Die Metamorphose des Marxismus

– Erster Teil –

Hanns Graaf

Vorwort

Die Geschichte des Marxismus reicht, seit Marx und Engels in den 1840ern ihre ersten publizistischen Schritte gingen, mittlerweile fast 180 Jahre zurück. In dieser Zeit hat der „Marxismus“ viele Veränderungen erlebt, schon Marx und Engels selbst veränderten ihre Auffassungen und entwickelten sie weiter, umso mehr war das bei ihren Nachfolgern der Fall.

Was die Nachfahren von Marx und Engels als „Marxismus“ vertraten, war immer eine Melange aus verschiedenen methodischen, theoretischen und programmatischen Elementen. Einerseits nahmen sie Positionen und die Methodik von Marx auf, entwickelten sie mitunter auch positiv weiter, andererseits unterschied sich ihr „Marxismus“ mitunter aber auch deutlich vom Denken der beiden Gründerväter, ja stand dazu methodisch und programmatisch oft sogar im Gegensatz zu ihnen. Angesichts dessen wundert es im Nachhinein nicht, dass Marx selbst einmal betont hat, dass er kein Marxist sei. Daraus spricht nicht nur sein Bestreben nach Abgrenzung von Menschen, Parteien, Strömungen usw., die sich – mehr oder weniger zu recht – auf ihn beriefen; es zeigt auch, dass Marx einen Horror davor hatte, als Vertreter eines kodifizierten, starren Denkgebäudes angesehen zu werden. Er lehnte es immer ab, ein „Ideologe“ zu sein, der die Welt „ummodeln“ will. Vielmehr verstand er sich als Forscher, der die Gesellschaft analysiert, ihre Widersprüche, ihre Entwicklung und ihre dynamischen Faktoren aufzeigt – um deren progressiven Elementen zum Durchbruch zu verhelfen, indem sich das Proletariat als eines historischen Subjekts der Erkenntnisse des Marxismus „bedient“ und ihn zugleich durch seine Erfahrungen bereichert und weiterentwickelt. Wenn das Proletariat sozial handelt, erwirbt es Erfahrungen, aus denen wieder neue Theorie kreiert werden kann.

Im mehreren Beiträgen wollen wir hier skizzieren, dass und wie das theoretische Erbe von Marx in den fast 140 Jahren nach seinem Tod im Jahr 1883 bis heute verarbeitet und verändert wurde. Das ist einerseits normal und auch höchst notwendig, um der historischen Entwicklung gerecht zu werden. Das Problem besteht aber andererseits darin, dass der „Marxismus“ im Zuge dessen sich auch immer mehr von dem entfernt hat oder gar zur Antithese zu dem wurde, was Marx´ Intention war. Letztlich ist das historische Desaster des „Realsozialismus“ nicht Ergebnis der Verwirklichung der Marxschen Ideen, sondern vielmehr das Resultat der Dogmatisierung, der Verunstaltung, der Verfälschung seines Werkes, seiner Absichten und Ansichten. Wir werden – wenn auch nur in groben Umrissen – zeigen, welche zentralen Fehlentwicklungen es gab und was die Ursachen dafür waren, dass der „Marxismus“ und die sich auf ihn berufende Linke seit Jahrzehnten so am Boden liegt, wie es leider der Fall ist.

Der „Marxismus“ von Marx

Das Schaffen von Marx und Engels und das von ihnen ausgearbeitete „Fundament“ des späteren „Marxismus“ wurde und wird oft als Weltanschauung angesehen, die etwas Abgeschlossenes, etwas Perfektes hat. Doch nichts ist falscher als das! Das Schaffen von Marx und Engels ist kein fertiges Gebäude, kaum ein fertiger Rohbau, sondern eher ein Torso von gigantischen Ausmaßen, wie es Karl Korsch einmal treffend formuliert hat. Es gibt kaum ein Thema, das Marx und Engels umfänglich und systematisch theoretisch erfasst hätten. Am ehesten ist das noch auf dem Gebiet der politischen Ökonomie des Kapitalismus der Fall, doch selbst da blieb sehr viel unvollendet, wie schon Marx´ ursprünglicher Plan zu einem aus 6 Bänden bestehenden „Kapital“ verrät, von dem letztlich nur der erste Band von nur drei von Marx selbst fertig gestellt wurde. Es gibt von Marx und Engels diverse Beiträge und verstreute Bemerkungen, aber keine „abgeschlossene“ Theorie etwa zur Parteifrage, zur Genossenschaftsfrage, zum Sozialismus und zur Übergangsgesellschaft oder zur Staatsfrage. Es wäre es allerdings auch zu viel verlangt, das von ihnen zu erwarten.

Marx hat sich immer geweigert, Zukunftsvisionen auszuarbeiten (was nicht heißt, dass er solche nicht gehabt hätte). Völlig zu recht ging er davon aus, dass der Kommunismus und die Bewegung dorthin nicht vorgefertigten Schemata folgen, sondern nur Ergebnis realer sozialer Kräfte und Konflikte sein könnten. Marx sagte einmal, dass sich die Geschichte nur lösbare Aufgaben stellt, nur leider – möchten wir hier anmerken – liefert sie die Lösung nicht automatisch mit, allerdings die sozialen Kräfte zu ihrer Lösung. Marx schrieb: „Proletarische Revolutionen (…) kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche“. Insofern war Marx´ Methode auch eine historisch-kritische, die sich natürlich auch auf den „Marxismus“ selbst beziehen müsste – eine Aufgabe, der die „marxistische“ Linke oft ausweicht.

Marx´ Haltung war keine passive, nur betrachtende, sondern im Gegenteil eine aktive, auf reale und radikale Veränderung zielende, sie war eine revolutionäre Haltung, weil sie diese Veränderung nicht nur als reformerische, innerhalb des kapitalistischen Systems verbleibende, sondern als eine dieses System sprengende verstand. Der Philosoph Karl Löwith stellte fest: „Marx ist (…) der erste und einzige, welcher die Philosophie als solche zur Ideologie erklärte und der geschichtlichen Praxis dienstbar machte. Er staunt nicht mehr über das, was von Natur aus immer ist, wie es ist, und nicht anders sein kann, sondern ist empört, dass es in der Geschichte nicht anders ist, als es ist, und er will darum diese geschichtliche Welt verändern.“

Theorie verstand Marx als eine aus der realen sozialen Dynamik abgeleitete, ihr aber auch voraus greifende, sie ist somit zugleich Voraussetzung und Ergebnis der Emanzipation des Proletariats. Sie war gedacht als Arbeitsmittel und zugleich als Arbeitsgegenstand des Klassenkampfes. Die Lehre von Marx ist eben nicht „allmächtig, weil sie wahr ist“, wie die Stalinisten behaupten; sie muss stets weiterentwickelt werden, sie muss sich stets in der Praxis beweisen, sie muss sich ihre Wahrhaftigkeit immer neu erarbeiten – so wie jede andere Wissenschaft auch. Jeder Versuch, aus Marx´ Theorie eine Art archaische „Festung der Ideen“ zu machen, führt zum Dogmatismus, führt zum Tod jeder Idee. So wird aus Marx´ grandioser Baustelle eine von rotem Weinlaub umrankte Ruine. Völlig zu recht meint daher W.F. Haug: Die marxsche Werkstatt überrascht immer wieder mit der Frische ihres Gedankenmaterials. Dem kommt das nach allen Seiten epochal Anfängliche, Unfertige des marxschen Werkes entgegen, das eher einen Forschungsprozess als eine Lehre darstellt.

Historizität

Dass das Marxsche Werk eben kein für immer fertiges Gebäude war und sein konnte, folgt schon daraus, dass es ein Ergebnis der kritisch-analytischen Verarbeitung der Realität ihrer Zeit und der Geschichte war und insofern auch von diesen „Realitäten“ geprägt war. Doch was war die Realität der Zeit von Marx, also zwischen den 40ern und den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts (bzw. bei Engels bis 1895)?

Der zentrale Konflikt dieser Jahrzehnte war der zwischen der feudalen Gesellschaft (v.a. deren politisch-staatlichen Strukturen) und dem aufstrebenden Kapitalismus. Selbst Ende des 19. Jahrhunderts gab es erst wenige Länder, wo eine massenhafte großindustrielle Produktion vorhanden war – das, was Marx als „entwickelten“ Kapitalismus ansah. Die (wie wir heute wissen) typischen Merkmale des Kapitalismus – Großkonzerne, das Finanzkapital, der Kapitalexport, die „Konsumgesellschaft“, die Verwissenschaftlichung und Technisierung der Gesellschaft – prägten den globalen Kapitalismus erst seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Imperialismus, den Lenin später als „höchste“ Stufe und als „sterbenden“ Kapitalismus ansah, ist in Wirklichkeit dessen eigentliche Ausprägung, dessen Zenit. Die letzte Stufe, der „sterbende“ Kapitalismus, kommt erst noch – vielleicht hat er auch schon begonnen?

Diese Feststellung sollte jedoch nicht damit verwechselt werden, dass eine Revolution nicht auch schon bisher möglich und notwendig gewesen wäre. Lenins Einschätzung, dass der Imperialismus eine Epoche des revolutionären Übergangs ist, war korrekt. Nur die Annahme, dass es jetzt mit dem Kapitalismus nur noch oder meist bergab gehe, dass die Produktivkraftentwicklung immer langsamer ablaufen oder gar zum Stillstand kommen würde, dass die Krisen immer tiefer werden würden – diese Sicht erwies sich als falsch. Zwischen den beiden einzigen tiefen globalen Krisen (von der Corona-Krise als Sonderfall abgesehen) – der von 1929 und der von 2009 – lagen 80 Jahre. Von einem grassierenden Massenelend (zumindest in den imperialistischen Metropolen) wie 1929 konnte 2009 nicht die Rede sein – und wenn, wie in Südeuropa, hatte das eher spezifische Ursachen, die u.a. im EU-Krisenmanagement zu suchen sind.

Marx entwickelte seine Theorie vor dem Hintergrund eines noch „jungfräulichen“, aufstrebenden  Kapitalismus, der neben „pubertären“ Merkmalen aber schon wesentliche Elemente des „erwachsenen“ Kapitalismus aufwies. Es ist gerade die Größe von Marx, dass er schon in diesem frühen Stadium wesentliche Elemente und Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft erkannte.

Gleichwohl dürfen wir nicht verkennen, dass bestimmte seiner Schlussfolgerungen und Prognosen nicht oder nur teilweise eintrafen. Um nur einige Beispiele anzuführen: die Entstehung einer großen lohnabhängigen Mittelschicht, die v.a. in den imperialistischen Metropolen eine immer wichtigere Rolle spielt, sah Marx so nicht voraus. Oder: die Herausbildung von Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie, die für die Arbeiterbewegung eminent wichtig war und ist, „ahnte“ er zwar, doch sie konnte ihm nicht völlig klar sein, da diese erst im 20. Jahrhundert bedeutsam wurden. Auch hinsichtlich der Krisen und der sozialen Lage der Arbeiterklasse hatte Marx Vorstellungen, die sich so in toto nicht bestätigt haben. 180 Jahre nach Marx müssen wir konstatieren, dass Krisen zwar weiter den Kapitalismus prägen, sich aber eine generelle Verstärkung der Krisenhaftigkeit bisher nicht gezeigt hat. Das trifft auch auf die Entwicklung der Produktivkräfte (PK) zu: von einem Stillstand ist nichts zu sehen. Allerdings ging Marx auch nicht davon aus, dass der Kapitalismus keine PK mehr entwickeln würde. Er sprach vielmehr davon, dass eine Gesellschaftsordnung nie untergeht, bevor sie nicht alle PK hervorgebracht hat, „für die sie weit genug“ ist. Schon lange ist aber zu beobachten, dass die PK immer mehr über die Grenzen der bürgerlichen Produktionsweise (PW) hinausdrängen, aber keine andere PW vorfinden, wo sie sich realisieren könnten. Die stalinistische Staatswirtschaft – die ein staatskapitalistisches System darstellte -, war jedoch in keiner Hinsicht eine Alternative zum westlichen Kapitalismus.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Proletariat zur „Klasse an sich“ und zur „Klasse für sich“. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts stellte die Arbeiterklasse in fast keinem Land die Mehrheit der Bevölkerung. Auch die Arbeiterbewegung stand noch am Anfang – sowohl hinsichtlich ihres Klassenkampfes als auch hinsichtlich ihrer Organisierung. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts, mit der Entstehung des Imperialismus war die Arbeiterklasse zu einer Kraft geworden, die an Größe und Organisationskraft überhaupt in der Lage war, in das Rad der Geschichte einzugreifen, den Kapitalismus zu verändern und zu stürzen. Zu Marx´ Zeit gab es außer in Deutschland nirgends eine proletarische Massenpartei und nur wenige Massengewerkschaften. Die Mittel des Streiks und umso mehr des Massenstreiks waren noch Ausnahmen, die Massenstreikdebatte in der deutschen Sozialdemokratie erlebten Marx und Engels nicht mehr. Dass Arbeitervertreter in Parlamenten sitzen, war noch die große Ausnahme.

Aus dieser noch unentwickelten Klassenkampfsituation und der noch mangelhaften Konstituierung des Proletariats als soziales Subjekt ergaben sich bestimmte Merkmale der Konzeption von Marx (und der Arbeiterbewegung allgemein). Dazu zählt etwa die Frage der sozialen Selbstorganisation des Proletariats (im Unterschied zur politischen Formierung), die deutlich unterbelichtet blieb. Unter Formierung der Klasse wurde v.a. die Schaffung von Arbeiterparteien und Gewerkschaften verstanden, die jedoch primär politische Strukturen sind. Ein gewisser Fortschritt in dieser Frage stellte nach den Erfahrungen der Pariser Kommune 1871 die Modifizierung der Marxschen Position in der Staatsfrage mit der Hervorhebung der „Rätedemokratie“ dar. Doch selbst die Kommune war streng genommen kein reines Arbeiter-Räte-System, wirkliche Arbeiterräte entstanden erst in Russland 1905 und dann wieder 1917. Allerdings gab es Ansätze von Militanz und von Räten bereits davor z.B. im Kampf der Anarchisten in Spanien (zuerst 1873), was aber von der internationalen Linken und auch von Marx und Engels eher am Rande registriert wurde, geschweige denn konzeptionell verarbeitet worden war. Eine Ursache dieser Einseitigkeit war das Agieren von Marx in der I. Internationale und sein Kampf gegen Bakunin und „den“ Anarchismus. Bei aller berechtigten Kritik von Marx am Anarchismus übersah er – und in Folge der „Marxismus“ – leider auch dessen Stärken, die gerade in der Betonung der sozialen Selbstorganisation und der Ablehnung von Staatsstrukturen lagen. Wie recht der Anarchismus hatte, zeigte sich schon bald in der Verbürgerlichung, dem Bürokratismus und dem „demokratischen“ Kretinismus der II. Internationale und umso mehr dann im bürokratischen Zentralismus von Bolschewismus und Stalinismus.

Auch die Frage der konkreten Taktik im Klassenkampf spielte nur eine untergeordnete Rolle. Das Gothaer Programm (1875) wie das spätere Erfurter (1892) der deutschen Sozialdemokratie legen von diesem Manko genauso Zeugnis ab wie die – in dieser Hinsicht (!) – unzureichende, ja weitgehend fehlende Kritik vom Marx und Engels an diesen Programmen. Diese Programme stellen zwar Forderungen auf – meist reine Reformforderungen, die durchaus auch im Kapitalismus erfüllt werden können -, aber es fehlen fast komplett Aussagen dazu, wie, mittels welcher Taktiken, die Arbeiterklasse diese Forderungen umsetzen soll. Es ist zudem markant, dass Marx und Engels nach dem „Kommunistischen Manifest“ von 1848 und den programmatischen Beiträgen von Marx zur I. Internationale (1864-72) keine weiteren Programmschriften mehr vorgelegt haben.

Die Konzeption von Marx und Engels war immer eine stark aufs Politische ausgerichtete, die Frage  des konkreten (außerparlamentarischen) Klassenkampfes und dessen taktische Implikationen blieb unterentwickelt und umso mehr die Frage der sozialen Selbstorganisation (z.B. Genossenschaften). In dieser Hinsicht (wie auch tw. in der Staatsfrage) war der Anarchismus konzeptionell und umso mehr in der Praxis mitunter fruchtbarer. Der Konflikt zwischen Marx und dem Anarchismus – zuerst v.a. gegen Proudhon, dann gegen Bakunin – sah in vielen Fragen zweifellos Marx im Recht, doch schüttete er das Kind mit dem Bade aus, weil er die positiven Aspekte des Anarchismus nicht sah. Diese überzogene, einseitige und unproduktive Haltung prägt leider das Verhältnis des „Marxismus“ zum Anarchismus (soweit es „den“ Anarchismus überhaupt gibt) bis heute. Die Betonung der sozialen Selbstorganisation, des „außerparlamentarischen“ Klassenkampfes, die Ablehnung des Staates bzw. die grundsätzliche Kritik an ihm sind ohne Frage konzeptionelle Stärken des Anarchismus, v.a. nach den Erfahrungen mit der Degeneration der Sozialdemokratie und mit Bolschewismus und Stalinismus. Mitunter sah auch Marx die „Fehlstellen“ in seiner Konzeption. So etwa bezüglich der Genossenschaften, zu denen er immer eine positive Haltung einnahm (keine negative, wie die meisten „Marxisten“ meinen), sich jedoch nie genauer damit befasst – und das auch offen zugegeben – hat. Später hat z.B. Bernstein die Aufarbeitung dieser Frage angemahnt, doch wurde das im Zuge des „Kampfes gegen den Revisionismus“ völlig ignoriert.

Ähnlich sah es bezüglich des Umgangs mit den Frühsozialisten aus. Schon der durchaus pejorative  Begriff des „Utopischen Sozialismus“ deutet auf ein einseitiges Verhältnis hin. Insbesondere das Denken und die „genossenschaftliche“ Praxis von Robert Owen wurden als utopisch eingeschätzt, weil sie letztlich scheiterten. Doch schon die Fragen, was genau gescheitert war und und warum, wurden kaum gestellt. Das ist umso bemerkenswerter, als sich Engels schon 1843 ziemlich euphorisch über die „kommunistischen“ Selbstverwaltungskommunen in den USA geäußert hatte.

Auch bezüglich der ökonomischen „Reife“ stellt der Kapitalismus der Marx-Ära eher noch eine Frühform dar und kein Reifestadium. Einen tief globalisierten Weltmarkt, die „Konsumgesellschaft“, eine stark von Medien, von „Sozial“- und Verwaltungsstaat, von Bildung, Kultur und Wissenschaft, vom Parlamentarismus und einer enorm gewachsenen lohnabhängigen Mittelschicht geprägte bürgerliche Gesellschaft wie heute gab es im 19. Jahrhundert nicht. Insofern war es Marx und selbst Engels, der 12 Jahre länger lebte als Marx, auch nicht möglich, die Verhältnisse des modernen, „eigentlichen“ Kapitalismus adäquat abzubilden und zu verarbeiten.

Marx und Engels gingen davon aus, dass der Kapitalismus, wie er sich v.a. im damals am weitesten entwickelten Land, in England, darstellte, schon der „typische Kapitalismus“ sei. Auch deshalb sahen Marx und Engels die proletarische Revolution immer innerhalb eines kurzen Zeithorizonts. Das war nicht weiter problematisch. Fatal hat sich hingegen ausgewirkt, dass die revolutionäre Linke auch später diese Perspektive teilte. Die Reformisten nahmen das Ausbleiben der Welt-Revolution bzw. ihr nur vereinzeltes Auftreten als national begrenzte Revolution und einige Erfolge ihrer Reformpolitik zum Anlass, auf jede revolutionäre Option zu verzichten. Die Linken wiederum unterschätzten die Bedeutung von Reformen oft und versagten dabei, den Zusammenhang zwischen Reform und Revolution zu sehen und programmatisch auszuarbeiten. In systematischer Weise unternahm das erst Trotzki 1938 im „Übergangsprogramm der IV. Internationale“, das allerdings auch vom baldigen Zusammenbruch des Kapitalismus ausging, (nur) auf eine (vor)revolutionäre Situation bezogen war und die Frage der proletarischen Selbstverwaltung ignorierte. Oft wurden und werden Reformen von „Marxisten“ eher als Ablenkung von der Revolution angesehen, statt auch als deren Voraussetzung. Die Schaffung von proletarischen sozialen Selbstverwaltungsstrukturen (Genossenschaften u.a.) wurde immer nur als utopisch oder als nur von begrenztem Wert verstanden, nicht jedoch auch als relevant für die Schaffung anti-kapitalistischer, gegen Staat und Kapital gerichteter Stützpunkte der Klassenformierung, der Revolution und einer  nach-kapitalistischen Gesellschaft.

Dieses einseitige „Revoluzzertum“ (mitunter nicht besonders gut passend als „Blanquismus“ bezeichnet) prägte über Jahrzehnte und prägt bis heute die „revolutionäre Linke“. Besonders stark  war diese Haltung bei den Bolschewiki entwickelt. Auch Marx und Engels rangen mit der Frage, wie die „moderne“ proletarische Revolution aussehen könnte. Nach den gescheiterten Revolutionen von 1848 wurde ihnen zwar bewusst, dass das „alte Schema“ von städtischen Aufständen und Barrikadenkämpfen nicht mehr erfolgversprechend war, doch sie fanden kein wirklich anderes Modell. Vom Beispiel des Aufstiegs der deutschen Sozialdemokratie ausgehend, orientierten sie auf die Schaffung von Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Auf diese Massenbasis gestützt sollte für parlamentarische Mehrheiten gekämpft werden. Allerdings – und das war ein wesentlicher Unterschied zum Reformismus – betonten sie, dass es ohne den revolutionären Akt der Enteignung des Kapitals, der Zerschlagung des Staatsapparates und der Machtergreifung durch das Proletariat nicht gelingen kann, die Gesellschaft auf den Weg zum Kommunismus zu führen. Doch das Verhältnis, der Zusammenhang zwischen Revolution und Reform wurde von Marx und Engels konzeptionell kaum behandelt.

Mit dem Wachstum der Arbeiterklasse und deren besserer Organisation waren ab Ende des 19. Jahrhunderts andere Kampfformen möglich geworden und wurden auch angewendet: Streiks bis hin zu Generalstreiks („rein“ ökonomische, aber auch politische), genossenschaftliche u.a. selbstverwaltete soziale Strukturen entstanden, die Nutzung von Massenmedien (Presse, Bücher) und der Parlamente für revolutionäre Propaganda, der Aufbau von Rätestrukturen als alternativen Machtorganen in (vor)revolutionären Situationen waren nun objektiv möglich.

Die konzeptionelle Verarbeitung dieser Fragen erfolgte bei Marx und Engels nur sporadisch, z.B. in Form der Analyse der 1848er Revolutionen (vgl. Marx´ „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten“ von 1850 oder Marx´ Analyse der Pariser Kommune). Doch all das waren nur Ansätze. Insofern ergab sich für die kommende Generation von Marxisten die Aufgabe, den Marxismus dahingehend voran zu bringen. Sie sind an dieser Aufgabe weitgehend gescheitert.

Das Schaffen von Marx und Engels widmete sich zum großen Teil philosophischen, methodischen, theoretischen und historischen Fragen und – insbesondere bei Marx – der Ökonomie des Kapitalismus. Das war auch notwendig und macht weitgehend die gewaltige Substanz ihres Gedankengebäudes aus. Doch der „Preis“ dafür war einerseits eine „hohe Abstraktionsebene“, die  meist nicht direkt für den Klassenkampf des Proletariats von Belang war. Trotz aller Metamorphosen, die den Marxismus von Marx und Engels weitgehend verzerrt haben, konnte er seine kritisch-analytische, seine revolutionäre und humane Kraft auch nach fast 180 Jahren gewaltiger Veränderungen der Welt zum Teil bewahren. Andererseits zeichnete sich der Marxismus aber eben nicht dadurch aus, dass er sehr viel über den konkreten Klassenkampf, zur Revolution oder zur Übergangsgesellschaft zu sagen hatte und gerade auch Marx kaum „populäre“ Schriften hinterlassen hat. Andere Autoren wie Proudhon oder Lassalle waren da tw. bekannter und populärer. Insofern war der Marxismus von Marx und Engels etwas „kopflastig“ und wenig praktisch. Das war seine Stärke, aber auch seine Schwäche. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass das titanenhafte Projekt „Marxismus“ anfänglich nur auf zwei Schultern ruhte und es bis dahin nicht gelungen (vielleicht auch nicht möglich oder – v.a. bezüglich Marx´ ausgeprägtem Ego – auch nicht beabsichtigt?) war, andere „Denker“ systematisch einzubinden. Die Werke von Marx und Engels wurden viel gedruckt – aber seltener wirklich gelesen. Sie waren eher Gegenstand akademischer Debatten als Faktor im realen Klassenkampf.

Methodologie

Der Kern jeder „Weltanschauung“ liegt nicht in der einen oder anderen Aussage, sondern in ihrer Methode. Sie führt zu spezifischen Positionen und Wertungen, daher muss v.a. die Methode betrachtet werden.

Marx´ erste wissenschaftliche Schrift, seine Doktorarbeit, befasste sich mit Epikur, jenem Philosophen, der sich am ernsthaftesten mit der Frage befasste, was Glück ist und wie der Mensch glücklich sein kann. Dieser Anspruch von Marx, dass die Menschheit fähig werde, im Diesseits glücklich zu sein, ist der grundlegende Impuls seines Denkens. Nicht zufällig steht am Ende des II. Kapitels des „Kommunistischen Manifests“ der fundamentale Satz: An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.

Die schon in den Marxschen Frühschriften zentrale Kategorie der Entfremdung wird später nicht mehr so oft direkt erwähnt, schwingt aber im Hintergrund immer mit. Schon in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ formuliert Marx sein Credo: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Alles, was bei Marx folgte, ist letztlich zwei Fragen gewidmet: Was sind diese Verhältnisse? und Wie ist das „Umwerfen“ möglich? Man mag bestimmte seiner Theorien, Voraussagen, Positionen kritisch sehen oder gar ablehnen – Marx´ humanistische Intention, seine radikal freiheitliche Konzeption wird dadurch nicht obsolet.

Wollte man die Methode von Marx und Engels beschreiben, so könnte man drei „Prinzipien“ benennen, denen sie folgt: dem Materialismus, der historischen Kritik und der Dialektik.

Materialismus

Was heißt Materialismus? Zunächst einmal, die Dinge, die Verhältnisse, die Realität so zu sehen, wie sie sind, nicht nur in Kategorien, in Begriffen zu denken, sondern zu betrachten, was sie bedeuten, welche Realität sie bezeichnen. Nicht Begriffe, Kategorien, Ideen, Prinzipien bestimmen die Welt, sondern die Welt bestimmt umgedreht sie. Nicht das Bewusstsein bestimmt die Welt, sondern umgekehrt bestimmt das soziale Sein das Bewusstsein. Das heißt aber nicht, dass Ideen, Kategorien, Begriffe nur abgleitet, nur Folgen der materiellen Wirklichkeit wären. So, wie Denken ohne Begriffe unmöglich ist, ist menschliches Handeln, ist Praxis ohne Ideen, ohne „Vor“stellungen“ unmöglich. Anders als Lenin später meinte (im „Empiriokritizismus“), ist das Bewusstsein eben nicht (nur) Widerspiegelung, Fotografieren von Wirklichkeit. Das Bewusstsein bestimmt, was uns als Realität und wie sie uns erscheint. Hier ist nicht der Ort, diese Fragen weiter auszuführen. Nur so viel noch: Marx hat den Begriff der „Ideologie“ nicht einfach zur Bezeichnung von Denken, von Bewusstsein benutzt. Er meinte damit „falsches Bewusstsein“, d.h. falsches Denken, inadäquates Rezipieren von Realität, das oft damit verbunden ist, dass nicht die Realität betrachtet wird, sondern nur einzelne Aspekte davon, dass es nicht um Tatsachen geht, sondern um Vorstellungen, Meinungen, Begriffe davon.

Dabei geht es auch um ein bestimmtes Verhältnis zur Wissenschaft. Marx und Engels waren sehr wissenschaftsaffin und haben bewusst die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft, auch der Naturwissenschaften berücksichtigt. So bezogen sie sich etwa positiv auf Darwin – heute würden Linke dessen Lehre eher zurückweisen, weil Darwin politisch ein Reaktionär war, so wie sie alle Auffassungen ablehnen, die dem links-bürgerlichen Mainstream widersprechen (Klima, Energie, Umwelt, Kernkraft usw.). Besonders ausgeprägt war die ideologische Haltung zur Wissenschaft im Stalinismus, der lange die Genetik, die Psychoanalyse oder die Relativitätstheorie ablehnte, dagegen aber pseudowissenschaftliche Auffassungen (z.B. von Lyssenko) stützte. Noch heute lehnen viele Linke etwa Poppers Wissenschaftstheorie ab – nicht weil sie diese widerlegen, sondern weil Popper  den Stalinismus (den er für Marxismus hielt) kritisierte. Zweifellos sind die Postionen der Linken heute oft nicht Ergebnis einer materialistischen Betrachtung der Welt, sondern Ausdruck einer idealistischen, ideologischen und damit letztlich bürgerlichen Sicht.

Historisch-kritisches Herangehen

Ein zweites Merkmal der Methode von Marx und Engels war ihre historisch-kritische Sicht. Für den Materialisten Marx war die Geschichte nicht nur und nicht primär eine Ideengeschichte, nicht nur „Haupt- und Staatsaktion“, sondern Ergebnis der Entwicklung von Produktivkräften und von Klassenkonflikten, die wiederum Ideen erzeugen und umwälzen. Alles, was Gesellschaft prägt, ist historisch, ist veränderlich, ist vergänglich. Dazu gehören u.a. die Klassen, das Privateigentum und der Staat. Der historische Prozess ist durch quantitative Veränderungen geprägt, die in bestimmten Konstellationen revolutionär in eine neue Qualität umschlagen. Marx sieht die Produktivkräfte (zu denen auch das Proletariat gehört) periodisch in Widerspruch geraten zu den Produktionsverhältnissen, die ihre Entwicklung hemmen. Marx schrieb in „Zur Kritik der politischen Ökonomie“: “Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.“

Marx sah das Proletariat als jene Klasse an, die den Kapitalismus stürzen und eine kommunistische Gesellschaft aufbauen kann. Nur die Arbeiterklasse ist für Marx eine konsequent revolutionäre Klasse, u.a. weil sie kein Privateigentum und daraus entspringende bornierte Interessen verteidigt. Zugleich war Marx und Engels aber auch bewusst, dass sich das Proletariat erst von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ entwickeln muss, bevor sie ihre revolutionäre Rolle ausfüllen kann. Diese Formierung sollte v.a. eine ideelle und politisch-organisatorische (Partei, Gewerkschaft) sein. Diese Auffassung widerspiegelte die im 19. Jahrhundert noch geringen sozialen Wirkmöglichkeiten des Proletariats, das erst begann, sich als Klassenbewegung zu formieren. So wurde – mehr von den Marxisten nach Marx als von ihm selbst – die soziale und ökonomische Selbstorganisation des Proletariats oft unterschätzt oder gar bekämpft. Ausdruck dessen waren u.a. Vorstellungen einer „sozialistischen“ Staatswirtschaft, wie sie die II. Internationale, der Bolschewismus und der Stalinismus vertraten. So meinte Lenin etwa in „Staat und Revolution“, dass das Proletariat schon im Kapitalismus dazu qualifiziert wäre, die Produktion zu leiten. Ohne selbstverwaltete, genossenschaftliche Strukturen bereits in der bürgerlichen Gesellschaft ist das aber weitgehend unmöglich. Nur solche, zumindest  partiell (weil noch in ein kapitalistisches Umfeld eingebettete) nicht-kapitalistische Strukturen ermöglichen die Ausprägung eines anti-kapitalistischen sozialen und nicht nur politischen Bewusstseins und sozialer Fähigkeiten. Das Nichtverstehen dieser Frage bei Lenin führte ihn dazu, das „Klassenbewusstsein“ nur bei der Partei zu verorten, die es in die Klasse zu tragen hätte. Stalin machte die Partei und den Staat dann zu „Zuchtmeistern“ der Klasse.

Die historisch-kritische Methode wandten Marx und Engels auch auf ihre eigenen Vorstellungen an. Ein gutes Beispiel dafür ist die Staatsfrage. Marx ging immer davon aus, dass der Staat Resultat eines bestimmten Entwicklungsstandes der Produktivkräfte (größeres Mehrprodukt durch Sesshaftigkeit und Ackerbau), verbunden mit der Entstehung von Klassen war und mit der Aufhebung von Privateigentum und Klassen wieder verschwinden würde (Engels sprach vom „Absterben“ des Staates). Während frühere Revolutionen und Gesellschaftsordnungen den Staat zwar modifiziert, aber nie überwunden hatten, würde genau das „Zerbrechen“ der alten Staatsmaschine eine Aufgabe der proletarischen Revolution sein. Marx war immer der Meinung, dass der alte bürokratische Staatsapparat für die Zwecke des Proletariats unbrauchbar war. Doch er hatte lange keine genaue Vorstellung davon, wie ein anderer, proletarischer „Staat“ aussehen könnte.

Die Präzisierung seiner Staatsauffassung erfolgte erst mit den Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871. Er sah dort Struktur und Funktionsweise der Kommune-Organe. Für Marx waren die (jederzeitige) Wähl -und Abwählbarkeit, die Vereinigung von legislativen und administrativen Funktionen und das Fehlen sozialer Privilegien (durchschnittlicher Facharbeiterlohn) wesentliche Merkmale der Kommune, die auch für spätere rätedemokratische Systeme Vorbild sein sollten. Spätere Marxisten verkannten aber oft bestimmte Besonderheiten der Pariser Kommune. Diese war 1. nur eine Stadtregierung, deren recht simple Struktur nicht einfach auf eine nationale Regierung übertragen werden kann. Sie war 2. auch eher eine „Volkskommune“, die sich auf die gesamte Bevölkerung (mit Ausnahme der Reichen) stützte, nicht jedoch wesentlich auf Organe des Proletariats (z.B. Betriebszellen). Diese gab es erst 1905 in Russland. 3. existierten neben den Kommune-Organen fast keine sozialen oder wirtschaftlichen proletarischen Selbstverwaltungsorgane, z.B. Genossenschaften, die mit den Kommune-Delegierten-Organen verbunden waren (das war aufgrund der kurzen und prekären Existenz der Kommune auch gar nicht möglich). Aufgrund dessen konnten auch kaum Schlussfolgerungen bezüglich ihrer weiteren Entwicklung gezogen werden.

Dialektik

Die dritte methodische „Säule“ des Marxismus ist die Dialektik. Marx´ Verständnis von Dialektik beruht auf Hegels Auffassungen. Dieser sah die Geschichte als einen widersprüchlichen und „aufsteigenden“ Entwicklungsprozess an, der sich ihm v.a. als Prozess von Ideen, Prinzipien, Kategorien darstellt. Die Höherentwicklung manifestiert sich bei Hegel etwa im preußischen Staat, den er als Ordnungsfaktor ansieht, der die Egoismen und die Konkurrenz der Individuen im Zaume hält. Hegel war Idealist, aber eben auch Dialektiker. Marx übernimmt wesentlich Hegels Methode, stellt sie aber vom Kopf auf die Füße, er „materialisiert“ sie. Für Marx sind Begriffe, Kategorien, das Bewusstsein Ausdruck materieller Verhältnisse. Die Triebkraft der Entwicklung der Geschichte sind die Produktivkräfte und die von ihnen bestimmten Klassenkonflikte. Die Verbindung von Materialismus und Dialektik und das In-Beziehung-Setzen zur sozialen Praxis und zur Klassenkampf des Proletariats ist eine der großen Leistungen von Marx.

Die Vorstellungen darüber, was Dialektik ist, divergieren. Manche sehen die Dialektik nur oder v.a. als Erkenntnismethode an, andere sehen sie daneben auch als „Prinzip“, als Eigenschaft der Vorgänge in Natur und Gesellschaft. Für letztere Ansicht spricht schon, dass Natur und Gesellschaft sich ständig verändern (Historizität) und keine abgesonderten Phänomene existieren, sondern – populär ausgedrückt – alles mit allem zusammenhängt und interagiert. Meist werden von Marxisten drei dialektische „Prinzipien“ benannt: 1. die Einheit und der Kampf von Widersprüchen; 2. der Umschlag von Quantität in Qualität; 3. die Entwicklung vom Niederen zum Höheren.

Friedrich Engels wies wiederholt darauf hin, dass die Anwendung der Dialektik nicht die konkrete Analyse der Realität ersetzen kann. Materialistische Dialektik bedeutet insofern u.a., die  Widersprüche, die Zusammenhänge, die Veränderlichkeit einer Sache, der Realität zu betrachten und nicht nur des sie „abbildenden“ Bewusstseins. Dialektik ist etwas völlig anderes als ein mechanischer Materialismus.

Die Einheit und der Kampf von Widersprüchen zeigt sich etwa im Kapitalverhältnis, das einmal aus dem vergegenständlichten Kapital in Händen des Kapitalisten besteht und zum anderen aus der lebendigen Lohnarbeit, ohne die das konstante Kapital nicht in Funktion treten kann. Nur beide Elemente zusammen ermöglichen den Kapitalismus. Diese Einheit ist aber zugleich ein Widerspruch, weil die Interessen von Bourgeois und Arbeitern gegensätzlich sind (was partielle und momentane – “subjektive“ – Interessenüberschneidungen, z.B. die „Standortideologie“, nicht ausschließt). Es gibt Phasen, in denen das Moment der Einheit überwiegt und andere, wo der Widerspruch offen ausbricht (Klassenkampf, Revolution). Gelingt die Revolution, etabliert diese nach und nach eine neue Qualität von Gesellschaft, die eine Seite der ursprünglichen Einheit – die Bourgeoisie – eliminiert, die andere Seite – das Proletariat – hingegen „aufhebt“, d.h. zugleich bewahrt und verändert. Es ist nun nicht mehr die regierte, ausgebeutete Masse, sondern selbst das Subjekt der Entwicklung, die Arbeiterklasse verliert damit auch wesentliche Charakteristika, die sie als Proletariat im Kapitalismus hatte.

Indem der Kommunismus eine forcierte Produktivkraftentwicklung ermöglicht und z.B. die riesigen Bereiche unproduktiver Arbeit (Staat, Bürokratie, Militär usw.) und die massenhafte Behinderung oder sogar Zerstörung von Produktivkräften abschafft, stellt er eine historische Höherentwicklung dar. Die im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte (Wissenschaft, Technik, Proletariat) werden in einen neuen sozialen Zusammenhang, in eine neue Produktionsweise gestellt, wo sie sich besser entwickeln und zum Wohle Aller wirken können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.