FundstĂŒck VI

Wir haben uns einen Menschentypus zurechtgezimmert – je nach Epoche einen anderen – und klammern uns so sehr daran, dass wir alles, was ihm nicht gleicht, als krank oder monströs erachten.

Ist nicht einer der GrĂŒnde fĂŒr unsere eigenen Qualen die Entdeckung, die wir frĂŒher oder spĂ€ter machen, dass auch wir ihm nicht gleichen?

George Simenon, Der verlorene Sohn

Makarenkos ungeliebtes Erbe

Bildung in der Sowjetunion

Hanns Graaf

Die Konzepte und Leistungen des sowjetischen PĂ€dagogen Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939) wurden weitgehend vergessen oder verdrĂ€ngt – obwohl oder weil er als der bedeutendste sowjetische PĂ€dagoge gilt. „Makarenkos ungeliebtes Erbe“ weiterlesen

Berlin. Reichstag

Hanns Graaf

Auferstandene
Ruine: Deutschlands alter
GeierkÀfig.

Fledderer, die
Zogs gen Osten, als der
Abtrieb in den
Westen.

Glasgewölbe ĂŒberm
Hohen Hause, dem
Palaver.

Volksvertreter:
Voll versorgt und ganz
Verkuppelt.

Ach,
In wilhelminischen
Mansarden
Wurmfortsatz von
Kommunarden!

Nirgendwo ein
Liebknecht, nur

Lakaien.

Nazis gegen Nazis

1934: Der Röhm-Putsch

Hannes Hohn

Reichlich ein Jahr nach der Machtergreifung der deutschen Faschisten, am 30. Juni 1934, sorgte ein Ereignis fĂŒr Schlagzeilen: der „Röhm-Putsch“. Es handelte sich dabei aber nicht um einen Putsch von SA-FĂŒhrer Ernst Röhm gegen Hitler, sondern um einen Schlag, eine SĂ€uberung Hitlers gegen Röhm und die SA-FĂŒhrung. „Nazis gegen Nazis“ weiterlesen

Die Internationale

Hannes Hohn

„Die Internationale“ ist wohl immer noch das bekannteste Lied der Welt, obwohl es natĂŒrlich in Hitparaden und auch in den meisten LiederbĂŒchern nicht auftaucht. Trotzdem ist das „rote“ Lied ein echter Evergreen, der inzwischen schon fast anderthalb Jahrhunderte alt ist. „Die Internationale“ weiterlesen

FundstĂŒck V

Es scheint kein Unsinn zu sein, wenn man sagt, dass alle Kunst irgendwann einmal Massenunterhaltung wird; und wird sie das nicht, stirbt sie und wird vergessen.

Ramond Chandler, Oscar-Abend in Hollywood

Schwarze Verse

Hanns Graaf

Schwarz klebt die Erde uns unter den NĂ€geln,
Wenn wir den Wurzeln nachgraben.
Schwarzarbeit leistet mein SchÀdel: Geschichte,
Gesiebt aus dem Zeitengerölle.

Inschriften. Namen. Der Lebenden Orte
Noch von den Toten gezeichnet.
Schwarz, aus geronnenem Blut, all die Grenzen
Auf knallbunten Schulatlasseiten.

Rauchfahnen wehn, eure rußschwarzen Haare.
Treblinkas Roma-MĂ€dchen.
Hakige Kreuze, ein zackiges Signum
Verblasst auf verblichnem Transportschein.

Schwarz, abgefroren im Dauerfrostboden
In wieviel Gulags wieviel FĂŒĂŸe?
Ausgebrannt starren die Höhlen der Pfeifen
Im Stalinmuseum wie Augen.

Feurige Fahne, angeschwÀrzt, lohend
An Trotzkis gepanzertem Zuge.
Stickiger Qualm ĂŒber rostigen Gleisen
Der Staatsbahn von nassmorschen Scheitern.

Schwarz, hart und januarkalt bohrt, oh Rosa,
Die MĂŒndung sich in deine SchlĂ€fe.
Landwehrkanal, liegst verschollen im Lande.
DER WALD STEHT SCHWARZ UND SCHWEIGET.

Bleichester Bruder Vergessen: Uns schneit doch
Das Gestern als Schnee noch ins Morgen.
Schwarz meine Verse wie StacheldrahtdrÀhte
Ins Weiß den Papieren geschlagen.

Weltzustandsbericht

Hanns Graaf

Containerkolosse vor
Rhodos auf leer
Gefischtem
Meer.

FĂŒnfhundertjĂ€hrige
Riesen im Dschungel: Ge-
FĂ€llt fĂŒr Fenster mit
Ausblick ins
GrĂŒn.

Kontinentale
Verschiebungen.
Klick klick: in Millisekunden
Milliarden.

Raketen,
Irdische, zielen auf
Unsern, uns fernsten
Planeten.

Computer
Der x-ten Generation
Erfassen die
Toten der Sahel-
Zone.

Verhungert
Soeben mit
Sieben ein
SpÀterer
NobelpreistrÀger.

Vor Afrikas
SchulhĂŒtten: Kinder-
Soldaten ĂŒben das
Killen.

Beton
StĂŒrzt vom berstenden
Welthandelszentrum
Auf hoffende
Bettler.

Grinsender
Gipfel. Zehn-
Tausende FĂ€uste dagegen
Geballt in Genuas
Gassen.

Ihr widerborstiger
Prophet: verschĂŒttet
In Highgate, nahe dem
Meridian
Null.

2004

Das böse Fleisch

Vegetarismus / Veganismus

Hanns Graaf

Alternative und Weltretter aller Art haben einen Feind ausgemacht – nein, nicht das BĂŒrgertum, sondern den Burger. Schnitzel und Leberwurst, Milch und KĂ€se, Eier und Butter sind zu Menetekeln der Weltbedrohung geworden. Tierische Methan-Furze killen das Klima. Rinder  verbrauchen zu viele Ressourcen. Erst kommt zwar das Fressen, doch dicht dahinter schleichen die vereinigten Moralapostel aller LĂ€nder einher – d.h. eigentlich nur jener LĂ€nder, wo es genug zu Essen gibt und mancher Mensch auch zu viel in sich hineinstopfen kann. „Das böse Fleisch“ weiterlesen

Der Fall Lyssenko

Geschichte der Wissenschaft

Hanns Graaf

Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) war ein sowjetischer Agronom und Biologe, der unter Stalin großen Einfluss erlangte. Seine Theorie – spĂ€ter „Lyssenkoismus“ genannt – knĂŒpft an Lamarck an. Die Genetik wurde unter Stalin als „bĂŒrgerliche Theorie“ per se abgelehnt. Nach Lyssenko werden Erbeigenschaften nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt. Die Entwicklung der Arten erfolge nicht durch Mutation und Selektion, sondern durch die Vererbung erworbener Eigenschaften, d.h. durch UmwelteinflĂŒsse. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden spĂ€ter sogar als FĂ€lschungen entlarvt. „Der Fall Lyssenko“ weiterlesen