Frauen in der DDR

Hanns Graaf

In der DDR war die soziale Abstufung wesentlich geringer als in der BRD. Auch die sozialen Privilegien der herrschende Bürokratie in der DDR waren kleiner als die der westdeutschen Bourgeoisie, wenngleich ihre politische Macht größer und nicht durch demokratische Regularien beschränkt war. Zwar gab es in der DDR auch eine Schicht von Frauen von „Prominenten“ oder Funktionsträgern, deren Leben einfacher und besser war als das der proletarischen bzw. werktätigen Frauen, doch war auch hier der soziale Unterschied relativ gering.

Anders als im Westen bezog sich die offizielle Ideologie auf das von der Arbeiterbewegung und im Marxismus betonte Ziel der Überwindung der spezifischen Unterdrückung der Frau und des Kampfes für deren volle rechtliche und materielle Gleichstellung gegenüber dem Mann. In der DDR wurde richtigerweise (und im Unterschied zum Westen) die gleichberechtigte Stellung im und die Einbindung in den Produktionsprozess stark betont, weil nur auf dieser ökonomischen Basis eine wirkliche soziale Gleichstellung von Frauen erreichbar ist.

Trotzdem tat sich auch in der „Frauenfrage“ zwischen der offiziellen Ideologie und der politischen und sozialen Realität eine tiefe Kluft auf.
Der markanteste Unterschied zwischen „Ost- und Westfrauen“ bestand darin, dass in der DDR ca. 90% der Frauen berufstätig waren. Davon verfügten 87% über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Diese Quoten lagen deutlich über jenen in der BRD, wo es auch in der Arbeiterklasse mehr „Hausfrauen“ gab. Die stärkere Berufstätigkeit hatte mehrere Folgen: DDR-Frauen waren stärker in wirtschaftlich-industrielle Milieus eingebunden, auch wenn die Mehrzahl in nicht-technischen Berufen arbeitete (Verwaltung, Dienstleistungen, soziale Berufe). Die Berufstätigkeit machte die Frauen materiell unabhängiger vom Partner, ihr Selbstbewusstsein und ihre soziale Kompetenz waren entwickelter als bei vielen Frauen im Westen. Die Kehrseite der Medaille war aber, dass die Berufstätigkeit oft zu einer Doppelbelastung der Frauen führte, da sie neben dem Job nach wie vor hauptsächlich für Familie, Kinder und Haushalt zuständig waren.

Eine wesentliche Voraussetzung der Berufstätigkeit von Frauen – und ein deutlicher Unterschied zwischen DDR und BRD – war das Vorhandensein von kommunalen oder betrieblichen Kindereinrichtungen (Krippen, Kindergärten, Horte). In der DDR konnten ca. 95% aller Kinder so betreut werden und damit eine fast vollständige Betreuung abgesichert werden. In der BRD hingegen lag und liegt diese Quote wesentlich niedriger. Dazu kommt, dass die Kinderbetreuung in der DDR aufgrund der Subventionierung sehr billig war, während sie im Westen oft so teuer war, dass ein Kita-Platz nicht bezahlbar war oder die Einkünfte der berufstätigen Mutter davon weitgehend aufgefressen wurde, so dass sie letztlich doch zu Hause blieb. Ein wichtiger Unterschied war auch, dass in der DDR die Kinderbetreuung eine Ganztagsbetreuung war, während in den West-Kitas die nur stundenweise Betreuung überwog, die eine volle Berufstätigkeit der Mutter faktisch ausschloss. Aufgrund der besseren Bedingungen war es in der DDR im Unterschied zur BRD auch nicht selten, dass junge Frauen während des Studiums Kinder bekamen und das mit dem Studium vereinbaren konnten. Die verstärkte Einrichtung von Kinderbetreuungsplätzen erfolgte aber erst ab Mitte der 1950er, weil der weibliche Beschäftigungsanteil stagnierte.

Nicht unterschätzt werden darf, dass es in der DDR auch keinen so penetranten öffentlichen Sexismus gab wie in der westlichen Welt und die Forderung nach Gleichberechtigung quasi offizielle Politik war – obwohl das in der Praxis mitunter wenig bedeutete.

Frauenbewegung?

In der DDR gab es weder eine Frauenbewegung noch einen in die Gesellschaft wirkenden Feminismus wie in der BRD etwa mit der 68er-Bewegung. „Frauenpolitik“ war immer nur Partei- und Staatspolitik, unabhängige Bewegung und Meinungsartikulation war weder vorgesehen noch gestattet.

Dabei gab es für eine Frauenbewegung nach dem Krieg durchaus einige Ansätze. Anfang 1947 existierten in der SBZ über 7.000 „Frauenausschüsse“, in denen etwa 250.000 Frauen aktiv waren. Tw. gingen sie aus den Antifa-Ausschüssen hervor oder waren mit ihnen verbunden. In diesen Strukturen, die stark proletarisch geprägt waren, spielten KPD- und SPD-Mitglieder eine wichtige Rolle. Sowohl der SMAD wie auch der KPD-Führung um Ulbricht waren sie jedoch ein Dorn im Auge, weil sie die Tendenz hatten oder haben konnten, sich der staatlich-bürokratischen Kontrolle zu entziehen. So wurden diese Ausschüsse recht bald per SMAD-Befehl aufgelöst und mit dem „Demokratischen Frauenbund Deutschlands“ (DFD), der am 8. März 1947 gegründet wurde, zwangsfusioniert. Der DFD war formell überparteilich, aber praktisch eine SED-Frontorganisation. Zudem war der DFD auch nicht an den Interessen proletarischer Frauen orientiert, sondern an „der Frau“ allgemein, was sich auch daran zeigte, dass 1949 die Betriebsorganisationen des DFD aufgelöst wurden. Bereits 1948 hatte der Gewerkschaftsverband FDGB die gewerkschaftlichen Frauenkommissionen abgeschafft. Damit war jeder Ansatz für eine demokratische Selbstorganisation von Frauen ausgemerzt.

Der 2. SED-Parteitag beschloss im September 1947 eine Resolution zur Frauenfrage. Sie brachte einige Verbesserungen für Frauen (Zugang zu allen Berufen; Ausbau von sozialen Einrichtungen, welche die Lage der erwerbstätigen Frauen erleichtern usw.). Doch das zentrale Problem der Benachteiligung von Frauen – ihre hauptsächliche Zuständigkeit für Kinder, Haushalt und Familie – wurde nicht thematisiert. 1952 empfahl die SED, die Wahl von Frauenausschüssen in Betrieben, wo viele Frauen arbeiteten, zu unterstützen. 1961 gab es ca. 20.000 solcher Frauenausschüsse. Oft gab es Konflikte zwischen ihnen und der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), was in den 1960ern dazu führte, dass der Frauenausschuss der BGL unterstellt wurde. In den 1980ern hatte der DFD ca. 1,5 Mill. Mitglieder. 70% davon waren älter als 50. Der DFD galt nicht ganz zu Unrecht als „Häkelverein“ – eine engagierte Interessenvertretung für Frauen war er nie.

Der Zickzack in Sachen Frauen-Organisierung widerspiegelt einerseits die Absicht, Frauen stärker in den Produktionsprozess einzubeziehen und die dabei auftretenden spezifischen Probleme zu mildern; andererseits zeugt er davon, alle Versuche von Frauen, sich eigenständig zu artikulieren und zu organisieren, zu unterbinden. „Frauenpolitik“ wurde immer nur von „oben“ verordnet und administriert.

Ein typischer Ausdruck dessen ist auch die „Pflege“ des 8. März, des traditionellen Kampftags der Arbeiterbewegung gegen Frauenunterdrückung. Es gab keine Einrichtung und kein Medium in der DDR, die diesen Tag nicht offiziell begangen hätten. Doch letztlich war das nur mit offiziellen Reden (meist von Männern) über die „Rolle der Frau“ und Frauentags-Feiern verbunden, wo es Kaffee und Kuchen gab und die Männer besonders höflich waren. Auswirkungen darauf, wie Frauen leben und arbeiten, hatte all das nicht.

Auch die Gewährung eines (bezahlten) Hausarbeitstages pro Monat für berufstätige Frauen hatte einen widersprüchlichen Charakter: zum einen zeugt sie von der Anerkennung der Hausarbeit und stellte eine gewisse Entlastung berufstätiger Frauen dar, andererseits wurde damit die Hausarbeit umso mehr wieder nur der Frau zugeschrieben.

Frauen in der Produktion

Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit und der kriegsbedingte Mangel an Männern erforderte es, mehr Frauen in die Produktion einzubeziehen. Zum Symbol dieser Zeit wurden die „Trümmerfrauen“. SMAD und SED bemühten sich deshalb darum, die Bedingungen für Frauen, die arbeiten wollen, zu verbessern. So wurde z.B. die formell gleiche Entlohnung durchgesetzt. Allerdings blieben die Reallöhne von Frauen auch in der DDR unter denen der Männer, aber weniger stark als in der BRD. Die Gründe dafür waren vielfältig: Unterbrechung der Berufskarriere durch Kinderbetreuung, begrenzte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, schlechter bezahlte „typische“ Frauen-Jobs, deutlich weniger Frauen in höher dotierten Führungspositionen usw.

Es gab vielfältige Bemühungen, Frauen beruflich zu qualifizieren und in Führungspositionen zu bringen und sie zu animieren, auch in „Männerberufen“ zu arbeiten. So gab es nicht wenige Ingenieurinnen. Diese Anstrengungen zeitigten insgesamt einigen Erfolg, doch es zeigte sich auch, dass es eine langwierige Aufgabe ist, traditionelle Rollenbilder, Bedürfnisse und Gewohnheiten aufzubrechen. Andererseits wurde es versäumt, die Hausarbeit zu vergesellschaften. So bedeutete eine volle Berufstätigkeit für Frauen fast immer Doppelbelastung. Die Teilzeitarbeit von Frauen (in der BRD eine häufigere Option) kam für DDR-Frauen aufgrund der niedrigeren Löhne in der DDR weniger in Betracht. Auch die Wochen-Arbeitszeit sank in 40 Jahren DDR kaum und war länger als in der BRD.

Bürokratismus

Der allgegenwärtige Bürokratismus zeigte sich auch in der Frauenpolitik. Eine wirkliche Überwindung tradierter Strukturen und Ideologien von Frauenunterdrückung erfolgte nicht – und konnte auch nicht erfolgen. Dazu hätte es einer intensiven und lebendigen politischen Debatte in der Arbeiterklasse und in der Gesellschaft bedurft, die Probleme anspricht und ermöglicht hätte, dass sich Erfahrungen und Bedürfnisse von Frauen (und Männern) artikulieren, umwälzen und zu praktischen Lösungen führen. Dazu war die in das bornierte Raster der Bürokratie eingezwängte „Frauenpolitik“ nie in der Lage.

Was dabei letztlich herauskam, ist etwa am Beispiel der Abtreibungsfrage ablesbar. Der Schwangerschaftsabbruch wurde sofort nach Kriegsende erlaubt. Doch bereits 1950 wurde das Verbot wieder eingeführt, um 1972 erneut aufgehoben zu werden. Dieses Hin und her in der Abtreibungsfrage zeigt, dass die stalinistische Politik weniger an einer Strategie der Frauenbefreiung, sondern eher an aktuellen konjunkturellen Erfordernissen und der Rücksicht auf bürgerliche, hierarchische Vorstellungen orientiert war. Immerhin war die Abtreibungsregelung in der DDR jener in der BRD weit überlegen, weil sie nicht an Fristen, an Zwangsberatungen usw. gebunden war, sondern der Frau die volle Entscheidungsfreiheit gab.

Die Struktur der Kleinfamilie wurde nie ernsthaft in Frage gestellt, fast alle sozialpolitischen Maßnahmen kreisten um sie und setzten sie voraus, anstatt die Vergesellschaftung des sozialen Lebens zu fördern. Trotzdem muss konstatiert werden, dass in der DDR eine starke Abschwächung reaktionärer Ehe- und Familienregelungen erfolgte. So war die Ehescheidung juristisch wie finanziell im Vergleich zur BRD deutlich einfacher.

Diverse sozialpolitische Maßnahmen wie günstige Ehekredite, staatliche Geburtenhilfe, Erhöhung des Schwangerschafts- und Wochenurlaubs, Arbeitszeitverkürzungen für berufstätige Mütter und das „Babyjahr“ waren Ausdruck quantitativer Errungenschaften, die aber nie das Niveau einer neuen Qualität erreichten. Sie erleichterten die Lebenssituation der Frau bzw. der Familie, aber sie änderten (zu) wenig an der grundsätzlichen Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Dagegen gab es in der BRD mit der feministischen Bewegung (auch wenn diese weitgehend bürgerlich war) oder der Kinderladenbewegung eine stark Basis-bestimmte Frauenbewegung, die in der DDR unmöglich war. So unterlagen in der DDR auch jene für Frauen besonders relevante Bereiche (Kinderbetreuung, Bildung, Sozialwesen usw.) immer einem rein staatlich-bürokratischen Management, das die Möglichkeiten demokratischer Selbstverwaltung stark einschränkte. Ein Beispiel: Schulleiter (wie alle anderen Leiter) wurden nicht von der Basis gewählt, sondern von oben eingesetzt. Damit war das Hineinwachsen in Leitungsaufgaben im Rahmen einer kollektiven Struktur weitgehend ausgeschlossen. Das Ergebnis: selbst im Bildungsbereich, wo mehrheitlich Frauen arbeiteten, waren die meisten Führungspositionen von Männern besetzt. Aufgrund von Traditionen, Machotum und Männerbündelei fällt es Frauen oft schwerer, sich in „administrative“ Rollen zu begeben; gerade darum wären kollektive Führungsstrukturen und demokratische statt bürokratische Entscheidungsprozesse wichtig, um eine wirkliche Gleichberechtigung von Frauen voran zu bringen.

Die Frauenpolitik in der DDR zielte im Kern darauf, ein – tw. durchaus recht gut ausgestatteter – Sozialstaat zu sein. Doch Frauenbefreiung in dem Sinn, dass sie Teil einer auf den Kommunismus zielenden Gesellschaftsstrategie gewesen wäre, wäre weit über das hinausgegangen, was DDR-Frauenpolitik war. Frauen blieben auch in der DDR weitgehend nur Objekt von Politik, sie konnten kaum Subjekt werden, weil ihnen alle Möglichkeiten zur Artikulation und Selbstorganisation verwehrt wurden. Aber so, wie die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der ArbeiterInnen selbst sein kann, kann auch die Befreiung der Frau nicht verordnet werden – schon gar nicht von einem Politbüro, das nur aus alten Männern besteht.

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