ABC des Marxismus XVIII: Was bedeutet Arbeitsteilung?

Die kapitalistische Ordnung weist eine spezifische Form von Arbeitsteilung auf, die alle Bereiche der Gesellschaft prĂ€gt. Diese Arbeitsteilung hat viele Facetten: die Teilung in Kopf- und Handarbeit, in „Anweisende“ und „AusfĂŒhrende“, in Gelernte und Ungelernte, die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau usw.

Karl Marx schrieb im „Kapital“: „In der Gesamtheit der verschiedenartigen Gebrauchswerte oder Warenkörper erscheint eine Gesamtheit ebenso mannigfaltiger, nach Gattung, Art, Familie, Unterart, VarietĂ€t verschiedner nĂŒtzlicher Arbeiten – eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit. Sie ist Existenzbedingung der Warenproduktion, obgleich Warenproduktion nicht umgekehrt die Existenzbedingung gesellschaftlicher Arbeitsteilung.“ (MEW 23, 56f)

Die Steigerung der ProduktivitĂ€t der menschlichen Arbeit war notwendig mit der Entwicklung der Arbeitsteilung, also der Ausbildung eines „Spezialistentums“, verbunden. Mit der Entstehung des Privateigentums und des Staates entwickelte sich aber auch eine besondere Arbeitsteilung, die fĂŒr die Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft, d.h. von Ausbeutung und UnterdrĂŒckung, notwendig war: Priester, Soldaten, Verwalter, die Herrscherkaste auf der einen, Sklaven, Lohnarbeiter, kleine Handwerker, Bauern auf der anderen Seite. Erstere gingen zum großen Teil unproduktiven TĂ€tigkeiten nach, die nur in einer Klassengesellschaft Sinn machen.

Die Arbeitsteilung des Kapitalismus ist einerseits von vorbĂŒrgerlichen Gesellschaften ĂŒbernommen, andererseits aber auch durch fĂŒr den Kapitalismus typische Strukturen bedingt. So ist die Verallgemeinerung des LohnarbeitsverhĂ€ltnisses mit verschiedenen Formen von Arbeitsteiligkeit verbunden: z.B. in Kapitaleigner, Management und ArbeiterInnen, aber auch in die Teilung von Lohnarbeit in Fabrik oder BĂŒro und unbezahlter Arbeit im Haushalt. Die Ausweitung und höhere Bedeutung von Wissenschaft und Forschung fĂŒr die kapitalistische Produktion wiederum ist einerseits mit einer spezifischen Form der Trennung von Kopf- und Handarbeit verbunden, wĂ€hrend sie auf der anderen Seite diese Arbeitsteiligkeit – z.B. jene in Anweisende und AusfĂŒhrende – zugleich auch wieder untergrĂ€bt, indem z.B. der Ingenieur seine privilegierte Stellung oft einbĂŒĂŸt und mehr und mehr proletarisiert wird, wĂ€hrend sich zugleich die „normalen“ ArbeiterInnen immer stĂ€rker mit Wissenschaft und Technik in der Arbeit befassen mĂŒssen.

Marx beschreibt das sehr drastisch: „Was die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft charakterisiert, ist die Tatsache, dass sie die SpezialitĂ€ten, die Fachleute und mit ihnen den Fachidiotismus erzeugt.“ (MEW 4, 157)

Doch bei allen UmwĂ€lzungen, welche die bĂŒrgerliche Gesellschaft mit sich bringt: sie   modifiziert die alte Arbeitsteilung nur, ĂŒberwindet sie aber nicht. Das ist ihr auch gar nicht möglich, da schon ihre Produktionsweise auf der Arbeitsteilung von Produktionsmittelbesitzern (Befehlenden) und LohnabhĂ€ngigen (AusfĂŒhrenden) beruht. Mehr noch: der Kapitalismus als Klassengesellschaft besteht auf UnterdrĂŒckungs- und HerrschaftsverhĂ€ltnissen, die eine bestimmte „berufliche“ Arbeitsteilung bedingen, z.B. das Beamtentum, Polizei, Armee usw.

Die nach-kapitalistische Übergangsgesellschaft – und umso mehr die kommunistische Gesellschaft – muss diese spezifische Arbeitsteiligkeit nach und nach ĂŒberwinden, wenn sie erreichen will, dass alle Gesellschaftsmitglieder ihre schöpferischen FĂ€higkeiten entfalten können und ihr Leben nicht in der einen oder anderen sozialen Enklave verbringen, in der sie nur einen engen Erfahrungskreis haben und nur wenige ihrer FĂ€higkeiten anwenden und BedĂŒrfnisse artikulieren können.

Es geht aber natĂŒrlich nicht darum, jede Form von Arbeitsteilung abzuschaffen. Ohne Frage wird das Ausmaß bestimmter Fachkenntnisse allein schon durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik sogar grĂ¶ĂŸer und damit auch der Bedarf an SpezialistInnen fĂŒr jene Spezialgebiete. Was es zu ĂŒberwinden gilt, ist die gewaltsame, kĂŒnstliche EinschrĂ€nkung auf nur einen oder wenige TĂ€tigkeitsbereiche, ist die Einengung auf nur einen Wirkungskreis, ohne ihn im Zusammenhang mit der TotalitĂ€t der sozialen VerhĂ€ltnisse insgesamt zu sehen.

Eine höher entwickelte Gesellschaftsformation als der Kapitalismus bedarf einer wirklichen Vergesellschaftung des Eigentums, sie bedarf der direkten praktischen VerfĂŒgungsgewalt der ProduzentInnen und KonsumentInnen ĂŒber die Produktion und alle auf ihr beruhenden sozialen Funktionen. Gerade das ist aber im Rahmen der ĂŒberkommenen Arbeitsteilung unmöglich.

Marx betonte das u.a. in „Die deutsche Ideologie“: „Sowie nĂ€mlich die Arbeit verteilt zu werden anfĂ€ngt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der TĂ€tigkeit, der ihm aufgedrĂ€ngt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist JĂ€ger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will wĂ€hrend in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der TĂ€tigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je JĂ€ger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ (MEW 3, 33)

Nach Marx ist der Mensch das „Ensemble gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse“. Wenn er jedoch nur zu einem engen Ausschnitt dieser VerhĂ€ltnisse eine bewusste Beziehung aufbauen kann, ist er selbst auch nur ein „halber Mensch“, ein sozialer Torso.

Wenn wir an dieser Stelle einen Blick auf die stalinistischen LĂ€nder werfen und die Frage stellen, ob dort die Köchin den Staat regiert hat, wie es Lenin einmal prononciert gefordert hat, oder wenigstens an der Verwaltung „ihres“ Betriebes und nicht nur „ihrer“ KĂŒche beteiligt war, so mĂŒssen wir leider feststellen, dass die Köchin auch dort nie etwas anderes war als eine Köchin. Auch wenn der soziale Aufstieg mitunter auch fĂŒr Menschen aus den unteren Schichten leichter war als im westlichen Kapitalismus – v.a. weil die soziale Schichtung flacher war und Reichtum und damit soziale Privilegien weniger vererbt werden konnten -, so sind dies trotzdem nur Ausnahmen von der Regel. Nicht zuletzt wirkte sich selbst diese Art von Aufstieg wieder negativ auf den Emanzipationsprozess der gesamten Gesellschaft aus, weil die Aufsteiger meist Teil der privilegierten BĂŒrokratie wurden, die alle wesentlichen Entscheidungen traf. So war es kein Wunder, dass diese BĂŒrokratie durchaus sehr bewusst Lenins Metapher von der Köchin ablehnte – frei nach dem Motto: Viele Köche verderben (uns) den Brei.

Die Überwindung der einseitigen und einschrĂ€nkenden beruflich-funktionalen Arbeitsteilung ist unabdingbar, wenn erreicht werden soll, dass jedes Gesellschaftsmitglied seine jeweilige TĂ€tigkeit in ihrem Zusammenhang mit dem sozialen Ganzen betrachtet und ausĂŒbt. Wer nur seinen eigenen engen und bornierten Lebens- und TĂ€tigkeitsbereich kennt und erfahren hat, ist strukturell nicht oder weniger in der Lage, Wechselwirkungen und ZusammenhĂ€nge zu erfassen – in der Produktion, in der Wissenschaft und in der Gesellschaft allgemein.

Eine sehr konkrete Form von Arbeitsteiligkeit in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft ist auch jene zwischen den ProduzentInnen (was hier die produzierenden ArbeiterInnen meint) und den KonsumentInnen. Zwar ist auch im Kapitalismus die Schnittmenge zwischen diesen sehr hoch, doch es ist keineswegs so, dass etwa die Arbeiterin in der Schuhfabrik ihre dortigen BedĂŒrfnisse und Erfahrungen mit denen als SchuhkĂ€uferin vereinbaren könnte und sollte. Sie  zerfĂ€llt quasi in zwei „separate“ Personen. Zwei Seelen wohnen, ach, in ihrer Brust 


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