Gramsci: Hegemonie statt Revolution?

Hanns Graaf

Antonio Gramsci gilt zwar nicht als Klassiker des Marxismus, doch viele Linke beziehen sich auf ihn. Im Zentrum des Interesses steht dabei sein Hegemoniekonzept. Die Spanne von Positionen zu Gramsci ist groß. Während etwa Reformisten die Hegemonie als Alternative zur Revolution ansehen, lehnen ihn „M/L-Marxisten“ als Abweichung von Lenins Staats- und Revolutionskonzept ab.

Wir wollen in diesem Beitrag zeigen, warum wir Gramsci wichtige Anstöße zur Weiterentwicklung des revolutionären Marxismus verdanken und warum das Streben nach Hegemonie nicht im Widerspruch zur Revolution steht.

Bei der Beschäftigung mit Gramscis Schriften, v.a. den „Gefängnisheften“, müssen deren fragmentarischer Charakter und die faschistische Zensur, die ihn zur Codierung des Inhalts zwang, berücksichtigt werden. Diese erzwungene „Unschärfe“ macht es Interpretatoren Gramscis leicht, ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Trotzdem kann klar gezeigt werden, dass Gramsci kein Reformist war, sondern immer einer antikapitalistisch-revolutionären Grundanschauung treu blieb.

Es ist  kein Zufall, dass Gramsci keine „Schule“ begründet hat. Zu oft haben sich seine Positionen in wichtigen Fragen geändert, z.B. zur Einheitsfront, zur Theorie der Permanenten Revolution, zur Komintern-Politik usw. Noch in den 1920ern hatte sich Gramsci auf Lenins Staatstheorie bezogen. Erst später führte er die Kategorie der „Hegemonie“ ein und rückte damit von dessen Konzept ab. Er beharrte aber weiter wie Lenin darauf, dass die Arbeiterklasse in der Revolution die Staatsmacht ergreifen und den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen müsse.

Doch Gramsci erkannte – nicht als einziger Marxist -, dass die Art von Revolution, wie sie 1917 in Russland vollzogen wurde, nicht 1:1 auf die deutlich anderen Verhältnisse in den entwickelteren Ländern Westeuropas übertragen werden konnte. Tatsächlich siegten die Bolschewiki, weil sie eine geeignete Taktik für die besonderen russischen Bedingungen entwickelt hatten bzw. Lenin seine bis dahin vertretene, unzureichende Revolutionskonzeption mit den „Aprilthesen“ den Anforderungen angepasst hatte.

Wir haben diese Frage schon früher in einigen Artikeln behandelt (z.B. hier). Daher an dieser Stelle nur einige Bemerkungen dazu. Anders als in Westeuropa gab es in Russland weder in ideologischer noch in struktureller Hinsicht einen einflussreichen Reformismus, der sich wie etwa 1918 in Deutschland der Revolution massiv hätte entgegenstellen können. Die Demokratie war sehr schwach ausgeprägt und fiel somit als Faktor, der die Massen ins System einbinden konnte, aus. Die  Bauernschaft, v.a. die Dorfarmut, begrüßte die Revolution, während in Westeuropa die Mittelbauernschaft stärker war und sich zur Revolution ablehnend verhielt. Die russische Bourgeoisie war schwach und der Staatsapparat wenig sozial verankert und marode. Nur diese u.a. besonderen Bedingungen ermöglichten es den Bolschewiki, sich mit zu Beginn der Revolution schwachen Kräften – im Grunde nur mit ihrer Kaderpartei – schließlich durchzusetzen. Zweifellos können Revolutionäre vom Agieren der Bolschewiki viel lernen, doch die besonderen Bedingungen des damaligen Russland existieren heute nicht mehr. Am ehesten waren die russischen Bedingungen noch in Spanien 1936 oder in Griechenland 1944 vorhanden, doch in beiden Fällen fehlte eine revolutionäre Partei, wie es die Bolschewiki waren. Natürlich war für das Scheitern der Revolutionen im Westen auch das Fehlen oder die Schwäche der revolutionären Parteien von großer Bedeutung, was Gramsci aber weniger betont als andere Fragen.

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