Fukushima: Welche Lehren?

Paul Pfundt

Am 11. März 2011 wurde Japan von einem Erdbeben erschüttert, dem ein Tsunami folgte, der weite Gebiete der Ostküste verwüstete und etwa 23.000 Tote und Vermisste forderte. Die Tsunami-Flutwelle erreichte auch das Kernkraftwerk (KKW) Fukushima, das infolge dessen havarierte. Einen kompletten Kollaps erlitt auch die mediale Berichterstattung in Deutschland. So berichtete etwa die ARD-Tagesschau am 11.3.13: „Japan gedenkt heute der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte damals den Nordosten des Landes erschüttert und eine bis zu 20 Meter hohe Tsunamiwelle ausgelöst. In der Folge kam es zu einem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima. Dabei kamen ungefähr 16.000 Menschen ums Leben“. Ob bewusst oder nachlässig: Immer wieder wurde von hohen Opferzahlen des KKW-Unfalls berichtet, die es überhaupt nicht gab.

Aktuell haben wieder einmal die Grünen in einem Tweet ihre Weltfremdheit und ihren Hang zum Lügen unter Beweis gestellt. Am Jahrestag von Fukushima twitterten sie: „Heute jährt sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum zehnten Mal. Zehntausende Menschen starben, die Region um das zerstörte Atomkraftwerk bleibt verseucht und unbewohnbar. Das lehrt uns: Sicher ist nur das Risiko.“ Vier Lügen in drei Sätzen. Chapeau! Nach massiver Kritik wurde der Tweed dann zwar gelöscht – ohne dass es aber eine Richtigstellung gegeben hätte.

Heute, 10 Jahre nach dem Unfall in Fukushima, widmen sich auch die „öffentlich-rechtlichen“ Großmedien erneut diesem Ereignis. Interessanter Weise wird diesmal aber nicht wie früher nur die Atom-Phobie geschürt. Die Berichte werden öfter in den Rahmen eines „Pro und Kontra Kernenergie“ gestellt. Sind die Anti-Atom-Trommler müde geworden?

Mitnichten! Sie reagieren nur auf ihre Weise auf einige offenkundige Tatsachen. Dazu zählt v.a. die angeblich drohende Klimakatastrophe, der durch eine Reduzierung der CO2-Emissionen begegnet werden müsse. Selbst in den Kreisen der Klimaschützer – v.a. außerhalb Deutschlands – wird daher die Kernkraft als (fast) CO2-freie Erzeugungstechnik mitunter positiv gesehen. Ein zweiter Umstand, der eine Rolle spielt, ist die wachsende Einsicht, dass die Energiewende (EW) mit dem Ausbau der „Erneuerbaren Energien“ (EE) die sichere Energieversorgung unterminiert und die Kernkraft daher Teil des Energiemixes sein müsse – zudem der Import von Atom-Strom aus den Nachbarländern für Deutschland immer bedeutsamer wird. Außerdem hat sich die These, dass die Welt – dem Beispiel Deutschlands folgend – aus der Kerntechnik aussteigt, nicht bestätigt. Schließlich ist auch der Fortschritt in der Kernspaltungstechnik in den letzten Jahren unübersehbar, so dass die Behauptung von der nicht beherrschbaren Kerntechnik immer fragwürdiger wird. Das alles dämmert offenbar selbst braven System-Journalisten.

Eine zentrale Behauptung der Kernkraft-Gegner gehört aber weiterhin zur Standard-Argumentation: die Mär von der Atomkatastrophe in Fukushima und der Unbeherrschbarkeit der Kernkraft. In den meisten aktuellen Berichten zu Fukushima kommen daher auch Ideologen, „Betroffene“ und „besorgte Bürger“ zu Wort, aber fast nie Fachleute, anerkannte Expertisen werden verschwiegen. Wir wollen daher hier einige Fakten zum Unfall im KKW Fukushima darlegen. Dabei stützen wir uns v.,a. auf einen Fachbeitrag des Kerntechnikers Dr. Klaus-Dieter Humpich, dessen Aussagen mit vielen anderen Fachbeiträgen übereinstimmen.

Das Erbeben – ein Problem?

K.D. Humpich schreibt, „dass solche Tsunamis in Japan nicht unwahrscheinlich sind. (…) Dieses Kraftwerk hätte so nie an diesem Ort gebaut werden dürfen. Dies war unter Fachleuten – bitte nicht verwechseln mit „Atomexperten“ – bekannt. (…) Es wäre nichts passiert, wenn die Flutwelle nicht gekommen wäre oder man das Kraftwerk „wasserdicht“ gebaut hätte. Der Vorgang einer Schnellabschaltung infolge eines Erdbebens ist in Japan Routine. Die Betriebsmannschaft war allerdings bezüglich des Tsunami so ahnungslos, dass sie sogar die Abkühlung des Blocks 1 noch verzögerte, um – wie erwartet – möglichst schnell wieder ans Netz zu kommen. Dies war leider eine fatale Fehlentscheidung, wie sich bald herausstellen sollte. Es verstrich fast eine wertvolle Stunde in Ahnungslosigkeit. Hier zeigt sich, wie wichtig ein Kommunikationssystem ist, das auch bei schweren Naturkatastrophen intakt bleibt: Wäre die Betriebsmannschaft über die Gefahr eines schweren Tsunami informiert worden, hätte sie mit Sicherheit ganz anders reagiert. Bei den Reaktoren 2 und 3 wurde die Isolation der Reaktoren von dem konventionellen Teil des Kraftwerks automatisch durchgeführt und die notwendigen Notkühlsysteme ausgelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle drei Reaktoren in einem sicheren Zustand und auch die Notkühlung funktionierte wie geplant.“ Das Erdbeben an sich war also kein Problem – schon gar kein unbeherrschbares.

Der Tsunami

Die Tsunami-Flutwelle traf das KKW knapp eine Stunde nach dem Beginn des Erdbebens. Es war also Zeit genug, die Blöcke zur Sicherheit herunter zu fahren. Dazu Dr. Humpich: „Im Kernkraftwerk Fukushima waren drei der sechs Blöcke in Betrieb. Block 4 war bereits vollständig entladen für einen Brennstoffwechsel mit Wartungsarbeiten. Die Blöcke 5 und 6 waren in Vorbereitung zum Wiederanfahren nach erfolgtem Brennelementewechsel. Durch das Erdbeben wurden alle sechs Hochspannungstrassen unterbrochen. Die Notstromdiesel zur Eigenversorgung im Inselbetrieb starteten. (…) Die Betriebsmannschaft war allerdings bezüglich des Tsunamis so ahnungslos, dass sie sogar die Abkühlung des Blocks 1 noch verzögerte, um – wie erwartet – möglichst schnell wieder ans Netz zu kommen. Dies war leider eine fatale Fehlentscheidung, wie sich bald herausstellen sollte. Es verstrich fast eine wertvolle Stunde in Ahnungslosigkeit. Hier zeigt sich, wie wichtig ein Kommunikationssystem ist, das auch bei schweren Naturkatastrophen intakt bleibt“.

Es ist natürlich ein Unding, dass die Techniker des KKW nicht rechtzeitig über die Gefahr informiert wurden und daher nicht adäquat reagieren konnten. Was hat das aber mit der Kerntechnik zu tun? Nichts! Sehr viel aber mit dem Management von Konzern und Staat.

Was passierte durch den Tsunami im KKW? Dazu Dr. Humpich: „Etwa 50 Minuten nach dem Erdbeben (…) brach eine Wasserwand auf das Kraftwerk ein und schlug alle Außeneinrichtungen der Blöcke 1 bis 4 kurz und klein. Dies war die Folge des bekannten Konstruktionsfehlers: Die Lage des Kraftwerks über dem Meeresspiegel war viel zu niedrig. (…) Sämtliche Kühlwasserpumpen der Blöcke 1 bis 4 sind abgesoffen und damit war keine Außenkühlung mehr möglich. Die Notstromdiesel, die Schaltanlagen und alle Batterien im Keller des Turbinengebäudes wurden durch das hereinbrechende Meerwasser zerstört. Zunächst überlebten die Diesel von Block 2 und 4, bis sie durch die zerstörten Schaltanlagen außer Gefecht gesetzt wurden. (…) Durch den totalen Stromausfall (station blackout) war die Mannschaft blind und kraftlos. Man hatte bald keine Informationen durch die Messgeräte mehr und konnte auch keine elektrischen Stellglieder mehr betätigen. So ließ sich das Ventil, welches man im Block 1 geschlossen hatte, um die Abkühlung zu verringern, nun nicht mehr öffnen. (…) Die Kernschmelze setzte etwa 5 Stunden später in Block 1 ein. Unter den hohen Temperaturen zersetzten sich die Brennstabhüllen durch eine chemische Reaktion zwischen Wasserdampf und Zirconium. Der Kern des Reaktors (…) fällt nun unkontrolliert in sich zusammen. Da die Nachzerfallswärme immer noch weiter wirkt, schmelzen Teile sogar auf. Es entsteht ein „Corium“, eine Legierung aus allen Bauteilen des Kerns, die nach dem Erkalten eine lavaähnliche Schlacke bildet. Deren Beseitigung ist die zentrale Herausforderung des Rückbaus. (…) Durch den ansteigenden Druck wurde der Deckel im Reaktor 1 undicht und es entwich Wasserstoff in das obere Stockwerk. (…) Etwa nach 24 Stunden explodierte das gebildete Knallgas und lieferte die spektakulären und immer wieder gern gezeigten Bilder. Nur hat dies nichts mit Kerntechnik zu tun, sondern ist eher ein Vorgeschmack auf die viel gepriesene „Wasserstoffwirtschaft“.“

Radioaktivität und ihre Folgen

Durch die Havarie wurden radioaktive Stoffe freigesetzt und somit die ohnehin vorhandene (natürliche) Radioaktivität leicht erhöht. Doch es wurde kein für die Gesundheit gefährlicher Dosisbereich erreicht. Anfänglich lagen die Strahlendosen im Sperrgebiet bei 50-100mSv/Jahr. Durch Dekontaminierungsmaßnahmen wurden die Werte auf 1-20 mSv/Jahr gesenkt. Diese Werte sind aber zu niedrig, als dass dadurch etwa ein statistisch signifikanter Anstieg von Krebsfällen entstehen könnte. Während eines Fluges von Berlin nach Tokio ist die radioaktive Strahlung höher als die Zusatzbestrahlung in Fukushima. Sind diese Flüge verboten? Erkrankt das fliegende Personal deshalb öfter an Krebs? Nein! Auch die Medizin nutzt in vielen Bereichen Strahlendosen, die deutlich höher sind als die in Fukushima gemessenen. Schon gar nicht kann die Rede davon sein, dass es eine langandauernde radioaktive Verseuchung in Fukushima gegeben hat.

Obwohl schon nach dem Unfall in Tschernobyl 1986 analysiert wurde, dass überhastete Evakuierungen der Bevölkerung so unnötig wie schädlich sind, wurden diese Erfahrungen in Fukushima nicht nur ignoriert – es gab sogar eine wahre Evakuierungsorgie. Erst dadurch kam es zu vielen Todesfällen, weil man Schwerkranke von Intensivstationen und Pflegefälle hastig abtransportiert hatte. Aufgrund der mangelhaften Betreuung und wegen Stress starben mehrere hundert Menschen. Sie sind die einzigen „Strahlenopfer“. Trotzdem wird auch heute noch entgegen allen Tatsachen von „Toten durch die Reaktorkatastrophe“ gesprochen. Mitunter werden auch die tausenden Opfer des Tsunamis mit den (angeblichen) Opfern des Reaktorunglücks in einen Topf geworfen. So geht Manipulation – und man muss sich nicht wundern, wenn ARD, ZDF und Co. als „Lügenmedien“ bezeichnet werden.

Nicht die „besondere Gefährlichkeit“ der Kerntechnik hat in Fukushima zum Unfall und zu hunderten Toten geführt, sondern die durch eine irrationale Strahlenangst motivierten Evakuierungsmaßnahmen und das Versagen der zuständigen Sicherheits-Strukturen des Betreiber-Konzerns TEPCO und des Staates. Sie haben in mehrfacher Hinsicht ihre Aufgaben nicht erfüllt:

  • bei der Standort-Planung und -genehmigung;
  • bei der Informationssicherung bei Notfällen;
  • bei der vom Systemgeber angemahnten, aber unterlassenen Nachrüstung des KKW gegen die Gasexplosionsgefahr;
  • bei der Evakuierung.

Während die Grünen und die Atomkraft-Gegner eine rein ideologisch motivierte Atomphobie und Technikfeindlichkeit schüren, die den „grünen“ Investoren in die EE nützen, geht es vielmehr darum aufzuzeigen, dass es das Privateigentum und die damit verbundenen Interessen sowie die untauglichen Strukturen des bürgerlichen Staates sind, die den Unfall von Fukushima zu verantworten haben. Wir müssen nicht aus der Kerntechnik aussteigen, sondern aus dem Kapitalismus! Die Fortschritte in der Kerntechnik in den letzten 10 Jahren zeigen, dass wir der Lösung aller (vermeintlichen oder tatsächlichen) Probleme der Kerntechnik immer näher kommen und viele Lösungen in der Praxis bereits funktionieren. Die Alternative zur Verbrennung von Kohle, Gas und Öl sind nicht mittelalterliche Windräder, sondern die III. und IV. Generation von Kernkraftwerken. Nur damit ist die Lösung einer Umwelt- und Ressourcengerechten und sicheren Energieversorgung der wachsenden Menschheit möglich.

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