Genossenschaften und revolutionäre Politik

Hanns Graaf

Im Kapitalismus erfolgen das Organisieren und Verwalten von Produktion und Verteilung sowie der Gesellschaft insgesamt nicht durch die Bourgeoisie selbst, sondern durch ihre Manager und ihren Staat. Der Ausschluss der ProduzentInnen und KonsumentInnen von den Steuerungs- und Entscheidungsprozessen in der Gesellschaft teilt der Kapitalismus mit allen früheren Klassengesellschaften: auch der Sklave oder der Leibeigene hatten „nichts zu sagen“. Ja, der Kapitalismus hat diese Unterdrückung tw. noch verstärkt. Im Feudalismus etwa konnten selbstständige Bauern oder Handwerker ihr Produzieren und Leben noch weitgehend selbst bestimmen. Im Kapitalismus hingegen sind diese Selbstbestimmung und die Zahl der weitgehend „autonomen“ Kleineigentümer stark zurückgegangen. Die große Mehrzahl der Bevölkerung, die Lohnabhängigen, haben fast keinen Einfluss auf die Geschicke der Gesellschaft, die Kapitaleigner, der Markt und der Staat mit seinen diversen „Spezialisten“ sind die bestimmenden Faktoren.

Schon immer gab es aber die Sehnsucht und das Bestreben der Unterdrückten, aus ihrer unterprivilegierten Lage heraus zu kommen und ihre Lebensumstände selbst zu bestimmen. Viele Sozialutopien und auch frühe Sozialisten wie Robert Owen oder Charles Fourier haben Projekte befürwortet und z.T. realisiert, wo die ProduzentInnen Betriebe, Landgüter oder Kommunen selbst verwalten. Ab dem 19. Jahrhundert haben sich in vielen Ländern genossenschaftliche und selbstverwaltete Projekte entwickelt und verbreitet. Hunderttausende, ja tw. Millionen von ArbeiterInnen lebten und arbeiteten in Konsumvereinen, Produktivgenossenschaften oder selbstverwalteten Kommunen.

Weil Genossenschaften auf demokratischer Selbstverwaltung beruhen, ist der Einfluss von Kapital und Staat auf sie schwächer bzw. nur mittelbar spürbar, die genossenschaftlichen Erträge kommen den proletarischen ProduzentInnen bzw. KonsumentInnen direkt zugute und nicht privaten Eigentümern oder Zwischenhändlern, die einen Teil des Mehrprodukts für ihren Privatverbrauch einbehalten bzw. für den Unterhalt ihrer unproduktiver Strukturen benötigen. Damit wird die kapitalistische Verwertungslogik ein Stück weit überwunden oder eingeschränkt und die Lage der ArbeiterInnen ändert sich von der des reinen Objekts im Produktionsprozess in die eines Subjekts. Die im Kapitalismus System-immanente Entfremdung, Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats ist in der Genossenschaft zum Teil überwunden oder abgeschwächt. Insofern bietet die Genossenschaft – neben der Partei und der Gewerkschaft als politischen Strukturen – ein weiteres Terrain, auf dem sich die Entwicklung der Arbeiterklasse „von der „Klasse an sich zur Klasse für sich“ (Marx) vollziehen kann. Die Genossenschaft hat gegenüber der Partei oder der Gewerkschaft zudem den großen Vorteil, dass sie eine soziale Struktur ist und nicht nur eine politische. In einer Genossenschaft spielt sich permanent soziales Leben ab, während in Partei oder Gewerkschaft nur periodisch und punktuell politisches Leben stattfindet. In der Genossenschaft lebe und arbeite ich täglich, ein Streik oder ein Demonstration findet nur selten statt und tangiert meist nur einen kleinen Teil der Klasse direkt oder sogar nur indirekt.

Was sind Genossenschaften?

Was können wir heute unter dem Begriff „Genossenschaft“ verstehen? Ihr wesentliches Merkmal ist die Tatsache, dass die an einer Genossenschaft Beteiligten gemeinschaftlich über alles entscheiden, was für die Genossenschaft relevant ist: Ausrichtung, Investitionen, Verteilung und Nutzung der Erträge (Gewinne), Organisation der internen Abläufe, Kooperation mit anderen Genossenschaften usw. Das bedeutet nicht nur, dass es keine(n) privaten Eigentümer gibt, sondern auch, dass die internen Entscheidungen nicht auf Befehl von „Oben“ durch ein mehr oder weniger von der „Belegschaft“ abgesondertes und privilegiertes Management getroffen werden, sondern vom Kollektiv selbst. Die für den Kapitalismus immer prägendere Trennung von Eigentümer und Verwaltung, von juristischem Eigentumstitel und praktischer Verfügungsgewalt und dem immer weiteren Auseinanderdriften von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung des Mehrprodukts ist in der Genossenschaft tendenziell überwunden. Freilich heißt das nicht, dass eine Genossenschaft sich ökonomisch im luftleeren Raum bewegen würde, natürlich ist sie den allgemeinen Rahmenbedingungen der kapitalistischen Produktionsweise unterworfen; so etwa von Krisen – allein schon hinsichtlich der dadurch schwankenden Nachfrage -, oder durch die wirtschaftlichen Verbindungen der Genossenschaften mit der privaten Wirtschaft. Jedoch können diese „Fremdeinwirkungen“, insbesondere für ein ganzes System von Genossenschaften, geringer sein als bei privaten Unternehmen. V.a. sehen die Beziehungen der ProduzentInnen zur Produktion und zum Produkt bzw. der KonsumentInnen zu den ProduzentInnen anders aus als in der privaten Wirtschaft. Die für diese typische Entfremdung der ProduzentInnen ist tw. überwunden, die genossenschaftlichen ProduzentInnen sind nicht mehr nur Objekt der Produktion, sondern deren Subjekt: sie bestimmen weitgehend selbst, was produziert wird und auf welche Weise. Die genossenschaftlichen ProduzentInnen sind damit wirkliche EigentümerInnen der Produktionsmittel – nicht ein Privateigentümer, nicht Aktionäre, die zwar einen juristischen Eigentumstitel, aber kaum reale Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel haben, und auch nicht ein abgehobener Staat.

Die genossenschaftliche Struktur erlaubt und erfordert das selbstbewusste und kollektive Agieren der Beteiligten. So ist es dem Proletariat besser möglich, sich all jene Fähigkeiten anzueignen, die nötig sind, um eine nichtkapitalistische und schließlich kommunistische Gesellschaft zu errichten und zu organisieren. Eine staatliche Bürokratie anstelle des privaten Kapitals ist dazu nicht in der Lage, wie die Entwicklung Sowjetrusslands und des Stalinismus gezeigt haben – selbst dann nicht, wenn der Staat rätedemokratisch organisiert gewesen wäre, was jedoch nicht der Fall war.

Schon Marx postulierte – auch wenn er keine systematischen Ausführungen zu einer nachkapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft und den Übergang dorthin gemacht hat -, dass  nicht der Staat, sondern die genossenschaftliche Assoziation Wirtschaft und Gesellschaft prägen. Der Staat, die Diktatur des Proletariats, ist dafür zuständig, die Revolution zu verteidigen, voran zu treiben und den Klassengegner in die Schranken zu weisen – von organisatorischen Aufgaben des Staates zur gesellschaftlichen Entwicklung ist bei Marx nicht die Rede – im Gegenteil: er spricht davon, dass der (proletarische) Staat absterben muss.

In der Regel werden unter dem Begriff „Genossenschaft“ Strukturen verstanden, die etwas produzieren oder als Konsumverein eine Einkaufsgemeinschaft darstellen. Doch Genossenschaften  im weiteren Sinn der proletarischen Selbstverwaltung können sich auch in anderen Bereichen etablieren. So sind Selbstverwaltungsstrukturen auch in Bereichen wie Bildung, im Sozialbereich, in der Kultur oder im Bereich des Wohnens denkbar. In diesen Bereichen sind sie z.T. sogar oft leichter realisierbar als etwa im Bereich der Produktion.

Zwei Beispiele

Angesichts des Wohnraummangels und der steigenden Wohnkosten entstehen vermehrt Projekte, wo sich Menschen zusammentun, um ein Haus zu kaufen, das sie gemeinsam bewirtschaften. Diese „kollektive Finanzierung“ ermöglicht es so durchaus, individuelles bzw. genossenschaftliches Wohneigentum zu schaffen. So sind die BewohnerInnen nicht nur weitgehend vor der Verteuerung des Wohnens geschützt (wenn auch nicht vollständig), es entwickeln sich dabei auch solidarische Formen des Zusammenlebens. Dieser legale Weg des kollektiven Wohnens unterscheidet sich auch von den meist „illegalen“ Hausbesetzungen, die meist nicht langfristig möglich sind und zudem permanent mit der Repression durch den Staat konfrontiert sind. Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland zeigt, dass solche kollektiven Wohnprojekte verschiedener Art relativ weit verbreitet und durchaus erfolgreich waren. Dazu gehörten Arbeiterwohnbaugenossenschaften in den Städten genauso wie ebensolche Landkommunen oder Formen gemeinschaftlichen Wohnens wie im Wiener Karl-Marx-Hof. Die Stärke der Arbeiterbewegung früher hat solche Initiativen nicht nur in größerem Maßstab ermöglicht, sie strahlte auch bis in progressive bürgerliche Kreise wie etwa die Bauhaus-Bewegung und ihre sozialen Wohnprojekte aus.

Ein anderes, erfolgreiches Beispiel der Schaffung selbstverwalteter Strukturen ist die Kinderladenbewegung ab Ende der 1960er in Westdeutschland und Westberlin. Damals trafen zwei Probleme aufeinander: einerseits der Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen, der die Berufstätigkeit – und damit auch die Selbstbestimmung – von Frauen massiv einschränkte und andererseits die 68er Bewegung, in der sich zunehmend auch eine Emanzipationsbewegung der Frauen entwickelte. Diese Gemengelage führte dazu, dass sich zuerst betroffene Frauen, aber auch Männer und schließlich große Teile der 68er insgesamt für die Schaffung von Kinderläden engagierten und dabei auch erfolgreich waren, obwohl sie es dabei mit dem teils massiven Widerstand von Staat, Kommunen und der Kirche zu tun bekamen. (zum Thema she. auch: Alternative zu Staat und Kirche)

Die Degeneration der Arbeiterbewegung insgesamt und der „revolutionären Linken“ im besonderen führte aber dazu, dass selbstverwaltete und genossenschaftliche Strukturen entweder als rein reformerische Projekte angesehen wurden, die in keinem Zusammenhang mit der Überwindung des Kapitalismus und der Revolution ständen oder aber dem sozialdemokratischen Bürokratismus zum Opfer fielen. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist das DGB-eigene Wohnungsunternehmen „Neue Heimat“, das 1963 über einen Bestand von 200.000 Wohnungen verfügte und Europas größte Immobilien-Gesellschaft war. 1982 erschien ein SPIEGEL-Bericht, der aufdeckte, dass sich mehrere Vorstandsmitglieder persönlich bereichert hatten. In weiteren Untersuchungen stellte sich ein Verlust von über 750 Mill. DM heraus. Allein der ehemalige Vorstandschef Vietor hatte durch Privatgeschäfte dem Unternehmen einen Verlust von 105 Mio. DM zugefügt. 1986 verkaufte der DGB sein Unternehmen schließlich zum symbolischen Preis von einer Mark. Dieses Beispiel zeigt anschaulich, wohin bürokratisches Missmanagement und fehlende Kontrolle der Buch- und Geschäftsführung durch die Mieter und gewerkschaftliche Basis-Kontrollorgane führen.

Rückblick

Im 19. Jahrhundert gab es oft Aversionen von SozialistInnen und GewerkschafterInnen gegen solche Projekte, weil sie befürchteten, dass der Einfluss ihrer Organisationen über die Arbeiterklasse darunter leiden könnte, diese Projekte nicht „sozialistisch“ wären oder die Massen vom Ziel des Sturzes des Kapitalismus ablenken würden. Die wachsende Popularität und der Aufschwung des Genossenschaftswesens führten jedoch dazu, dass sie ihre reservierte oder ablehnende Haltung aufgaben und sich zunehmend kooperative Beziehungen zwischen Partei, Gewerkschaften und Genossenschaften entwickelten.

Eduard Bernstein schrieb dazu in seinem Buch „Die Voraussetzungen des Sozialismus“: Die beliebte Erklärung, die Konsumgenossenschaften seien kein sozialistischen Unternehmungen, beruht auf demselben Formalismus, wie er lange gegenüber den Gewerkschaften geübt wurde und jetzt anfängt, dem entgegengesetzten Extrem Platz zu machen. Ob eine Gewerkschaft oder ein Arbeiterkonsumverein sozialistisch sind oder nicht, hängt nicht von ihrer Form ab, sondern von ihrem Wesen, von dem Geiste, der sie durchdringt. Sie sind sicherlich niemals der Wald, aber sie sind Bäume, die sehr nützliche Teile und wahre Zierden des Waldes abgeben können. Unbildlich gesprochen, sie sind nicht der Sozialismus, aber sie tragen als Arbeiterorganisationen genug vom Element des Sozialismus in sich, um sich zu wertvollen und unerlässlichen Hebeln der sozialistischen Befreiung zu entwickeln.“

Bernstein gibt auch einige interessante Zahlen über die Entwicklung des Genossenschaftswesens (nur produktive bzw. Handelsgenossenschaften) in England: Die britischen Genossenschaften haben heute schon die hundert Millionen Thaler und mehr () als Vermögen im Besitz (…) Im Verhältnis zum britischen Nationalvermögen ist das immer noch ein kleiner Bruchteil, vielleicht, wenn man das im Ausland angelegte Kapital und doppelberechnetes Kapital abzieht, erst der vierhundertste Teil des Nationalkapitals. Aber es erschöpft bei Weitem nicht die Kapitalmacht der britischen Arbeiter. Und dann ist es in stetem Wachstum. In den zehn Jahren von 1887 bis 1897 hat es sich nahezu verdoppelt, es ist stärker gewachsen wie die Mitgliederzahl. Diese stieg von 851.211 auf 1.468.955, das Vermögen von 11,5 Millionen auf 20,4 Millionen Pfund Sterling. Noch rascher nimmt neuerdings die Produktion der Genossenschaften zu. Ihr Wert belief sich im Jahre 1894 erst auf insgesamt 99 Millionen Mark und 1897 schon auf fast das Doppelte, nämlich 187 Millionen Mark. Davon kamen nahezu zwei Drittel auf Eigenproduktion von Einkaufsgenossenschaften, während sich das dritte Drittel auf allerhand Genossenschaften verteilte, von denen ein großer Bruchteil nur modifizierte Einkaufsgenossenschaften oder Produzenten für solche waren bzw. sind. Die Eigenproduktion der Konsum- bzw. Einkaufsgenossenschaften hat sich in den drei Jahren mehr als verdoppelt, sie stieg von 52 auf 122 Millionen im Werte.

Bei diesen Zahlen ist immer zu bedenken, dass damals die Arbeiterklasse deutlich kleiner und deren finanzielle Möglichkeiten weit geringer waren als heute. D.h. heute sind in dieser Hinsicht die objektiven Voraussetzungen für die Genossenschaften wesentlich besser.

Selbstverwaltete Strukturen und Genossenschaften sind stark von zwei Faktoren abhängig: a) von der Größe der Arbeiterklasse und b) von deren Finanzkraft. Im 19. und noch Anfang des 20. Jahrhunderts stellte das Proletariat in fast allen Ländern nur die Minderheit der Bevölkerung. Die Mittel der ArbeiterInnen reichten meist gerade aus, um ihre elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen. Heute ist die Situation deutlich anders. In den meisten großen Industrieländern – also den in jeder Hinsicht dominanten Mächten dieser Welt – besteht die Mehrheitsbevölkerung aus ProletarierInnen. In den reicheren Staaten ist die Lage der Arbeiterklasse dadurch gekennzeichnet, dass nicht nur die elementaren, sondern auch eine Reihe von „Luxus“-Bedürfnissen wie Auslandsurlaub, Eigenheim, Auto und gute Bildung befriedigt werden können. Diese Umstände bedeuten für das Genossenschaftswesen einerseits, dass die Mehrzahl der KonsumentInnen und das Gros der Kaufkraft für Konsumgüter von der Arbeiterklasse gestellt und aufgebracht wird. Zum anderen ist damit die Möglichkeit gegeben, dass die Arbeiterklasse in der Summe auch erhebliche Mittel zur Verfügung hat, um selbst zu investieren. Das Proletariat ist inzwischen nicht nur der wichtigste Produzent des gesellschaftlichen Reichtums, es ist zum dominanten Konsumenten geworden. Insofern ist das Proletariat aufgrund seiner Zahl und seines höheren Lebensstandards auch in der Lage, eigene wirtschaftliche und soziale Projekte zu finanzieren.

Diese verbesserte soziale und monetäre Situation der Arbeiterklasse heute müsste sich auch in einer entsprechenden politischen Konzeption niederschlagen. Diese müsste beinhalten, dass es eine enge Verzahnung von genossenschaftlichen und selbstverwalteten Strukturen, den Gewerkschaften, der revolutionären Partei und dem Klassenkampf gibt. Aber gerade daran mangelt es der Arbeiterbewegung und der revolutionären Linken heute und schon seit Jahrzehnten. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts fehlte es dem Genossenschaftssystem oft an den objektiven Grundlagen (geringe Zahl und enger finanzieller Spielraum der Lohnabhängigen), dafür aber gab es einen subjektiven Faktor (ein genossenschaftliches Bewusstsein der ArbeiterInnen und eine zumindest partiell auf Genossenschaften orientierte Politik der Parteien und Gewerkschaften). Heute ist es genau umgedreht: die objektiven Bedingungen sind besser als je zuvor, doch der subjektive Faktor existiert fast nicht. Bewegte sich früher der Prophet und der Berg blieb unbeweglich, ist heute eher der Berg in Bewegung, doch es fehlt am Propheten.

Vorbehalte

Tatsächlich sind ein genossenschaftlicher Betrieb oder eine Konsumgenossenschaft nicht a priori sozialistische Einrichtungen, sie sind immer noch in das kapitalistische Gesamtsystem von Produktion und Marktbeziehungen eingebunden. Zunächst stellen sie nur Unternehmen dar, die auf Gruppeneigentum und kollektiver Selbstverwaltung beruhen. Auch sie müssen konkurrieren, auch sie sind nicht unabhängig von den allgemeinen Bedingungen der kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft. Eine Genossenschaft u.a. selbstverwaltete Strukturen drücken auch keineswegs (direkt) die Interessen der Gesamtklasse aus, sondern dienen zunächst einmal den Bedürfnissen der daran direkt beteiligten GenossenschafterInnen. Natürlich ist es etwa das Interesse der Beschäftigten eines genossenschaftlichen Produktionsbetriebes, möglichst teuer zu verkaufen, während deren KundInnen genau das Gegenteil anstreben. Schon diese Gegensätze der Interessen verweisen auf die Notwendigkeit, dass es innerhalb der Arbeiterklasse bzw. im Genossenschaftssystem einen Ausgleichsmechanismus geben sollte, der zwischen den divergierenden Bedürfnissen vermittelt.

Jedes genossenschaftliche und selbstverwaltete Projekt zeigt die Tendenz, die „normalen“ kapitalistischen Strukturen außer Kraft zu setzen und deren Geltung einzuschränken. Daher ist es nur normal, dass Kapital und Staat versuchen, diesen Bereich klein zu halten, ihn zu bekämpfen oder wieder komplett in das privateigentümliche System zu integrieren. So wird das Kapital etwa versuchen, genossenschaftliche Betriebe nicht mehr zu beliefern, um deren Geschäftstätigkeit zu stören. Genauso kann das auch durch staatliche Intervention versucht werden. Politisch heißt das, dass die Arbeiterklasse ihre genossenschaftlichen Projekte verteidigen und sich gegen solche Versuche wehren muss. Schon deshalb sind Genossenschaften keine Ablenkung, sondern ein spezifischer Teil des Klassenkampfes.

Ökonomisch bedingen Genossenschaften ein hohes Maß an Kooperation untereinander. Das ergibt sich schon daraus, dass Staat und Kapital die Genossenschaften bekämpfen werden, weil sie einerseits dem direkten Einflussbereich des Kapitals Sektoren entziehen und andererseits auch darauf verweisen, dass Wirtschaften und Leben auch ohne Privateigentum und Staat möglich ist. Hinsichtlich der Kooperation folgt daraus u.a., dass die genossenschaftlichen Betriebe des herstellenden Gewerbes sich besonders um Absatz bei anderen produzierenden oder Konsumgenossenschaften kümmern müssen, um vom privaten Sektor unabhängiger zu sein.

Sicher hat das Genossenschaftswesen auch seine Grenzen. Dass etwa ein Weltkonzern wie VW als proletarische Genossenschaft geführt wird, ist innerhalb der kapitalistischen Ordnung schwer vorstellbar. Es ist auch unmöglich, dass das Genossenschaftswesen, selbst wenn es sehr gut entwickelt wäre, die Wirtschaft insgesamt prägt oder stark beeinflusst. Insofern stimmt die These, dass eine proletarische Produktionsweise erst möglich ist, wenn das Proletariat die politische Macht errungen, den bürgerlichen Staat zerschlagen und das Privateigentum enteignet hat. Und selbst das ist nicht oder nicht nur als einmaliger Akt möglich, sondern nur im Zuge der systematischen Umformung der Verhältnisse in der Übergangsgesellschaft, der Diktatur des Proletariats. Die Perspektive des Genossenschaftswesens kann es daher „nur“ sein, in einigen Bereichen eine Rolle zu spielen. Es sind viele Stützpunkte, es sind Inseln im Meer des Kapitalismus, die eine ganze Inselgruppe darstellen können. In ihnen herrscht auch keine „sozialistische“ Wirtschaftsweise, sondern lediglich Ansätze davon. Sowenig es möglich ist, den Kapitalismus durch die stetige Ausdehnung des Genossenschaftlichen Sektors zu überwinden, so unmöglich ist es aber auch, eine alternative Gesellschaft zu schaffen, ohne auf diesen Strukturen aufzubauen, sie auszuweiten und die Erfahrungen der Massen zu nutzen.

Marx´ Position

Marx bemerkte einmal, dass es am einfachsten wäre, das Kapital auszukaufen. Davon kann wohl auch heute als Strategie keine Rede sein, doch dass sich die soziale Lage der Arbeiterklasse – und damit auch deren ökonomisches Potential – im Vergleich zu Marx` Zeiten deutlich verbessert hat, steht außer Zweifel. Die Annahme vom Marx, dass die Verelendung des Proletariats zunehmen würde, hat sich historisch nicht bestätigt. Diese Tendenz kann vielleicht hinsichtlich der relativen Verelendung stimmen, doch sie ist auf jeden Fall falsch hinsichtlich absoluten Verelendung. Würde die relative Verelendung abnehmen, d.h. der Anteil der Arbeiterklasse am Sozialprodukt zunehmen, könnte Marx` Idee des Auskaufens tatsächlich Realität und ein zentraler Aspekt der politischen Strategie werden. Das ist jedoch höchst zweifelhaft. Der deutliche Rückgang der absoluten Verelendung aber bedeutet, dass die ökonomischen Möglichkeiten des Proletariats zunehmen, nicht nur individuell, sondern auch als Klasse – sofern die Klasse diesen Umstand für sich bewusst ausnutzen wollte.

Wenn Marx die Revolution, d.h. den qualitativen, gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse, ins Zentrum seiner politischen Strategie rückte, so drückte das auch den Umstand aus, dass die Arbeiterklasse zu seiner Zeit, aber auch heute und wahrscheinlich auch perspektivisch nicht die Möglichkeit hatte oder haben wird, die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen wesentlich bereits innerhalb des Kapitalismus in ihrem Sinne zu ändern. Wo das allerdings möglich war, etwa bezüglich begrenzter sozialer und politischer Reformen (Arbeitsrechte, Sozialgesetzgebung, Wahlrecht), forderten Marx und Engels sehr wohl, dafür zu kämpfen, nicht zuletzt, um das Bewusstsein und die Organisiertheit des Proletariats damit zu heben. Doch an eine „Reform der Ökonomie“, d.h. an eine Zurückdrängung des Privateigentums im strategischen Sinne dachten sie nicht. Auch deshalb standen sie, v.a. Marx, dem Genossenschaftsgedanken zwar nicht komplett ablehnend, aber doch immer skeptisch gegenüber und sahen Genossenschaften eher als Nebenkriegsschauplatz an. Größere Bedeutung maßen sie ihnen für die nachkapitalistische Gesellschaft zu.

Genossenschaften vs. Revolution?

Genossenschaften ähneln in gewisser Hinsicht den Arbeiterräten: diese sind Einheitsfrontorgane der Klasse. Sie sind nicht per se revolutionär oder sozialistisch, sondern nur dann, wenn RevolutionärInnen ihren Charakter prägen. Ob die Genossenschaften sich (auch) als Organe, als Stützpunkte des Klassenkampfes verstehen oder nur den begrenzten Interessen einer Gruppe von GenossenschafterInnen dienen, hängt davon ab, mit welchem Geist sie beseelt sind. Gerade deshalb ist eine enge Beziehung von Genossenschaften, Gewerkschaften und revolutionärer Partei von zentraler Bedeutung. Während die Partei v.a. die Aufgabe hat, die politische Vorhut der Klasse zu organisieren und politisch zu rüsten und die Gewerkschaften die direkte Verbindung zur Gesamtklasse und v.a. den ökonomischen Kampf führen, dienen die Genossenschaften dazu, die ArbeiterInnen sozusagen „praktisch“ darauf vorzubereiten, Wirtschaft und Gesellschaft in einer nachkapitalistischen Gesellschaft zu organisieren, aber bereits auch schon im Kapitalismus eigene Strukturen zu schaffen, die ihren sozialen Bedürfnissen entsprechen. Wenn, wie der Marxismus postuliert, primär das Sein das Bewusstsein prägt, dann kann sozialistisches Bewusstsein letztlich nicht nur (und noch nicht einmal wesentlich) durch Theorie und Propaganda entstehen, sondern auch und v.a. durch praktische Erfahrung in einem sozialen Umfeld, in dem zumindest in Ansätzen und in der Tendenz soziale Beziehungen und weltanschauliche Prämissen gelten, die über den Kapitalismus hinaus Richtung Sozialismus weisen.

Zu einer engen Verbindung zwischen Genossenschaftssystem, Gewerkschaften und Partei ist es immer nur in Ansätzen gekommen. Der Aufschwung des Genossenschaftswesens in der 2. Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich später nicht fortgesetzt. Wesentlich war dabei die politische Degeneration der Arbeiterbewegung in Gestalt des sozialdemokratischen Reformismus der Parteien der II. Internationale und der Gewerkschaften. Sie betonten immer stärker den Reformismus zur Verbesserung des Kapitalismus und entfernten sich immer weiter vom sozialistischen „Endziel“ und der Orientierung auf die Revolution. Damit verbunden war auch eine Beschränkung des Klassenkampfes auf rein ökonomische Ziele, die das Privateigentum und das Lohnsystem nicht infrage stellten, eine Überbetonung des Parlamentarismus und eine Orientierung auf die Ausnutzung des bürgerlichen Staates für Reformen, anstatt ihn zu zerschlagen und durch ein proletarisches Selbstverwaltungs- und Rätesystem zu ersetzen. Am deutlichsten kam dieser  Reformismus in der Unterstützung des imperialistischen Krieges und der Blockade der revolutionären Aufbrüche des Proletariats zum Ausdruck.

Das Genossenschaftswesen wurde davon insofern direkt beeinflusst, als die Genossenschaften immer weniger (auch) als Stützpunkte des Klassenkampfes und Keimzellen des Sozialismus verstanden wurden. Die herrschenden Reformisten in den Parteien und Gewerkschaften  unterminierten die Verbindungen zwischen den Genossenschaften und den Gewerkschaften und der Partei, sie sahen in den Genossenschaften allenfalls Versuche, einige Übel des Kapitalismus zu begrenzen. Sie betrachteten sie aber nicht als Labore einer herrschaftsfreien, alternativen Gesellschaft. Das ist kein Wunder, da dem Reformismus immanent ist, das Privateigentum und den  Staat nicht anzutasten und damit die Selbstbestimmung der ProduzentInnen und KonsumentInnen in Wirtschaft und Gesellschaft grundsätzlich zu verhindern.

Marx´ Prämissen

In Marx` Konzeption vom Klassenkampf (soweit man von einer Konzeption im umfänglichen Sinn überhaupt sprechen kann) fehlt nicht nur der Genossenschaftsgedanke weitgehend, sie ist auch tw. idealistisch. Diese harsche Einschätzung verlangt natürlich nach einer Erklärung. Die Auffassungen von Marx und Engels dazu, wie die Arbeiterklasse an die Macht gelangt, kreisen um mehrere zentrale Ideen: 1. das Proletariat wächst zahlenmäßig und stellt die Mehrheit der Bevölkerung; 2. die relative und tw. die absolute Verelendung der Klasse nimmt zu; 3. der Konflikt zwischen den Hauptklassen der Gesellschaft, dem Proletariat und der Bourgeoisie, spitzt sich zu; 4. Bewusstsein und Organisiertheit der ArbeiterInnen wachsen und kulminieren schließlich 5. im gewaltsamen revolutionären Umsturz; 6. aufgrund ihrer Zahl, ihrer Interessenlage und ihrer engen organischen Beziehung zu den modernen Produktivkräften ist die Arbeiterklasse in der Lage, eine neue, kommunistische Produktionsweise und Gesellschaft zu etablieren.

Schauen wir uns diese Prämissen an. Die erste Annahme hat sich historisch tendenziell bewahrheitet. Punkt 2 ist nur tw. richtig, wie wir bereits oben dargelegt haben. Aus der Tatsache der verbesserten (absoluten) sozialen Lage des Proletariats und der wachsenden Bedeutung der lohnabhängigen Mittelschichten im gesellschaftlichen Gefüge – quasi als „Puffer“ zwischen den Hauptklassen – haben sich Marx` Annahmen 3 und 4 nicht so bestätigt, wie er es erwartet hat. Die Proletarier haben nicht nur ihre Ketten zu verlieren, wie es im „Kommunistischen Manifest“ heißt, sondern auch wirkliche Errungenschaften, die sie sich erkämpft haben und im Kapitalismus sogar noch zu vermehren trachten. Diese Hoffnung mag im großen und ganzen gesehen trügerisch sein, doch sie war und ist für Millionen Lohnabhängige in Jahrzehnten auch Realität geworden. Daher trat der revolutionäre Umsturz nicht nur so selten ein, er war auch nie erfolgreich. Selbst die Oktoberrevolution als bisher einzige siegreiche sozialistische Revolution führte letztlich nicht zum Sozialismus sondern in Stalins staatskapitalistische Diktatur. Insofern war sie eher eine Ausnahme als die Regel.

Die Marxsche Konzeption macht die Formierung des Proletariats zum revolutionären Subjekt, zur „Klasse für sich“, an der objektiven Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft fest. Krisen, Kriege, die Verelendung usw. sollten zu immer mehr revolutionärem Bewusstsein führen. Doch die Realität und das materielle Sein prägt zwar „in letzter Instanz“ (Engels) das Bewusstsein, führt aber keineswegs automatisch zu einem bestimmten Bewusstsein einer Klasse. Dieser Prozess wird auch stark von subjektiven Faktoren, etwa dem Klassenkampf oder politischen Organisationen, bestimmt. Das wusste natürlich auch Marx, nicht umsonst betonte er immer wieder die Notwendigkeit einer revolutionären Partei. Der Fehler bei Marx liegt nun in seiner Auffassung der Entwicklung des Kapitalismus, die sich historisch nicht bestätigt hat. Zusammengefasst könnte man sie als Zusammenbruchstendenz bezeichnen. Nach über 150 Jahren kapitalistischer Entwicklung können wir sagen, dass sich diese Tendenz nicht bestätigt hat. Weder sinkt die Profitrate in der von Marx postulierten Weise, noch ist zu beobachten, dass sich die Tendenz zu Krisen und Kriegen verstärkt. Im Gegenteil: der Kapitalismus hat sich als fähig erwiesen, Mechanismen zu entwickeln, die es ihm gestatten, soziale Turbulenzen in gewissem Maße auszugleichen.

Neben dem Nichteintreffen einiger Annahmen von Marx bezüglich der objektiven Entwicklung des Kapitalismus müssen wir aber auch einige Irrtümer hinsichtlich des subjektiven Faktors konstatieren. Marx` und Engels Vorstellungen vom Klassenkampf waren v.a. auf  den politischen Klassenkampf ausgerichtet. Damit meinen wir, dass der Klassenkampf v.a. darauf orientiert war, Organisationen der Klasse – Partei und Gewerkschaften – aufzubauen sowie im Wahlkampf, bei Protesten und Demonstrationen und bei Streiks aktiv zu sein. Gerade das aber sind politische Strukturen bzw. Aktionen, die v.a. politischen Zielen dienen. Natürlich sind all diese Projekte und Aktivitäten notwendig, doch sie alle haben den großen Nachteil, dass sie eben v.a. das politische Terrain betreffen und nur punktuelle Aktivitäten erlauben. Im Unterschied dazu stellen selbstverwaltete und genossenschaftliche Strukturen soziale Strukturen dar, in denen das tägliche Leben stattfindet, das natürlich weit über das „Nur-Politische“ hinausgeht. In diesen Strukturen kann und muss täglich gelebt, gearbeitet, gewohnt und gefeiert werden – nicht nur zeitlich auf seltene Momente begrenzt wie ein Streik oder eine Demonstration.

Die fast ausschließliche Betonung des Politischen bedeutet für die Formierung und für die Bewusstseinsbildung der Klasse nicht nur, das diese wenig Stetigkeit aufweist, sie schränkt die politische Erfahrung auch grundsätzlich ein. Wenn der Effekt der politischen Aktion und Organisation v.a. darin besteht, dass Agitation und Propaganda wirken, dann ist der Effekt der genossenschaftlichen Praxis der des praktischen Erfahrens, des Lernens. Die Konzeption von Marx und Engels, die in dieser Hinsicht durchaus die der Sozialdemokratie und der II. Internationale war,  stellt also eine Einschränkung des Klassenkampfes, der Bewusstseinsentwicklung und der Formierung der Klasse dar. Pointiert gesagt, reduziert sich der Klassenkampf weitgehend auf Propaganda. Ideen hecken Ideen – ähnlich der Praxis der Kirche. Das ist die idealistische Schieflage der „marxistischen“ Klassenkampfkonzeption.

Natürlich entsprach das durchaus nicht der methodischen Intention der Materialisten Marx und Engels. Vielmehr stellte sie sich „unter der Hand“ ein, weil es Marx und Engels nicht gelang bzw. kaum versucht wurde, eine systematische Konzeption von Klassenkampf zu entwickeln. Klar war ihnen allerdings, dass Klassenkampf als Barrikadenkampf wie bis 1848 und noch in der Pariser Kommune 1871 so nicht mehr möglich bzw. nicht mehr der Königsweg des Klassenkampfes war. Ihre Suche nach einer Alternative dazu litt jedoch von Beginn an daran, dass a) ein massiver Kampf gegen den Anarchismus geführt wurde, der zwar in vielen Punkten korrekt und notwendig war, allerdings auch dazu führte, dass ein zentraler Punkt des Anarchismus, die Betonung der Selbstorganisation der Klasse und der Schaffung alternativer sozialer Strukturen, missachtet wurde. Ein klarer Beleg dafür ist die Programmatik der Sozialdemokratie, das „Eisenacher“, das „Gothaer“ und das „Erfurter“ Programm sowie die Kritiken an den beiden letzteren durch Marx bzw. Engels. Bezeichnender Weise fehlt in all diesen Programmen gerade das Wesentliche weitgehend: die Frage, wie der Klassenkampf geführt werden soll, welche Methoden und welche Strukturen dabei wichtig sind. Und eben darauf gingen Marx und Engels kaum ein.

Wenn Bewusstsein bewusstes Sein ist, dann muss und kann Klassenkampf (auch) aus einem anderen Sein entspringen auf ein anderes soziales Sein zielen – nicht nur als ein Sein der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft, sondern auf ein zukünftiges Sein in der Gesellschaft der Gegenwart. Eben dieses Element von genossenschaftlicher Selbstorganisation und Selbsttätigkeit ist nicht nur unabdingbar, um den Klassenkampf an „allen Fronten“ zu führen, es ist auch absolut notwendig, um die Subjektwerdung des Proletariats nicht nur auf die Propaganda zu fokussieren,   sondern ihr einen sozialen Raum zu geben.

Nicht zuletzt zeigt auch die Degeneration der Sozialdemokratie, die 1914 mit der Unterstützung des imperialistischen Krieges den Rubikon des offenen Klassenverrats überschritten hatte, wohin eine politische Konzeption führt, die das Politische über- und die soziale Selbstorganisation unterschätzt. Besonders krass kam die Ignoranz, ja Ablehnung gegenüber den Genossenschaften auch in der Politik Lenins und der Bolschewiki zum Ausdruck, die nur auf die Verstaatlichung setzten und dafür zudem noch einen monströsen bürokratischen Apparat errichteten, der mit einem Rätesystem nichts gemein hatte. Diese anti-genossenschaftliche Ausrichtung – zumindest für die Industrie, weniger für die Landwirtschaft und das Handwerk – sollte dann auch für den Stalinismus typisch sein.

Die Situation heute

Schaut man sich die Programme linker Gruppen und Parteien oder von Gewerkschaften heute an, so wird man nicht nur genossenschaftliche Konzepte vermissen, selbst der Begriff taucht kaum auf. Die Gründe dafür sind verschieden. Die „revolutionär-marxistische“ Linke glaubt, dass Genossenschaften im Kapitalismus nicht funktionieren könnten oder höchstens ausnahmsweise – was jedoch durchaus den historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse mit Genossenschaften widerspricht. Doch selbst wenn Genossenschaften funktionieren würden – so die Logik der Linken – könnte damit keine sozialistische Produktionsweise in die kapitalistische implantiert, geschweige denn diese überwunden werden. Daher müsste man sich um die Genossenschaftsfrage nicht weiter kümmern, sie würde eher vom Ziel der Revolution ablenken. Dabei verweisen sie (nicht ganz zu Unrecht) auf die diversen Genossenschaftsbefürworter, die oft weder vom Sozialismus noch von der Revolution etwas wissen wollen. Die Reformisten hingegen lehnen Genossenschaften entweder ab, weil sie am Privateigentum insgesamt nicht rütteln wollen, oder aber sie sehen keine Verbindung zwischen den Genossenschaften und einer revolutionären Strategie.

So kommt einerseits die unerhört wichtige Vernetzung genossenschaftlicher Aktivitäten untereinander kaum zustande, andererseits gab es überhaupt keine Beziehungen – weder ideell noch strukturell – zwischen Genossenschaftswesen, Klassenkampf und revolutionärer Politik, wie es etwa zu Beginn der Kinderladen-Bewegung durchaus der Fall war.

Allein schon die große Vielfalt von Bereichen, wo selbstverwaltete Strukturen möglich sind, verweist darauf, welche Bedeutung diese in der Gesellschaft haben könnten, wenn die Arbeiterbewegung und die Linke dies wollen würden. Sicher ist heute die extrem kleine und von der Arbeiterklasse isolierte radikale Linke nicht in großem Maße dazu in der Lage, selbst solche Projekte zu organisieren – obwohl das Kinderladen-Beispiel zeigt, was selbst für eine kleine radikale Linke u.U. möglich ist. Ihre Aufgabe müsste deshalb aber eher darin bestehen, propagandistisch zu wirken und Projekte zu unterstützen und zu popularisieren. Daneben muss sie aber auf die größeren Arbeiterorganisationen politisch Druck ausüben, dass diese Selbstverwaltungsinitiativen unterstützen. Von all dem ist leider nichts zu spüren.

Selbst die Degeneration Sowjetrusslands und das Scheitern des Stalinismus erklären sich eben auch daraus, dass das Genossenschaftswesen ignoriert oder sogar vernichtet wurde. Bereits die Bolschewiki mussten die bittere Erfahrung machen, dass „ihre“ Arbeiterklasse kaum über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügte, um Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren. Umso absurder war angesichts dessen der Versuch der Bolschewiki, mit diesem unqualifizierten Personal einen riesigen, hochkomplizierten Staatsapparat in Gang zu halten. Genauso unsinnig war es, alle sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu zerstören, ohne einen Plan zu haben, was an deren Stelle Neues errichtet werden soll.

Aus diesen historischen Erfahrungen gilt es zu lernen, aus den vielen genossenschaftlichen Ansätzen und Erfahrungen müssen und können Lehren gezogen werden. Der Genossenschaftsgedanke muss endlich – oder wieder – die Bedeutung für die Arbeiterklasse bekommen, die er verdient. Wenn wir uns hier zum Schluss die Frage stellen, auf welchen Säulen die revolutionäre Arbeiterbewegung stehen kann und soll, dann sind es deren drei: die revolutionäre Partei, die Gewerkschaft und die Genossenschaft. Fehlt nur eine dieser Säulen, gerät die Arbeiterbewegung in eine gefährliche Schieflage, fehlt ihr jene Standfestigkeit, von der sie aus weiter schreiten kann.

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