Kapitalismus und Cancel culture

Hanns Graaf

Seit Monaten beschäftigt uns ein „neues“ Phänomen: die Cancel culture. Damit ist lt. wikipedia „ein politisches Schlagwort“ gemeint, „mit dem übermäßige Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.“

Es ließe sich eine sehr lange Liste mit Beispielen für Cancel culture aufführen. Hier nur einige wenige. Die ironischen Wortmeldungen von über 50 SchauspielerInnen im April 2021 zur Corona-Politik (die nichts mit einer Leugnung von Corona als einer Krankheit zu tun haben) wurden von vielen Medien, Politikern und auch Linken nicht nur kritisiert – es wurde wiederholt gefordert, dass diese KünstlerInnen keine Engagements usw. mehr erhalten. Die geäußerte Kritik an den „50“, z.B. die Behauptung der AfD-Nähe oder der Vorwurf, dass Rechte die Kritik für sich nutzen könnten, ist an sich schon absurd genug. Doch – und das ist durchaus eine neue Qualität in der bundesdeutschen Medienlandschaft – hier wird Kritik mit offiziellem Mobbing und der Forderung nach Berufsverboten ergänzt.

Ein anderes Beispiel: Immer wieder gibt Stimmen aus der linken Szene, die fordern, dass die Diskussion von Themen, die unterdrückte Gruppen (sexuelle Minderheiten, Schwarze, Flüchtlinge usw.) betreffen, nur noch von Betroffenen bzw. deren „VertreterInnen“ geführt werden dürften, weil andere Menschen deren Probleme nicht „verstehen“ könnten oder per se „diskriminierend“ denken würden. Bei Leuten, die so etwas fordern, handelt es sich meist um Personen, die eine „gehobene“ Stellung als Intellektuelle oder als FunktionärInnen haben oder Teil des offiziellen „Establishments“ sind.

Zum Dauerbrenner ist auch der Antisemitismus-Vorwurf geworden. Wer als „Antisemit“ enttarnt wurde, hat sein Recht auf Meinungsäußerung verwirkt. Dabei gelten als „antisemitisch“ oft auch Alle, die die Politik Israels und den Zionismus kritisieren, sich jedoch gegen Judenfeindlichkeit wenden. Hier zeigt sich, dass Cancel culture nicht selten sogar eine pro-imperialistische Schlagseite, hier die Unterstützung Israels, hat.

Ein letztes Beispiel – in eigener Sache. Aufruhrgebiet hatte 2019 zwei Offene Briefe zu den Themen Klima und Energiewende an linke Menschen und Organisationen geschickt, um eine fundierte, über Organisationsgrenzen hinausreichende Diskussion anzuregen. Dabei vertraten wir eine sehr kritische Position zum verbreiteten „Klimaalarmismus“ und zur Energiewende – allerdings von einer marxistischen und antikapitalistischen Position aus. Eine inhaltliche Beschäftigung mit unseren Positionen, geschweige denn eine Antwort durch die linke Szene blieb – erwartungsgemäß – aus. Die einzige offizielle „Antwort“ kam von der Gruppe ArbeiterInnenmacht (GAM) und bestand darin, uns AfD-Nähe zu unterstellen und andere Linke vor uns zu „warnen“. Das verweist nicht nur auf die Borniertheit und das Sektierertum der „radikalen Linken“, sondern auch auf deren inhaltliche Unbedarftheit und die analytischen Defizite. Diese Linken waren nicht nur zu keiner Antwort auf oder zu Kritik an unseren Positionen bereit und in der Lage, sie sind sogar unfähig, ihre eigene „Klima-Position“ (soweit vorhanden) zu argumentieren. So „löst“ man das Problem durch Ignorieren und Verleumden.

Verständlicherweise schlagen die Wellen zum Thema Cancel culture in den Medien hoch. Während die eine Seite – meist „linke“ AktivistInnen – ihre Haltung als gerechtfertigt und als Teil des Kampfes gegen Diskriminierung, gegen Rechts usw. darstellen, lehnt die (politisch eher heterogene) Gegenseite Cancel culture ab, weil sie undemokratisch sei und jede Diskussion und Meinungsfreiheit untergrabe.

Eine fundierte und marxistische Bewertung der Cancel culture und der Debatte darum ist aber nur möglich, wenn man über den “Kampf der Meinungen“ hinausgeht und die sozialen Hintergründe und die Situation der Linken betrachtet.

Die „Meinungskultur“ im Kapitalismus

Lenin schrieb einmal, dass die herrschende Kultur im Kapitalismus die der Herrschenden sei. Nicht nur der Inhalt der Kultur und der Kommunikation, auch ihre Form und die Art ihrer Verbreitung sind bürgerlich. Selbst die kritischsten Beiträge in den Massenmedien stellen fast nie den Kapitalismus als System infrage. Meist geht es um bestimmte Seiten, um bestimmte Folgen des Kapitalismus, selten um dessen sozial-ökonomische Grundlagen, etwa das Privateigentum oder das Lohnarbeitssystem. Allein die Tatsache, dass die meisten Medien sich entweder in Privathand befinden (was auch für die „sozialen Medien“ zutrifft) oder der Kontrolle bürgerlicher Institutionen (Rundfunkräte) unterliegen, sichert, dass deren Ausrichtung (meist) systemkonform bleibt. Lange bevor von Cancel culture die Rede war, haben Politik, Staat und bürgerliche Medien sie praktiziert. Kapitalismuskritische Stimmen, ja selbst Kritik an bestimmten politischen Vorgehensweisen (Corona, Klima usw.) wird weitgehend eliminiert.

Obwohl die Verbreitung bürgerlichen Bewusstseins nicht primär durch Medien, Politik, Bildung usw. erfolgt, sondern sich quasi automatisch aus den bürgerlichen Verhältnissen selbst ergibt, v.a. aus dem Lohnarbeitssystem, spielt das „Hineintragen“ bürgerlicher Ideologie eine große Rolle bei der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Verhältnisse, ja mehr noch als früher. Wer das Sagen hat, hat auch die Macht. Diese ideologische Vorherrschaft wird zwar durch alternative Medien und die Linke „abgeschwächt“, jedoch nicht überwunden. Eine besonders abschreckende und bizarre Form von Cancel culture war der Stalinismus, der nicht nur die Meinungsfreiheit weitgehend unterband, sondern auch die Träger kritischer Meinungen selbst eliminierte.

Das Bestreben von Unterdrückten geht immer dahin, dem bürgerlichen Mainstream, dem bürgerlichen „Diskurs“ etwas entgegenzusetzen – die Sicht der „Diskriminierten“. Diese legitime, ja notwendige Intention steht meist auch hinter der Cancel culture, die fast immer auch ein Kampf um die Selbstbehauptung von Unterdrückten ist. Sie ist – in einem ganz allgemeinen Sinn – Teil der linken, anti-kapitalistischen Bewegung. Diese „linke“ Cancel culture ist nun aber in mehrfacher Hinsicht trotzdem höchst problematisch und konterkariert oft deren eigentliche Intention.

Ausdruck der Krise

Die Linke, die Arbeiterbewegung und auch der „Marxismus“ befinden sich seit vielen Jahrzehnten in der Krise. Im Ergebnis dessen stagnieren sie, befinden sich in einer Art Dauerdefensive und haben – v.a. die radikale Linke und der Marxismus – sehr wenig Einfluss auf soziale Prozesse und die Bewusstseinsbildung. Parallel dazu fand eine enorme Ausweitung der lohnabhängigen Mittelschicht statt, die eine immer größere Rolle in den sozialen Strukturen spielt, etwa in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, soziale Dienste, Medien, Verwaltung und Kultur. Auch die Linke und die „offizielle“ Arbeiterbewegung wird von dieser „akademischen“ Schicht dominiert. Dieses Milieu, das fast zu 100% das bürgerliche Bildungs- und Wissenschaftssystem durchläuft und von ihm stark geprägt ist, übernimmt nun – auch mangels einer marxistischen Ideologie- und Wissenschaftskritik – weitgehend bürgerliche Denkweisen. Diese sind in starkem Maße von „links“-bürgerlichen Ideologien geprägt, v.a. dem Poststrukturalismus und tw. der Frankfurter Schule. Diese wiederum sind Reaktionen auf die Niederlagen der Arbeiterbewegung, den Stalinismus und die Stabilisierung des Kapitalismus nach 1945.

Identitäts-Linke

Große Teile der Linken (und deren Protagonisten) müssen zum links-bürgerlichen Mittelschichts-Milieu gerechnet werden und selbst jene „traditionellen“ Linken, die sich bewusst auf die Arbeiterklasse beziehen, sind von der Identitäts-Ideologie beeinflusst. Sahra Wagenknecht benutzt in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ den Begriff „Lifestyle-Linke“ für das akademische, urbane linksliberale Milieu.

Auch Judith Sevinç Basad hat ein Buch über Identitätspolitik geschrieben: „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und was böse ist!“ Darin stellt sie dar, dass diese Ideologie schon in den 1990ern an US-Unis entstanden war. Seitdem sind Richtungen wie „Gender Studies“, „Postcolonial Studies“, „Cultural Studies“, „Queer Studies“ u.a. überall en vogue. Basad schätzt sie so ein: „Im Zentrum (…) steht nicht mehr der Anspruch, aufzuzeigen, wie die Welt ist, sondern wie die Welt zu sein hat. (Sie) haben nichts mehr mit klassischer Wissenschaft zu tun. Vielmehr wurde hier aus einzelnen Bausteinen der Postmoderne eine neue Theorie gebastelt, die dann in Politik und Gesellschaft als absolute Wahrheit gelten soll“.

Basad führt ein – besonders krasses – Beispiel an: „So behauptet die Geschlechterforscherin Anna-Katharina Meßmer in ihrer Dissertation, dass der Begriff ‚Genitalverstümmelung‘ nur deswegen eine negative Bedeutung habe, weil der Westen zu Kolonialzeiten den Orient als ‚unzivilisiertes Anderes‘ wahrgenommen habe. Der Akt der Verstümmelung (…) ist also nicht deshalb grauenhaft, weil er es ist, sondern weil der Westen – im Glauben, dass seine eigene‚ ‚moderne, aufgeklärte, heilende Medizin‘ die überlegene sei – sie zu einer ‚barbarischen Tradition‘ stigmatisiert habe“.

Wichtige Denkmuster dieser Richtung (bei allen Unterschieden ihrer Protagonisten) sind der Zweifel am revolutionären Subjekt Proletariat und am Klassenkampf und die Suche nach Ersatz-Subjekten. Anstatt der Veränderung der sozialen Praxis durch Klassenkampf werden dominante Denk- und Sprechweisen, „kulturelle Verhaltensweisen“, die „Matrix“ usw. kritisiert. Das ist auch das Credo von Gender-Theoretikern wie Judith Butler. Dagegen ist zunächst wenig zu sagen, so lange es nicht dazu führt, dass es anstelle der Praxis tritt – genau das passiert aber meist. Die poststruktualistischen Theorien behaupten, dass keine objektive Realität existiere, sondern nur ideelle Diskurse. Daher müsste auch gesellschaftskritisches Wissen „dekonstruiert“ werden, zumindest wenn es vorgibt, „objektiv“ zu sein. Hauptangriffsziel dieser Dekonstruktion war und ist – zumindest indirekt – der Marxismus und die Marx´sche materialistische Methode.

Anti-Wissenschaft

Die Gender-“Theorie“ behauptet, dass die Geschlechter nicht oder nicht primär durch die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau bestimmt wären. Sie wären nicht v.a. biologisch determiniert, sondern durch gesellschaftliche Normierung, durch „Übereinkunft“ von einer „heterosexuellen Matrix“ erzeugt. Hier haben wir ein Beispiel dafür, dass die Naturwissenschaft und tendenziell jede Wissenschaft missachtet und durch willkürliche ideologische Konstrukte ersetzt wird. Die sicher auch vorhandene soziale Determinierung von Geschlechterrollen wird hier absurd und einseitig überhöht. Sigmund Freud meinte bezüglich der Methodik in seinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“: „Im wissenschaftlichen Betrieb ist es sehr beliebt, einen Anteil an der Wahrheit herauszugreifen, ihn an die Stelle des Ganzen zu setzen und nun zu seinen Gunsten das übrige, was nicht minder wahr ist, zu bekämpfen.“ Typisch für diese Einseitigkeit durch das Ignorieren von Teilen des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes ist auch der „Klimaalarmismus“, der eine besonders krude Form von Cancel culture darstellt.

Kein fortschrittlicher Mensch wird bestreiten, dass Homophobie reaktionär ist und dass sexuelle Minderheiten oft einer besonderen Diskriminierung ausgesetzt sind. Fatal wird es aber dann, wenn anstelle des Kampfes gegen reale Unterdrückung v.a. ein „Kampf“ gegen bestimmte Sprachmuster geführt wird (gendern) oder die Situation von tw. sehr kleinen Minderheiten, z.B. von „Transmenschen“, fast zum Schwerpunkt des Kampfes gegen Unterdrückung gemacht wird, hingegen etwa Frauen (50% der Menschheit), die – wenn auch in unterschiedlichem Maße – systematischer Benachteiligung und Unterdrückung unterliegen, als Problem dann fasst an den Rand rutschen (es sei denn, Frau ist schwarz, lesbisch und Flüchtling usw.).

Dazu kommt, dass die Diskriminierung fast immer nur als Diskriminierung spezifischer Gruppen gesehen wird, die national, ethnisch, sexuell usw. definiert sind, jedoch meist nicht (auch) hinsichtlich ihrer sozialen und Klassenlage. Das ermöglicht selbst bürgerlichen Kräften, sich problemlos am „Gender-Kampf“ zu beteiligen, weil dabei die zentralen, systemischen Fragen ausgespart werden und als Alibi dienen, sich selbst als aufgeklärt, human, anständig, demokratisch und was es sonst noch an hochmoralischen Prinzipien gibt, darzustellen. Auch die offizielle Übernahme gegenderter Sprache zeigt das. Hier ist Ähnliches zu beobachten wie beim „Klimaschutz“, wo alle irdischen Probleme auf das Klima geschoben werden, die meist nichts mit dem Klima, aber mit dem Kapitalismus zu tun haben. Das CO2 wird anstatt der Bourgeoisie zum großen Buhmann, nicht die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern deren klimaneutrale Reformierung ist nun die Aufgabe. Dass auch das Gros der Linken den Klima- und Genderwahn mitmacht, ist ein deutliches Zeichen ihrer Degeneration. Statt Klassenpolitik betreibt sie „Milieupolitik“. Damit wird a priori der Prozess der Formierung von Klassenbewusstsein blockiert und die Atomisierung der Klasse in viele Milieus und Identitäten befördert oder verfestigt.

Ideelle Konstruktionen

Die Definition einer benachteiligten identitären Gruppe ist oft höchst willkürlich. Statt sozioökonomischer Merkmale wie Armut und Ausbeutung rücken individuelle (Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion usw.) in den Fokus. So werden etwa Veganer zuweilen als von der Mehrheit der Fleischessenden unterdrückt dargestellt. Daraus wird dann ein Opferstatus abgeleitet und Forderungen (die an sich deshalb nicht unbedingt falsch sein müssen) gestellt. Angehörige einer Opfergruppe dürfen nicht kritisiert werden. Das wird, um Wagenknecht zu zitieren, „damit begründet, dass Mehrheitsmenschen sich per se nicht in das Innenleben und die Weltsicht einer Minderheit hineinversetzen können, weil sie lebenslang ganz andere Erfahrungen gemacht haben und daher zwischen ihrer Gefühlswelt und jener der diversen Minderheiten unüberwindbare Mauern existieren“.

Demnach sei es unmöglich, das Wesen einer Sache, etwa der Unterdrückung von Schwarzen, „objektiv“ zu erkennen und es käme nur auf das subjektive Empfinden an. Auch hier also ein deutlicher Hang zu Skeptizismus und Erkenntnis-Leugnung. So wurde es von einigen selbsternannten akademischen Vertretern „der Schwarzen“ abgelehnt, dass ein Kolonialismus-Forscher aus Deutschland (ein „alter weißer Mann“) sich zum Thema äußern könne. Auch die Kritik an der Religion und den Kirchen als reaktionären, irrationalen Erscheinungen wird von Linken tw. als Angriff auf deren „kulturelle Eigenart“ verstanden und daher abgelehnt. Auch deshalb spielt die Religionskritik – ursprünglich ein Grundzug der Arbeiterbewegung und des Marxismus – kaum noch ein Rolle.

Andererseits werden (vermeintlich) reaktionäre Positionen nicht mehr (nur) kritisiert, nein, deren Träger müssen aus dem Diskurs „ausgeschaltet“ werden. Doch zu einer substantiellen Kritik sind die Cancler und Canclerinnen oft nicht fähig. Hier gibt es nur noch „rechts“ und „links“, die an sich schon unbrauchbare, verschwommene Kategorien darstellen. Rechts ist dann alles, was dem – von den Mittelschichts-Ideologen definierten – Gutmenschen-Mainstream widerspricht.

Wenn etwa in der Klimafrage ein Wissenschaftler den Alarmismus bezweifelt, dann werden fast nie dessen wissenschaftliche Positionen und Argumente betrachtet, sondern nur die Tatsache, dass er die „offizielle“ Position kritisiert. Ob dessen Argumente stimmen, ist unerheblich, wichtig dagegen ist, ob Trump, die AfD o.a. „Bösewichte“ eine ähnliche Auffassung vertreten. Natürlich spielt das für die Wissenschaft gar keine Rolle, aber für die linken Gutmenschen, die fast alle eine sozialwissenschaftlichen Ausbildung haben, aber keine technische oder naturwissenschaftliche, gilt das als zentrales „Argument“. Genauso verhält es sich mit der Betonung des Konsenses in der Klimawissenschaft. Doch 1. gibt es diesen gar nicht und selbst wenn es ihn gäbe, würde das 2. über dessen Wahrheitsgehalt nichts aussagen. Neue und bessere Theorien fangen fast immer als Minderheitsmeinung an. Die Falsifizierung ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Entwicklung, gerade diese wird aber abgelehnt.

In der „offiziellen“ Cancel culture spiegelt sich auch die Herrschaft der bürgerlichen Ideologie, sprich der kapitalistischen Verwertungs- und Machtinteressen, wider. Während Marx davon sprach, dass „die Philosophie“ im Zuge der Entwicklung der konkreten Wissenschaften aufgehoben würde bzw. im Kommunismus aufgehoben wäre, offenbart der Spätkapitalismus eher das Gegenteil. Je anachronistischer die Verhältnisse werden, desto mehr ideologische Nebelwerfer werden beschäftigt, um die Misere, aber auch jede Alternative zu verdecken und auf Abwege zu führen. Die Ideologie, die hinter der Cancel culture steckt, ist eine bürgerliche, ein idealistische, die die Wirklichkeit auf den (absurden) Begriff bringt, anstatt die absurde Realität hinter den Begriffen zu zeigen. Die Linksbürgerlichen meinen, die Welt zu verbessern, wenn sie die Vorstellungen von dieser ändern. Sie wollen die faulen Früchte vom verdorrten Baum holen, anstatt ihn abzusägen und einen neuen zu pflanzen.

Idealistische Auffassungen sind auch in der „revolutionären“ Linken weit verbreitet. Ein Ausdruck davon ist etwa die Parteitheorie Lenins. Er meint, dass das sozialistische Bewusstsein nur von außen, durch die Partei, in die Massen getragen werden könne. Das ist zwar möglich und sogar notwendig, jedoch führt die Überbetonung dieses Aspekts bei Lenin dazu, dass die Bewusstseinsbildung nur zur Propagandaaufgabe (der Partei) wird. Alle Stalinisten und „linken“ Obskuranten wie Mao, Pol Pot, Kim Il Sung u.a. teilen diese Auffassung. Für Marx hingegen, der sehr wohl auch die Notwendigkeit einer Partei sah, ist das Bewusstsein der Klasse primär von den Umständen geprägt. D.h., dass die Veränderung des Bewusstseins auch die Änderung der Verhältnisse voraussetzt bzw. damit einher geht. Das würde etwa bedeuten, dass schon im Kapitalismus in Ansätzen andere Verhältnisse des Lebens, Arbeitens, Wohnens, Lernens usw., also selbstverwaltete und genossenschaftliche Strukturen, erkämpft werden müssen. Nur unter diesen, in Ansätzen „freien“ Umständen können sich Menschen entwickeln und verändern, die zur Freiheit bereit und in der Lage sind.

Dass Lenin u.a. bolschewistische, aber auch reformistische Linke das anders sahen und nur die Partei (neben den Gewerkschaften), also eine v.a. politische Struktur, als relevant ansahen, zeigt sich auch an ihrer Ignoranz und Ablehnung gegenüber selbstverwalteten Strukturen. Es liegt auf der Hand, dass eine Partei- und Bewusstseinsauffassung a la Lenin dem „Ideologisieren“ und der „Vormundschaft“ selbsternannter linker „Eliten“ Tür und Tor öffnet und damit zugleich den Prozess der Konstituierung des Proletariats (und der Massen) zum Subjekt der Gesellschaft blockieren.

Cancel culture vs. Demokratie

Der als Cancel culture bekannte Umgang mit als „rechts“, „reaktionär“ usw. eingeschätzten Meinungen ist Ausdruck einer falschen, rein ideologischen Methode, die sich primär auf Begriffe und Meinungen bezieht, anstatt eines materialistischen Herangehens, das von Fakten ausgeht und auf der Analyse der Realität beruht. Die Methode des „Einordnens“ von Positionen anhand willkürlicher ideologischer Merkmale (z.B. links-rechts), der Ausschluss ungeliebter Meinungen aus der Diskussion, die „Bestrafung“ von Menschen mit „abweichenden“ Positionen, ihr Ausschluss aus Talkshows u.a. Formen der medialen Öffentlichkeit bis hin zu Forderungen nach Berufsverboten – all diese Vorgehensweisen blockieren die Debatte und eine sachliche Auseinandersetzung: sie sind undemokratisch. Damit stützen sie auch – wenn auch vielleicht ungewollt – den medialen bürgerlichen Mainstream.

Sie sind zudem Ausdruck einer bürgerlichen Form von Kommunikation – insofern diese zwar die technischen Mittel und die Möglichkeiten der Kommunikation revolutioniert hat, jedoch die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Gesellschaft, diese Errungenschaften demokratisch und „qualitativ“ zu nutzen, nicht bewusst entwickelt. Die „Sozialen Medien“ sind daher z.T. nur ein Raum für das „anarchische“ Sich-Austoben von Individuen und für das Zumüllen der Gesellschaft mit Informationsschrott. Fast jede demokratische – nicht zu verwechseln mit kommerzieller und staatlicher – Einflussnahme auf und die Interaktion mit den Sozialen Medien fehlt. Durcheinander-Brüllen ist keine sinnvolle Kommunikation, auch wenn dabei Jede(r) zu Wort kommen kann.

Cancel culture ist oft mit der Aufforderung verbunden, dass der bürgerliche Staat für die Durchsetzung der „Reinheit der Kommunikation“ sorgen möge. So unterstützten auch viele Linke die Vorschläge des früheren SPD-Justizministers Heiko Maas u.a. zur Zensur des Internets, um Hasskommentare zu unterbinden. Nun ist es keine Frage, dass das Internet allen möglichen Idiotien und Reaktionären eine Plattform bietet. Doch hilft dagegen eine Zensur kaum, ja diese richtet sich früher oder später auch gegen linke Inhalte. Die per Staats-Zensur angepeilte Verbesserung der Kommunikation im Internet erweist sich also für die Linke eher als Bumerang.

Die Methode der Cancel culture ist keine seriöse und produktive Form der Auseinandersetzung. Sie dient – wenn auch vielleicht ungewollt – den Herrschenden, indem Kritik und ein sachlich-kritischer Dialog ad absurdum geführt werden. Die Alternative besteht darin, dass die Linke (wieder) einer materialistischen Methode folgt und Phänomene auf ihre materiellen bzw. sozialen Ursachen zurückführt und sich nicht nur auf Meinungen bezieht, sondern auf die dahinter liegenden Fakten und realen Umstände. Jede Diskussion muss davon ausgehen, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, sondern diese immer relativ sind, dass sie falsifiziert werden können und müssen. Dieses Vorgehen setzt Diskussion voraus und wird durch Ausgrenzung unmöglich.

Dazu noch einmal Freud: „Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass eine Wissenschaft aus lauter streng bewiesenen Lehrsätzen besteht, und ein Unrecht, solches zu fordern. Diese Forderung erhebt nur nur ein autoritätssüchtiges Gemüt, welches das Bedürfnis hat, seinen religiösen Katechismus durch einen anderen, wenn auch wissenschaftlichen, zu ersetzen. Die Wissenschaft hat in ihrem Katechismus nur wenige apodiktische Sätze, sonst Behauptungen, die sie bis zu gewissen Stufengraden von Wahrscheinlichkeit gefördert hat. Es ist geradezu ein Zeichen von wissenschaftlicher Denkungsart, wenn man an diesen Annäherungen an die Gewissheit sein Genüge finden und die konstruktive Arbeit trotz der mangelnden letzten Bekräftigungen fortsetzen kann.“ (ebenda)

Auch – und gerade – der Marxismus ist von dieser kritischen Betrachtung nicht ausgenommen – umso mehr, als er ja Ausdruck sozialer Tendenzen und Veränderungen ist und diese bewusst vorantreiben will. Die Marxsche Methode, die materialistisch, dialektisch und historisch-kritisch war, muss auch auf den Marxismus selbst angewendet werden! Es war gerade Marx, der sich immer gegen eine Kodifizierung seiner Anschauungen zu einem abgeschlossenen “Denkgebäude“ gewehrt hat. „Ich bin kein Marxist“, betonte er mehrmals, wohl schon befürchtend, dass die späteren Jünger des „Marxismus“ diesem jede kritische und produktive Substanz austreiben würden. Die Ideen und die Methode von Marx waren so gesehen die ersten Opfer einer Cancel culture. Und ihre Protagonisten waren oft – Linke, die als „Marxisten“ oft Auffassungen vertraten, die mit Marx unvereinbar waren. Die „Identitäts-Linken“ sind nur die aktuellsten Spaziergänger in der Sackgasse.

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