Ignoranz statt Analyse (Teil 1 von 2)

Vorbemerkung der Redaktion: Hier veröffentlichen wir zwei Kritiken, zu Artikeln, die von der Jugendorganisation Revolution veröffentlicht worden sind. Revolution (www.onesolutionrevolution.de) arbeitet eng mit der Gruppe ArbeiterInnenmacht (www.arbeiterinnenmacht.de) zusammen. Die Kritiken sind Revolution mehrfach übermittelt worden, im Gespräch mit einigen ihrer Genossen wurde auch eine Antwort zugesagt. Das ist inzwischen schon einige Monate her. Eine Antwort blieb aus. So haben wir uns entschlossen, unsere Kritiken, die ursprünglich als Beiträge zu einer nicht-öffentlichen Diskussion mit Revolution gedacht waren, hier zu veröffentlichen. Wir meinen, dass sie einen guten Einblick vermitteln, wie oberflächlich und dogmatisch diese Organisation – pars pro toto für die gesamte Linke – die Themen Klima- und Energiepolitik behandelt.

 Werte GenossInnen von Revolution!

Im Eurem Artikel „Atomkraft abschaffen – Kapitalismus abschalten!“ (Quelle: http://onesolutionrevolution.de/atomkraft-abschaffen-kapitalismus-abschalten/) vom 15.5.2011 heißt es:

„Die Atomkraft hat als Technologie ausgedient. Die Atomkraftwerke müssen so schnell wie möglich ausgeschaltet werden. Fukushima hat auf tragische Art und Weise deutlich gemacht, dass verschiedenste unvorhergesehene Ereignisse ein sicheres Betreiben der Atomkraft unmöglich machen. Vor allem hat es aber das wahre Gesicht der Betreiber und die Unfähigkeit des Systems dahinter, dem Kapitalismus, gezeigt, nach den Bedürfnissen der Menschheit zu produzieren. Die Folgen der atomaren Katastrophe in Japan sind nicht abzusehen – die sensationsgierigen Medien haben ihr Interesse bereits wieder verloren. Unterdessen tritt weiterhin Radioaktivität aus dem zerstörten Reaktor in Fukushima und auch aus anderen Reaktoren, wie z.B. in dem Atomkraftwerk Tsuruga an der Westküste des Landes, aus. Die radioaktive Strahlung wird das Land, die Lebensmittel, das Wasser, die Tiere und die Menschen auf Jahrzehnte verstrahlen.“.

Der gesamte Abschnitt, der die Grundposition von Revolution zur Kernenergie klar zum Ausdruck bringt, offenbart eine weitgehende Unkenntnis nicht nur des Wesens und der Möglichkeiten der  Kernenergienutzung, sondern auch ein ungenügendes Verständnis der marxistischen Methodologie.

Wir wollen uns die einzelnen Aussagen des Textes anschauen.

Der erste Satz lautet: Die Atomkraft hat als Technologie ausgedient.Diese Aussage mag die Wünsche von Revo ausdrücken, mir der Realität jedoch haben sie nichts zu tun. Es gibt derzeit weltweit ca. 450 AKW, auch nach Fukushima hat sich diese Zahl nicht verringert. Dem deutschen Weg des Atomausstiegs folgt fast niemand. Es sind weltweit deutlich mehr Kernreaktoren geplant, projektiert oder im Bau, als alte abgeschaltet werden. Dass die Kernenergie ausgedienthätte, stimmt also nicht. Die Fortschritte in der Kerntechnologie – die III. und besonders die IV. Generation – sind enorm, so dass die AKW, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gebaut werden, die Eigenschaften älterer Anlagen weit übertreffen und deren Nachteile und Probleme fast vollständig überwinden werden. V.a. die Sicherheit ist weit höher, bei mehreren Typen ist z.B. ein GAU technisch ausgeschlossen. Es ist klar, dass angesichts dieser Möglichkeiten mehr und nicht weniger AKW gebaut werden, zudem sie auch kein CO2 ausstoßen und billiger sind als die „Erneuerbaren“. Schon heute ist dieser Trend zu mehr Kernenergie in den USA, in Russland, in China oder in Indien zu beobachten.

Eure Position ist auch deshalb falsch, weil sie – so wie Ihr hier formuliert – sich nicht auf die derzeitige Atomtechnik bezieht, sondern auf die Atom-Technologie als Ganzes, also auch auf ihre Weiterentwicklung. Selbst wenn man – wie Ihr – der Ansicht ist, dass wir aus der heutigen Atomtechnik aussteigen sollten (was bezüglich bestimmter Atomanlagen durchaus richtig sein kann), rechtfertigt das nicht Eure absolute Ablehnung der Kerntechnik. Der Marxismus kennt keine Ablehnung von Technologien, geschweige denn der Möglichkeit ihrer Weiterentwicklung. Die Frage für den Marxismus war immer, wie die gesellschaftlichen Strukturen, in denen Technik wirkt, verändert werden können. Eure Position hier ist unmarxistisch und drückt eher den Technik- und Fortschrittspessimismus der kleinbürgerlichen „grünen“ Szene aus.

Der dritte Satz lautet: „Fukushima hat auf tragische Art und Weise deutlich gemacht, dass verschiedenste unvorhergesehene Ereignisse ein sicheres Betreiben der Atomkraft unmöglich machen.

Auch diese Einschätzung hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. In Fukushima gab es keine unvorhergesehenen Ereignisse“. Dass Fukushima in einer Region liegt, wo es schon früher große Tsunamis gegeben hat, war genauso bekannt wie die Tatsache, dass Japan generell stark von Erdbeben gefährdet ist. Auch bei früheren AKW-Unfällen, etwa in Harrisburg oder in Tschernobyl gab es keine „unvorhergesehenen Ereignisse“. Alle Ursachen aller AKW-Störfälle sind genau bekannt und analysiert. Ihr suggeriert, dass die Kernenergie nicht beherrschbar wäre, weil „unvorhergesehene Ereignisse eintreten können bzw. der Mensch die Funktionsweise von AKW nicht genau kennen würde. Wäre das so, dürften Atomanlagen natürlich nicht genutzt werden, bis man solche Unwägbarkeiten ausschließen kann. Doch das ist eben nicht der Fall. Wie bei jeder anderen Technologie ist auch bei der Kernenergie 100%ige Sicherheit zwar nicht möglich, es ist nur möglich, die Sicherheit immer weiter zu erhöhen. Dazu müssen auch Unfälle analysiert werden. Das ist besonders nach Tschernobyl passiert, es wurde viel Geld in bessere AKW-Sicherheitstechniken investiert, auch und gerade in Deutschland. Solche Unglücks-Szenarien wie in Tschernobyl oder Fukushima sind in deutschen AKW aufgrund anderer Bauart bzw. besserer Sicherheit technisch gar nicht möglich. Das heißt nicht, dass es keine Störungen geben kann – nur solche und mit Auswirkungen wie etwa in Tschernobyl oder Fukushima eben nicht. Und andere? In rund einem halben Jahrhundert gab es in Deutschland keinen einzigen wirklich sicherheitsrelevanten Störfall mit relevanten Schädigungen. Diesbezügliche Behauptungen sind Lügen oder „Modellrechnungen“.

Die Unglücksursache in Fukushima war ganz simpel die, dass die Notstromversorgung (Notstromaggregate) nicht Tsunami-sicher und wasserdicht aufgestellt waren. Ihr Ausfall bewirkte einen Kollaps der Reaktor-Kühlung. Hätten diese Anlagen nur 10 Meter höher gestanden, wäre gar nichts passiert. Alle anderen AKW in derselben Region wurden ohne Schwierigkeiten herunter gefahren, auch das Erdbeben war für kein japanisches AKW ein Problem. Mit besserer Sicherheitskontrolle schon beim Bau hätte also das Fukushima-Unglück leicht verhindert werden können.

Bezeichnenderweise fehlt aber in Eurem Artikel jeder Hinweis darauf, dass die Sicherheitskontrollen der AKW verbessert werden müssen. Es fehlt auch jede Forderung nach Arbeiterkontrolle, um die tw. nicht optimalen Sicherheitskontrollen durch Staat und Wirtschaft zu verbessern. Wo bleibt da Euer sonst immer zu findendes Plädoyer für die eigenständige Rolle der Arbeiterklasse?! Wie die GAM macht ihr den Fehler, mit der Forderung nach dem planmäßigen Atom-Ausstieg die Frage der Sicherheitskontrolle zu vernachlässigen oder zu vergessen. Die GAM hatte da früher (in ihren alten BRKI-Thesen zur Atomkraft von 1988, also noch nach Tschernobyl) eine bessere Position, welche keine generelle Ablehnung der Kernenergie enthielt und völlig zu recht auf die entscheidende Rolle der Arbeiterklasse in jeder Produktivkraftentwicklung und -beherrschung hinwies. Diese Position hat die GAM dann 2003 über Bord geworfen und „verschlimmbessert“.

Es wäre die Aufgabe von MaterialistInnen, die tatsächlichen Umstände und Gründe für technische  Unfälle darzustellen, anstatt sie zu mythologisieren – „unvorhergesehene Ereignisse“ – und damit auch die Notwendigkeit und Möglichkeit der Ursachenbekämpfung daraus abzuleiten. Ihr macht gerade das Gegenteil dessen.

Im vierten Satz schreibt Ihr: „Vor allem hat es aber das wahre Gesicht der Betreiber und die Unfähigkeit des Systems dahinter, dem Kapitalismus, gezeigt, nach den Bedürfnissen der Menschheit zu produzieren.“

Ganz allgemein kann man dem zustimmen. Doch im Zusammenhang mit der Kernenergie und dem Unglück von Fukushima stimmt dieser Satz so nicht. Warum? Hier wird unterstellt, dass der Betreiber, der Energiekonzern Tepco, und der Kapitalismus allgemein „unfähig“ wären, „nach den Bedürfnissen der Menschheit zu produzieren“. Das stimmt aber so nicht. Die Nutzung der Kernenergie befriedigt sehr wohl das Bedürfnis nach Elektroenergie. Gerade Japan als Industrienation fast ohne Energierohstoffe (Kohle, Öl, Gas) ist auf Kernenergie angewiesen, es ei denn, man verbrennt mehr importierte fossile Rohstoffe, was Revo aus „Klimaschutzgründen“ ja wohl ablehnen würde. Auch die Wasserkraft steht in Japan in relevantem Ausmaß nicht zur Verfügung. Auf Basis von Wind und Sonne jedoch ist eine zuverlässige Stromversorgung Japans nicht möglich, weil Wind- und Solartechnik naturbedingt immer mehr oder weniger Strom als der Bedarf erzeugen, unregelmäßig und oft gar keinen Strom liefern. Die Stromspeicherung, um diese grundsätzlichen Nachteile auszugleichen, ist aber in den notwendigen riesigen gesellschaftlichen Dimensionen technisch derzeit noch nicht möglich – und wahrscheinlich sogar auch künftig unmöglich bzw. nicht sinnvoll. Ein entwickeltes Wirtschafts- und Sozialniveau auf Basis der „Erneuerbaren“ ist daher heute und in nächster Zeit unmöglich. D.h. die Nutzung der Kernenergie, gerade in Japan, ist durchaus sinnvoll und am Bedarf orientiert. Dafür, d.h. für diese Produktivkraft, sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse „weit genug“, wie Marx einst schrieb.

Doch zu eng sind sie, wenn es um ein hohes Level an Sicherheit geht. Da zeigt sich nämlich, dass die Kontrollmechanismen unzureichend sind: einerseits die staatliche Bürokratie, andererseits die mit den Konzernen (der Branche) verbandelten Experten. Hier müssten andere Mechanismen, absolute Transparenz, Offenlegung aller Unternehmensunterlagen, Sicherheitsberichte usw. und die Einbeziehung der Arbeiterklasse, der Anwohner und wirklich unabhängiger Experten zur Geltung kommen. In diesem Bereich zeigt sich der Kapitalismus tatsächlich „unfähig“, dem Bedürfnis der Menschheit nach Sicherheit zu entsprechen.

Es ist aber auch nicht so, dass ein Konzern „auf Teufel komm raus“ ein AKW betreibt, bis es in die Luft fliegt. Jeder Kapitalist muss und will sein Kapital schützen, also auch vor Havarien bewahren. Ein AKW, das eine Milliarden-Investition darstellt, kann und muss jahrzehntelang laufen, damit sich das vorgeschossene konstante Kapital profitabel verwerten kann. Natürlich werden bestimmte Sicherheitsinvestitionen zuweilen nicht oder zu spät vorgenommen, um die Profitrate zu erhöhen. In Fukushima etwa erfolgte der Einbau bestimmter Sicherheitskomponenten, um Gasexplosionen zu verhindern, trotz Drängen der US-Systementwickler, eben nicht. Wäre das z.B. geschehen, hätte gar kein oder weniger radioaktives Material in die Luft entweichen können. In deutschen AKW wurde das gemacht, genau wie in deutschen Anlagen eine Betonschutzhülle Bedingung ist, die in Japan eben fehlte. Bessere Vorkehrungen gegen den Tsunami hätten überhaupt keine relevanten Zusatzkosten erfordert. Die Ursache des Fukushima-Unglücks bestand einzig und allein darin, dass es beim Bau und beim Betrieb keine ausreichenden und effektiven Kontrollen gab und auch das Sicherheitsmanagement schlecht war. So dauerte es Stunden, bis ein anderes Notstromaggregat zur Stelle war. Das alles hat gar nichts mit einer „per se unbeherrschbaren Atomtechnik“ zu tun.

Die bisher größten und verheerendsten Unfälle waren übrigens Chemieunfälle (z.B. Bophal, Seveso) und in der Masse natürlich der Verkehrssektor. Fordern wir deshalb die Abschaffung der Chemieindustrie (die ja auch millionenfache Lebensverbesserung und -verlängerung ermöglicht), kehren wir deshalb zur Pferdekutsche zurück?!

Revo stellt hier Zusammenhänge her und verallgemeinert in einer unseriösen Weise. Das, was nicht das Problem ist, wird als Problem hingestellt (die Atomtechnik), und das, was das wirkliche Problem ist (effektive Kontrolle und die Einhaltung der höchsten Sicherheitsstandards), wird hier nicht erwähnt. Diese Art von „Propaganda“ wirkt zwar antikapitalistisch, ist sie aber nicht. Es reicht nicht, den Kapitalismus irgendwie zu kritisieren, die Kritik muss auch der Wahrheit entsprechen. Wie soll denn Antikapitalismus sonst z.B. die Beschäftigten und Fachleute der Atomindustrie überzeugen?! So, wie Ihr das macht, geht es nach hinten los. Schon im „Kommunistischen Manifest“ räumte Marx viel Raum der Kritik des „kleinbürgerlichen“ u.a. „Sozialismen“ ein. Der scheinbare „Antikapitalismus“ der grünen Szene ist für uns als MarxistInnen unbrauchbar, er muss kritisiert und nicht adaptiert werden!

Kommen wir zum fünften Satz: „Die Folgen der atomaren Katastrophe in Japan sind nicht abzusehen – die sensationsgierigen Medien haben ihr Interesse bereits wieder verloren.“

An diesen Aussagen stimmt nichts. Erstens gab es keine „atomare Katastrophe“, nicht in der Region um Fukushima und schon gar nicht in ganz Japan. Eine Katastrophe würde bedeuten, dass es sehr viele Tote und Verletzte oder Verstrahlte und riesige Zerstörungen gab. Es gibt viele und sehr penible Fach-Untersuchungen zu Fukushima – wohlgemerkt: Fachuntersuchungen und nicht Sensationsberichte von Greenpeace und dt. „Staats-Journalisten“, die eben keine Fachleute, sondern nur Ideologen sind. Greenpeace war z.B. zuerst gar nicht vor Ort, als das Unglück passiert war. Es hätte als Nicht-“Fachgremium“ auch keine Zutrittserlaubnis zum AKW-Gelände erhalten, hatte aber – und das ist der Skandal – auch gar keinen Antrag dafür gestellt. Nichtsdestotrotz malte Greenpeace ein Horrorbild und alle dt. Medien übernahmen die Greenpeace-Mutmaßungen als gesicherte Informationen. Es reicht schon ein Vergleich der Berichterstattung in Deutschland mit der in anderen Ländern, um zu sehen, wie demagogisch und lügnerisch die Berichterstattung zu Fukushima hierzulande war und ist.

Die Folgen des Unglücks sind genau bekannt: kein einziger Toter! Alle Todesfälle hatten als Ursache den Tsunami, das Erdbeben und die meist völlig unnötigen und überhasteten Evakuierungen aus der Zone um das AKW. Zu keiner Zeit gab es Radioaktivitätswerte außerhalb des AKW (Evakuierungszone), die zu wirklich nachweisbaren kurz- oder langfristigen Schäden geführt hätten. Fast immer lagen die Werte im Rahmen der natürlichen Radioaktivität, die man überall in der Welt messen kann. Die Strahlendosis, die man bei einem Flug von Europa nach Japan erhält, ist viel höher als jene, die nach dem Unfall in der Umgebung des AKW Fukushima gemessen wurde bzw. heute gemessen wird. Die Strahlungs-Dosen – auch bei Langzeiteinwirkung – sind zu niedrig, um gesundheitliche Schäden zu verursachen. Die permanenten Berichte in den deutschen Medien von „tausenden Toten durch das AKW-Unglück“ (mehrmals von ARD und ZDF so behauptet, selbst noch Jahre nach dem Ereignis) sind einfach Lügen. Revo sollte diese Lügen anprangern und nicht noch weiter verbreiten!

Relevante Schäden durch das AKW-Unglück waren a) die Zerstörung des Reaktors, b) die Sicherungs- und Aufräumarbeiten am AKW und c) die Dekontaminierung des direkten AKW-Bereichs, die natürlich notwendig ist, auch wenn die Strahlendosis dort nicht besonders hoch war oder ist. In der Summe kostet das Milliarden. Doch von einer Katastrophe im Sinne der hiesigen medialen Berichterstattung (Tote, Strahlenopfer, für sehr lange Zeit verstrahlte und unbewohnbare Gebiete usw.) kann überhaupt keine Rede sein. Wie Ihr stellen auch die bürgerlichen Medien den Unfall oft so dar, als läge es an der Atomtechnik selbst oder nur ein Ausstieg könnte die Lösung bringen. Die wahren Gründe, die in der mangelhaften Kontrolle und damit dem Versagen der kapitalistischen Gesellschaft, darunter v.a. dem Staat, liegen, werden fast nie erwähnt. Leider haut Ihr mit Eurem Artikel in die gleiche Kerbe wie die bürgerlichen Medien.

Auch die letzte Aussage des Satzes, „die sensationsgierigen Medien haben ihr Interesse bereits wieder verloren.“, ist schlichtweg falsch. Zu jedem Jahrestag des Unfalls von Fukushima und oft auch zwischendurch gibt es Beiträge dazu. Und meistens sind sie falsch, ungenau oder übertrieben und schüren die Atomangst. Über jedes noch so kleine Vorkommnis in einem AKW wird immer sofort berichtet, während andere, oft weit schlimmere Umweltkatastrophen kaum erwähnt werden. So wurde in den 1980er Jahren schon einmal die Abschaltung eines AKW gefordert, weil der Schließmechanismus des Werktors klemmte …

Weiter fährt der Artikel fort: „Unterdessen tritt weiterhin Radioaktivität aus dem zerstörten Reaktor in Fukushima und auch aus anderen Reaktoren, wie z.B. in dem Atomkraftwerk Tsuruga an der Westküste des Landes, aus.“

Auch das ist so, wie es hier steht, falsch. Erstens tritt keine Radioaktivität aus dem Fukushima-Reaktor mehr aus (radioaktive Teilchen nach Gasexplosion und radioaktives Kühlwasser). Das war nur ganz kurze Zeit der Fall. Im Mai 2011, als Euer Artikel erschien, jedenfalls nicht mehr. Die angebliche Verseuchung des Meeres – von der die Medien, Greenpeace zitierend, sprachen – durch das anfangs ins Meer gelangte radioaktive Kühlwasser ist gar nicht möglich, weil die Menge von Radioaktivität im Meerwasser derart verdünnt wird, dass ein schädliches Level gar nicht erreicht werden kann. Der permanente Eintrag von Radioaktivität z.B. durch unterseeischen Vulkanismus ist um Größenordnungen stärker. Das Problem ist, dass es noch erhebliche Mengen an radioaktivem Kühlwasser gibt. Diese werden aufgefangen und müssen gegen das Grundwasser abgeschirmt werden. Das erfolgt auch.

Zweitens liegt Eurer Darstellung ganz offensichtlich die fehlerhafte Annahme zugrunde, dass jede  Dosis Radioaktivität Schäden anrichtet (LNT-Theorie). Diese ist aber längst – in der Praxis – widerlegt. Wäre dem so, wie von der LNT-Auffassung suggeriert, wären weite Teile der Welt (auch Deutschlands) unbewohnbar oder es wären gesundheitliche Schäden feststellbar, weil die  natürliche Radioaktivität so hoch ist. Gebiete – im gewissen Sinn Materie – ohne Radioaktivität gibt es nicht. Leider ist es so, dass in Deutschland die fast als Staatsdoktrin geltende Atomphobie  verhindert, dass es eine wissenschaftlich korrekte Sicht der Öffentlichkeit auf die Kernenergie und ihre Wirkungen gibt (hier äußert sich auch der zunehmende Trend des Spätkapitalismus zum Irrationalismus). In (fast) keinem Land der Welt existiert eine derart unwissenschaftliche und nahezu fanatische Atomphobie wie in Deutschland. Sind alle anderen Länder und die Menschen dort blöd oder leichtsinnig?! Hier wäre ein wenig mehr „Internationalismus“ anstelle der nationalen Brille nützlich.

Kommen wir zum letzten Satz der Passage: „Die radioaktive Strahlung wird das Land, die Lebensmittel, das Wasser, die Tiere und die Menschen auf Jahrzehnte verstrahlen.“

Das behaupten so noch nicht einmal Greenpeace u.a. Nutznießer des Katastrophismus. Selbst in der Region Fukushima bestätigen die Messwerte eine solche Prognose absolut nicht. Wie soll dann „das Land“, und damit kann ja nur Japan insgesamt gemeint sein, verstrahlt sein bzw. werden?! Das ist einfach unwissenschaftlicher Unfug! Aber genau das kommt dabei heraus, wenn man die offizielle Anti-Atom-Propaganda der kleinbürgerlichen „grünen“ Szene als vermeintlich Kapitalismus-kritisch nachplappert, anstatt selbst eine wissenschaftliche und materialistische Analyse vorzunehmen bzw. sich den Stand der Fachwissenschaft anzusehen. Selbst wenn man die Position des Atomausstiegs vertritt, müsste man das machen, anstatt durch Behauptungen, Entstellungen, Übertreibungen und Lügen seine Position zu untermauern – in Wahrheit schwächt man sie dadurch aber nur.

Jeder, der schon Mal „gedient“ hat, weiß, wie die Dekontaminierung von Bereichen, die radioaktiv verseucht sind, erfolgt. Das mag u.U. aufwendig sein, aber von jahrzehntelangen Verseuchungen zu reden, ist einfach Quatsch. Man schaue sich Hiroshima und Nagasaki an (wo die Strahlendosen weitaus höher waren als bei den AKW-Unglücken) oder Tschernobyl 30 Jahre nach der Havarie – von Unbewohnbarkeit kann keine Rede sein!

Abgesehen von der Darstellung des Fukushima-Ereignisses sind auch Eure programmatischen  Schlussfolgerungen zum Teil ungenau und falsch. Ihr schreibt: Für den sofortigen Entwurf eines Plans – aufgestellt, kontrolliert und verabschiedet von den Arbeiter_innen, organisiert in Räten – zum Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohlekraft zum schnellstmöglichen Zeitpunkt und der Umstellung auf erneuerbare Energien!

Dem ersten Satzteil „Für den sofortigen Entwurf eines Plans – aufgestellt, kontrolliert und verabschiedet von den Arbeiter_innen, organisiert in Räten“ stimme ich voll zu. Allerdings stellt sich hier umso mehr die Frage, warum dann die Frage der Arbeiterkontrolle über die Atomsicherheit nirgends dargestellt wird? Die Ursache dafür liegt wahrscheinlich in Eurer falschen Auffassung der Frage, wie und wodurch die Kernkraft (und die Kohleverstromung) ersetzt werden kann.

Atom- und Kohlestrom lieferten bis zum beginnenden Atomausstieg ca. 90% des Stroms in Deutschland. Nach fast 30 Jahren Energiewende und dem größten Wirtschaftsinvestprogramm nach 1945 (das direkt und indirekt vom Proletariat bezahlt werden musste) werden heute ca. 30% des Stroms aus „Erneuerbaren“ (EE) erzeugt. Das ist ein Anteil am deutschen Gesamtenergieverbrauch (Primärenergieverbrauch) von lächerlichen 12% (2015). Die Ersetzung der abgeschalteten AKW i.w. durch Kohlekraftwerke (was technisch nicht anders möglich ist, weil Wind- und Solaranlagen eben generell nicht grundlastfähig sind und oft gar nichts liefern) hat den CO2-Ausstoß seit 2012 sogar wieder ansteigen lassen und wird ihn durch den Atomausstieg evtl. weiter in die Höhe treiben (was allerdings und zum Glück für das Klima irrelevant ist).

Die vollständige Ersetzung von Atomstrom und der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas auch im Straßenverkehr und für Heizenergie (die „Dekarbonisierung“) – was ja erst eine wirkliche Energiewende wäre -, würden die EE etwa um das 8-10fache ausgebaut werden müssen. Da aufgrund der natürlichen Gegebenheiten nur die Windkraft wirklich in großem Stil erweitert werden kann, würde das bedeuten, dass diese mindestens etwa auf das 10-12fache erweitert werden müsste. Dann ständen über 250.000 Windräder in Deutschland – die aber bei Windstille alle nichts produzieren. Dieser Nachteil könnte nur durch den Ausbau des Netzes und der Speichermöglichkeiten etwas ausgeglichen werden. Schätzungen gehen davon aus, dass allein dafür aber 1 Billion Euro (1.000.000.000.000) nötig wären, das wären drei komplette Staatshaushaltsausgaben Deutschlands. Usw. usw. Das nennt sich dann auch noch Ressourcenschonung. Allein der Bau von über 200.000 Windrädern (heute gibt es 25.000) benötigte 1.200.000.000 – also über eine Milliarde – Tonnen Material (Stahl, Zement, Kupfer usw.), weil pro Onshore-Windrad 5-6.000 Tonnen Material nötig sind (bei offshore-Anlagen noch weit mehr). Alle anderen Energieanlagen verbrauchen sehr viel weniger Ressourcen, v.a. die Atomenergie ist dabei für die Ressourcen die schonendste Technik, was auch komplett verschwiegen wird.

Über die realen technischen und (was auch fast immer verschwiegen wird) enormen Umwelt-Probleme und die ungeheuren – tatsächlich utopischen – Dimensionen, die mit einer wirklichen Energiewende verbunden wären, werden wir von den „Grünen“, der bürgerlichen Politik und den Lügenmedien belogen und betrogen – von den vielen vielen kleinen und einigen großen EE-Investoren ganz zu schweigen. Und die Linke unterstützt diesen reaktionären und utopischen Unsinn grundsätzlich auch noch!!

Selbst wenn man wie Ihr an die Notwendigkeit des Klimaschutzes und an die „Theorie“ von der drohenden Klimakatastrophe glaubt, kann es deshalb ja nicht egal sein, wodurch die fossile Verbrennung ersetzt und wie das Energiesystem verändert wird. Wind- und Solarenergie oder Biogas können jedenfalls nicht die Basis eines Energiesystems sein, schon gar nicht bei weiter wachsender Weltbevölkerung.

Wenn Ihr vom „schnellstmöglichen“ Umstieg auf EE redet, dann sollte Euch bewusst sein, dass dieser Prozess – egal, ob er überhaupt sinnvoll oder möglich wäre – sich sehr lange, über viele Jahrzehnte hinziehen würde, selbst wenn er vom bürgerlichen Staat bzw. vom Kapital (wie in Deutschland) einigermaßen engagiert vorangetrieben wird. Das bedeutet, dass während dieser Zeit die Frage der Sicherheit von AKW bestehen bleibt. Und selbst danach bleibt die Frage aktuell, da ja der Um- oder Rückbau der Anlagen erfolgt (obwohl alte AKW an sich nicht unbedingt demontiert  werden müssen) und die radioaktiven „Reststoffe“ behandelt werden müssen. Ihr benennt diese Sicherheitsfragen aber überhaupt nicht. Glaubt Ihr, dass diese mit der Ausstiegsforderung obsolet wären?

Mit diesem Beitrag möchte ich nicht nur Euren Artikel kritisieren, sondern v.a. dazu anregen, Euch mit der Frage der Kernenergie und der Energiewende sowie der damit verbundenen Frage der angeblichen Klimakatastrophe genauer zu beschäftigen. Ich verweise dabei auch auf mehrere Beiträge zu diesen (u.a.) Themen auf meiner Seite www.aufruhrgebiet.de. Natürlich stehe ich jederzeit für eine offene Diskussion mit Eurer Organisation, deren Aufbau ich ja seit ihren ersten Schritten vor inzwischen vielen Jahren immer unterstützt habe, zur Verfügung.

Mit kommunistischen Grüßen
H.H.

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