Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?

Das DDR-Wohnungsbauprogramm

Hanns Graaf

Der bekannte Werbeslogan von IKEA enthĂ€lt mehr ernst zu nehmenden Inhalt, als es sich die Marketing-Experten wohl gedacht haben. Schon Friedrich Engels wies darauf hin, von welch großer Bedeutung die WohnverhĂ€ltnisse fĂŒr die gesamten LebensverhĂ€ltnisse sind. Man könne, so meinte er mit Blick auf die WohnumstĂ€nde der Arbeiterklasse, die Menschen mit einer Wohnung auch „erschlagen“. Leben ist nicht nur Wohnen, aber Wohnen ist immer ein StĂŒck Leben.

Engels vertrat die Auffassung, dass der Kapitalismus letztlich die Wohnungsnot – sowohl den Mangel an Wohnraum als auch die mangelhafte QualitĂ€t der Wohnungen der Massen – nicht generell beheben kann. Nun meinen manche Linke, dass dem nicht so sei – zumindest in LĂ€ndern wie Deutschland, wo es an sich genug Wohnraum gibt und Wohnungsnot oder Obdachlosigkeit eher  marginale Probleme sind. Allerdings abstrahiert eine solche Position von der Situation des globalen Kapitalismus, wo schlechter oder fehlender Wohnraum eines der Hauptprobleme von Milliarden von Menschen ist. Dazu kommt, dass selbst das, was hierzulande als „gute Wohnung“ gilt, oft nur eine Art Wohn-Minimum darstellt, das höheren BedĂŒrfnissen keineswegs gerecht wird. Schließlich impliziert die dargestellte Position auch eine Wohn- und damit Lebensweise, welche sich nach bĂŒrgerlichen Strukturen wie Familie und dazugehörigem privaten Kleinhaushalt richtet. Dagegen ist grundsĂ€tzlich einzuwenden, dass eine andere, bessere Gesellschaft wohl kaum anders oder gar besser funktionieren kann als eine bĂŒrgerliche, wenn sie in einem so wichtigen Lebensbereich wie dem Wohnen dieselben Strukturen und Gewohnheiten aufweist wie die bĂŒrgerliche oder gar vorbĂŒrgerliche Gesellschaft.

Das DDR-Wohnungsbauprogramm

Das Wohnungsbauprogramm wurde vom Zentralkomitee der SED auf seiner 10. Tagung am 2.10.1973 beschlossen und ging auf einen entsprechenden Beschluss des VIII. Parteitags 1971 zurĂŒck. Es wurde zum Kern des „sozialpolitischen Programms“ der SED. Die Wohnungsfrage als sozialpolitisches Problem sollte so in der DDR bis 1990 gelöst sein.

Das unter Honecker ab Anfang der 1970er forcierte Wohnungsbauprogramm gilt nicht zu Unrecht als eine der grĂ¶ĂŸten sozialpolitischen Leistungen der DDR. 1970, zu Beginn des Wohnungsbau-Programms, lag der Wohnungsbestand bei 5,9 Millionen. Bei etwa 17 Mill. Einwohnern entsprach das ca. 345 Wohnungen je 1.000 Einwohner. Bis 1988 stieg die Zahl der Wohnungen auf 7 Millionen – bei gleichzeitig leicht gesunkener Einwohnerzahl, die 1988 noch 16,66 Millionen betrug. Der Zuwachs von rechnerisch nur 1 Million erklĂ€rt sich auch aus der erheblichen Zahl von Wohnungen, die in dieser Zeit wg. Unbewohnbarkeit, Fehlnutzung oder Abriss aus dem Bestand heraus fielen. Auch die Ausstattung der Wohnungen verbesserte sich und die Quadratmeterzahl pro DDR-BĂŒrgerIn erhöhte sich in dieser Zeit von 20,6 auf 27mÂČ (alle Zahlen aus: Statistisches Taschenbuch der DDR 1989). Von 1971-89 wurden etwa 3,3 Mill. Wohnungen gebaut und modernisiert, davon ĂŒber 2 Millionen in Plattenbautechnik.

Das sind durchaus beeindruckende Fakten – und doch verweisen sie zugleich auf zentrale Probleme der „Lösung des Wohnungsproblems“ unter den Bedingungen des Stalinismus. So wurde z.B. sehr viel Wohnraum fĂŒr BĂŒro- oder sogar fĂŒr Produktionszwecke zweckentfremdet genutzt, der zudem  dafĂŒr meist total ungeeignet war. Anstatt also zuerst diese Ressourcen zu erschließen und Zweckbauten zu errichten, wurden zuerst (die bezĂŒglich des Baubedarfs aufwĂ€ndigeren) WohnhĂ€user gebaut.

Unter Honeckers VorgĂ€nger Ulbricht entstand die gute Idee, mehrere Verwaltungen rĂ€umlich zusammen zu fassen. Angesichts des enormen Umfangs an staatlicher und politischer Verwaltung hĂ€tte das zu erheblichen Einspar- und Rationalisierungseffekten gefĂŒhrt und viele WohngebĂ€ude wieder ihrer eigentlichen Zweckbestimmung zugefĂŒhrt. Doch selbst diese, an sich bescheidene Idee wurde fast nie umgesetzt.

Neubauwut

Das Wohnungsbauprogramm bestand zum grĂ¶ĂŸten Teil aus der Errichtung von Neubauten aus Beton-Fertigteilen, der „Platte“. Diese Bautechnik war fĂŒr Neubauten durchaus rationell und relativ billig, was allerdings auch mit einer oft bescheidenen Ausstattung sowohl der Wohnungen selbst als auch der Wohngebiete mit öffentlichen Service-Einrichtungen wie Kneipen, Jugendclubs, Kinos usw. einher ging. Dass der Neubau so dominant war, erklĂ€rt sich als Notwendigkeit rein statistisch allerdings kaum, denn das VerhĂ€ltnis von 17 Mill. Einwohnern zu 6 Mill. Wohnungen vor Beginn von Honeckers Bauprogramm verweist nicht gerade auf eine akute Wohnungsnot – zudem viele Menschen, die z.B. in Altersheimen, in Kasernen, GefĂ€ngnissen oder in Internaten lebten, keine eigene Wohnung hatten.

Der hohe Bedarf an Neubauten erklĂ€rt sich v.a. daraus, dass die Instandhaltung nach Kriegsende strĂ€flich vernachlĂ€ssigt worden war. Das fĂŒhrte dazu, dass viele Wohnungen schlecht ausgestattet, mangelhaft oder sogar unbewohnbar waren. Trotz des enormen Neubauvolumens, v.a. in der Hauptstadt Berlin, gab es landesweit zugleich sehr viele Wohnungen, die leer standen, weil sie nicht bewohnbar waren. So wurde in den 1970ern die Jugend-Initiative „DĂ€cher dicht“ gestartet, weil die Bauwirtschaft es nicht schaffte, die DĂ€cher instand zu halten. Im Kabarett witzelte man, dass „das Land einen Dachschaden“ habe. Dabei wĂ€re die Sanierung deutlich effizienter gewesen, wie eine Zahl zeigt: 1988 standen 110.511 Neubauwohnungen 108.732 modernisierte Wohnungen gegenĂŒber (in den Jahren davor war das VerhĂ€ltnis zwischen Neubau und Sanierung noch weit mehr zugunsten des Neubaus verschoben). Doch der Bau-Aufwand fĂŒr Neubauten war fast 6mal so hoch wie der bei Sanierungen.

Wir können tatsĂ€chlich sagen, dass der massenhafte Verfall von Wohnraum erst zur Voraussetzung des riesigen Neubauprogramms wurde. Dazu kam, dass auch die Verteilung des vorhanden Wohnraums schlecht bzw. bĂŒrokratisch geregelt war. So war es oft sogar schwer, eine grĂ¶ĂŸere gegen eine kleinere Wohnung zu tauschen. Das enorme Ausmaß der Subventionierung der Mieten hat die Fehlnutzung von Wohnraum noch begĂŒnstigt. So gab es Leute, die trotz niedrigen Einkommens eine sehr große Wohnung hatten, die sie an sich nicht unbedingt brauchten. Es kam sogar vor, dass manche Leute sich, ohne wirklichen Bedarf zu haben, zwei Wohnungen leisten konnten, wovon dann mitunter eine (illegal) untervermietet und – auf Kosten der Gesellschaft – zur zweiten Einkommensquelle wurde.

Der private Hausbau sah sich enormen Problemen gegenĂŒber. Diese waren weniger finanzieller Art, Geld oder Kredit war durchaus verfĂŒgbar. Das große Problem war die Beschaffung von Material und von Handwerkern. Die Bau-Eigenleistung war deshalb genauso usus wie das „Abzweigen“ von Material aus den Betrieben (Spötter zitierten das Ulbricht-Motto: „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen.“) oder die Nutzung der „normalen“ Arbeitszeit fĂŒr private Arbeit.

Meist wurden auf der grĂŒnen Wiese riesige SatellitenstĂ€dte gebaut, anstatt in den Zentren die vielen BaulĂŒcken zu schließen, die es v.a. durch den Krieg gab oder Dachgeschosse auszubauen. Das zog riesige Investitionen fĂŒr die Erschließung und die infrastrukturelle Anbindung nach sich. Es entstanden in fast allen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten Neubausiedlungen, aber auch Neubaublöcke in vielen Dörfern, was dem lĂ€ndlichen Charakter meist nicht entsprach. Der grĂ¶ĂŸte zusammenhĂ€ngende Stadtneubau war Halle-Neustadt mit mehr als 93.000 Einwohnern (Stand 1981).

Auch Ost-Berlin breitete sich enorm in die FlĂ€che aus, obwohl die Einwohnerzahl fast gleich blieb. Berlin ist auch in anderer Hinsicht ein fast makabres Beispiel fĂŒr bĂŒrokratische Bauwut. Insgesamt wurden im Ostteil Berlins nach dem 2. Weltkrieg 360.000 Wohnungen gebaut, davon 273.000 in Plattenbauweise. D.h. fast eine halbe Million Berliner – von ca. 1,3 Millionen – erhielt eine neue oder ausgebaute Wohnung. Selbst die KriegsschĂ€den können aber eine derart hohe Neubauquote nicht begrĂŒnden, zudem gerade Berlin im Vergleich zu anderen deutschen StĂ€dten eine relativ junge Bausubstanz hatte.

1976 hatte das SED-PolitbĂŒro die „Aufgaben zur Entwicklung der Hauptstadt der DDR, Berlin, bis 1990“ beschlossen. Diese sahen u.a. vor, dass von den fast 500.000 Wohnungen Ost-Berlins bis 1990 rund 80.000 abgerissen werden sollten, „weil die Substanz verschlissen ist“. (Berliner Zeitung, 27./28.3.76) Wer das Wohnungsproblem dadurch lösen will, dass er Wohnraum in der Dimension einer Großstand mit ĂŒber 200.000 Einwohnern abreißt, muss sich nicht wundern, dass sein Vorhaben riesige Ressourcen verbraucht, die natĂŒrlich woanders fehlen. „Wir bauen unser eigenes Grab“, meinten hinter vorgehaltener Hand denn auch einige DDR-Ökonomen.

Sozialistisches Wohnen?

Doch die hohen und in der Art der Verwendung tw. unsinnigen Bauaufwendungen sind nur eine – allerdings typische – Seite der bĂŒrokratischen Planung und des Ausschlusses der demokratischen Mitwirkung der Bevölkerung. Ein anderer, nicht weniger bedeutender Aspekt ist die Frage, was gebaut wurde: welche Art Wohnung, welche Art von „behaustem Leben“?

Die gesichts- und geschichtslosen Plattenbausiedlungen der DDR sahen oft nicht anders aus als Ă€hnliche Projekte im Westen. Von einer anderen, stĂ€rker kollektiven Lebensweise, die auch eine andere Art von Wohnbauten erfordert hĂ€tte, konnte in der DDR keine Rede sein. Allein das Fehlen von GemeinschaftsrĂ€umen zeigt die ungebrochene Orientierung auf Kleinfamilie und privaten Minihaushalt. Proletarische Traditionen von hĂ€uslicher Gemeinschaftlichkeit (Geselligkeit, gemeinsames WĂ€schewaschen oder Kochen) wurden allgemein ignoriert. Auch darĂŒber gab es jedoch keine öffentliche Diskussion. Eine solche Gemeinschaftlichkeit des Wohnens unabhĂ€ngig von der Familienstruktur gab es allenfalls in Form von Studenten-WGs bzw. Studentenwohnheimen. Doch sollten diese, v.a. dem Sparzwang geschuldeten, „Zwangsgemeinschaften“ auf niedrigem Niveau nicht mit einem freiwilligen Kooperieren von Menschen auf möglichst hohem materiellen und kulturellen Stand verwechselt werden.

Der Autor kann sich noch gut an seine Studentenzeit Ende der 1970er in Potsdam erinnern. Ein Teil der Studenten wohnte und lernte in Potsdam-Babelsberg in ehemaligen Villen der Ufa-Stars. Diese waren als Studentenheim oder fĂŒr Lehrveranstaltungen völlig ungeeignet. Auch die Instandhaltung litt unter unter der stĂ€ndigen Fluktuation der BewohnerInnen und ihrem Desinteresse an der Ausgestaltung und Pflege dieser ehemals noblen, aber immer mehr verfallenden  HĂ€user. Die nur 10 DDR-Mark Monatsmiete (inkl. BettwĂ€schenutzung) machten zudem eine Kostendeckung komplett unmöglich.

Solche Beispiele fĂŒr eine völlig unangemessene Nutzung von Wohnraum gab es zuhauf. Sie verweisen darauf, wie unmöglich es ist, Wohnraum effektiv zu nutzen, wenn einerseits das Privateigentum an Wohnraum abgeschafft, es andererseits aber nur durch eine bĂŒrokratische Verwaltung ersetzt wurde. Haben der PrivateigentĂŒmer wie auch die Nutzer an sich ein Interesse an der Erhaltung und sinnvollen Nutzung von Wohnraum – ob nun aus ProfitgrĂŒnden oder deshalb, weil man gut wohnen möchte, hat eine BĂŒrokratie dieses Interesse nicht oder allenfalls in vermittelter Form. In der DDR waren aber beide – die PrivateigentĂŒmer wie die Nutzer – enteignet. Die Folgen: Verantwortungslosigkeit, GleichgĂŒltigkeit, Ohnmacht der BewohnerInnen und Ausschaltung ihrer Interessen, FĂ€higkeiten und Kenntnisse.

Ein Beispiel soll zeigen, dass mehr KollektivitĂ€t aber sogar erhebliche materielle Vorteile fĂŒr den Einzelnen bzw. die „Familie“ wie fĂŒr die Gesellschaft insgesamt haben kann. Üblich war – im Osten wie im Westen -, dass jeder Haushalt ĂŒber eine Waschmaschine verfĂŒgte. Bei zehn Haushalten in  einem stĂ€dtischen Mehrfamilienhaus sind das 10 GerĂ€te. WĂŒrde das Haus ĂŒber einen Gemeinschaftsraum zum WĂ€schewaschen verfĂŒgen, könnten dort 3 oder 4 Waschmaschinen aufgestellt werden, dazu Trockner oder sogar eine BĂŒgelmaschine, fĂŒr die in einer Wohnung gar kein Platz wĂ€re und die auch nicht wirklich ausgenutzt werden könnten. Auch das Waschen verschiedener WĂ€schearten – bunte, weiße – gleichzeitig wĂ€re so möglich. Zudem brauchte man insgesamt weniger Waschmaschinen und hĂ€tte mehr Platz im „privaten“ Bad, was den Zusatzbedarf eines Raumes im Haus ökonomisch ausgleichen wĂŒrde. Zudem wĂŒrde der „Waschsalon im Haus“ auch erhebliche Zeiteinsparung gegenĂŒber dem Weg zu einem solchen im Kiez bedeuten.

Die konkrete Bauweise ist nur die bauliche „HĂŒlle“ fĂŒr eine bestimmte Lebensweise. Typisch fĂŒr die DDR (und den Stalinismus insgesamt) war dabei eine Melange aus Mißachtung des Individuums, seiner BedĂŒrfnisse und FĂ€higkeiten, und den Machtstrukturen der BĂŒrokratie mit  strikt bĂŒrokratisch geregelten tw. pseudo-demokratischen Mechanismen. Hier spiegelte sich konkret nur der allgemeine Umstand wider, dass zwar das Privateigentum abgeschafft und der bĂŒrgerliche Staatsapparat zerschlagen waren, jedoch nur, um durch einen neuen, der Form nach ebenfalls bĂŒrgerlichen Apparat ersetzt zu werden. Dieser, dem Stalinismus zugeschriebenen Vorgehensweise,  begegnen wir allerdings auch schon von allem Anfang an in der Politik der Bolschewiki nach 1917.

Auf dem DDR-Wohnungssektor hieß das v.a.: bĂŒrokratische Verwaltung der Wohnungen in Verbindung mit – letztlich fast einflusslosen „Kollektivstrukturen“ wie den Hausgemeinschaften. Alle wesentlichen wohnungspolitischen Fragen wurden innerhalb der BĂŒrokratie entschieden, ohne dass die Bevölkerung oder auch Expertengremien außerhalb der Partei- und MinisterialbĂŒrokratie wirklich eingebunden gewesen wĂ€ren. Das war auch schon deshalb ausgeschlossen, weil diese kaum Informationen hatten, auf deren Basis sie hĂ€tten etwas sinnvoll beurteilen, vorschlagen oder gar entscheiden können, was mit sinnvoller Planung zu tun gehabt hĂ€tte. NatĂŒrlich war es auch im Wohnungssektor unmöglich, eine kollektive „Insel der Seeligen“ zu errichten, wenn es ansonsten in der Gesellschaft so war, dass die BĂŒrokratie alles entschied und organisierte und nicht die Basis.

Auch die ökonomisch völlig unnĂŒtze massive Subventionierung der Mieten, die weit unter den realen Kosten fĂŒr die Instandhaltung lagen, fĂŒhrte dazu, dass das Interesse der Mieter am Erhalt bzw. der Verbesserung des Wohnraums gering und eine permanente Unterfinanzierung der Instandhaltung gegeben war. Hier zeigte sich auf fatale Weise aber nur konkret das allgemeine Problem, dass das Preissystem durch die Subventionen und staatlich willkĂŒrlichen Preisfestlegungen völlig verzerrt war. Das „Soziale“ der Honeckerschen Sozialpolitik bestand weitgehend in der absurden Vorstellung von PreisstabilitĂ€t. In einem Gebirge von Subventionen ging notwendigerweise der Überblick ĂŒber die realen wirtschaftlichen ZusammenhĂ€nge und VerhĂ€ltnisse verloren. Es war allgemein bekannt, dass selbst die extrem billigen Mieten nicht von allen Mietern pĂŒnktlich oder ĂŒberhaupt bezahlt wurden, so dass sie von den Mitarbeitern der Wohnungsverwaltungen eingetrieben werden mussten, indem diese von TĂŒr zu TĂŒr gingen, um die SĂ€migen zu ermahnen. Der Aufwand dafĂŒr lag oft ĂŒber dem, was dann ĂŒberhaupt eingetrieben wurde.

Die Verwaltung der Wohnungen durch (v.a. ehrenamtliche) VertreterInnen der MieterInnen hĂ€tte nicht nur die EffektivitĂ€t von Entscheidungen merklich verbessern können. Ein solches System hĂ€tte auch ermöglicht, enorme materielle und personelle Ressourcen der Wohnungs-Verwaltungs-BĂŒrokratie einzusparen und in produktive Bereiche umzuleiten. Landesweit hĂ€tten so schlagartig abertausende Wohnungen, in denen die kommunalen Wohnungsverwaltungen (KWV) saßen, wieder als Wohnraum genutzt werden können.

Ein simples Beispiel, das der Autor selbst erlebt hat, soll den kompletten Aberwitz der DDR-Wohnungsverwaltung illustrieren. Wenn ein Fenster oder eine TĂŒr zu streichen war, musste man als Mieter zur KWV gehen. Nachdem man dort mehr oder weniger lange warten musste, konnte man einen Antrag auf Handwerkerleistungen stellen. Da alle Seiten grundsĂ€tzlich davon ausgingen, dass diese aber (aufgrund des Mangels an Handwerkern oder weil sie im Wohnungsneubau eingesetzt waren) gar nicht verfĂŒgbar waren, konnten, sollten und mussten die Malerarbeiten dann in Eigenleistung erfolgen. Die Materialkosten – nicht die Arbeitskosten (!) – wurden von der KWV bezahlt. Falls die Eigenleistung nicht möglich war, erhielt man einen Schein, mit dem man zum Handwerker ging, damit der dann eventuell irgendwann oder auch nie die Reparatur ausfĂŒhrte. Dieses absurde Prozedere war typisch fĂŒr die dem Kapitalismus „historisch ĂŒberlegene“ Gesellschaft des „Realsozialismus“.

In keiner Statistik sollten (und konnten) solche Dinge aufscheinen. Stattdessen verglich man abstrakte Quadratmeterzahlen von Wohnungen in Ost und West, ohne dabei aber z.B. die wichtige Frage zu beleuchten, wie es um die (im Westen deutlich höhere) WohnqualitÀt beschaffen war.

Die bĂŒrokratischen und völlig unökonomischen Strukturen des DDR-Wohnungswesens, die letztlich  nicht nur keine Verbesserung bewirkten, sondern sogar zur zunehmenden Verschlechterung der Wohnsituation der Massen im Vergleich zur BRD beitrugen, wurde in der Statistik wegretuschiert – nicht aber in der RealitĂ€t und auch nicht im Bewusstsein der Menschen. Um die „GrandiositĂ€t“ des Wohnungsbaus in der DDR etwas „einzuordnen“, soll hier erwĂ€hnt werden, dass in der BRD der Anteil des Wohnungsbaus an der gesamtwirtschaftlichen Leistung in allen Jahren nach 1945 höher war als in der DDR.

Eine neue Gesellschaft muss auch daran erkennbar sein, wie und was sie baut. Selbst die bĂŒrgerliche Gesellschaft unterschied sich dabei stark von der feudalen. Die DDR u.a. LĂ€nder des Ostblocks haben insgesamt keine andere Art des Bauens oder der Bauten hervorgebracht als der Kapitalismus. Was hier wie dort als Wohnungen massenhaft gebaut wurde, waren nichts anderes als BauhĂŒllen fĂŒr eine (klein)bĂŒrgerliche Wohnkultur und Lebensweise. Das einzig Markante am Bauen im Osten waren vielleicht die allgegenwĂ€rtigen Plattenbauviertel, die nicht zufĂ€llig – und trotzdem sie begehrt waren – diverse pejorative Bezeichnungen bekamen wie Wohnsilos oder ArbeiterschließfĂ€cher.

Es mag Zufall gewesen sein, dass die erste anti-stalinistische Massenbewegung der DDR im Juni 1953 auf den Baustellen an der Berliner Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) begann. Auf jeden Fall war sie symboltrĂ€chtig, denn die dort im stalinschen pompösen ZuckerbĂ€ckerstil gebauten HĂ€user (dem Baustil der Nazis sehr Ă€hnlich) waren mit ihrem hohen Bauaufwand und ihrer unökonomischen Struktur mit viel Zierrat und sehr hohen RĂ€umen (niedrige Energieeffizienz) geradezu ein Hohn angesichts der Wohnungsnot nach dem Krieg. Jedem Arbeiter war wohl klar, dass man so das Wohnungsproblem nicht beheben konnte und diese ReprĂ€sentationsbauten wohl mehr fĂŒr FunktionĂ€re als fĂŒr ArbeiterInnen gedacht waren.

Nicht nur die proletarischen Wohn-Traditionen und Erfahrungen wurden von der BĂŒrokratie missachtet, auch die in manchen Belangen fortschrittlichen Bauhaus-Konzepte, die ja mit ihren historischen Zentren Dessau und Weimar gerade in der DDR von besonderem Interesse hĂ€tten sein mĂŒssen, wurden kaum aufgegriffen und nicht wirklich weiter entwickelt – es sei denn in dem Sinn, dass das ganze Land mit den ewig gleichen Betonquadern zugestellt wurde.

Dass trotz des enormen Umfangs des Wohnungsbaus das Wohnungsproblem zwar deutlich gemildert, aber keineswegs gelöst worden war, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass es Ende 1989 bei den zustĂ€ndigen Ämtern noch fast 800.000 AntrĂ€ge auf Wohnungs- bzw. Wohnraumzuweisung gab. Die Ursache dafĂŒr war auch, dass parallel zu den Neubauten viele Altbauten weiter verfielen und unbewohnbar wurden, was man z.B. in Leipzig oder Dresden sehen konnte. Da lt. der offiziellen Regelung viele Menschen mit einer bestimmten Wohnung „endversorgt“ waren, hatte ein Antrag fĂŒr eine bessere Wohnung oft kaum eine Chance, so dass er oft erst gar nicht gestellt wurde. Diesen Umstand eingerechnet, wĂ€re die Zahl der WohnungsantrĂ€ge noch weit höher gewesen.

Das Wohnungsbauprogramm hat die Wohnsituation von Millionen zweifellos verbessert – eine „sozialistische Wohnkultur“ jedoch wurde nicht einmal in AnsĂ€tzen verwirklicht. Auch die bĂŒrokratische Bauwut erwies sich – wie alle anderen sozialpolitischen Maßnahmen der SED – als nichts anderes als eine Form bĂŒrgerlicher Sozialstaatspolitik. Die Menschen wurden mit ihrer Plattenbauwohnung befriedet – aber nicht befriedigt.

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