Die Spanische Revolution (4/6)

Die Rolle der POUM

Hanns Graaf

Die POUM (Partido Obrero de Unification Marxista, Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung) wurde oft als „trotzkistisch“ bezeichnet. Der Grund dafür war, dass sich die POUM positiv auf die russische Revolution, die Politik der Bolschewiki und Trotzkis Strategie der Permanenten Revolution bezog – also einen revolutionär-kommunistischen Anspruch hatte.

Während die stalinistische spanische KP als treuer politischer Vasall Moskaus die POUM denunzierte, um ihren Terror gegen sie zu begründen, erwiesen die praktische Politik der POUM und die ernsten Differenzen mit Trotzki und der IV. Internationale jedoch, dass sie eine zentristische Formation war, also zwischen Revolution und Reformismus, zwischen revolutionärem Anspruch und der Anpassung an nichtrevolutionäre Kräfte schwankte. Doch eine Revolution verzeiht kein Schwanken und keine Halbheiten.

Eintritt in die Volksfront

Schon vor 1936 kam es zum Bruch zwischen Trotzki und Andres Nin, dem Führer der POUM. Ein Teil der POUM kam aus dem „Arbeiter- und Bauernblock“ Maurins, der die klassenübergreifende Volksfront-Strategie Stalins nachahmte. Diesen methodischen Fehler der Anpassung an nichtrevolutionäre Kräfte überwand die POUM nie. Im Gegenteil: Im Februar 1936 unterstützte sie – wie später auch die anarchistische CNT – die Volksfront bei den Wahlen. Im September trat die POUM in die Katalanische Regierung ein, Nin wurde Justizminister.

Später haben die POUM und ihre UnterstützerInnen diese Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung verniedlicht, indem sie auf deren „episodischen“ Charakter hinwiesen, da Nin und die POUM schon im Dezember 1936 wieder aus dem Kabinett ausschieden – allerdings unfreiwillig, denn sie wurden ausgeschlossen.

Das Jahr 1936 war die entscheidende Periode in der Geschichte der Spanischen Revolution. Dass die POUM und die AnarchistInnen in die Volksfrontregierung geholt wurden, hängt damit zusammen, dass sich die Reformisten, die Stalinisten und die katalanischen Nationalisten, ihrer Macht nicht mehr sicher waren. Um der schwindenden Unterstützung ihrer Regierung bei den Massen entgegenzuwirken, zogen sie neue Kräfte hinein, die mehr Unterstützung bei den Massen oder an Einfluss gewannen.
Mit der Einbindung der linkesten Kräfte, deren AnhängerInnen die soziale Revolution vorantreiben wollten, wurde den ArbeiterInnen und Bauern eine Interessengleichheit zwischen den revolutionären Kräften und den Verteidigern der bürgerlichen Verhältnisse vorgespielt, was die Arbeiterklasse und deren Avantgarde lähmte und den GegnerInnen der Revolution in die Hände spielte. Trotzki hat in zahlreichen Artikeln die Politik der POUM kritisiert und die Differenzen zwischen Nin und der IV. Internationale deutlich aufgezeigt.

Die POUM verfügte nie über eine solche Massenbasis wie die linken SozialistInnen oder die KP, geschweige denn wie die AnarchistInnen. Trotzdem hatte sie in einer – in den Monaten der Revolution noch wachsenden – Minderheit der spanischen Arbeiterklasse eine Verankerung und verfügte über eigene Arbeiterkomitees und Milizen. Die POUM spielte eine wichtige Rolle bei den Land- und Fabrikbesetzungen, im Kampf gegen Franco und in den revolutionären Aufständen.

Von zuerst nur 8.000 Mitgliedern vervierfachte sich deren Zahl schon in den ersten Monaten der Revolution, in den POUM-Milizen kämpften etwa 10.000. Diese Entwicklung zeigt, welche politischen Möglichkeiten die POUM bei einer korrekten und konsequent-revolutionären Politik gehabt hätte. Im Grunde war die Ausgangsposition der POUM nicht schlechter als jene der Bolschewiki Anfang 1917.

Im Unterschied zur CNT orientierte die POUM auf die Schaffung von Sowjets (Räten), als den Kampf- und Machtorganen der Arbeiterklasse bzw. der Dorfarmut, während die CNT eher eine Auffassung praktizierte, die Räte und Genossenschaften (Kollektive) miteinander vermischte. Doch das Vorgehen der POUM war dabei durch ein Schwanken zwischen linkem Sektierertum und opportunistischer Anpassung geprägt und kollidierte zudem mit den realen Bedingungen.

Kampf um die Macht?

Im Frühjahr 1937 kam es in Katalonien und in Barcelona zu militanten Massendemonstrationen gegen die katalanische Volksfrontregierung. Nin wurde aus der Regierung ausgeschlossen. Wie reagierte er darauf? Statt auf den Sturz der von den Stalinisten dominierten Regierung zu orientieren, veröffentlichte die POUM-Führung einen Aufruf zur Bildung einer „Revolutionären Regierung“ und forderte die konterrevolutionären Stalinisten der PSUC auf, sich daran zu beteiligen.

Die sehr kleine Gruppe der TrotzkistInnen in Spanien, die seinerzeit in der POUM fraktionell arbeiteten, schlugen ihr am 15. April die sofortige Schaffung von Sowjets vor. Daraufhin – und angesichts der massiven Unterstützung in der Basis der POUM für diesen Vorschlag – verbot Nin die Bildung von Fraktionen – und unterband so die Arbeit der TrotzkistInnen in der POUM. Mitglieder, die den Sowjet-Vorschlag unterstützten, wurden aus der POUM ausgeschlossen.

Dass die Schaffung von Sowjets tatsächlich möglich war, ist allein schon daran ersichtlich, dass bereits im Februar 1937 die POUM-Jugend (JCI) und die anarchistische „Libertäre Katalanische Jugend“ 14.000 KämpferInnen zusammenbrachten und gemeinsam die „Revolutionäre Jugendfront“ bildeten. Sogar Teile der stalinistischen Jugend schlossen sich ihr an.
Diese Radikalisierung und Linkswendung verweist darauf, dass die Massen zum Kampf gegen die Volksfrontregierung und zur Übernahme der ganzen Macht bereit waren. Doch während die Bolschewiki in derselben Situation 1917 die Losung „Alle Macht den Sowjets“ ausgaben, wandte sich Nin gerade dagegen!

Die Situation spitzte sich v.a. in Barcelona zu. Die Stalinisten versuchten, den Aufstand in Barcelona niederzuschlagen. Das vereitelten die ArbeiterInnen Barcelonas jedoch – die Stadt war komplett in ihrer Hand. Doch anstatt diese revolutionäre Dynamik auf ganz Spanien auszuweiten, die Volksfront zu stürzen und alle Macht den Räten zu geben, verweigerten sich sowohl die POUM wie auch die anarchistischen Führer diesem Ziel.
Konkret überließ die POUM der anarchistischen CNT die Führung – und damit die Demobilisierung – der Bewegung, anstatt die Massen zum Bruch mit der CNT-Führung und zur Übernahme der ganzen Macht durch Kampforgane der Massen aufzurufen. Als die CNT ihre AnhängerInnen aufrief, die Barrikaden zu verlassen, schloss sich die POUM-Führung dem an.

Wer sich der Waffenruhe jedoch nicht anschloss, war die Konterrevolution, sie bekam aufgrund des Zögerns und Schwankens von CNT und POUM das Heft des Handelns wieder in die Hand. Das Ergebnis war genau das, was die POUM selbst voraus gesehen hatte: der Aufstand wurde niedergeschlagen, über 2.000 KämpferInnen fielen oder wurden verwundet. Diesen Sieg nutzend, rollte eine blutige Säuberungs- und Repressionswelle über Spanien, der die besten Teile der spanischen Arbeiterklasse und der Linken zum Opfer fielen.

Dieselbe zentristische Nachtrabpolitik der POUM, die das Beispiel Barcelona zeigt, kennzeichnet auch die Politik der POUM gegenüber der Staatsmacht im Allgemeinen. Trotz aller positiven Bezüge der POUM auf die Politik der Bolschewiki, die bekanntlich den Eintritt in die Kerenski-Regierung abgelehnt und auf deren Sturz orientiert hatten, sah die Politik der POUM ganz anders aus.

Im Sog der CNT, die in anarchistischer Manier anfänglich jede Beteiligung an der Staatsmacht ablehnte, um recht bald aber alle hehren Vorsätze über Bord zu werfen und doch in die Volksfront einzutreten, trat auch Nin der katalanischen Regionalregierung bei. Allein dieser Schritt untergrub jede Politik, die auf Klassenunabhängigkeit und Vollendung der Revolution zielte. Die Politik der POUM war nicht durch ein energisches Voranschreiten gekennzeichnet, sondern durch einen Spagat. Statt den Massen voran zu gehen, schwankten sie zwischen den revolutionären, nach links drängenden Massen und jenen Kräften, die der Ausweitung, die dem Sieg der Revolution entgegenstanden – der Volksfront – bzw. denen, die sich der Volksfront anpassten: der CNT.

Bilanz

Anfang Januar 1938 veröffentlichte die IKD (die TrotzkistInnen in Deutschland) in „Unser Wort“ Thesen zum Bürgerkrieg in Spanien. Darin heißt es:

„Um diese Bewegung zum Siege zu führen, bedurfte es nichts als einer revolutionären Partei, die sich in scharfer Opposition zu allen kleinbürgerlichen und revisionistischen Strömungen die Eroberung der gesamten politischen Macht durch das Proletariat (…) zum Ziel setzte. Doch eben eine solche Partei existierte nicht in Spanien. (…) CNT, FAI und die zentristische POUM nahmen zwar in abstrakter Weise für den Sozialismus Stellung, stellten jedoch nicht die Frage der politischen Macht, sondern überließen diese den bürgerlichen Republikanern (…) und den reformistischen und stalinistischen Verrätern an der Revolution (…) bzw. teilten sich die Macht mit diesen.“

Und weiter:

„Die (…) POUM war der Aufgabe, das spanische Proletariat zum Siege zu führen, keineswegs gewachsen. Trat sie in der abstrakten Agitation für (…) die Diktatur des Proletariats ein, so marschierte sie in der konkreten Politik im Schlepptau der verräterischen Volksfront. Statt die Elemente der Doppelherrschaft (Zentralkomitee der Milizen, Komitees) entschlossen zu verteidigen und auszubauen, die Massen über den Verrat der Stalinisten, der Reformisten und der CNT aufzuklären, (…) verzichtete die POUM auf die ´Hegemonie´, die selbständige Führerrolle, forderte für sich nur die Existenzberechtigung als eine der Tendenzen des antifaschistischen Proletariats; beteiligte sich selbst aktiv an der Auflösung der Komitees, nahm (…) an der reaktionären Regierung Companys-Terradellas teil, beteiligte sich also am Verrat der Massen statt die Massen über diesen aufzuklären. (…)

Die POUM sah nicht voraus, dass die Politik des Anarchoministerialismus einen Abgrund zwischen den proletarischen Massen und der CNT-Führerschaft öffnete und zwangsläufig zu einem Zusammenstoss zwischen den Arbeitermassen und der wiedererrichteten bürgerlich-republikanischen Repressionsgewalt führen musste. So wurde auch die POUM von den Maiereignissen (in Barcelona, d.A.) völlig überrascht und nahm zu ihnen eine schwankende Haltung ein. Auf diese Weise erleichterte die POUM der stalinistischen Reaktion ihr blutiges konterrevolutionäres Handwerk und bereitete ihren eigenen Untergang vor.“

Dieser Einschätzung können wir insgesamt zustimmen – mit einer Ergänzung. Wenn Trotzki meint, es bedurfte „nichts als einer revolutionären Partei“, um die Revolution zum Sieg zu führen, dann ist das allgemein gesehen richtig. Doch in Spanien, das wie Russland 1917 ein Land mit einem zahlenmäßig kleinen Proletariat und einer überwiegend bäuerlichen Bevölkerung war, besteht das Problem auch darin, dass eine revolutionäre Arbeiterpartei sich nur auf eine Minderheit der Bevölkerung stützen kann. Das mag für den Sieg der Revolution und die Machtergreifung reichen, doch eine Revolution hat erst dann wirklich gesiegt, wenn sie die Gesellschaft unumkehrbar verändert hat, d.h. die Eigentumsverhältnisse umgewälzt hat. Hierzu reicht eine Partei nicht aus, zumindest wenn sie eine Avantgarde-Rolle spielen soll. Dazu bedarf es auch anderer Strukturen, die zwar mit der Partei verbunden sein sollten, aber doch weit über sie hinausreichen: Räte, Selbstverwaltungsstrukturen, Genossenschaften, Gewerkschaften, Frauenorganisationen usw. Über solche Strukturen verfügten in Spanien v.a. die AnarchistInnen, denen es deshalb auch gelingen konnte, die revolutionären Massen zu führen und zu organisieren. Was ihnen fehlte, war nicht die Partei, die sie de facto in Gestalt der FAI hatte; was ihr fehlte war ein konsistentes revolutionäres Programm.

In Sowjetrussland hatte sich gezeigt, dass der Kollaps der Räte- und Selbstverwaltungsstrukturen im Gefolge von Krieg, Hunger und Wirtschaftskrise fatale Auswirkungen hatte. Die Partei als einzige noch funktionierende politische Struktur war konzeptionell und strukturell außerstande, die vielfältigen sozialen Aufgaben zu lösen, die nach Beendigung des Bürgerkriegs anstanden. Der Vorteil der AnarchistInnen in Spanien bestand gerade darin, dass sie mit der CNT-Gewerkschaft eine Struktur besaßen, die schon vor der Revolution (zumindest regional) Masseneinfluss – nicht nur im Proletariat – hatte. Ohne diese Struktur wäre es den AnarchistInnen unmöglich gewesen, in den von ihr kontrollierten Gebieten die soziale Umwälzung voran zu treiben und die Verteidigung gegen Franco zu organisieren. Wir können gewissermaßen sagen „Die Partei ist nicht alles, aber ohne Partei ist alles nichts“.

Viele RevolutionärInnen, die zu recht betonen, dass eine zentrale Schlussfolgerung aus der Russischen wie aus der Spanischen Revolution ist, eine revolutionäre Partei aufzubauen, vergessen, wie wichtig es zugleich ist, andere Strukturen und Organisationen, deren Tätigkeitsfeld nicht v.a. der politische Bereich ist, sondern der soziale, zu schaffen. Denn so wenig das Klassenbewusstsein nur ein politisches ist, so wenig ist der Klassenkampf nur ein politischer. Das ist heute, da die Gesellschaft weit stärker als noch im 20. Jahrhundert von Kultur, Wissenschaft und Medien geprägt ist, umso wichtiger. Es geht um die Ausweitung des Einflusses des Proletariats – ideell und strukturell – schon vor der Revolution und als Faktor in der Revolution. So, wie die Russische Revolution (insbesondere nach dem Bürgerkrieg) ein negatives Beispiel dafür ist, was das Fehlen der „Hegemonie“ des Proletariats, d.h. proletarischer Strukturen (Räte, Genossenschaften, Selbstverwaltung) bzw. deren Ersetzung durch einen Partei-Staat für den Aufbau der nach-kapitalistischen Gesellschaft bedeutet, so ist die Spanische Revolution ein positives Beispiel dafür, welche soziale Dynamik möglich ist, wenn die revolutionäre Selbstorganisation der Basis funktioniert. Nur, wenn beide Faktoren – revolutionäre Basisstrukturen und eine revolutionäre Partei als Führung, als Kern – vorhanden sind, kann eine Revolution siegen und Richtung Kommunismus weiterentwickelt werden.

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