ABC des Marxismus XXIII: Was bedeutet Entrismus?

„Entree“ kommt aus dem Französischen und bedeutet Eintritt oder Eintreten. Der Entrismus ist eine  besondere Taktik im Parteiaufbau.

Zuerst wurde der Entrismus Mitte der 1920er Jahre von Angehörigen der KAPD bzw. von Karl Korsch in der SPD und ab 1931 in der SAPD angewandt. 1934 wurde der Entrismus dann von den AnhĂ€ngerInnen Trotzkis in Frankreich durchgefĂŒhrt. Das Land durchlebte damals eine tiefe Krise, die mit Massenstreiks, dem Aufstieg der Faschisten und der Bildung einer Volksfrontregierung aus der Sozialistische Partei (SFIO) und der bĂŒrgerlichen „Radikalen Partei“ einherging. Unter dem Druck der Erwartungen und der Aktionen der Massen verließ der rechte FlĂŒgel die SFIO und es entstand (v.a. in der SFIO-Jugend) ein linker FlĂŒgel. Die reformistische SFIO-BĂŒrokratie verlor an Kontrolle ĂŒber die Partei. Das bewog Trotzki, seine AnhĂ€ngerInnen zum Eintritt in die SFIO zu bewegen, um die entstandene Chance auszunutzen.

Die nur etwa 100 Mitglieder der trotzkistischen „Kommunistischen Liga“ in Frankreich waren isoliert. Die SFIO hingegen zĂ€hlte 120.000 Mitglieder. Trotzki meinte, dass RevolutionĂ€rInnen in der SFIO an Einfluss gewinnen und dort neue KrĂ€fte fĂŒr ein revolutionĂ€res Programm rekrutieren könnten. So sollte der Aufbau einer stĂ€rkeren revolutionĂ€r-kommunistischen Organisation beschleunigt werden. Trotzki ging jedoch davon aus, dass der Entrismus nur fĂŒr eine kurze Zeitspanne möglich und sinnvoll wĂ€re. Er beharrte darauf, dass dabei das eigene Programm sowie die eigene Presse aufrechterhalten werden mĂŒssen.

Am 29. August 1934 wurde die „Kommunistische Liga“ formell aufgelöst und ihre Mitglieder traten in die SFIO ein. Sie konstituierten sich als Fraktion, die Bolschewistisch-Leninistische Gruppe (GBL).

Vor allem ihre Kampagne fĂŒr den Aufbau einer antifaschistischen Arbeitermiliz zeigte Wirkung im linken ParteiflĂŒgel, der daraufhin die TPPS (Allzeit bereit zum Dienst)-Schutztruppe grĂŒndete. Sie schĂŒtzte Versammlungen gegen faschistische ÜberfĂ€lle und unternahm Aktionen, um die Faschisten von der Straße zu vertreiben. Die Mitgliedschaft in der Massenpartei verschaffte der GBL auch Zugang zu GewerkschafterInnen. 1935 erhielt die GBL einen erheblichen Stimmenanteil auf der nationalen Parteikonferenz. In der Jugendarbeit war die GBL am erfolgreichsten. Ihre Zeitung „Revolution“ verkaufte sich pro Ausgabe 80.000 Mal – mehr als das offizielle Parteiorgan.

Der Entrismus in der SFIO war, obwohl nicht von allen TrotzkistInnen immer konsequent im Sinne Trotzkis durchgefĂŒhrt, insgesamt erfolgreich. Doch die revolutionĂ€re Krise schwĂ€chte sich ab, v.a. weil die SFIO, die stalinistische KP und die Gewerkschaftsspitzen eine revolutionĂ€re Zuspitzung, d.h. die Machtergreifung der Arbeiterklasse, vereitelt hatten. Die FĂŒhrung der SFIO erlangte wieder stĂ€rkere Kontrolle ĂŒber die Partei. Ende Juli 1935 schloss sie 13 fĂŒhrende Mitglieder der SFIO-Jugend aus, darunter etliche Trotzkisten. Doch wie Trotzki vorausgesagt hatte, war seine französische Sektion gewachsen, weil sich etliche linke SFIO-Mitglieder dem Trotzkismus angeschlossen hatten. Die GBL konnte ihre Mitgliedschaft auf ĂŒber 300 im Sommer 1935 steigern.

In der inzwischen verĂ€nderten Situation plĂ€dierte Trotzki fĂŒr den Austritt aus der SFIO. Ein bedeutender Teil der GBL zögerte allerdings. Unter FĂŒhrung von Raymond Molinier und Pierre Frank ließ sie Teile des trotzkistischen Programms unter den Tisch fallen und ging an die Bildung einer gemeinsamen Gruppe mit Zentristen, die jedoch die SFIO nicht verlassen wollten. Trotzki bemerkte dazu: „Wenn man fortwĂ€hrend einer Organisation anhĂ€ngt, die keine proletarischen RevolutionĂ€re mehr in ihrer Mitte dulden kann, verkommt man zwangsweise zu einem elenden Werkzeug des Reformismus, Patriotismus und Kapitalismus.”

Der Entrismus wird, v.a. von Organisationen, die sich auf den Trotzkismus berufen, immer wieder angewendet, um den Kampf gegen reformistische oder zentristische KrĂ€fte intensivieren und aus deren temporĂ€ren Krisen Kapital schlagen zu können, d.h. schneller und mehr KrĂ€fte fĂŒr den Aufbau einer revolutionĂ€ren Partei zu gewinnen.

Im Zuge der politischen Degeneration der trotzkistischen IV. Internationale Anfang der 1950er Jahre wichen Konzeption und Praxis des Entrismus bei den verschiedenen Rest-Gruppen der IV. jedoch meist von den ursprĂŒnglichen Intentionen Trotzkis ab. Einige Organisationen, z.B. die Militant-Tendenz, verstanden den Entrismus nun als lĂ€ngerfristige Strategie der Mitarbeit in der Sozialdemokratie bzw. in der Labour-Party, mit der sie oft bis zur politischen Unkenntlichkeit verschmolzen. Anstatt den Reformismus auf Basis eines revolutionĂ€ren Programms zu bekĂ€mpfen, passte man sich ihm an.

Reformistische Parteien befinden sich nicht dauernd in einer offenen Krise, in der die FĂŒhrung den Entrismus aufgrund der Radikalisierung der Basis nicht verhindern kann – es sei denn, die „RevolutionĂ€rInnen“ verleugnen ihr Programm. Dieses Versteckspiel, diese Anpassung anstelle des offenen politischen Kampfes prĂ€gt sehr viele Entrismus-Projekte. Das fĂŒhrte dazu, dass „die TrotzkistInnen“ oft als Trickser und BetrĂŒger erscheinen, anstatt als offene und mutige StreiterInnen fĂŒr revolutionĂ€re Programmatik und Organisation.

Auch in Deutschland gab es wiederholt Situationen, wo Entrismus möglich und sinnvoll war. Etwa 1989/90 in der SED/PDS, die damals schwere Turbulenzen durchlebte und von verschiedenen Plattformen und Tendenzen geprĂ€gt war. Eine nĂ€chste Chance ergab sich 2005, als die EnttĂ€uschung Hunderttausender ĂŒber die unsoziale Agenda 2010 der SPD dazu fĂŒhrte, dass die WASG (Wahlalternative fĂŒr Arbeit und soziale Gerechtigkeit) entstand. Doch anstatt zu einer StĂ€rkung des revolutionĂ€ren Potentials zu fĂŒhren, fusionierte die WASG mit der PDS zur Linkspartei und fĂŒhrte dieser zweiten reformistischen Partei neben der SPD neue KrĂ€fte zu. Eine Ursache dafĂŒr war, dass das Gros der „radikalen Linken“ in der WASG (v.a. trotzkistische Organisationen) sich weigerte, die linkeren KrĂ€fte in WASG und PDS fĂŒr eine klassenkĂ€mpferisch-revolutionĂ€re Alternative zu gewinnen und eigenstĂ€ndig zu formieren. Stattdessen wurden sie entweder zum links-reformistischen „FlĂŒgel“ in der LINKEN und ergatterten Posten im Apparat (v.a. MARX 21) oder aber sie hingen dem Glauben an, die LINKE wĂŒrde eine wichtige positive Rolle in kommenden KlassenkĂ€mpfen spielen, man könne sie „nach links drĂŒcken“ und der politische Charakter der PDS wĂ€re noch offen (z.B. die SAV). Mehr als 10 Jahre spĂ€ter mĂŒssen letztere Erwartungen endgĂŒltig als illusorisch eingeschĂ€tzt werden.

In Momenten politischer und sozialer Krisen wird es immer wieder der Fall sein, dass reformistische oder zentristische Organisationen sich radikalisieren, nach links gehen und die Herrschaft ihrer Apparate und Konzeptionen in der Partei erodiert. Dann kann es sinnvoll sein, ihnen gegenĂŒber die Entrismus-Taktik anzuwenden. Doch Erfolg, d.h. einen Zugewinn an AnhĂ€ngerInnen fĂŒr ein anti-kapitalistisches Programm, kann sie nur haben, wenn sie auf der Grundlage revolutionĂ€rer Politik und grundsĂ€tzlicher Kritik an reformistischen und zentristischen Konzeptionen erfolgt. Vor allem darf der Entrismus kein lĂ€ngerfristiges, strategisches Projekt sein und nicht der illusorischen Annahme folgen, den Reformismus dauerhaft nach links bewegen zu können oder zu glauben, dass eine etwas linkere reformistische Formation eine notwendige Zwischenstufe zur revolutionĂ€ren Partei wĂ€re.

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