zur Lösung des Problems sein kann, fĂŒr sich genommen aber keineswegs sicherstellt, den borniert-privaten Rahmen von Erziehung wirklich zu ĂŒberwinden. Der Staat wird sich zudem schon von Anfang an auch als Bremse, als „kĂŒnstlicher“ Mechanismus herausstellen, welcher der wirklichen Emanzipation der Gesellschaft entgegensteht. So, wie die KrĂŒcke dem Gehbehinderten eine gute Hilfe sein kann, wird sie den Gesunden unweigerlich an jeder vernĂŒnftigen und natĂŒrlichen Fortbewegung hindern. Der Gesundungsprozess ist notwendig damit verbunden, der Hilfe der KrĂŒcke nicht mehr zu bedĂŒrfen.

In dieser Hinsicht – der Förderung der Selbstverantwortung und der Überwindung der Rollenverteilung Mann / Frau / Familie / Staat – war die „Kinderladen“-Bewegung in der BRD ein durchaus besserer und fortschrittlicherer Ansatz, weil sie (zumindest Teile von ihr) betonte, dass die Erziehung ein bewusster kollektiver Akt sein soll. Als „Kollektiv“ firmierten hier nun nicht nur die MĂŒtter, sondern tw. auch die VĂ€ter; die zustĂ€ndige Struktur waren nun nicht mehr nur die Familie oder nur die leiblichen Eltern und auch nicht der Staat (der allenfalls als Geldgeber fungieren sollte) und schon gar nicht die Kirche, sondern eine Gemeinschaft von Eltern / Menschen, die zum Zwecke der Betreuung der Kinder kooperieren. Bei den „KinderlĂ€den“ waren es die Frauen selbst, die nicht nur ihre AnsprĂŒche und BedĂŒrfnisse artikulierten, sondern auch deren Umsetzung durch praktisches Handeln bestimmten. Dieses selbstbewußte und aktive Element fehlte in der DDR weitgehend, weil eben der Staat alles bestimmte. So war nicht nur die Herausbildung bestimmter Strukturen regelementiert, v.a. war die Herausbildung des Selbstbewußtseins und der KreativitĂ€t des sozialen Subjekts – in dem Fall der Frauen – stark eingeschrĂ€nkt.

Allerdings – und das war eine reale Begrenzung des positiven Charakters der „KinderlĂ€den“ – waren diese nur kleine Inseln im Meer der bĂŒrgerlichen Gesellschaft. Sie waren durchaus nicht immer als Teil einer gesamtgesellschaftlichen revolutionĂ€ren Transformation verstanden worden. Es wurde auch wenig thematisiert, wie die Arbeiterbewegung erreicht und somit auch die Chance eröffnet werden konnte, nicht nur sozialreformerische Inseln zu schaffen, sondern die VerhĂ€ltnisse allgemein „zum Tanzen zu bringen“.

Die Vorschulerziehung in den DDR-KindergĂ€rten als erster Stufe des Bildungssystems war in mehrfacher Hinsicht ein wirklicher Fortschritt: es gab eine kostenlose und systematische Vorschulerziehung, die eine gute Vorbereitung auf die Schule war. Studien belegen zudem, dass die sozialen und geistigen FĂ€higkeiten von DDR-Kindergarten-Kindern besser entwickelt waren als bei Kindern, die nicht den Kindergarten besuchten. Frauen war es durch die guten Kinderbetreuungsmöglichkeiten auch besser möglich, am Berufsleben teilzunehmen und somit objektiv eine – zumindest ökonomisch – „gleichberechtigtere“ Stellung in der Gesellschaft einzunehmen. Doch diese Vorteile blieben andererseits begrenzt, weil eben die Familie und die private Hausarbeit als soziale Strukturen nicht ĂŒberwunden wurden. Auch die sehr wesentlichen Fragen der VerkĂŒrzung der notwendigen Arbeitszeit und der Überwindung der ĂŒberkommenen Arbeitsteilung blieben in Ă€ußerst bescheidenen AnsĂ€tzen stecken. Solange z.B. MĂ€nner stĂ€rker als Frauen in Job und Karriere eingebunden sind als Frauen (was auch in der DDR der Fall war), sollte sich niemand wundern, dass sie die „hĂ€uslichen Pflichten“ gern der Frau ĂŒberlassen. Eine Grundvoraussetzung, das zu Ă€ndern, ist eine allgemeine VerkĂŒrzung der notwendigen Arbeitszeit, was schon Marx betont hat. Dem standen in der DDR allerdings die Verkrustungen der stalinistischen Gesellschaft und die riesigen unproduktiven bĂŒrokratischen Strukturen entgegen.

Ausblick

Wie könnte – um ein Beispiel heraus zu greifen – ein Kindergarten in einer Arbeiter-RĂ€te-Republik aussehen? Es sollte keine finanziellen HĂŒrden geben, diese Einrichtungen zu nutzen. Sie sollten im Lebens- und Wohnumfeld liegen. Von daher sind BetriebskindergĂ€rten weniger sinnvoll, da die Kinder einer betrieblichen Einrichtung sonst ja nichts miteinander zu tun haben, weil sie nicht am selben Ort oder im selben Kiez wohnen. Zudem ist eine kollektive Erziehung entfernt vom Wohnort schwer möglich. Das heißt freilich nicht, dass wir per se gegen solche Einrichtungen wĂ€ren, wenn es keine anderen geeigneten Betreungsmöglichkeiten gibt.

Die Betreuung der Kinder in der Kita wĂŒrde natĂŒrlich nicht nur hauptberuflichen (staatlichen) ErzieherInnen obliegen. Sicher wĂ€re es vorteilhaft, wenn sich neben wenigen ausgebildeten PĂ€dagogInnen auch die Eltern – beide Elternteile – oder auch Nachbarn, Freunde und Verwandte an der Betreuung beteiligten. Die PĂ€dagogInnen wĂŒrden v.a. Anleitungs-, Koordinierungs- und Kontrollfunktionen haben und dafĂŒr sorgen, dass bestimmte Normen (Hygiene, Verpflegung, Didaktik usw.) eingehalten werden. Daneben sollten sie sich aber auch darum kĂŒmmern, die Eltern „zu erziehen“ und fĂŒr die „UmwĂ€lzung“ von Erfahrungen und die Erweiterung des wissenschaftlichen Horizonts aller an der Erziehung Beteiligten zu sorgen.

Aus dieser Personal-Konstellation ist schon ersichtlich, dass die Gesellschaft dann so strukturiert sein muss, dass die (Mit)Arbeit in der Kita mit der sonstigen BerufstĂ€tigkeit verbunden werden kann. Es mĂŒsste also ein modus vivendi gefunden werden, dass ein „Erzieher“ pro Monat z.B. einen Tag dafĂŒr freigestellt ist. Dabei wĂŒrde durchaus keine Mehrarbeit entstehen, da ja die Mehrzahl der staatlichen ErzieherInnen dann nicht mehr in „ihrem“ Job gebraucht und fĂŒr andere TĂ€tigkeiten frei wĂŒrde.

Eine solche Struktur wĂŒrde natĂŒrlich auch in anderer Hinsicht einen qualitativen „Sprung“ der Gesellschaft bewirken: Es wĂŒrde die ĂŒberkommene, die Entfaltung vieler schöpferischer Potentiale behindernde Arbeitsteilung ĂŒberwunden werden. Das gesellschaftliche Bewusstsein wĂŒrde sich erhöhen, weil mehr Menschen sich Wissen und Erfahrungen in punkto Erziehung aneignen als heute, wo nur Spezialisten damit konfrontiert sind. Dieses Wissen, diese Erfahrungen können sich zudem in einer demokratischen Diskussion umwĂ€lzen. Deren Niveau wird umso höher sein, je mehr ĂŒbertriebene bĂŒrgerliche Arbeitsteilung und „Spezialistentum“ ĂŒberwunden sind.

Die Betonung der Familie im Stalinismus als „kleinster Zelle der Gesellschaft“ – was bezeichnenderweise mit der bĂŒrgerlichen Ideologie ĂŒbereinstimmte – sanktionierte die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und blockierte fast jeden Ansatz zur Überwindung der privaten Hauswirtschaft. Die in Ost und West nahezu identische StĂ€dte-Architektur, also die Art von Wohnen und Leben – ob Plattenbau oder Altbau, es waren immer HĂ€user nur mit Familienwohnungen und ohne RĂ€ume fĂŒr kollektives Tun – ist eine in Beton gegossene Homage an (klein)bĂŒrgerliches Familien-Leben.

Ein Aspekt dieser Situation war die typische Einrichtung einer Kita (in der DDR sprach man von Kinderkrippen und KindergĂ€rten, die getrennte Einrichtungen waren) im Zentrum eines Kiezes oder Plattenbaukarrees. Dieser „Zentralbau“ entsprach genau der Intention des Zentralstaats. Eine kollektive, von ErzieherInnen, Eltern, Nachbarn gemeinsam praktizierte Kinderbetreuung wĂŒrde praktischerweise direkt im Wohnhaus- bzw. Wohnblock integriert sein (wie ein „Kinderladen“) und nicht unbedingt in einem separaten GebĂ€ude, was ja auch Mehraufwand z.B. an Wegezeiten bedeutet.

Wenn die Linke sich heute zur Frage der Kinderbetreuung Ă€ußert, so geht es meist darum, dass a)  mehr, bessere und billigere Betreuungsmöglichkeiten oder mehr BemĂŒhungen um die Integration  migrantischer Kinder gefordert werden. Es geht aber fast nie darum, wie und von wem betreut und erzogen wird. Auch hier – wie fast auf jedem Gebiet – vergißt die Linke, auch die „marxistische“, was Marx einst postuliert hatte. Statt einer Orientierung auf die Selbstorganisation der LohnabhĂ€ngigen und der möglichst weitgehenden Vergesellschaftung von Bildung und Erziehung wird auch von der Linken immer nur nach dem Staat gerufen. Da ist noch viel Erziehungsarbeit zu leisten.

Die Etablierung des Staates in der frĂŒhen Phase der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft erfolgte, um die Aneignung und (ungerechte) Verteilung des Mehrprodukts abzusichern. Sie war damit verbunden, die etablierte kollektive Selbstverwaltung der Gesellschaft zu verdrĂ€ngen. Wenn es dem Kommunismus – wenn er richtig verstanden wird – gerade darum geht, diese Selbstverwaltung und Selbstbestimmung der Menschen ĂŒber ihre VerhĂ€ltnisse zurĂŒck zu gewinnen und die verallgemeinerte Entfremdung zu ĂŒberwinden, dann muss dafĂŒr die allgegenwĂ€rtige PrĂ€senz des Staates bekĂ€mpft, zurĂŒckgedrĂ€ngt und schließlich ĂŒberwunden werden. Damit muss auch das ABC jeder kommunistischen Bildungpolitik beginnen!

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