Machno und die Russische Revolution

Hanns Graaf

Wir wollen hier auf einen Aspekt der Russischen Revolution eingehen, der zwar sehr wichtig ist, aber von der „marxistischen“ Linken fast durchweg ignoriert wird: die Machnobewegung (Machnowschtschina), der vom Anarchismus beeinflussten revolutionĂ€ren Bewegung, die von 1917-22 in der SĂŒdukraine aktiv war.

Die BeschĂ€ftigung mit der „Machnowschtschina“ scheint uns aus drei GrĂŒnden notwendig. 1. wird dieses Kapitel der Revolution wenig beachtet und steht oft im Schatten der Ereignisse in den Zentren der Revolution Petrograd und Moskau. 2. gibt es im Vergleich zu diesen relativ wenige Zeugnisse ĂŒber die Machnobewegung. Dabei ĂŒberwiegen auch noch die „offiziellen“ Quellen der Bolschewiki bzw. des Stalinismus, der diese oft unverĂ€ndert ĂŒbernommen hat. Das ist an sich schon bemerkenswert, da ja unter Stalin die Geschichte der Revolution „umgeschrieben“ wurde. Von den Quellen aus „erster Hand“, also von TeilnehmerInnen der Machnobewegung, ist sehr viel in den Wirren des BĂŒrgerkriegs verloren gegangen, wurde von den Bolschewiki vernichtet oder die ĂŒberlebenden Zeugen wurden vom Staatsapparat, erst unter den Bolschewiki, dann unter Stalin, umgebracht, so dass auch deren Erfahrungen und Kenntnisse fĂŒr die Geschichtsschreibung auf immer verloren sind. 3. widerspiegelt sich in der Machnowschtschina die grundlegende strategische Problematik der Revolution bzw. der damit verbundenen Gesellschaftskonzeption.

Wir stĂŒtzen uns daher v.a. auf die Darstellungen zweier russischer Anarchisten: auf die „Geschichte der Machnobewegung“ von P.A. Arschinoff, einem MitkĂ€mpfer Machnos, sowie auf „Die unbekannte Revolution“ von Volin. Arschinoffs Buch ist dabei sicher das fundierteste und aus eigenem Erleben geschöpfte Werk ĂŒber die Machnobewegung.

Die Revolution in der Ukraine

Auch in der Ukraine gab es revolutionĂ€re Entwicklungen. In den StĂ€dten entstanden Betriebskomitees und Sowjets (RĂ€te), die ArbeiterInnen begannen, die Produktion zu kontrollieren und die Macht der Kapitalisten zu attackieren. Die Sowjets (nicht zu verwechseln mit den Betriebs- u.a. Basiskomitees) waren viel ausgeprĂ€gter als etwa in Petrograd und Moskau wirkliche Basisorgane, der Einfluss der Parteien in ihnen war schwĂ€cher als dort. Hinter den Bolschewiki stand immer nur eine Minderheit der UkrainerInnen, die Menschewiki existierten kaum. Insofern fiel es den Bolschewiki schwerer als im Norden, Einfluss auf die RĂ€te zu nehmen bzw. sie sich unterzuordnen. So fanden viele Maßnahmen der Bolschewiki nicht nur weniger UnterstĂŒtzung, oft wurden sie als „Fremdeinmischung“ angesehen und abgelehnt. Auf dem Land wurden die GĂŒter des Adels und der Großbauern gestĂŒrmt und aufgeteilt. Anders als in Russland entstanden in der Ukraine hĂ€ufiger „anarchistische“ Dorfkommunen.

„WĂ€hrend sich die Revolution in Gross-Russland ohne Schwierigkeiten verstaatlichen und schnell in die Zwangsjacke des kommunistischen Staates pressen ließ, stieß diese Verstaatlichung und diese Diktatur in der Ukraine auf betrĂ€chtlichen Widerstand. Die (bolschewistische) „Sowjetmacht“ konnte sich in erster Linie nur durch militĂ€rischen Zwang etablieren. Eine autonome Massenbewegung, vor allem aus bĂ€uerlichen Massen, die von den politischen Parteien total vernachlĂ€ssigt wurden, entwickelte sich parallel zum Verstaatlichungsprozess.“ (Volin, Die unbekannte Revolution, Die Buchmacherei 2013, S. 480)

Nach dem Kollaps der alten Staatsmacht gingen aus allgemeinen Wahlen die Rada, das ukrainische Parlament, und eine neue bĂŒrgerliche Regierung hervor. Doch das Petljura-Regime, das ukrainische Pendant zur Kerenski-Regierung, war schwach. Die Ukraine war nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 formal unabhĂ€ngig geworden, stand aber de facto unter dem Einfluss Deutschlands. Deutsche und österreichische Truppen standen von FrĂŒhjahr bis Ende 1918 in der Ukraine und installierten die erzreaktionĂ€re Marionettenregierung unter Skoropadski. Nachdem die Besatzer Ende 1918 abgezogen waren und Skoropadski abtreten musste, wurde Petljura erneut Regierungsmitglied und militĂ€rischer Oberbefehlshaber, 1919 schließlich Regierungschef.

Der BĂŒrgerkrieg

Der BĂŒrgerkrieg in der Ukraine hatte einen besonders „bunten“ Charakter, war von vielen verschiedenen KrĂ€ften und wechselnden Koalitionen gekennzeichnet und verheerte die Ukraine stĂ€rker als andere Gebiete. Auf der einen Seite standen verschiedene „fortschrittlich-revolutionĂ€re“ KrĂ€fte: diverse „spontane“ Bauerngruppierungen, die bolschewistische Rote Armee und Nestor Machno. Auf der Gegenseite Skoropadski, Petljura, Einheiten der Großagrarier, die konterrevolutionĂ€ren Truppen der „Weißen“ in Gestalt der GenerĂ€le Denikin und Wrangel sowie bis Ende 1918 die deutsch/österreichischen Besatzer.

Oft wechselten die Frontstellungen und militĂ€rischen Koalitionen. So kĂ€mpfte Petljura gegen alle anderen KrĂ€fte, kollaborierte aber auch mit den „Weißen“, um der Roten Armee und Machno zu schaden. Auch zwischen Roter Armee und Machno gab es sowohl Kooperation wie auch Feindschaft. Auf Letzteres wird noch genauer einzugehen sein. In der Westukraine spielte sich zudem noch der Konflikt mit Polen ab. Dieser kulminierte 1920 in der gescheiterten Offensive der Roten Armee in Polen. Tendenziell können wir sagen, dass das Zentrum, die nördliche und westliche Ukraine stĂ€rker von den Bolschewiki beherrscht war, wĂ€hrend der SĂŒden und SĂŒdosten von der Machnowschtschina kontrolliert wurde. Die oft wechselnden KrĂ€fte-Konstellationen in der Ukraine machten es den Massen damals nicht leicht, genau zu verstehen, wer mit wem oder gegen wen kĂ€mpft und was die jeweiligen Ziele sind.

Der BĂŒrgerkrieg in der Ukraine begann bereits im FrĂŒhjahr 1917 in Form der Bewegung der Dorfarmut gegen die Großagrarier und ab 1918 auch gegen die Besatzungstruppen, die das Land plĂŒnderten und terrorisierten. Die Bauern begannen mit der Enteignung des Adels und der Großbauern. An vielen Orten kam es zu bewaffneten ZusammenstĂ¶ĂŸen zwischen bĂ€uerlichen Partisanentrupps und reaktionĂ€ren KrĂ€ften. Diese Konflikte blieben jedoch meist regional begrenzt, es kam nicht zur Bildung einer „Bauernarmee“. Die Militanz der Bauern in der Ukraine hat eine lange Tradition. Wir denken dabei an die BauernaufstĂ€nde Pugatschows und Rasins, aber auch an die kĂ€mpferische Selbstbehauptung der Kosaken, z.B. der „Saporoger“, die Repin auf seinem berĂŒhmten Bild dargestellt hat. Der Selbstbehauptungswille der ukrainischen Bauern fĂŒhrte dazu, dass ihre Lage gegenĂŒber jener der Bauern in den russischen Gebieten besser war und sie ein gewisses Maß an „Autonomie“ genossen.

Ab Ende 1918 prĂ€gte der Konflikt zwischen den „Weißen“ auf der einen und Machno und der Roten Armee auf der anderen Seite den BĂŒrgerkrieg in der Ukraine, der von allen Seiten unerhört erbittert gefĂŒhrt wurde. Alle kĂ€mpfenden Parteien verĂŒbten Terror gegen die Zivilbevölkerung und begingen Vergewaltigungen und plĂŒnderten – mitunter auch die Rote Armee und die Machnoarmee. Andererseits gab es bei ihnen auch strenge Bestrafungen fĂŒr solche Vergehen – bis hin zur Todesstrafe. Mit der Niederlage der „Weißen“ und der danach erfolgenden Vernichtung der Machnowschtschina durch die Rote Armee endeten die bewaffneten Konflikte in der Ukraine erst im Sommer 1922 – spĂ€ter als in anderen Regionen.

Was war die Machnowschtschina?

Wenn wir von der Machnowschtschina sprechen, sind damit zwei sehr eng miteinander verbundene Aspekte gemeint: zum einen die sozial-revolutionĂ€re Bewegung der (v.a. bĂ€uerlichen) Massen zur revolutionĂ€ren Umgestaltung, zum anderen die militĂ€rische Seite, die Machno-Armee, deren unbestrittener FĂŒhrer Nestor Machno war.

Die soziale Basis der Machnobewegung war wesentlich die Dorfarmut und die untere Mittelbauernschaft. Aufgrund der stark agrarisch geprĂ€gten SĂŒdukraine gab es nur wenige stĂ€dtische und industrielle Zentren. Zudem waren die großen HafenstĂ€dte wie Odessa und Sewastopol lange in HĂ€nden der Weißen. Ihr Einfluss auf das stĂ€dtische Proletariat war daher eher gering. Trotzdem war die Enteignung des industriellen Privateigentums und dessen ÜberfĂŒhrung in die HĂ€nde der ArbeiterInnen – nicht des Staates – ein zentraler Punkt im Programm der Machnowschtschina. Doch selbst in den lĂ€ndlichen Gebieten war die Machnobewegung aufgrund der wandernden Fronten oft nur vorĂŒbergehend die herrschende Kraft.

Das von der Machno-Bewegung kontrollierte Gebiet, der „Freie Rayon“, bestand aus einem Netzwerk selbstverwalteter Kommunen und Sowjets. So weit es der Krieg und die Weite des lĂ€ndlichen Raumes erlaubten, fanden regelmĂ€ĂŸig Wahlen und Delegiertentreffen statt. Die Kommunen und Sowjets kĂŒmmerten sich um die Versorgung und Verteilung von GĂŒtern unter der Bevölkerung, um Transport, Industrie, KriegfĂŒhrung und Kultur. Es wurden Schulen gebaut und die Alphabetisierung und politische AufklĂ€rung der Bauern vorangetrieben. Die Sowjets waren echte Macht- und Verwaltungsorgane. Entscheidungen fĂŒr den gesamten „Freien Rayon“ wurden von einer Delegierten-Vollversammlung, dem Rayonkongress, getroffen. Doch aufgrund der Kriegswirren kam er nur drei Mal zustande. Viele der beschlossenen Maßnahmen wurden infolge des Krieges, durch die weiße Konterrevolution, aber auch durch die Rote Armee verzögert oder verhindert.

Zwei Methoden

Die Machno-Sowjets funktionierten trotz der sehr schwierigen Bedingungen und erfreuten sich breiter UnterstĂŒtzung der unteren Schichten – wie auch des Hasses aller ReaktionĂ€re. Im Vergleich zu den Versuchen der Bolschewiki, sich strukturell auf dem Land zu verankern, waren die AnarchistInnen weit erfolgreicher. Das lag v.a. daran, dass sie (wie auch die Bolschewiki) eine konsequente Bodenreform zugunsten der Dorfarmut durchfĂŒhrten, jedoch nicht versuchten, die „gewachsenen“ Wirtschaftsstrukturen, v.a. den Agrarhandel und das Klein- und Mitteleigentum, zu zerstören und durch ein staatliches System zu ersetzen. Dadurch gab es nicht nur weniger Widerstand gegen „revolutionĂ€re“ VerĂ€nderungen, es gab auch kein solches wirtschaftliches Chaos und den daraus folgenden RĂŒckgang der Agrarproduktion, wie sie den bolschewistischen Landreformen stets folgten. Das oft rĂŒde Vorgehen der Roten Armee gegen die Bauern (nicht nur die reichen) in der Nordukraine sprach sich schnell herum und sorgte dafĂŒr, dass die anarchistische Machno-Bewegung von Vielen als die wirkliche Befreierin der Bauern angesehen wurde, wĂ€hrend die Bolschewiki oft als neue UnterdrĂŒcker galten. Nicht zuletzt deshalb liefen auch nicht wenige Rotarmisten auf die Seite Machnos ĂŒber.

Es ist fast bizarr: einerseits meinten die Bolschewiki – nicht ganz zu Unrecht -, dass die Bauern nicht in der Lage wĂ€ren, als eigenstĂ€ndige soziale Kraft aufzutreten; andererseits versuchten sie von Anfang an, die lĂ€ndlichen Strukturen als „feindlich“ zu zerstören – noch dazu, ohne einen eigenen Plan zu haben, was an deren Stelle treten sollte. Ein Beispiel fĂŒr das konzeptionelle Versagen der Bolschewiki ist der Umstand, dass es bis 1926 keine Progressiv-Besteuerung gab – obwohl das schon im „Kommunistischen Manifest“ postuliert wurde. Der blutige Höhepunkt dieser agrarischen „Hasardpolitik“, die sich als „revolutionĂ€r“ ausgab, doch letztlich nur Ausdruck einer etatistisch-staatskapitalistischen Doktrin war, war dann Stalins Zwangskollektivierung.

Die Bolschewiki haben immer zu recht darauf verwiesen, dass ihr System der Zwangsabgaben von Getreide notwendig war, um die StĂ€dte und die Rote Armee zu versorgen, weil die reicheren Bauern das Getreide zurĂŒckhielten und horteten, um die Preise hoch zu treiben. Doch sie bzw. die linken Verteidiger dieser Politik verschweigen meist, dass der Boykott auch deshalb erfolgte, weil die Bolschewiki den privaten Getreidehandel verboten, es aber versĂ€umten, ein sinnvolles Steuersystem zu schaffen (was erst 1921 in AnsĂ€tzen durch die NÖP erfolgte). Sie zerstörten den Markt, ohne ein anderes System etablieren zu können. Die Bauern jedoch handelten weiter „marktgerecht“: sie drosselten die nun nicht mehr handelbare Produktion und versuchten durch Verknappung, die Preise zu erhöhen.

Das ist das fatale Ergebnis einer bolschewistischen Politik, die voluntaristisch ideologischen PrĂ€missen folgt, anstatt von der RealitĂ€t und den wirklichen sozialen Ressourcen auszugehen, um nach und nach – statt abrupt – die sozialen VerhĂ€ltnisse zu Ă€ndern. Diese Politik ist Ausdruck des konzeptionellen UnverstĂ€ndnisses der Besonderheiten der Übergangsgesellschaft, das auch aus der weitgehenden Missachtung dieser Frage im Schaffen von Marx und Engels resultiert, wo die Problematik der Übergangsgesellschaft nur kursorisch behandelt wurde. Sie drĂŒckt darĂŒber hinaus auch den Staatsfetischismus der II. Internationale aus, der allerdings in striktem Widerspruch zu Marx steht.

Die Machno-Armee

Machnos Streitmacht formierte sich zu Beginn des BĂŒrgerkriegs. Sie kĂ€mpfte v.a. gegen die „Weißen“, die auch vom westlichen Imperialismus unterstĂŒtzt wurden. Zugleich aber richtete sie sich gegen die ukrainischen bĂŒrgerlichen KrĂ€fte: Skoropadski und die „GrĂŒnen“ um Petljura. Auf ihrem Höhepunkt zĂ€hlte die Machno-Armee ĂŒber 100.000 KĂ€mpfer und kontrollierte ein Gebiet von 100.000 kmÂČ mit etwa 7 Mill. BewohnerInnen.

Anfangs war die AusrĂŒstung der Armee sehr schlecht, spĂ€ter verfĂŒgte sie auch ĂŒber Artillerie und einige Panzerfahrzeuge aus BeutebestĂ€nden. Sie stand unter dem Kommando von Nestor Machno, der sie straff fĂŒhrte und aus den anfangs „wilden“ Haufen eine schlagkrĂ€ftige Streitmacht schuf. Machno erwies sich als Ă€ußerst talentierter Befehlshaber, der v.a. die schnelle Verlegung der KrĂ€fte und den Überraschungsangriff meisterhaft beherrschte.

Machno fĂŒhrte immer von vorn, oft war er der erste im Angriff und riss seine Leute mit. Mehrfach wurde er schwer verwundet. Die Machnoarmee genoss durch ihre Verwurzelung in der Bevölkerung deren UnterstĂŒtzung und hatte dadurch auch logistische Vorteile. Die Pferde wurden bei den Bauern nicht requiriert, sondern – wie auch neuere Dokumente aus ukrainischen und russischen Archiven belegen -, mit Geld oder Naturalien bezahlt. Auch die Abgabe von Lebensmitteln fĂŒr die Armee erfolgte ĂŒberwiegend freiwillig. Trotz des allgemeinen Mangels an Nahrung schickte Machno auch GĂŒterzĂŒge mit Getreide in die hungernden StĂ€dte Moskau und Petrograd.

FĂŒr die Weißen kannte Machno kein Pardon. Gefangene Offiziere wurden erschossen. Sogar ParlamentĂ€re des weißen Generals Wrangel wurden exekutiert. Einfache Soldaten Denikins oder Wrangels jedoch ließ man laufen oder reihte sie mitunter in die eigenen KrĂ€fte ein.

Machno agierte, obwohl er weit schwĂ€cher und schlechter ausgerĂŒstet war als die Weißen, durchaus erfolgreich. Er kontrollierte weite Gebiete und band starke KrĂ€fte der Weißen, was die Erfolge der Roten Armee im SĂŒden begĂŒnstigte oder erst ermöglichte. In der offiziellen Geschichtsschreibung, die oft auf den EinschĂ€tzungen fĂŒhrender Bolschewiki grĂŒndet, wird Manchos Armee tw. als marodierender Haufen dargestellt, der militĂ€risch von einer Niederlage zur nĂ€chsten getaumelt wĂ€re und nur eine untergeordnete Rolle gespielt hĂ€tte. Doch die Fakten ĂŒber den Verlauf des BĂŒrgerkriegs in der Ukraine und viele Dokumente belegen das Gegenteil: Machno hat einen großen Anteil am Sieg ĂŒber die Konterrevolution in der Ukraine und auf der Krim. Auch die fĂŒr die Sowjetmacht höchst gefĂ€hrlichen VormĂ€rsche von Wrangel und Denikin auf Moskau konnten zurĂŒckgeschlagen werden, weil Machno in deren RĂŒcken operierte, starke KrĂ€fte band und ihre Verbindungs- und Versorgungslinien zerschnitt.

Machno und die Bolschewiki: Feindliche BrĂŒder

Es gab Phasen, in denen Machno und die Rote Armee VerbĂŒndete waren, und es gab Phasen offener Feindschaft. Zu Beginn waren die Kontakte zwischen Machno und der Roten Armee durchaus freundschaftlich. Manche Anarchisten warfen Machno deshalb vor, zu vertrauensselig zu sein. Das Ă€nderte sich jedoch schnell, nachdem die Bolschewiki – ohne Anlass – eine offen feindliche und repressive Haltung einnahmen. Am 10. April 1919 tagte der III. Rayonkongress in Gulai-Pole, dem Zentrum der Machnowschtschina. Volin schreibt dazu: „Im KongressbĂŒro traf ein Telegramm des Kommandanten der bolschewistischen Division Dybenko ein. Dieses Telegramm erklĂ€rte den Kongress schlicht und einfach fĂŒr „konterrevolutionĂ€r“, und die, die ihn organisiert hatten, fĂŒr „außerhalb des Gesetzes“ stehend.“ (Volin, S. 517)

Eine erste dramatische Zuspitzung des Konflikts mit der Roten Armee erfolgte im Juni 1919. Als der weiße General Denikin seine Offensive startete, fiel die Rote Armee Machno, der im Kampf gegen Denikin stand, in den RĂŒcken. Im Befehl 1.824 vom 4.6.19 bezeichnet Trotzki die Machnowschtschina als „konterrevolutionĂ€r“ und ordnet die Verhaftung Machnos und aller Delegierten an. Als der weiße General Wrangel vorrĂŒckt, verbĂŒndet sich Trotzki erneut mit Machno. Trotzdem ließ er mehrmals zu, ja handelte mit Absicht so, dass die Weißen Machno angreifen konnten, weil sich die Rote Armee ohne Not zurĂŒckgezogen und die Front geöffnet hatte.

Nachdem die Bolschewiki mit Hilfe Machnos den Kampf gegen die ukrainischen ReaktionĂ€re und die Weißen dann schließlich gewonnen und ihre Macht gesichert hatten, liquidierten sie die Machnowschtschina endgĂŒltig. Trotzki, der Chef der Roten Armee, befahl die Zerstörung der Dörfer, welche loyal zu Machno standen. Dabei kam es zu massivem Terror gegen die Zivilbevölkerung. Nach dem gemeinsamen Sieg ĂŒber die Weißen auf der Krim 1922 ĂŒberfiel die Rote Armee die MachnokĂ€mpfer, verhaftete oder tötete sie. Der letzte Rayonkongress wurde von der „Sowjet“armee auseinander getrieben und der Ort zerstört.

Die militĂ€rische Kooperation zwischen Machno und der Roten Armee war einerseits notwendig, um den KrĂ€ften der „weißen“ Konterrevolution besser Paroli bieten zu können; sie war möglich, weil die Verteidigung der Revolution und ihrer Ergebnisse, in der Ukraine v.a. die Landreform, ein gemeinsames Anliegen beider war.
Die Gegnerschaft ergab sich daraus, dass die Bolschewiki die politischen und sozialen Freiheiten dramatisch einschrĂ€nkten und das RĂ€tesystem immer stĂ€rker einer bĂŒrokratischen Partei-Staats-Herrschaft unterordneten. Dazu kam, dass die Bolschewiki oft rĂŒcksichtslos gegen die Bauern vorgingen – nicht nur gegen den Adel und die Großbauern, sondern auch gegen Klein- und Mittelbauern.

Hinter dem Konflikt zwischen Machno und den Bolschewiki steht aber im Grunde der Widerspruch zwischen einem freiheitlichen, auf demokratischer Selbstorganisation beruhenden Sozialismus und einem „Sozialismus“ unter der Knute eines Partei-Staats. Dieser „Sozialismus“ entwickelte sich dann innerhalb weniger Jahre zu einem so mörderischen wie ineffizienten Staatskapitalismus. Zweifellos war diese Entwicklung von den Bolschewiki so nicht gewollt, doch nicht nur Lenins Gesellschaftsvorstellungen, wie sie in „Staat und Revolution“ dargelegt sind, sondern umso mehr die praktische bolschewistische Politik ab 1921 belegen das. Nach dem Sieg im BĂŒrgerkrieg im FrĂŒhjahr 1921 war es möglich und notwendig, das am Boden liegende Sowjet-System zu revitalisieren und den Terror des „Kriegskommunismus“ zu beenden. Doch Lenin und Trotzki taten – obwohl sie das Problem der BĂŒrokratisierung durchaus erkannt hatten – das genaue Gegenteil. Jede Opposition wurde niedergeschlagen oder verboten, energische strukturelle Maßnahmen gegen die aufkommende BĂŒrokratisierung unterblieben. Immer wieder hatten viele MarxistInnen und AnarchistInnen auf diese Gefahren hingewiesen – ihre Kritik wurde missachtet.

Die Nationale Frage

Auch in der nationalen Frage war der Kurs der Bolschewiki alles andere als angemessen. WĂ€hrend man Finnland und die baltischen Gebiete nolens volens in die UnabhĂ€ngigkeit entließ, verfuhr man gegenĂŒber der Ukraine, die allerdings auch ein weit bedeutsamerer Teil „Gesamtrusslands“ war, ganz anders. Nach dem Brester Frieden im MĂ€rz 1918 wurde die Ukraine selbststĂ€ndig – wenn auch auf Druck Deutschlands. Nach dem Abzug der Besatzer und dem Sieg der Roten Armee in der Ukraine, v.a. im Norden, Westen und in der Zentralregion im Jahr 1920 wurde die Ukraine in den Verbund Sowjetrusslands, ab 1922 der UdSSR, aufgenommen. Diese Entwicklung beendete die UnabhĂ€ngigkeitstendenz der Ukraine, die bereits 1917 begonnen hatte.

Auf dem 1. All-Ukrainischen Nationalkongress im April 1917 war die Zentralna Rada gewĂ€hlt worden, die gesetzgebende Versammlung. In ihr waren die Bolschewiki und die SozialrevolutionĂ€re die stĂ€rksten Parteien. Im Juni 1917 forderte die Rada die Autonomie fĂŒr die Ukraine – innerhalb einer russischen Föderative. Diese Forderung kollidierte aber mit den Zielen der Kerenski-Regierung. Ein Kompromiss lief dann darauf hinaus, dass beide Regierungen sich gegenseitig anerkannten – der nationale Status der Ukraine blieb gewissermaßen „offen“.

Im November 1917, nach dem Sturz Kerenskis, proklamierte die Rada die „Ukrainische Volksrepublik“ als autonomen Staat innerhalb des neuen Sowjetrussland. In diesen Wahlen bekamen die Bolschewiki 25% der Stimmen. Mitte Dezember organisierten die Bolschewiki einen Aufstand und die Rote Armee begann, die Ost- und SĂŒdukraine zu besetzen. Ende Dezember fand in Charkow der 1. Kongress der Delegierten der Bauern-, Arbeiter- und SoldatenrĂ€te statt. Er erklĂ€rte die BeschlĂŒsse der Rada fĂŒr nichtig. Am 30. Dezember proklamierte das bolschewistische „Zentrale Exekutivkomitee der Sowjetukraine“ die „Ukrainische Volksrepublik der Sowjets“ – als Teil Sowjetrusslands.

In den nicht von der Roten Armee beherrschten Gebieten – dem grĂ¶ĂŸten Teil der Ukraine – fanden kurz darauf, im Januar 1918, Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung statt. Dabei erhielten die bĂŒrgerlich-nationalen Parteien 70% der Stimmen, die Bolschewiki nur 10%. Allerdings wurde das Gremium nie einberufen, so dass die Rada das Entscheidungsgremium blieb. Am 22. Januar 1918 erklĂ€rte die Rada (erneut) die volle staatliche UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine.

Nach AufstĂ€nden und GegenaufstĂ€nden eroberte die Rote Armee schließlich im Januar 1919 die Hauptstadt Kiew und die „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ wurde ausgerufen. Im MĂ€rz wurde die erste Verfassung verabschiedet und 1922 die „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ Teil der neu gegrĂŒndeten UdSSR.

Aus diesen Fakten erhellt, dass eine eindeutige Mehrheit der UkrainerInnen die UnabhĂ€ngigkeit oder mindestens die Autonomie der Ukraine wollte. Dahinter stand allerdings nicht eine grundsĂ€tzlich anti-russische Haltung wie in Polen, das lange vom zaristischen Russland unterdrĂŒckt worden war. Die Ukraine hingegen war – historisch gesehen – ĂŒber die russische „Schutzmacht“ eher froh, weil sie ihr lange Schutz vor den permanenten EinfĂ€llen östlicher Reiterhorden geboten hatte.

Die Haltung der UkrainerInnen gegen eine Eingliederung in die UdSSR und den Verlust der SelbststĂ€ndigkeit hatte v.a. damit zu tun, dass diese bedeutete, weitgehend den sozial-ökonomischen VerĂ€nderungen nach „bolschewistischem Schema“ ausgeliefert zu sein und jede nationale und demokratische Selbstbestimmung ĂŒber die sozialen Prozesse zu verlieren. Die UkrainerInnen gingen zu recht davon aus, dass eine massive EinschrĂ€nkung der Demokratie, dass BĂŒrokratisierung und Verstaatlichung, Zwangsabgaben usw. auf sie zukommen wĂŒrden.

Die Politik der Bolschewiki gegenĂŒber der Ukraine war in mancher Hinsicht rĂŒcksichtslos und ĂŒberzogen. Das ist umso tragischer, als das einerseits gar nicht notwendig war, weil die revolutionĂ€re Dynamik auch in der Ukraine stattfand und keineswegs „importiert“ werden musste, und andererseits KrĂ€fte, die dafĂŒr gewonnen werden konnten – die Mehrzahl der Landbevölkerung – und Partner fĂŒr dieselben Ziele vorhanden waren – die Machnobewegung – vor den Kopf gestoßen oder sogar eliminiert wurden.
Welche fatalen Konsequenzen sich fĂŒr die Ukraine bzw. fĂŒr die proletarischen und bĂ€uerlichen Massen daraus ergaben, dass sie ihre SouverĂ€nitĂ€t verloren hatten, zeigte sich spĂ€ter v.a. in Stalins Zwangskollektivierung. Gerade die Ukraine, die einstige „Kornkammer Europas“, hatte die Konvulsionen von Krieg, BĂŒrgerkrieg und Revolution gerade so ĂŒberstanden, als die Wahnsinns-Politik Stalins – und der Mehrheit des Parteiapparats inkl. der meisten „alten“ Bolschewiki – die ukrainische Landwirtschaft durch die Zwangskollektivierung erneut ruinierte und zu Millionen Hungertoten und Vertriebenen fĂŒhrte.

Die Vorbehalte und der Widerstand der Machnobewegung gegen das Vorgehen der Bolschewiki und deren „Staats- und Parteisozialismus“ waren also verstĂ€ndlich und nicht nur Ausdruck von „Bedenken“ gegen einzelne Maßnahmen. Sie verkörperten auch – und vor allem – das Streben nach einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Menschen selbst direkt und demokratisch ĂŒber ihr Leben und ĂŒber die Entwicklung der Gesellschaft entscheiden können und dies nicht bĂŒrokratischen Apparaten ĂŒberlassen mĂŒssen.

In einer Deklaration des revolutionĂ€ren Kriegssowjets der Machno-Armee vom Oktober 1919 heißt es zur nationalen Frage: „Wenn wir von der UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine sprechen, so verstehen wir unter dieser UnabhĂ€ngigkeit nicht etwa eine nationale UnabhĂ€ngigkeit in der Art der Petljuraschen „SelbststĂ€ndigkeit“, sondern eine soziale und werktĂ€tige UnabhĂ€ngigkeit der Arbeiter und Bauern.“ (Arschinoff, Geschichte der Machnobewegung, Unrast-Verlag MĂŒnster 1998, S.215)

Die Vernichtung der Machnowschtschina war insofern kein Akt der Verteidigung der Revolution, denn dafĂŒr kĂ€mpfte auch Machno, sondern Ausdruck einer terroristischen Machtpolitik im Dienste des Erhalts und Ausbaus der Macht der Partei- und StaatsbĂŒrokratie. Der Untergang der Machnowschtschina war – wie die Niederschlagung der ArbeiterInnenstreiks im FrĂŒhjahr 1921, die Liquidierung Kronstadts und die Ausschaltung der „Arbeiteropposition“ – ein weiterer Grabstein am Wege des Aufstiegs der BĂŒrokratie von einer Kaste zu einer neuen Ausbeuterklasse in einem staatskapitalistischen System.
Besonders tragisch ist dabei der Umstand, dass Trotzki u.a. Bolschewiki aktiv an dieser Politik mitgewirkt haben, ohne deren Konsequenzen zu wollen oder zu ahnen, und spĂ€ter selbst zu deren Opfern gehören sollten. Bei all den großen Verdiensten, die auch Trotzki am Sieg der Revolution und ihrer Verteidigung sowie im Kampf gegen Stalins konterrevolutionĂ€ren Kurs hat – er trĂ€gt auch eine Mitverantwortung an der Degeneration der Revolution und an den dabei verĂŒbten Verbrechen.

Wer war Machno?

Obwohl von der „marxistischen“ Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert und oft verunglimpft, ist Nestor Machno zweifellos ein bedeutender RevolutionĂ€r. Dieses Attribut verdient er sich allein schon dadurch, dass er eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Revolution und der Etablierung des Sowjetsystems in der SĂŒd-Ukraine spielte und einen wichtigen Beitrag zur militĂ€rischen Verteidigung der Revolution gegen bĂŒrgerliche KrĂ€fte, die deutschen Besatzer und die weißen konterrevolutionĂ€ren GenerĂ€le leistete.
Nestor Machno wurde 1888 in einer armen ukrainischen Bauernfamilie geboren und kannte daher die sozialen Probleme im Land und speziell in der Ukraine gut. Mit siebzehn begann er eine Lehre als Maler, spĂ€ter arbeitete er in einer Eisengießerei. Machno hatte nicht die Möglichkeit, sich viel schulische Bildung anzueignen. Aber er war schon als Jugendlicher politisch aktiv und kam durch die Revolution von 1905 mit dem Anarchismus in BerĂŒhrung. Dabei wurde er v.a. von den Ideen Bakunins und Kropotkins, beide „Anarcho-Kommunisten“, beeinflusst.

1908 wurde Machno wegen anarchistischer AktivitÀten zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. In der Haft erkrankte er an TBC und ihm wurde ein Teil der Lunge entfernt. Erst durch die Februarrevolution 1917 kam er frei.

Machno unterschied sich vom Typus deutlich von anderen russischen RevolutionĂ€rInnen, die meist Intellektuelle waren. Machno hingegen war und blieb immer ein Mann aus dem Volk, der dessen Lebensweise und Gepflogenheiten teilte. Er war ein charismatischer, aber zugleich bodenstĂ€ndisch-bĂ€uerlicher Typ. Nicht umsonst wurde er „Batko“ (der BĂ€r), genannt. Machno war fĂŒr seine revolutionĂ€re Konsequenz, seinen Mut, sein DraufgĂ€ngertum, seine Lebensfreude – und auch seine Trinkfestigkeit und Eskapaden bekannt, geachtet und „beliebt.“

Doch seine Person und die Rolle, die er in diesen dramatischen Jahren spielte, werden in der offiziellen Darstellung durch die Bolschewiki, danach unter dem Stalinismus wie auch noch heute bei vielen Linken rein negativ dargestellt – oder totgeschwiegen. Wie auch bei anderen Gelegenheiten (Kronstadt) waren sich Trotzki u.a. bolschewistische FĂŒhrer nicht zu schade dafĂŒr, offensichtliche LĂŒgen ĂŒber Machno und die Machnowschtschina zu verbreiten, um ihr Vorgehen zu begrĂŒnden und ihre Widersacher zu diskreditieren.

Zur Frage des VerhĂ€ltnisses Machnos zu den Juden schreibt Arschinoff: „Im Februar 1919 schlug Machno allen jĂŒdischen Kolonien wegen einiger FĂ€lle von antijĂŒdischen Kundgebungen vor, einen Selbstschutz zu organisieren und hĂ€ndigte jeder Kolonie die erforderlichen Gewehre und Patronen aus. Um diese Zeit organisierte er auch im ganzen Rayon eine Reihe von Versammlungen, in denen die Massen zum Kampf gegen das Übel des Antisemitismus aufgerufen wurden.“ (ebenda S. 217)

Als Anarchist – genauer: Anarcho-Kommunist – trat Machno fĂŒr den revolutionĂ€ren Sturz des Kapitalismus, die Überwindung des Privateigentums und fĂŒr ein RĂ€tesystem ein. Insofern teilte er durchaus die strategischen Ziele, mit denen 1917 auch die Bolschewiki angetreten waren. So wundert es nicht, dass Machno im Juni 1918 auf Vermittlung Swerdlows in Moskau auch Lenin traf, der ihn fĂŒr seine bolschewistische Regierung in Charkow gewinnen wollte.

Die andere Seite des VerhĂ€ltnisses der Bolschewiki zu Machno wird aber u.a. in der Forderung von Kamenew u.a. fĂŒhrenden Bolschewiki deutlich, welche die Auflösung der anarchistischen Sowjets und Kommunen forderten. Damit ignorierten sie grundlegende Prinzipien der RĂ€tedemokratie: die Freiwilligkeit und die Basisdemokratie. Was hier von Kamenew und Co. „angedacht“ wurde, setzte Trotzkis Rote Armee dann spĂ€ter brutal um.

Nach der Niederschlagung seiner Truppen durch die Rote Armee 1921 konnte Machno nach Paris fliehen. Dort lebte er in Armut, war aber weiter politisch aktiv. So traf er sich u.a. mit den bekannten spanischen Anarchisten Ascaso und Durruti, die in der Spanischen Revolution fielen und zu Legenden werden sollten. Durruti und sein Umfeld sind auch fĂŒr ihre politische AnnĂ€hrung an Trotzki bekannt geworden.

Ab 1926 war Machno Mitautor des russischen Exilorgans „Delo Truda“ (Arbeitersache) und Mitverfasser der „Organisatorischen Plattform der libertĂ€ren Kommunisten“. Diese Schrift war die politische Grundlage des „Plattformismus“, einer Strömung des Anarchismus, die stark von den Erfahrungen der Machnowschtschina beeinflusst war und auf eine strengere Struktur der revolutionĂ€ren Organisation setzte. Von vielen damaligen AnarchistInnen wurden diese Ideen aber als Versuche einer „Hierarchisierung“ angesehen und als „Bolschewisierung“ des Anarchismus abgelehnt.

Diese Fakten zeigen, dass der rigide Kampf der Bolschewiki gegen Machnos Bewegung und Ideen auch gerade jene KrĂ€fte im Anarchismus schwĂ€chte, die ihnen am nĂ€chsten standen und mit denen eine politische Kooperation und Diskussion möglich und sinnvoll gewesen wĂ€re. Anstatt die Möglichkeit und Notwendigkeit, den historischen Graben zwischen Marxismus und Anarchismus zu ĂŒberwinden, zu nutzen, haben die Borniertheit und der Terror der Bolschewiki diesen noch vertieft. In dieser unseligen Tradition stehen die meisten „MarxistInnen“ leider noch heute.

Verbittert, arm und krank starb Nestor Machno am 6. Juli 1934 an Tuberkulose. Über 500 Menschen nahmen an seinem BegrĂ€bnis auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise teil, wo auch viele KommunardInnen von 1871 begraben sind.

5 Gedanken zu „Machno und die Russische Revolution“

  1. „Aufruhrgebiet versteht sich ja gerade als Initiative, die produktiven AnsĂ€tze der gesamten Linken und Arbeiterbewegung (auch des Anarchismus) aufzuarbeiten und die linke Ismen-Glashaus-Kultur zu „renovieren“.“

    Lieber Hanns Graaf,

    dafuer meinen grossen Dank. Ich sehe es auch daran, dass ihr das Thema Machno-Bewegung der Ukraine thematisiert. Noch ein sehr dunkles Kapitel.

    Wir kommen an den Fragen Partei und Staat nicht vorbei. Und, vielleicht noch wichtiger, auch nicht an den Fragen zu den privaten Geld- und Finanzsystemen und der Dezentralieirung des oekonomischen Unterbaus.

    In meinen Augen hat es die „Linke“ voellig ignoriert, sich mit den Fragen der Oekonomie, des Wirtschaftens, wirklich zu beschaeftigen. Also, welche Formen der demokratischen Selbstorganisation stehen uns denn zur Verfuegung.

    Sich gegen das Kapital auszusprechen ist einfach. Es ueberfluessig zu machen deutlich schwieriger.

    mit dank und lieben gruessen, willi

  2. Lieber Hanns Graf,
    Parteien sind immer an Gruppenegoismen ausgerichtet, sonst waeren sie keine Parteien.

    „aber ein „Staat“ sein, der auf Selbstverwaltungsorganen grĂŒndet“
    Wie soll das denn gehen, wenn der Staat selbst immer von den Eliten, fuer die Eliten und gegen die Bevoelkerung organisiert ist. Da gibt es keinen Platz fuer „Selbstverwaltungsorgane“.

    Die Konzentration auf den Staat als Instrument der Eliten zeigt uns das gemeinsame Interesse der sogenannten „Rechten“ und „Linken“. Was sich aendert sind nur die Symbole, die Farben, die Maskerade.

    Das war auch der Grund, warum dann spaeter die anarchistischen Bewegungen in Nord-Spanien den gemeinsamen Feind hatten: Die Anhaenger des katholischen Faschismus mit ihren externen Freunden Italien und Deutschland und auf der anderen Seite die Sozialdemokraten und Republikaner mit der KPDSU im Anhang.

    Es geht immer um die oekonomische Unabhaengigkeit, die den Akteuren ihre politische Macht gibt, um politisch agieren zu koennen. Und in dieser Zeit war 80% (+-) der Oekonomie in der Hand der Cooperativen und lokalen Selbstorganisation. Aber damit war klar, dass die nur durch die totale Zerstoerung beendet werden konnte. Und fuer die KPDSU war dieser Erfolgskurs der Horror pur.

    1. Ich stimme Ihnen insgesamt zu. Allerdings ist eine Partei nicht generell nur eine Organisation von „Gruppenegoismen“, sondern kann sehr wohl eine Klassenorganisation (v.a. der „Vorhut“ der Klasse) sein. Allerdings muss nach den Erfahrungen mit Stalinismus, Bolschwismus und Sozialdemokratie immer ein Kampf gegen Degenerationstendenzen gefĂŒhrt werden.
      Ein RĂ€tesystem ist natĂŒrlich kein „Staat“ im tradtionellen Sinn – weder hinsichtlich der Funktion noch der Form. Man kann auch RĂ€tsystem sagen statt „Arbeiterstaat“, aber das ist nicht primĂ€r eine Frage des Begriffes.
      Aufruhrgebiet versteht sich ja gerade als Initiative, die produktiven AnsĂ€tze der gesamten Linken und Arbeiterbewegung (auch des Anarchismus) aufzuarbeiten und die linke Ismen-Glashaus-Kultur zu „renovieren“. MfG

  3. Liebe freunde,

    ich danke euch sehr fuer diesen Text, weil er die Frage der demokratischen Selbstorganisation in den Vordergrund stellt. Eine „revolutionaere“ Bewegung kann nur dann als „revolutionaer“ gelten, wenn sie sich diesem Prinzip verschreibt. Aber damit stehen die lokalen Lebensgemeinschaften, die Gemeinden, immer im Vordergrund.

    Wir koennen das auch aus dem Prinzip „Volkssouveraenitaet“ ableiten. Das „Volk“ ist der politische Souveraen in einer Region. Weil es aber nie auf einem Haufen lebt, sondern in verteilten Gemeinden, sind diese die Koerperschaften des politischen Souveraen in ihrer Region. Und, wie bei einem Souveraen so ueblich, gibt es da keine Ebene oben drueber, die sich zwanghaft einmischen kann.

    Diese strenge Dezentralisierung durch Lokalisierung finden wir nur in den anarchistischen Bewegungen. Der Begrif „Anarcho-Kommunismus“ ist fuer mich Tautologie. Es gibt keinen anderen Anarchismus oder Kommunismus. Das wird deutlich, weil der Begriff Kommunismus vom Gemeinsamen hergeleitet ist und absolut nichts mit Staat und Partei zu tun hat, die dem Egoismus zugewandt sind.

    mit lieben gruessen, willi
    Asuncion, Paraguay

    1. „Das wird deutlich, weil der Begriff Kommunismus vom Gemeinsamen hergeleitet ist und absolut nichts mit Staat und Partei zu tun hat, die dem Egoismus zugewandt sind.“

      Das teile ich so nicht. Eine Partei hat eine spezifische Funktion und ist daher notwendig. Das heißt aber nicht, dass sie ĂŒber die Klasse herrschen soll. Sie trĂ€gt auch nicht, wie Lenin undialektisch und unmarxistisch meint, das sozialistische Bewusstsein von außen in die Klasse. Vielmehr existiert eine Wechselwirkung, was auch die Russische Revolution klar beweist. Auch ein Staat bzw. staatliche Strukturen sind in der Übergangsgesellschaft (noch) nötig. Es muss aber ein „Staat“ sein, der auf Selbstverwaltungsorganen grĂŒndet und aus diesen besteht. Machnos Armee war natĂŒrlich auch eine Form von Staats-Struktur. MfG Hanns Graaf

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