ABC des Marxismus XXXIX: Was ist Feminismus?

Feminismus steht für soziale und politische Kräfte, die für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen eintreten und sich gegen Sexismus u.a. Formen von sich spezifisch gegen Frauen richtende Unterdrückung wenden. Ab den 1970ern löste der Begriff „Feminismus“ in Deutschland den davor üblichen Begriff „Frauenemanzipation“ ab. Der Feminismus ist eng mit dem Kampf gegen andere Formen von Unterdrückung, z.B. Rassismus, Nationalismus, Homophobie usw. verbunden.

Elemente des Feminismus entstanden schon im 18. Jahrhundert mit der Aufklärung und dem Kampf für Freiheit und Bürgerrechte. So meinte der frühe Sozialist Charles Fourier, der Grad der Befreiung der Frau sei ein Maßstab für die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt. Einen wichtigen Impuls erhielt der Feminismus durch die Französische Revolution von 1789. In vielen Klassenkämpfen, z.B. in der Pariser Commune (1871) oder in der Russischen Revolution von 1917 standen Frauen an vorderster Front. Oft waren Proteste von Frauen die Initialzündung für Massenbewegungen.

Vom revolutionären Bürgertum des 18./19. Jahrhunderts wurde mitunter auch die Frage der juristischen Gleichstellung der Frauen und ihrer demokratischen Rechte betont. Doch schon sehr bald differenzierte sich die Frauenbewegung aber dahingehend, dass auch proletarische Frauen Forderungen aufstellten, um ihre Lage zu verbessern. Anders als ihre bürgerlichen Schwestern, die durch ihre Männer sozial meist abgesichert waren, forderten Proletarierinnen z.B. gleichen Lohn, bessere Kinderbetreuung und Selbstbestimmung über ihren Körper. Da viele dieser Forderungen mit den Klasseninteressen der Bourgeoisie kollidierten, ergab sich eine deutliche Differenzierung zwischen dem bürgerlichen Feminismus und der proletarisch-sozialistischen Frauenbewegung. Aber auch in der proletarischen Bewegung war und ist ein Kampf nötig, um die spezifischen Forderungen von Frauen gegen männliche „Borniertheit“ und patriarchalische Traditionen durchzusetzen. So sahen viele Arbeiter Frauen lange als Konkurrentinnen um Arbeitsplätze an, u.a. weil Frauen schlechter bezahlt wurden.

Große Bedeutung dafür, dass die Idee der Frauenbefreiung in die Arbeiterbewegung Einzug hielt, haben Marx und Engels, die – obwohl sie keine systematische „feministische“ Theorie formuliert haben – auf die besondere Unterdrückung von Frauen hinwiesen und betonten, dass Frauenunterdrückung ein Merkmal aller Klassengesellschaften ist und letztlich nur durch den Sturz des Kapitalismus überwunden werden kann. Sie zeigten, welche Bedeutung Staat, Privateigentum und Familie für die Frauenunterdrückung haben und dass diese keine ewigen Einrichtungen, sondern historische Phänomene sind, die an bestimmte Produktionsweisen gebunden sind und mit deren Überwindung wieder verschwinden.

Das bekannteste Buch zur Frauenfrage in der Arbeiterbewegung war August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“, das die Verbindung von Frauenemanzipation und Kampf für den Sozialismus betont. Es bleibt jedoch hinter Marx zurück, betrachtet wichtige Probleme (z.B. Sexismus) kaum und bedient weitgehend eine reformistische Sozialstaatskonzeption.

Eine andere wichtige Vorkämpferin für die Interessen der (proletarischen) Frauen in der Sozialdemokratie und später in der kommunistischen Bewegung war Clara Zetkin. 1910 forderte sie auf dem II. Kongress der Sozialistischen Internationale: „Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“. Ein Jahr später gingen erstmals Frauen in mehreren Ländern auf die Straße und forderten u.a. das Frauenwahlrecht und Teilhabe an der politischen Macht. Damals durften nur in Finnland Frauen wählen. Erst nach dem 1. Weltkrieg ändert sich das – nicht zuletzt unter dem Einfluss der Russischen Revolution 1917 und durch die Kämpfe der Arbeiterbewegung.

Einen Schritt weiter als der „tradierte Feminismus“ der Arbeiterbewegung ging die russische Revolutionärin Alexandra Kollontai, die erste Ministerin (Volkskommissarin) in einer Regierung. Sie kämpfte gegen die einseitige Zuschreibung der Kindererziehung und der Hausarbeit auf Frauen und gegen die tradierte Sexualmoral. Sie trat für freie Sexualität und die Vergesellschaftung der traditionellen „Frauenbereiche“ Kinder und Haushalt ein. Ihre Vorstellungen blieben jedoch nicht nur Ideen, sie waren Teil der Konzeption der Bolschewiki und wurden im Zuge der Revolution und des Aufbaus Sowjetrusslands in Ansätzen verwirklicht. Die Russische Revolution war der bisher der bedeutendste Beitrag zur Frauenbefreiung, viele Gesetze und praktische Maßnahmen zur Überwindung der Unterdrückung der Frau wurden hier – noch dazu unter sehr ungünstigen sozialen Umständen – beispielhaft umgesetzt. Diese Dynamik wurde mit dem Aufstieg der Bürokratie und der Etablierung des Stalinismus gestoppt und tw. wieder rückgängig gemacht.

Im Stalinismus war zwar die Stellung von Frauen in vieler Hinsicht rechtlich und tw. auch hinsichtlich der sozialen Lage besser als im Westen, doch entschied darüber die Bürokratie, nicht die Frauen- bzw. Arbeiterbewegung. Viele für die Frauenunterdrückung zentrale Strukturen, z.B. die bürgerliche Kleinfamilie und die private Hausarbeit, wurden weder in Frage gestellt noch überwunden.

Im Westen, in den imperialistischen Zentren, hat sich die Lage der Frauen gegenüber früher deutlich verbessert. Doch die Grundlagen der Unterdrückung und Überausbeutung von Frauen – das Privateigentum, das Lohnarbeitsverhältnis, die bürgerliche Familie und die private Hausarbeit – sind geblieben. Der bürgerliche Feminismus betont stark das Recht der Frauen, in Männerdomänen vorzustoßen (z.B. Führungspositionen), negiert aber weitgehend, dass diese Positionen und Rollen mit dem kapitalistischen System und der daraus erwachsenden Unterdrückung einhergehen.

Heute wie damals prägt – bei allen Gemeinsamkeiten – eine zentrale Differenz den Feminismus: der bürgerliche Feminismus tritt für die Gleichstellung der Frau ein, ohne aber die Überwindung des Kapitalismus zu fordern, während der „sozialistische Feminismus“ gerade den Zusammenhang zwischen Frauenbefreiung und Anti-Kapitalismus betont und neben demokratischen v.a. auch soziale Forderungen aufstellt. Ein anderer Unterschied liegt darin, dass der „sozialistische Feminismus“ die Arbeiterklasse und den Klassenkampf als zentrale Bezugspunkte ansehen, während bürgerliche FeministInnen eher die Demokratie und den bürgerlichen Staat bzw. die „Zivilgesellschaft“ als Aktionsfelder und handelnde Subjekte betrachten.

Ab den 1960/70er Jahren begann eine neue Phase der Produktivkraftentwicklung, welche die traditionelle Stellung der Frau in der Gesellschaft veränderte. Frauen wurden stärker in die Produktion einbezogen, die häusliche Reproduktion veränderte sich, Frauen erhielten größere Rechte, größere Bildungschancen usw.. Diese Umbrüche „erzeugten“ bzw. verstärkten die soziale und politische Mobilität von Frauen und führten zu einem „feministischen Aufbruch“.

Seit einiger Zeit beeinflusst ein links-bürgerlicher „Dekonstruktivistischer Feminismus“ große Teile der Frauenbewegung. Der Hauptgrund dafür sind der Neoliberalismus und der Niedergang der Linken, der Arbeiterbewegung und der Frauenbewegung als kämpferische Bewegungen ab Ende des 20. Jahrhunderts und die langanhaltend Degeneration des „Marxismus“. Das führte dazu, dass der Einfluss kleinbürgerlicher und Mittelschichten sowie des universitären Milieus zu- und der Einfluss der Arbeiterbewegung auf den Feminismus abnahmen. Elitär-abgehobenes Ideologisieren überlagert und prägt zunehmend den politischen und Klassenkampf.

Eine zentrale Protagonistin dieses post-strukturalistischen Feminismus seit den 1990ern ist die US-Professorin Judith Butler mit ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“. Ihre Methode ist in jeder Hinsicht falsch. Sie ist 1. unmaterialistisch, weil sie behauptet, das biologische Geschlecht (sex) und das soziale Geschlecht (gender) seien nur gesellschaftliche Konstrukte, obwohl sie auch biologisch bedingt sind. Sie sieht die Gesellschaft nur als Summe von Individuen an und negiert Klassenstrukturen. Geschlechtliche Unterdrückung besteht für Butler v.a. darin, dass Individuen bestimmte Geschlechter-Rollen durch Sprache, Konventionen usw. aufgezwungen würden. Daher müssten diese Rollen „aufgelöst“ und „dekonstruiert“ werden. Doch werden damit die realen Strukturen von Unterdrückung, die stark mit dem Lohnarbeitssystem, dem Staat und der Familie zu tun haben, nicht überwunden.

Butlers Methode ist 2. ahistorisch, weil sie nicht erklärt, wie sich Frauenunterdrückung historisch konstituiert und verändert hat, dass sie historisch überwindbar ist und das letztlich nur durch die Überwindung des Kapitalismus erfolgen kann. 3. ist ihre Methode undialektisch, weil sie z.B. den Klassenantagonismus und den Klassenkampf weitgehend ausblendet. Butler verlagert den Kampf gegen Frauenunterdrückung aus der Realität des Klassenkampfes auf die ideelle Ebene des Diskurses und den Bereich individueller Aktion. Damit wird die Rolle der (proletarischen) Frauen als kollektiv kämpfende Subjekte unterminiert. Butlers Feminismus ist stark Ausdruck der Bedürfnisse von Frauen der (weißen) Mittelschicht.

Anders als bei Butler, wo die Situation des Einzelnen und dessen Bewusstsein die Basis für „Subversion“ ist, leitet der Marxismus das Veränderungspotential wesentlich aus den materiellen Bedingungen, aus der besonderen Stellung der ArbeiterInnenklasse im Produktionsprozess des Kapitalismus ab. Butlers Konzeption hingegen zielt nicht auf den Bruch mit dem Kapitalismus, sondern nur auf mehr Toleranz und Liberalität.
Der Marxismus leitet Ideologien und reale Unterdrückung wesentlich aus den sozial-ökonomischen Strukturen und deren historischen Wandlungen ab. Insofern ist v.a. die Veränderung dieser materiellen Umstände der Weg, um Unterdrückungsverhältnisse zu überwinden. Der zentrale Klassenwiderspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat prägt auch die Frauenunterdrückung – ohne dass diese jedoch nur daraus entspringen oder nur darauf beschränkt wäre. Für den Marxismus ist der Kampf für Frauenbefreiung untrennbar mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verbunden. Die Befreiung der Frau ist bzw. muss v.a. Sache der Arbeiterbewegung, von Arbeiterinnen und Arbeitern sein und werden. Natürlich sind auch die Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung nicht frei von Tendenzen der Frauenunterdrückung, von Sexismus usw.. Daher muss auch dort gegen solche reaktionären Einstellungen vorgegangen werden. Dazu gehört z.B., dass Frauen (wie auch andere unterdrückte Gruppen) das Recht auf gesonderte Treffen (caucus) in ihren Organisationen haben müssen, wo sie ihre spezifischen Probleme diskutieren können.
Der Kampf gegen Frauenunterdrückung ist jedoch nicht nur ein politischer und ideologischer. Es geht auch darum, soziale Strukturen aufzubauen, welche die Emanzipation fördern. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kinderladen-Bewegung in der BRD ab Ende der 1960er Jahre. Damals haben progressive Frauen und die radikale Linke selbstverwaltete Kinderläden gegründet, um den Mangel an Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu mildern und Frauen bessere Möglichkeiten für eine Berufstätigkeit zu schaffen. Diese Versuche waren nicht nur erfolgreich, sie zeigen auch, dass es möglich ist, ohne bzw. gegen Kapital und Staat Probleme zumindest teilweise zu lösen und Strukturen zu schaffen, wo die bürgerlichen Mechanismen nicht oder weniger wirken und ein selbstbestimmtes, herrschaftsfreies Leben partiell erreicht werden kann. Diese freiheitlichen Strukturen fördern und ermöglichen freiheitliches Denken und stellen zugleich auch ein großes Potential auch für den Sozialismus und die Revolution dar.

2 Gedanken zu „ABC des Marxismus XXXIX: Was ist Feminismus?“

  1. Ihren Forderungen kann ich mich anschließen – nur macht es keinen Sinn, Sprachgebrauch und soziale Praxis quasi als Alternativen anzusehen. Wir benutzen nur das Große Binnen-I, nicht * o.ä. Der Grund dafür ist, dass Frauenunterdrückung ein gesellschaftliche relevantes Problem ist, während die Unterdrückung anderer „Gender-Gruppen“ das nicht ist, v.a. weil sie nur (kleine) Minderheiten darstellen. Das heißt weder, dass diese nicht auch unterdrückt werden, noch dass man nicht dagegen kämpfen müsste. Doch es macht keinen Sinn (und ist auch unmöglich), jede unterdrückte Gruppe mit einer monströsen Formulierung zu berücksichtigen. Nebenbei: Was ist z.B. mit national, religiös o.a. Gruppen, die werden bei all dem Gegendere auch nicht genannt. In diesem Sinn stimme ich Ihrer Kritik zu. Wir sollten aber auch nicht verkennen, dass das „Frauenthema“ auch durch den gendernden Sprachgebrauch mehr ins Bewusstsein gerückt ist. Sicher kann Unterdrückung nicht durch anderen Sprachgebrauch aufgehoben (Dekonstruiert) werden, sondern nur durch Klassenkampf. Ich finde es aber auch problematisch, komplett auf das Gendern zu verzichten, wenn die Linke und fortschrittliche Menschen es benutzen. Welchen Sinn soll es machen, dort eine Frontstellung aufzubauen? Das heißt aber nicht, jede Mode mitzumachen. Die Auseinandersetzung sollte nicht primär um den Sprachgebrauch geführt werden, sondern darüber, wie der konkrete Kampf für Frauenbefreiung geführt werden soll. Ich vermute und hoffe, dass wir da einig sind. MfG Hanns Graaf

  2. Wer sich selber zu den „revolutionären MarxistInnen“ bekennt und jetzt aktuell von „FeministInnen“ und „ArbeiterInnenklasse“ oder – ganz im Stile der SPD – von „Arbeiterinnen und Arbeitern“ schreibt, tut dem wirklichen Feminismus mit solchem Gender-Neusprech-Kauderwelsch keinen Gefallen, sondern im Gegenteil beteiligt sich freiwillig an dem großen Ablenkungsmanöver: Statt Symbolkulte zu zelebrieren, müßten die materiellen Forderungen der doppelt ausgebeuteten Frauen durchgesetzt werden (https://www.rubikon.news/artikel/die-grosse-ablenkung).

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