Trotzkis Erbe (Teil 1)

Hanns Graaf

Leo Trotzki war einer er wichtigsten und profiliertesten MarxistInnen und RevolutionärInnen des 20. Jahrhunderts – und zugleich einer der umstrittensten und folgenreichsten. Trotzkis Wirken war in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: 1. hat er die revolutionäre Programmatik weiterentwickelt wie kein(e) anderer(e) MarxistIn seiner Zeit; 2. war er 1917 und in den Jahren danach neben Lenin der bedeutendste Führer der Bolschewiki und der Russischen Revolution; 3. formierte er national und international eine anti-stalinistische revolutionär-marxistische Opposition: die Linksopposition, die dann 1938 in die IV. Internationale mündete; 4. äußerte er sich umfassend zu vielen Fragen zentraler Ereignisse und Klassenkämpfe der 1920er und 30er Jahre.

Es ist kein Zufall, dass Trotzki – im Unterschied zu fast allen anderen MarxistInnen und RevolutionärInnen seiner Zeit – eine „eigene“ politische Programmatik und Organisation schuf: den Trotzkismus und die IV. Internationale und deren „Übergangprogramm“. Seine klaren Statements und umso mehr sein konkreter und konsequenter Kampf gegen alle Arten von nicht-marxistischen, anti-revolutionären, opportunistischen und bürokratischen politischen Kräften haben ihn und seine MitstreiterInnen zu den bestgehassten und -bekämpften Linken gemacht. Trotzki wurde von Stalin und seiner Bürokratie verfolgt, verleumdet, ins innere Exil und dann außer Landes gezwungen. Trotzki wurde als „Risiko“ für den Herrschaft des Kapitalismus und den Einfluss ihrer diversen „linken“ Helfershelfer zur Emigration in „einer Welt ohne Visa“ (Trotzki) gezwungen und schließlich (wie schon vorher sein Sohn) von einem Schergen Stalins 1940 ermordet. Wirkliche und vermeintliche „TrotzkistInnen“ litten in den Lagern Stalins und Hitlers.

Trotzkis Leben bietet Stoff für Filme und Romane: illegale Arbeit, Gefängnishaft, Verbannung, Flucht, Exile; er war Schriftsteller, Führerpersönlichkeit in zwei Revolutionen, erst Polemiker gegen und dann engste Zusammenarbeit mit Lenin; er war Begründer der Roten Armee und Sieger im Bürgerkrieg, aber auch Befehlshaber bei der Niederschlagung Kronstadts usw. usw..

80 Jahre nach Trotzkis Tod (1940) und der Gründung der IV. Internationale (1938) gibt es immer noch „den Trotzkismus“. Allerdings hat dieser fast nie und nirgends je die Rolle eingenommen, die Trotzki vorschwebte, nämlich die einer revolutionären Führung des Proletariats. Nur in wenigen Ausnahmen gelang es trotzkistischen Organisationen, größeren Einfluss zu erlangen. Von Beginn an war die IV. Internationale nur eine kleine Kaderstruktur, die innerlich über viele Fragen zerstritten war und sich schon Anfang der 1950er spaltete. Seitdem und bis heute existieren etwa ein Dutzend trotzkistische „Internationalen“, zu denen tw. nur ganz wenige, tw. auch mehrere nationale Gruppen gehören, von denen aber nur wenige eine drei- oder gar vierstellige Mitgliederzahl in einem Land haben. Das Spektrum der politischen Positionen innerhalb des „Trotzkismus“ ist inzwischen so groß, differenziert und oft direkt gegensätzlich, dass von „dem Trotzkismus“ kaum noch gesprochen werden kann. Ohne Ausnahme sind die trotzkistischen Organisationen dem Zentrismus zuzuordnen und erreich(t)en in Praxis und Programmatik keine revolutionäre Qualität.

Das hat zwei Hauptursachen: 1. beruht der Trotzkismus wesentlich auf jenen Anschauungen, die auch Lenin und die Bolschewiki entwickelten und teilten. Somit „übernahm“ auch Trotzki deren fehlerhafte Ansichten, die aus ihrer Herkunft aus der II. Internationale resultierten und nicht überwunden wurden: der Etatismus, die einseitige Parteiauffassung und die Unterschätzung des Genossenschaftssystems und der proletarischen Selbstverwaltung. 2. vermochten es die TrotzkistInnen nicht, Trotzkis Programmatik historisch-kritisch zu hinterfragen, so etwa seine fehlerhafte Einschätzung der UdSSR als eines „degenerierten Arbeiterstaates“. Diese war vielmehr ab Ende der 1920er staatskapitalistisch. Der Trotzkismus wurde für seine AnhängerInnen – wie der Marxismus für die MarxistInnen – immer mehr zu einem Dogma, das immer weiter hinter den Anforderungen der Entwicklung der Gesellschaft und des Klassenkampfes zurück bleibt.

Der Trotzkismus ist heute kein relevanter politischer Faktor mehr – wenn er es jemals war. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass er deshalb als historisch „erledigt“ betrachtet werden darf – zumindest nicht für RevolutionärInnen und MarxistInnen. Ansonsten könnte man angesichts der aktuellen Marginalität des Marxismus auch Marx für erledigt halten. Nein, Trotzkis politisches Erbe ist so bedeutend und umfangreich, dass nur Reaktionäre, Ignoranten oder geistig Beschränkte eine Beschäftigung mit Trotzki für überflüssig halten können. Der Autor selbst kann sich noch lebhaft an die Gorbatschow-Periode oder die Wendezeit 1989/90 in der DDR erinnern, als die KPdSU oder die SED-PDS viele im Stalinismus als „Unpersonen“ angesehene Linke rehabilitierten – der Name Trotzki tauchte dabei fast nie auf. Umso weniger gab es eine wirkliche Auseinandersetzung mit seinen politischen Positionen. Allein deshalb, weil Trotzki zu so vielen Fragen der Theorie, der Programmatik und der praktischen Politik Beiträge geleistet hat, wäre es unverzeihlich, diese zu ignorieren.

In dieser Artikelserie ist es nicht möglich, ein Gesamtbild Trotzkis oder des Trotzkismus zu zeichnen und auf alle Aspekte einzugehen, die von Belang sind. Wir möchten hier v.a. die Frage betrachten, was die besonderen, produktiven Beiträge Trotzkis zum Marxismus sind und was die theoretischen Fehler und Beschränkungen seiner Konzeption sind. Das soll dabei helfen, besser zu begreifen, warum der Trotzkismus seine „historische Mission“ (bisher) nicht erfüllt hat und genauer zu verstehen, wie die gesamte „radikale“ Linke ihre Marginalität, ihre theoretisch-programmatische Schwäche und ihre Zersplitterung überwinden kann.

Die Theorie der Permanenten Revolution

Die Theorie der Permanenten Revolution (PR) ist einer der bekanntesten Begriffe, die mit Trotzki in Verbindung gebracht werden. Grob zusammengefasst bedeutet sie, dass die Revolution im Zeitalter des Imperialismus ihre Ziele – sowohl bürgerlich-demokratische wie auch sozialistische – nur umsetzen kann, wenn das Proletariat die Führung im revolutionären Prozess inne hat, seine politisch-exekutive Macht auf Basis von Räte-Strukturen errichtet mittels dieser die Gesellschaft umgestaltet. Dabei zieht das Proletariat andere unterdrückte Klassen und Schichten mit. PR heißt also, von der bürgerlich-demokratischen Etappe zur sozialistischen überzugehen. Diese Vorstellung reflektiert damit genau jene Entwicklung, die 1917 in Russland Realität wurde. Andererseits steht sie in diametralem Widerspruch zur Politik der Menschewiki 1917 oder später der Volksfrontkonzeption Stalins, die u.a. zur Niederlage der Revolution in Spanien führte. Diese Konzepte wollten gerade den Übergang von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Phase verhindern und die bürgerliche Staatsmacht intakt lassen.

Der zweite wichtige Aspekt der PR ist die These, dass die Herrschaft der Arbeiterklasse und umso mehr eine Entwicklung Richtung Kommunismus nur dann möglich ist, wenn die Revolution sich international ausweitet. Das bedeutet natürlich nicht – wie Anti-Trotzkisten oft unsachlich unterstellen -, dass die Weltrevolution ein einziger globaler Akt wäre oder sich wie ein Lauffeuer ausweiten und das kapitalistische System wie eine Reihe von Dominosteinen umfallen würde. Vielmehr bedeutet es, dass RevolutionärInnen und ein Arbeiterstaat auf die Weltrevolution orientieren, revolutionäre Möglichkeiten ausnutzen und revolutionäre Entwicklungen unterstützen müssen. Das ist allerdings genau das Gegenteil der Außenpolitik und der Ideologie Stalins ab 1934/35.

Trotzki war aber nicht der „Erfinder“ der Theorie der PR. Zuerst taucht der Begriff der „Revolution in Permanenz“ schon 1850 bei Marx in seiner „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund (der Kommunisten)“ auf, wo er die Ergebnisse der Revolution von 1848 analysiert. Marx schreibt, es wäre notwendig, „die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, dass die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und dass wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind“.

Später war es dann der russische Marxist Parvus (Helphand), der Grundzüge der PR bezüglich des Charakters der kommenden Revolution in Russland entwickelte. Darauf bezog sich auch Trotzki nach den Erfahrungen der Revolution von 1905, als das Proletariat schon als Subjekt der Revolution in Erscheinung getreten war. In seinem Buch „Ergebnisse und Perspektiven“ (1906) systematisiert Trotzki seine Auffassungen. Diese unterschieden sich damals deutlich von den Auffassungen Lenins und seiner Formel der „revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“. Lenins damalige Position, die er erst 1917 mit den „Aprilthesen“ präzisierte, war in der Frage des Charakters der Revolution und der Regierungsfrage nicht so klar wie die Trotzkis, der Lenins Konzeption daher eine „arithmetische Formel“ nannte.

Nach den „Aprilthesen“ und der mit ihnen erfolgten Klärung der Politik der Bolschewiki trat Trotzki, der bis dahin auf dem äußersten linken Flügel der Menschewiki stand, im Sommer 1917 mit seiner „Mittelgruppe“ den Bolschewiki bei und wurde neben Lenin der wichtigste Führer der Revolution und im Bürgerkrieg. Für alle Bolschewiki war damals klar, dass die Russische Revolution nur Teil und Auftakt der Weltrevolution und ohne deren Voranschreiten der Kommunismus in Russland nicht vorstellbar war. Dass Russland sich als proletarische Übergangsgesellschaft überhaupt halten konnte, ist kein Beweis dafür, dass der „Sozialismus in einem Land“ (Stalins national-bornierte Formel ab 1924) auch ohne Fortschritt der Weltrevolution aufgebaut werden konnte, sondern v.a. der Tatsache geschuldet, dass Russland ein besonders großes Land, eigentlich fast ein Kontinent war, das sich militärisch und ökonomisch aufgrund seiner Größe und seiner immensen Ressourcen gegen die Konterrevolution behaupten konnte. Doch diese Größe und die Verteidigung des Arbeiterstaates ist nicht dasselbe wie das Erreichen einer bestimmten, sozialistisch/kommunistischen Gesellschaftsqualität.

Die Russische Revolution war die positive praktische Bestätigung der PR wie alle anderen, gescheiterten Revolutionen danach negative Bestätigungen der PR waren, weil es der Arbeiterklasse nicht gelang bzw. ihre Führungen gar nicht beabsichtigt hatten, die Revolution bis zur Machtergreifung durch das Proletariat weiter zu treiben.

In den 1920er und 30er Jahren baute Trotzki seine Theorie weiter aus zu einer Strategie der Revolution auf globaler Ebene und nicht nur für die spezifischen Verhältnisse Russlands. In vielen, meist polemischen Beiträgen legte Trotzki dar, was die Theorie der PR ist und was sie nicht ist. Zusammenfassend erfolgte das v.a. 1929 im Buch „Die permanente Revolution“. Trotzki wandte seine Theorie auf die konkreten Verhältnisse einzelner Länder, z.B. der Spanischen Revolution, an. Bezüglich der „Entwicklungsländer“ der halbkolonialen Welt betonte er, dass auch die bürgerlich-demokratischen Aufgaben der Revolution (demokratische Forderungen, nationale Frage, Landreform usw.) nur erfüllt werden können, wenn das Proletariat dort die Führung übernimmt und den Kapitalismus überwindet.

Inzwischen sind rund 100 Jahre vergangen, seit Trotzki die Theorie der PR formuliert hat. Der Kapitalismus hat seine Produktionsweise seitdem global ausgeweitet und weiterentwickelt. Noch nie war er so globalisiert wie heute. Dass heute ein Land autark sein könne – noch dazu ein sozialistisches im Widerstreit mit seiner kapitalistischen Umwelt – glaubt heute wohl niemand. Die Internationalisierung von Wirtschaft, Kultur und Politik hat ein Level erreicht, das geradezu danach verlangt, auch den Klassenkampf und die Revolution zu internationalisieren. Insofern ist die PR kein alter Hut von gestern, sondern eine hochaktuelle – und in Wahrheit die einzige – revolutionäre Strategie für die Gegenwart. Die grundlegend internationalistische Ausrichtung der PR schließt die internationale Solidarität der ArbeiterInnen und Unterdrückten ein, doch sie ist weit mehr. Sie bedeutet, die Perspektive der revolutionären Überwindung des Kapitalismus einer nur auf Reformen begrenzten Orientierung entgegen zu stellen. Sie bedeutet, alle revolutionären Kräfte und alle revolutionären Kämpfe zu unterstützen.

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